Gorgoroth + Lömsk + Tyrmfar + Patristic am 20.03.2026 im MS Connexion Complex, Mannheim

Distortion, Zwielicht und Höllenfeuer

Eventname: 34 Year Anniversary Tour 2026

Headliner: Gorgoroth

Support: Lömsk, Tyrmfar, Patristic

Ort: MS Connexion Complex, Mannheim

Datum: 20.03.2026

Ticketpreis: 39,60 €

Genre: Black Metal, Blackened Death Metal, Post Black Metal, Blackened Deathcore

Veranstaltung von: MS Connexion Complex & Helter Skelter Events

Link: Gorgoroth Facebook-Event

Setliste Gorgoroth:

  1. Bergtrollets Hevn
  2. Aneuthanasia
  3. Gorgoroth
  4. Katharinas Bortgang
  5. Revelation Of Doom
  6. Forces Of Satan Storms
  7. Ødeleggelse Og Undergang
  8. Blood Stains The Circle
  9. Cleansing Fire
  10. Destroyer
  11. Incipit Satan
  12. Krig
  13. Kala Brahman
  14. Unchain My Heart!!!

Es sieht aus nach Industriegebiet und Underground, es riecht nach Kunstnebel und langer Geschichte: Das „Connex“ ist eine Mannheimer Institution und nicht nur deswegen eine Rarität, weil es die Pandemie überlebt hat. Hier trifft sich die Gothic- und Metal-Szene regelmäßig zum Super schwarzen Mannheim, wer es noch exklusiver und gleichzeitig in alle Richtungen offen mag, findet im Mannheim Royal Kink vielleicht seine Spielwiese. Legenden wie Marduk, Vader und Heino haben ihre Stiefelspuren auf derselben Bühne hinterlassen, die Uada und Ghost Bath in ihren Karrieren weitertrugen. Und Techno gibt’s eben auch nicht nur auf der Time Warp!

Der heutige Freitagabend donnert auf den tiefen Frequenzen, wenn Gorgoroth auf ihrer 34 Year Anniversary Tour zum Gemetzel laden. Es tut mir um jede Person leid, die erst zum Hauptact kommen konnte oder wollte (pfui!), denn die drei Vortrupps machen das Feld platt, pflügen ordentlich durch und bewässern die Saat des Bösen mit ihren Schweißtropfen.

Lömsk – Der zerstörten Nachwelt vorwegmarschieren

Lömsk, Mannheim 2026 | Foto: Eva Beck

Natürlich böte sich hier weitere Kriegsmetaphorik ebenso an, aber wer will sich die Nachrichten schon mit in den Freitagabend nehmen… Zudem würde dieses Klischee der ersten Band Lömsk trotz schwarzer Uniformen, Gasmasken und Marschtrommeln in keiner Weise gerecht: In ihrer Musik steckt kein überreiztes und überreizendes Kanonenfieber, sondern dunkle Schönheit und eine Trauer, die sich einer zerstörten Nachwelt vorwegnimmt. Die Vision der Inszenierung zielt statt auf formgewordenes Bumm und Ufftata auf die Psyche ab – und trifft damit ein gerade noch schwer zu Ende zu formulierendes Gesellschaftsgefühl.
Es geht nicht groß ab auf der Bühne, aber das brauche ich auch nicht unbedingt. Viel wichtiger ist, dass alles passt. Und das tut es: Lömsk stellen sich und ihre Musik monolithisch vor uns auf und lassen das Publikum mit Pommesgabeln und Herz-Hand-Gesten (!) antworten. Tremolos schreiten gemächlich, Scheinwerfer zeichnen mit messerscharfen Strahlen die Dystopie. Dieser Black Metal ist elegant – und die Setlist zu kurz. Das wird heute Abend die Regel sein, aber ich verzeih’s ihnen allen, denn jede einzelne der heutigen Neuentdeckungen ist frisches Ohrenfutter und es wert, zu Hause nachgekostet zu werden!

Tyrmfar – Instinktgesteuert

Tyrmfar, Mannheim 2026 | Foto: Eva Beck

Dass Tyrmfar das Tempo anziehen, ist eine Untertreibung: Die Schweizer treten mit gnadenlosem Zerstörungswillen auf: Blackened Death Metal mit Hardcore-Attitüde!
Jedes Mitglied ist ein Tornado mit der Art Aggression, der man den Spaß ansieht. Gitarrist Kévin Sanchez switcht von Mörderfratze zu breitem Grinsen und fegt mit seiner Siebensaitigen stolz über die Bühne. Die Anschläge von Bassist Yannick Dulon sind Angriff und Verteidigung in einem und Gitarrist Florian Métrailler ist die stete Bedrohung im Hintergrund. Vocalist Jonas Babey ist Neuzugang der Band und als wildes Tier in Menschengestalt der geborene Frontmann. Seinen Verstand hat er offenbar backstage gelassen und ist nur noch Instinkt. Wie ein Bär baut er sich vor dem Publikum auf, schüttelt sich wie ein nasser Hund und growlt sich von der Trägersäule vor der Bühne aus King-Kong-Style durch seine Strophen. Nebenbei röchelt er noch die im besten Sinne fiesesten Death-Metal-Vocals, die ich seit langem gehört habe, und ich kann nur hoffen, dass bald eine Veröffentlichung mit ihm am Mikro folgt! Der hervorragende Sound füllt auch die letzten Ecken im Saal aus, bevor der laute Zuspruch einer schwer beeindruckten Menge übernimmt.

Patristic – Messe ohne eitle Götter

Patristic, Mannheim 2026 | Foto: Eva Beck

Das Wetter schwenkt abermals um, als das Licht die Bühne in Blut taucht.
Patristic kommen mit der klassischen Black-Metal-Ästhetik, klatschen uns dann aber hochintellektuellen und geradezu filmischen Death Metal ins Gesicht. Nicolàs Petris irre Drumfills schwirren mit Präzision von der Bühne und fangen augenblicklich meine Aufmerksamkeit. Seine Wutausbrüche stürmen dabei geschmeidig in Passagen hinein, in denen man sich hervorragend in Trance wummern lassen kann.
Beschwörende Gesten und dunkle Blicke unter Lederkapuzen: Lorenzo Sassi ist ein erfahrener Geschichtenerzähler und Dirigent unsichtbarer Geister in der Luft. Bandgründer und Gitarrist Enrico Schettino taucht seine Gestalt in Finsternis und Geheimnis, fokussiert auf die magischen Akzente seines Instruments. Thematisch befasst sich die Band mit der Vertreibung und Aneignung heidnischer Kulturen durch das Christentum, und so fühlt sich der Auftritt an wie eine Mischung aus Messe und politischer Rede, gehalten in einer geheimen Höhle abseits von Augen und Ohren eines allzu eitlen Gottes. Die Blicke im Saal sind aufmerksam, das rhythmische Nicken Beweis, dass die Band zum Urinstinkt der Sympathie spricht.

Nach dem Auftritt sehe ich mich um und bemängele ein Publikum, das zahlreicher sein könnte – allerdings kaum motivierter. Zwei Typen quetschen sich in Richtung Merch-Stand an mir vorbei und sind von Patristic eindeutig angefixt: „Digga, ich war noch nie auf ’nem Konzert, wo das Line-up so geil war!“ Enthusiasmus und Offenheit höre ich tausendmal lieber und sind millionenmal besser für „die Szene“ als blasierte Metal-Fans, deren Urteilshoheit sie meinen am zunehmenden Verfallzustand ihrer Kutten messen zu können. So manchem Träger wünschte ich einfach mehr Bock auf sein Lieblingsgenre.

Gorgoroth – Diese monströse Energie

Gorgoroth, Mannheim 2026 | Foto: Eva Beck

Licht aus. Die endlich dichter gewordene Menge jubelt. Es rumort. Es rumort weiter. Verdächtig lange. Ich scherze mit einem Kollegen, dass, falls keiner die Bühne betritt, heute vielleicht ein historischer Abend wird, sollte die Live-Abteilung von Gorgoroth den Dienst quittieren. So wäre die Frage endgültig unvermeidbar: Wer sind Gorgoroth noch? Das einzige Gründungsmitglied, das auf dieser Tour 34-jähriges Bestehen feiert, ist Infernus. Seit Gaahls Weggang ist die Band für viele nicht mehr dieselbe. Ich bin großer Fan von Gaahl, kann all das Mimimi aber nicht mehr hören. Lieber bin ich neugierig auf das, was da hoffentlich gleich tönt.
Eine Taschenlampe winkt Richtung FOH, die Nebelmaschine zischt auf Hochtouren. Na also!

Aus Distortion, Zwielicht und Höllenfeuer tritt die Band an den Rand der Bühne und steckt sofort den Saal in Brand.
Guh Lu fehlt am Bass und fehlt doch nicht: Fábio Zperandio hat seine Maschine so fest im Griff wie der Wahnsinn ihn; er leckt den Hals seines Instruments, schwenkt es in geschmeidigen Schlangenbewegungen Richtung Menge und könnte jeden Moment seinen Kiefer aushaken, um uns alle zu verschlingen.
Für eine Stunde Spielzeit musste man bei den Songs wählerisch sein, doch man nimmt sich auch Zeit, die (erwünschten) Dämonen der fernen Vergangenheit heraufzubeschwören: Mit vier Stücken von Under The Sign Of Hell gibt die Setlist der Nacht ihr Motto.

Gorgoroth, Mannheim 2026 | Foto: Eva Beck

Hoest stachelt mit höhnischem Grinsen und mächtiger Körpersprache die Menge auf, die sich nicht nur einmal in „Gogoroth!“-Rufe ergeht. Seine milchigen Augen sehen Welten, die er in seiner Performance zu uns holt. Raubkatzenhaft keift und bewegt sich der Vocalist, hebt den Mikroständer als Waffe oder Zepter in die Luft und zentriert die Kraft der Stücke auf sich. Labt sich, den Kopf im Nacken, im Noise, oder lässt den Applaus mit gesenktem Blick auf sich niederrieseln.

Der Farbkontrast aus schwarzen Nieten, rotem Licht und Corpse Paint hat in seiner Dramatik etwas Urtümliches, und alle fühlen sich zu Hause. Die statuenhaften Pfortenwächter Infernus und Paimon lassen uns in der Hitze ihrer Riffs und Gitarrensoli schwelgen. Tatsächlich steigen die Temperaturen, die Leute drängen näher zur Bühne und in der Mitte öffnet sich ein Vortex aus Moshwütigen. Wir rasen durch Katharinas Bortgang und Forces Of Satan Storms. Bei der „Verschnaufpause“ Cleansing Fire dreht sich der Black Metal im Dreivierteltakt eines Totentanzes. Im Übergang vom chaotischen Destroyer zu den gebieterischen Refrains einer meiner (meinerseits noch nie live gehörten) Favoriten Incipit Satan werde sogar ich kurz überkritisch und spitze die Ohren Richtung Vocals, doch Hoests gesamtes Sein ist makellos unheilig! Krig lässt selbst die Security an der Bühne nicht kalt: Ich sehe einen Mitarbeiter – hochprofessionell und höchstkonzentriert in seiner Aufsichtspflicht! – mit Selbstbeherrschung mitnicken. Fans geben sich mit geschlossenen Augen und tanzenden Händen dem Rauschen der Verstärker hin.

Gorgoroth, Mannheim 2026 | Foto: Eva Beck

Dem gnadenlosen Unchain My Heart!!! recken sich Hörner und Klauen in Bühnenrichtung und huldigen der Band und ihrer Leistung – und nicht nur der von heute Abend. Nicht gewillt, das allzu schnelle Ende zu akzeptieren, rufen die Hartgesottenen die Band zurück, vergebens.

Ganz ehrlich, Schafsköpfe fehlen mir bei solchen Shows keine, sondern dann schon eher eine kleine halbe Stunde mehr Immersion. Aber hey, vier Bands haben ihren Takt, Touren in vielerlei Hinsicht seinen Preis. Und wenn bei fairen 40 € für vier Bands nur der Wunsch nach mehr übrigbleibt, nehme ich mir nicht heraus, zu meckern. Meine Erwartungen wurden ohnehin bereits übertroffen!

So möchte ich kurz auf die Frage von vorhin zurückkommen – wie wäre es hiermit:
Wer Gorgoroth sind, ist vielleicht nicht so wichtig. Alle Musiker von damals haben die Trennung(en) hinter sich gelassen und sind weitergezogen. Das, was Gorgoroth ist, lebt: diese monströse Energie, welche die Legende weiterträgt. Und derart gute Musiker darf man sich live ruhig geben, ohne Verrat an alten Zeiten zu begehen.