Dr. Feelgood und Support am 29.11.2019 in der Konzertfabrik Z7 in Pratteln

Die perfekte Rockshow auch ohne neue Songs und ohne Originalmitglieder

Headliner: Dr. Feelgood

Support: Bonnie & The Groove Cats

Ort: Konzertfabrik Z7, Kraftwerkstr. 7, 4133 Pratteln, Schweiz

Datum: 29.11.2019

Genre: Rock, Classic Rock, Blues Rock, Rhythm And Blues, Rock ’n‘ Roll

Besucher: ca. 250

Veranstalter: Konzertfabrik Z7 http://www.z-7.ch

Link: https://www.facebook.com/events/2352006691723756/

Setlisten:

Bonnie & The Groove Cats:
01. Can`t Wait
02. Wild Scratch
03. Mr. Feelgood
04. Daddy`s Girl
05. Temptation
06. Ellys Home
07. Rock ’n‘ Roll Queen
08. Old Tune
09. Rock It Down To The Bones
10. Coming Back

Dr. Feelgood:
01. Drives Me Wild
02. No Mo Do Yakamo
03. I Can Tell
04. Been Down So Long
05. All Through The City
06. Dust My Broom
07. Rollin` And Tumblin`
08. Back In The Night
09. Roxette
10. Shotgun Blues
11. Milk & Alcohol
12. Looking Back
13. She Does It Right
14. Going Back Home
15. Down At The Doctors
16. Give Me One More Shot

Heute gibt es keinen Metal auf die Ohren, doch wer mich kennt, der weiß, dass ich gerne auch mal über den Tellerrand hinausschaue. Sie sind der Inbegriff des klassischen britischen Power-Blues und Pub-Rocks und seit fast einem halben Jahrhundert sind sie ein Garant für stimmungsvolle Konzertabende. Dr. Feelgood sind seit 1971 in wechselnden Besetzungen aktiv und waren im britischen Blues-Boom genauso erfolgreich wie in der späteren Punk-Ära. Und auch wenn schon seit Mitte der 90er-Jahre kein Originalmitglied in der Band spielt, so sind sie immer noch regelmäßig auf Tour und wissen ihr Publikum zu begeistern. Heute Abend sind die legendären Briten zu Gast in der Konzertfabrik Z7 im schweizerischen Pratteln. Mit im Gepäck haben sie Bonnie & The Groove Cats, eine Schweizer Band, von der ich noch nie gehört habe.

Als der Schweizer Support gegen kurz nach 20:00 Uhr die Bühne betritt, ist in der Kult-Location noch nicht allzu viel los. Vielleicht etwa 100 Leute haben sich vor der Bühne des für heute verkleinerten Midi-Z7 versammelt, als Bonnie & The Groove Cats mit Can`t Wait in ihr Set einsteigen. Die 2012 gegründete Band bezeichnet sich selbst als Vintage Soul & Roll-Band und besteht aus Sandra Erne alias Bonnie Cat (Vocals), Ueli „Buster“ Hofstetter (Bass, Acoustic Guitar), Didi Meier (Guitars, Mandolin), Etienne Issartel (Drums) und Cello Hertner (Piano, Keyboard, Accordion). Die fünfköpfige Combo geht sehr engagiert und voller Spielfreude zur Sache und ist ganz offensichtlich sehr froh darüber, hier heute Abend für Dr. Feelgood eröffnen zu dürfen. Das Aushängeschild ist natürlich Frontlady Bonnie, die sich in jedem Moment gut zu präsentieren weiß und mit ihren Tanzeinlagen auch optisch einiges zu bieten hat. Soundtechnisch ist der Fünfer nur schwer in eine Schublade zu packen, es gibt von allem etwas auf die Ohren, etwas Rock ’n‘ Roll, etwas Blues, etwas Soul, eine durchaus interessante Mischung, die in der alten Lagerhalle des Z7 nun wirklich nicht alltäglich zu hören ist. Für meine Rock & Metal-verwöhnten Ohren ist es ein durchaus ungewohnter Sound, und auch ein Gros des Publikums verhält sich zunächst abwartend. Jedoch ist hier heute natürlich nicht das übliche Z7-Publikum erschienen, das sonst auf Rock & Metal-Konzerten anzutreffen ist. Passend zum Abend mit Dr. Feelgood hat man sogar einen Titel namens Mr. Feelgood im Programm und das heutige Ü-50-Publikum taut immer mehr auf und Songs wie Rock ’n‘ Roll Queen oder Rock It Down To The Bones werden dann sogar gefeiert und das Publikum tanzt vor der Bühne. Meinen ganz persönlichen Geschmack trifft der für das Z7 eher ungewöhnliche Sound zwar nicht und ich bin auch der Meinung, dass die Schweizer nicht wirklich in das Vorprogramm der legendären Briten passen, aber dem anwesenden Publikum gefällt das sympathische Quintett ganz offenbar und somit hat man alles richtig gemacht.

Auf der Bühne ist nicht allzu viel umzubauen, dennoch dauert es etwa eine halbe Stunde, bis es für Dr. Feelgood angerichtet ist. Diese steigen dann mit Drives Me Wild in ihr Set ein, einem Song vom 1980er-Album A Case Of The Snakes. Die Band besteht aktuell aus Robert Kane (Vocals), Steve Walwyn (Guitar), Philip Henry Mitchell (Bass) und Kevin Morris (Drums). Schon während des ersten Songs erweist sich Frontmann Kane als Rampensau allererster Güte. Nun, vielleicht ist der Ausdruck für den Gentleman Kane nicht wirklich passend, aber wie sonst soll man dieses Energiebündel bezeichnen? Wenn man den Mann auf der Bühne in Aktion erlebt, bekommt das gefürchtete Zappelphilip-Syndrom eine völlig neue Bedeutung. Alter und Wehwehchen scheinen für den Mann Fremdwörter zu sein. Während sich andere Sänger gleichen Kalibers so langsam zur Ruhe setzen und die wohlverdiente Rockerrente genießen, legt der Gentleman-Rocker noch einmal kräftig nach. Wäre die Bühne im Z7 hundert Meter breit und ebenso tief, würde er wohl auch diese Fläche für sich beanspruchen und nutzen. Er fegt über dieselbige, macht Verrenkungen wie zu besten Rock ’n‘ Roll-Zeiten, oder tanzt divenhaft über die Bretter, als würde er die abgefahrensten Flamencoklänge über sein In-Ear-System hören, sodass sich meine Bandscheibe und selbst meine vor zwei Jahren gebrochene Hüfte sich schon beim reinen Zuschauen drohend warnend zu Wort melden. Mit No Mo Do Yakamo und I Can Tell geht es dann noch weiter in der Bandgeschichte zurück in die glorreichen 70er-Jahre. Die Band jagt einen Song nach dem anderen in die überschaubare Meute, die mittlerweile auf vielleicht 250 People angewachsen ist, und die Stimmung kocht immer mehr hoch. Es wird getanzt und gesungen und Kane zieht mit seinen Gesten die Leute immer mehr in seinen Bann und dirigiert sie nach Herzenslust. Doch was wäre der größte Showman ohne seine Zuspieler und Teamkollegen. Neben ihm, in vorderster Front, steigert sich Gitarrist Steve Walwyn in einen regelrechten Rausch hinein und begeistert mit seiner Fingerfertigkeit. Er ist der Sound von Dr. Feelgood und an der Slide-Gitarre einfach göttlich. Er soliert brillant und die kräftigen Riffs sorgen für anhaltenden Applaus, der ihm aber offenbar peinlich ist, denn viel mehr als ein schüchternes Thank you kann er sich kaum abringen. Kane zieht sich währenddessen immer wieder in den Hintergrund zurück, nicht aber ohne auch dort seine Verrenkungen weiterzuführen. Doch auch Bassist Phil Mitchell und Drummer Kevin Morris weben einen hervorragenden Rhythmusteppich, auf dem Kane sich nach allen Regeln der Kunst austoben kann. Was die Band hier abzieht, das ist einfach unglaublich und manch junge Band kann sich hier ein paar Scheiben abschneiden. Musikalisch geht es quer durch die Bandgeschichte, von den 70ern geht es direkt in die 90er und wieder zurück. Der Schweiß fließt in Strömen und der Frontmann hat sich noch immer nicht seines Jacketts entledigt, aber wahrscheinlich gibt ihm genau dieser Zustand den nötigen Antrieb. Klassiker wie z.B. Roxette dürfen dabei genauso wenig fehlen wie auch der Mega-Radio-Dauerbrenner Milk & Alcohol, zu dem Kane aus dem Publikum eine anderthalb Liter Gallone Rotwein gereicht wird. War er bis jetzt schon megahektisch unterwegs, so legt er jetzt noch einmal eine Schippe zu und kommuniziert mit wild rudernden Armen mit der Crew hinter der Bühne, die ihm einen Korkenzieher besorgen sollen. Danach hockt er kniend auf der Bühne und kämpft mit dem Korken, bevor die Buddel dann endlich auf der Bühne die Runde machen kann und auch das Crewmitglied, der Überbringer der guten Nachricht …, äh, des Korkenziehers, bekommt seinen Teil ab. Zum Ende hin folgt dann natürlich auch noch Going Back Home und Down At The Doctors, bevor man mit Give Me One More Shot ins grandiose Finale geht. Und noch immer zeigen sich bei den Musikern kaum Ermüdungserscheinungen. Dennoch geht die Show zu Ende und Dr. Feelgood haben einmal mehr bewiesen, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören, dass es keine Pyros und andere Effekte für eine großartige Show braucht und dass es auch ohne Originalmitglieder in der Band möglich ist, in perfekten Erinnerungen zu schwelgen. Auf neue Songs mussten die Fans natürlich auch heute wieder verzichten, doch Kane hat ja schon des Öfteren erklärt, dass man keine neuen Nummern mehr schreiben wird, und so werden die Fans wohl bis ans Ende ihrer Tage darauf warten müssen. Heute Abend geht garantiert niemand enttäuscht nach Hause, denn Dr. Feelgood haben die perfekte Retro-Show abgeliefert.

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