Crystalline Structures – genau so fühlt sich dieses Album auch an. Jeder Song wirkt ein wenig wie ein kleiner Kristall: glänzend, verlockend, manchmal fragil, aber immer mit einer eigenen inneren Struktur und Schönheit. Aus etwas Rohem und Elementarem entsteht hier etwas Eigenständiges.
Speak In Whispers sind längst nicht mehr so unbekannt, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Die aufstrebende Prog-/Groove-Metal-Band aus Zypern spielte bereits auf dem Bloodstock Open Air in England und gewann kürzlich das Wacken Metal Battle Greece, wodurch sie sich einen Platz auf dem Wacken Open Air sichern konnte – als erste zyprische Band überhaupt. Ein historischer Moment für die dortige Metalszene. Doch zurück zum Album.
Der Opener Hollow zeigt direkt sehr gut, wohin die Reise auf den kommenden Tracks geht. Mitreißende Grooves, emotionale Melodien und brachiale Gitarren treffen hier aufeinander. Gleichzeitig ist der Song wahrscheinlich auch der eingängigste Track des Albums und ein sehr starker Einstieg.
Bei Coven wird dann sofort klar, dass Speak In Whispers ihren Sound weiter öffnen wollen. Elektronische Effekte ziehen sich immer wieder durch das Album und verleihen vielen Songs eine zusätzliche Atmosphäre. Alles wirkt dadurch moderner und teilweise fast hypnotisch. Mit I Am wird das Tempo etwas zurückgenommen, ohne dass der Groove verloren geht. Gerade der Refrain bleibt schnell hängen.
The Tyrant zeigt dann eine andere Seite der Band, stellenweise fast schon mit Post-Rock-Atmosphäre am Anfang. Hier fällt besonders die vielseitige Stimme von Sänger Andreas auf, der auch für die sehr persönlichen und emotionalen Texte verantwortlich ist. Viele davon wirken beeinflusst von spirituellen und esoterischen Themen, die auf Zypern durch Religion und die kulturelle Geschichte der Insel ohnehin stark präsent sind. Mein zweiter Favorit auf dem Album. Godeater bringt wieder mehr elektronische Spielereien hinein – etwas, das die Band in Zukunft vermutlich noch weiter ausbauen wird.
Mit Asteroid folgt einer der ruhigeren Momente des Albums. Der Song handelt von zweiten Chancen und zeigt sehr gut, dass Speak In Whispers nicht einfach nur auf Härte setzen, sondern viel Wert auf Atmosphäre und Emotion legen. Nicht jeder Song trifft dabei gleich stark. Valkyire gehört für mich eher zu den schwächeren Tracks der Platte, ohne deshalb schlecht zu sein. Eigentlich funktioniert er mehr als Übergang zu Dark Descent, das mit seinen leicht orientalisch wirkenden Melodien wieder eine ganz andere Stimmung aufmacht – was irgendwie auch perfekt zu einer Band aus dieser Region passt. Das Album endet schließlich mit dem Titeltrack Crystalline Structures, einem würdigen Abschluss für ein sehr starkes Debüt.
Vor allem ist Crystalline Structures kein Album, das man einfach nebenbei hört. Viele der feinen Momente und Strukturen erschließen sich erst nach mehreren Durchläufen und genauem Zuhören. Gerade über Kopfhörer wächst das Album deutlich. Und genau das macht die Platte interessant: Man spürt hier eine Band, die noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung angekommen ist. Vieles wirkt bereits sehr durchdacht, gleichzeitig hat man das Gefühl, dass auf dem nächsten Album noch deutlich mehr möglich sein wird. Mittlerweile sitzt mit Steph außerdem ein neuer Drummer hinter dem Schlagzeug, der ursprünglich aus dem Jazz- und Klassikbereich kommt. Live merkt man schon jetzt, dass das der Band noch einmal eine andere Dynamik geben könnte.
Man muss ganz klar sagen, dass Speak In Whispers mittlerweile zu den modernsten und spannendsten Bands gehören, die diese Insel aktuell hervorgebracht hat. Auch generell betrachtet wirkt der Sound der Jungs erstaunlich international und modern, besonders wenn man ihn mit vielem vergleicht, was man sonst in der hiesigen Szene zu hören bekommt.
Für meinen Geschmack könnte die Produktion stellenweise noch etwas voller und druckvoller wirken – wobei sie im direkten Vergleich bereits sehr ordentlich ausfällt. Verglichen mit den ganz großen europäischen Produktionen gibt es hier und da sicherlich noch Luft nach oben, aber genau darin liegt auch enormes Potenzial. Und ich glaube, dass Speak In Whispers mit ihrem zweiten Album, für das wohl auch ein externer Produzent ins Boot geholt werden soll, diese Messlatte problemlos erreichen können.
Zypern prescht nach vorne – und Speak In Whispers gehören aktuell definitiv zu den spannendsten Bands dieser Entwicklung.
Hier gibt es weitere Informationen zu Speak In Whispers – Crystalline Structures in unserem Time-For-Metal-Release-Kalender!



