Das Interview mit Nocte Obducta zum aktuellen Album Mogontiacum (Nachdem die Nacht herabgesunken)

Artist:  Nocte Obducta
Herkunft: Deutschland
Album: Mogontiacum (Nachdem die Nacht herabgesunken)
Spiellänge: 65:19 Minuten
Genre: Avant-Garde Black MetalRelease: 08.07.16Label: MDD RecordsLink: http://www.facebook.com/pages/Nocte-Obducta/189142951148369?sk=wallBandmitglieder:

Gesang – Torsten
Gitarre, Gesang, Keyboard, Bassgitarre –  Marcel
Gitarre, Gesang – Stefan
Bassgitarre –  Heidig
Keyboard, Gesang – Flange
Schlagzeug – Matze

Time For Metal / Gordon E.:

Gruß an euch,
das Projekt Nocte Obducta gibt es, wie in der dazu passenden Rezension eures aktuellen Werkes erwähnt, schon etliche Jahre und fand sich, trotz eines Bruchs nach einem experimentellen Abschiedsalbum, einige Jahre später wieder zusammen. Die Gründe für die Trennung wurden ja zu Genüge beleuchtet, ebenso die erneute Findung. Da ihr aber keine Bürokaufmänner mit Fokus auf Marketing seid, liegt es nahe, dass nicht jeder unserer Leser eure Musik kennt. Deshalb würde ich euch, quasi zur Aufwärmung, darum bitten, euch kurz vorzustellen.

Nocte Obducta:

Tja hm, da gibt es alles und nichts zu erzählen … gegründet wurde die Band im August 1993 unter dem Namen Desîhra, stilistisch war das Ganze ein ausgesprochenes Chaos. Wir hatten außerdem die Angewohnheit, Lieder zu verwerfen, sobald wir sie (nach damaligen Maßstäben) spielen konnten, so kam also niemals so etwas wie ein Set zustande. Vom Sommer 1995 (in diesem Jahr haben wir uns in Nocte Obducta umbenannt) bis zum Herbst 1997 haben wir uns dann vor allem mit den beliebten Themen „Besetzungskarussell“ und „Verlust des Proberaumes“ beschäftigt, immerhin ging aber das Songwriting voran. Seit dem Oktober 1997 lief die Sache dann aber einigermaßen konstant – von der Zeit unter dem Namen Dinner Auf Uranos und deren direktes Vorfeld mal abgesehen.
Stilistisch war das Debüt Lethe extrem Black Metal-lastig. Das relativierte sich zwar auf Taverne deutlich, weil hier die Stilvielfalt besser zur Geltung kam, aber die beiden Nachfolger waren dann beide wieder deutlich schwärzer. Seitdem hat sich der Klangkosmos weiter geöffnet. Das muss nicht zwingend heißen, dass experimentellere, psychedelischere oder ruhigere Elemente automatisch die neueren Ideen sind. Es ist vielmehr so, dass wir uns eine Umsetzung dieser Elemente heute eher zutrauen. Wie man die Musik bezeichnen soll, kann ich auch nicht genau sagen, es ist zumindest im Schnitt Metal mit einem großen Gewicht im schwarzemtallischen und todesbleiernen Bereich, der stark durchsetzt ist mit atypischen und psychedelischen Klängen. Die Gewichtung schwankt aber von Album zu Album stark.

Time For Metal / Gordon E.:

Mit der aktuellen Veröffentlichung geht ihr den Weg weiter, den ihr auf Verderbnis begonnen und auf Umbriel fortgeführt habt. Passend zu den immer sperriger werdenden Albennamen ist auch die Komplexität des Liedmaterials umfangreicher geworden, Mogontiacum ist in meinen Ohren eine neue Stufe der musikalischen Qualität, die bei euch ohnehin schon immer sehr hoch war. Liegt die gestiegene Qualität an den Erfahrungen, die ihr seit der Wiedervereinigung gesammelt habt oder habt ihr grundsätzlich neue Wege gefunden, zu komponieren und baut auf dem Fundament auf, das ihr bis dato geschaffen habt?

Nocte Obducta:

Die Komplexität des Albums bzw. die Befähigung dazu hat eigentlich nichts mit der Entwicklung der letzten Jahre zu tun, es waren eher die Voraussetzungen, die es endlich (wieder) möglich gemacht haben, ein komplexes Album aufzunehmen. In meinen Augen sind Verderbnis und auch Umbriel für unsere Verhältnisse recht geradlinige Alben, da waren wir auf einem Album wie z.B. Galgendämmerung doch wesentlich vertrackter. Auch wenn Mogontiacum sich im Laufe der Zeit gewandelt hat, so ist es als Konzept doch schon seit dem Sommer 2004 geplant, es waren die herrschenden Umstände, die für das Verschieben verantwortlich waren. Verderbnis begann in der Phase, in der wir Dinner Auf Uranos hießen, als eine Art Solo-Projekt, Umbriel sollte diesen privat und hinsichtlich der Präsenz der Band eher unschönen Jahren ein musikalisches Gesicht geben. Auch wenn insbesondere Umbriel aufgrund des geringen Härtegrads anscheinend von manch einem als nicht böse genug angesehen wird, sind diese beiden Alben auch die für mich negativsten. Skurrile Szenarien oder Beschreibungen sphärischer Landschaften findet man hier nicht, beide Alben drehen sich praktisch ausschließlich um Enttäuschung, Tod und Leere. Mit Mogontiacum sind wir dann irgendwie wieder auf den Pfad der „klassischen“ Nocte-Alben zurückgekehrt. Der Anteil dessen, was viele als Prog und Psychedelic oder sogar experimentell bezeichnen, ist zwar höher als auf den vergangenen Alben, aber schon das kommende Album wird wieder wesentlich direkter und metallsicher sein, es gibt da bei uns keinen klaren Kurs.

Time For Metal / Gordon E.:

Da ihr glücklicherweise nicht zu der „Strophe-Refrain“-Fraktion gehört, ist das Komponieren von Liedern eine ungleich kompliziertere Sache. Wie lange benötigt ihr im Schnitt, um ein Lied zu komponieren und wann trefft ihr die schwierige Entscheidung, dass das Lied so in der Form fertig ist?

Nocte Obducta:

Das ist völlig unterschiedlich. Die beiden kurzen Kracher Löschkommando Walpurgisnacht und Am Waldrand, aber auch Die Pfähler schrieben sich wie von selbst. Der 20-Minüter Desîhra Mogontiacum ist da wiederum schwer zu fassen. Das liegt aber nicht an seiner schieren Länge, sondern an der Tatsache, dass ich das Stück immer wieder zur Seite gelegt und außerdem auf Material ab 1993 zurückgegriffen habe. Das Lied Atme von Nektar 2 ist zum Beispiel ein recht langes Lied, das ich aber auch recht schnell und flüssig fertig hatte, während das primitive und griffige Niemals gelebt von Verderbnis eine sehr lange Entstehungsgeschichte hat, die mit der anderer Lieder verwoben ist. Es mag abgedroschen klingen, aber ein Lied ist für mich fertig, wenn es fertig ist.

Time For Metal / Gordon E.:

Was mir gut gefallen hat, war die ungezwungen wirkende Spiellänge der einzelnen Lieder, da ihr, abgesehen von den beiden Interludien, die ich an dieser Stelle ausklammere, vollständige Lieder mit einer Spieldauer von knapp 1:40 bis hin zu fast 20 Minuten geliefert habt. Als Hörer hatte ich nie das Gefühl, dass die Lieder auch gerne länger oder kürzer hätten sein müssen. Habt ihr gezielt auf Songs mit verschiedenen Längen hingearbeitet, oder habt ihr ein Lied abgeschlossen, wenn ihr gemerkt habt, dass nach knapp 2 Minuten alles gesagt ist?

Nocte Obducta:

Prinzipiell setze ich mir da keine Wunschlänge fest, aber es war zum Beispiel klar, dass Desîhra Mogontiacum einen ausladenden Text und damit auch eine entsprechende Spieldauer haben würde, da auch die langen Instrumentalpassagen immer eine große Rolle spielen. Auch Waldrand habe ich 2013 mit der Idee geschrieben, einen kurzen und brutalen Song zu unserem 20-jährigen Jubiläum rauszuhauen. Aber dafür muss man sich ja nicht limitieren, das passiert dann einfach, denn man hat in einem solchen Moment auch das Bedürfnis, sich auf diese Weise auszudrücken. Die Pfähler allerdings sah in meinem Kopf all die Jahre völlig anders aus als das nun fertige Stück. Wesentlich schneller und deutlich kürzer. Als ich mich dann aber 2013 drangesetzt habe, wurde halt wieder ein klassisches Stück von rund sieben Minuten daraus.

Time For Metal / Gordon E.:

Eine Seltenheit bei mir ist, dass mich dieses Mal das CD-Cover angesprochen hat. Am auffälligsten ist, dass das Cover über den Rahmen hinausgeht, mehrere Elemente sich also auf den dunkelsilbernen Rand bewegen, auf dem auch der schwarze, ölig wirkende Rand hinabtropft. Das eigentliche Motiv ist voll von vielen Details, wie Monden/Planeten, einem gruselig wirkenden Gebäude oder kaum bemerkbaren Insekten oder Figuren – alles eingearbeitet in eine Sumpflandschaft. Wer hat das Cover entworfen und was soll es im Detail aussagen?

Nocte Obducta:

Das war eine Arbeit in drei Schritten. Ich habe zunächst Skizzen angefertigt und mit meinem Vater über die grobe Stimmung und einzelne Elemente und Bausteine gesprochen, woraufhin er sehr frei diese unwirkliche Landschaft mit den deplatziert wirkenden Elementen abgeliefert hat. Danach hat dann unser Drummer Matze das Ganze mit weißer und schwarzer Tusche bearbeitet, um mehr Dreck und Dunkelheit in das Szenario zu bringen. Eine wirkliche Aussage steckt nicht dahinter. Ich wollte einfach ein skurriles Fenster in eine unwirkliche, beklemmende, aber auch psychedelisch anmutende Traumwelt, und über die am Horizont sichtbaren Römersteine und den verzerrten Dom haben wir einen Bezug zum Titel bzw. zu einer Ebene seiner Bedeutung.

Time For Metal / Gordon E.:

Textlich habt ihr erneut sehr viel Wert auf deutlich merkbare Abhebung vom Rest der Szene gelegt. Kaum eine andere deutsche Band kann ein solches Niveau aufbringen, wie ihr es tut. Da das Ganze nicht leicht zu greifen ist, würde ich euch an dieser Stelle darum bitten, eine kurze Zusammenfassung von dem zu geben, um das es bei Mogontiacum geht.

Nocte Obducta:

Zunächst einmal lege ich beim Verfassen von Texten nur Wert darauf, dass es mir zur Zeit des Schreibens gefällt, eine Abhebung ist nicht das Ziel. Es geht auf Mogontiacum um mehrere Dinge, weil die Lieder trotz eines Konzepts auch Themen außerhalb des Konzepts aufgreifen, aber grob kann man sagen, dass sich das Album um die Art und Weise dreht, wie man mit einem bestimmten Aspekt seiner Vergangenheit umgeht, wobei schwerpunktmäßig ein bestimmter Abschnitt der Bandgeschichte als Bühne dient, auf der alles stattfindet. Eine Zeit, die eine positive Aufbruchsstimmung trägt und sich durch Dynamik und Kreativität auszeichnet, ist immer ein großartiger Lebensabschnitt. Wenn dann die Dinge anders oder sogar schlechter laufen, neigt man dazu, sich an diese Zeit zu klammern oder sie sogar zu kopieren. Damit verrät man aber den Aufbruch, die Kreativität und die Dynamik. Dieses Thema wird behandelt auf dem Hintergrund vieler Verweise auf die private und Bandbiographie, wobei die Bezüge stark verschlüsselt sind, eine nüchterne Beschreibung wäre wohl der Atmosphäre sehr undienlich und würde auch der Zeit nicht gerecht. Viele Momente richten sich aber auch an diejenigen, die sich an Dogmen klammern und ihre Energie darauf verschwenden, nach Feindbildern Ausschau zu halten.
Dass wir den antiken Namen unserer Heimatstadt als Albumtitel wählten, mag für einige Leute zu selbstreferenziell klingen, aber es schien einfach schlüssig (wenn auch mitnichten zwingend) und wertfrei. Die Geschichten fanden und finden hier statt, außerdem haben wir mit Am Waldrand ein Lied über uns zum 2013 begangenen 20-jährigen Jubiläum auf der Platte, deren Untertitel wiederum nichts weiter darstellt als die Übersetzung des Bandnamens. Eine Konzentration auf die Band selber ist also auf einem Album, das ein Ende der Wirrungen markiert, passend.

Time For Metal / Gordon E.:

Ein neues Album geht meistens mit einer neuen Tour einher – habt ihr für die nahe Zukunft geplant, euer neues Material auf die Bühne zu bringen? Oder arbeitet ihr bereits an neuen Werken?

Nocte Obducta:

Eine Tour ist erst für 2017 angedacht, wir haben nun den Fokus auf dem nächsten Album. Es wird metallischer, direkter und kürzer ausfallen und vermutlich auf den Namen Totholz hören, aber das kann sich natürlich noch ändern. Diesmal soll es nicht wieder Jahre dauern bis ein neues Album erscheint. Als nächstes steht aber das Summerbreeze auf dem Programm und gegen Ende des Jahres eine Vinyl-EP mit dem Titel Auf schweigenden Fluren. Außerdem planen wir weiterhin mit SCR die Wiederveröffentlichung von Nektar als Vinyl-Box mit umfassenden Liner-Notes, Fotos und dem Studiotagebuch. Das sind wir in den vergangenen Jahren immer mal wieder halbherzig angegangen, aber diesmal nehmen die Hintergrundinformationen und Gedanken zu dem Album in Schriftform eine wesentlich konkretere Form an.

Time For Metal / Gordon E.:

Das war es auch schon von meiner Seite, ich schließe meine Interviews üblicherweise mit dem Angebot an die Künstler ab, sich selber eine Frage zu stellen, die sie daraufhin auch gerne beantworten dürfen und möchte euch dieses Angebot natürlich auch machen. Lasst eurer Kreativität freien Lauf, falls es euch zu mühselig ist, meine Arbeit zu übernehmen, könnt ihr auch direkt ein paar Worte an unsere Leser und eure Fans richten, ich für meinen Teil freue mich auf mögliche Erscheinungen in der Zukunft und wünsche euch alles Gute!

Nocte Obducta:

Da bedanke ich mich doch einfach recht fein artig für das Interview und ermahne den Interessierten, dem Album die Zeit zu geben, die es benötigt und durch heutige Produktionsstandards meiner Meinung nach oftmals fehlgeleitete Hörgewohnheiten über Bord zu werfen.

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Leise War Gestern... - Der Time For Metal Podcast

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