Event: Grandma’s Ashes European Spring Tour 2026
Bands: Grandma’s Ashes, Alex Born To Be Wild
Ort: Schokoladen, Berlin
Datum: 20.04.2026
Kosten: 15 €
Zuschauer: ca. 100
Genre: Alternative Rock, Punk
Link: https://www.facebook.com/events/schokoladen/grandmas-ashes

Berlin beweist einmal mehr, warum die Stadt als eines der authentischsten Epizentren der europäischen Alternativ-Szene gilt. Schauplatz des Abends ist der Schokoladen – ein legendärer Berliner Underground-Club, der mit seiner Kapazität von gerade einmal 100 Gästen und seinem rohen DIY-Charme den Geist der Stadt perfekt verkörpert.
Das Konzert findet im Rahmen des Punkfilmfest Berlin statt, das auch unter dem Namen Too Drunk To Watch bekannt ist. Das seit 2012 bestehende Festival verbindet Film, Live-Musik und Punk-Kultur unter einem strikt unabhängigen Banner, dieses Mal in Kooperation mit FAMED Records + Booking. Das Akronym steht für Fucking Awesome Music Every Day, das Label ist eng mit der Berliner Underground-Szene verbunden.
Dem Publikum bietet sich ein spannender Kontrast: Auf der einen Seite die ungestüme Energie von Alex Born To Be Wild, auf der anderen die beeindruckende Souveränität von Grandma’s Ashes.
Schon beim Betreten des Ladens fällt die angenehme Atmosphäre auf: gute Lage, faire Preise – eine Halbe Bier kostet hier gerade einmal drei Euro – und klassischer Berliner Charme. Natürlich sieht man den einen oder anderen Kuttenträger, auch ein Punk im klassischen Sid-Vicious-Look hat sich in die bunte Menge gemischt. Insgesamt aber überwiegen die Mitte-Hipster, außerdem ist das Publikum überwiegend weiblich.

Alex Born To Be Wild, ein junges Berliner Projekt rund um Frontfrau Alex, eröffnen den Abend. In einem auffälligen roten Kleid dominierte Alex die Bühne mit einer Präsenz, die keine Kompromisse zulässt. Ihre Performance übersetzt den feministischen und queeren Diskurs in eingängige, aber eher simple Punk-Nummern; Parolen wie „My body, my choice“ geben den Ton an.
Hier geht es weniger um technische Perfektion als um pure Haltung und Intensität. Das Publikum reagiert begeistert auf die einfachen Songstrukturen und feiert die Band, die sich in ihren erst zwei aktiven Jahren bereits eine loyale Fanbase erspielt hat.
Man kann allerdings davon ausgehen, dass das eher an der klaren politischen Ausrichtung der Truppe als an ihren musikalischen Fähigkeiten liegt (den wohl tosendsten Applaus kassiert Alex für diesen kleinen Einblick in ihr Privatleben: „Ich date keine Männer mehr.“). Frontfrau und Band geben zwar ordentlich Gas, man wird aber das Gefühl nicht los, dass die größte Leidenschaft von Alex der Queerfeminismus ist – nicht die Musik. Das soll nicht heißen, dass sie nicht mit Herzblut bei der Sache ist. Frische musikalische Akzente liefert sie jedoch nicht. Muss aber auch nicht jede Band, es braucht auch local Heros, die die örtliche Szene mit Leidenschaft und Energie bereichern.
Die Hauptattraktion des Abends lässt danach nicht lange auf sich warten. Nach nur fünfzehn Minuten Umbaupause beginnt das französische Trio um Punkt 21:00 Uhr, ihr beeindruckendes Set auf den inzwischen prall gefüllten Schokoladen loszulassen.
Gegründet 2017 in Paris, haben sich Grandma’s Ashes als eine der interessantesten aufstrebenden Bands der alternativen europäischen Szene etabliert. Nach ihrer ersten EP The Fates (2021) folgte 2023 das Debütalbum This Too Shall Pass. Die Scheibe zeigte bereits eine beeindruckende Entwicklung. Mit ihrem zweiten Album Bruxism, veröffentlicht am 18. Oktober 2024, haben sie ihren Sound noch weiter gefestigt – eine Mischung aus Progressive Rock, Stoner und einer eigenständigen, dunklen Klangästhetik.
Ohne Umschweife eröffnen sie mit Saints Kiss, dem Opener ihres aktuellen Albums. Vom ersten Moment an ist das Niveau klar: makelloser Sound, präzise Ausführung und eine Intensität, die den Raum sofort in ihren Bann zieht. Professionell, viszeral und tief mit ihrer Musik verbunden, liefern sie eine Performance von außergewöhnlicher Qualität.

Die Stimme, absolut fesselnd, gewinnt live noch einmal deutlich an Kraft und hebt die Songs auf ein neues Level. Was auf Platte bereits überzeugt, erreicht auf der Bühne nahezu Perfektion. Ohne ihre Botschaft ständig hervorheben zu müssen, zeigen Grandma’s Ashes, dass Haltung, Präsenz und künstlerische Kohärenz ebenfalls kraftvolle Formen des Ausdrucks sein können. Ihre Musik spricht für sich.
Das Set konzentriert sich hauptsächlich auf das aktuelle Album. Das Publikum folgt gebannt jeder Note, die die französische Band spielt. Einer der intensivsten Momente des Abends ist ihre Version von Army Of Me von Björk, die mit einer deutlich härteren und druckvolleren Interpretation überrascht, inklusive gutturaler Passagen, die dem Song eine neue Dimension verleihen.
Nach exakt einer Stunde endete das Konzert mit dem Song Dormant. Die Darbietung entwickelte sich von sanften, fast zerbrechlichen Momenten hin zu einer intensiven, kraftvollen Explosion. Während die gutturalen Passagen auf dem Album nicht vollständig überzeugen, fügen sie sich live perfekt ein und sorgten für den idealen Kontrast, um das Konzert mit einer gelungenen Mischung aus Feinheit und Wucht abzuschließen.
Eine Band mit beeindruckendem Potenzial – ein echtes Glück, sie in dieser frühen Phase erlebt zu haben. Denn was hier aufzieht, sind keine einfachen Wellen …, sondern ein ausgewachsener Tsunami.


















