Dream Theater und Support am 23.06.2019 beim Z7 Summer Nights Open Air in Pratteln

Progressive Metal und jede Menge Geschmackssache ...

Event: Z7 Summer Nights Open Air 2019

Headliner: Dream Theater

Vorgruppen: Jason Richardson, Andy McKnee

Ort: Konzertfabrik Z7, Kraftwerkstr.7, 4133 Pratteln, Schweiz

Datum: 23.06.2019

Kosten: 79,00 CHF VVK

Genre: Progressive Metal, Progressive Rock, Instrumental Acoustic Rock

Besucher: ca. 2000

Veranstalter: Konzertfabrik Z7 http://www.z-7.ch

Link: https://www.facebook.com/events/581430502374475/

Setlist Dream Theater:
01. Atlas (Instrumental Alt) (Nick Phoenix & Thomas J. Bergersen Song)
02. Untethered Angel
03. A Nightmare To Remember
04. Fall Into The Light
05. Peruvian Skies
06. Barstool Warior
07. In The Presence Of Enemies Part I
08. The Dance Of Eternity
09. Lie
10. Pale Blue Dot
11. As I Am (Zugabe)

Bei dem Z7 Summer Nights Open Air ist heute Abend das Traum Theater aus New York zu Gast. Zugegeben, ich war nie der ganz große Fan der Progressive Metal-Giganten Dream Theater und die Alben rotieren bei mir zu Hause eher selten, doch live macht die filigrane Gitarrenarbeit von John Petrucci und die komplexen Songstrukturen durchaus mal Spaß. Bei dem genialen Sommerwetter findet das ganze natürlich draußen vor den Toren der legendären Konzertfabrik statt, und so verspricht es ein sehr unterhaltsamer Konzertabend zu werden. Als ich in Pratteln ankomme, hat der Einlass längst begonnen und dennoch steht noch eine lange Schlange an der Abendkasse und ich muss mich zunächst einmal in Geduld üben. Das ist keine ganz leichte Aufgabe, wenn einem die Sonne dabei erbarmungslos auf den Pelz brennt. Als ich dann endlich an der Reihe bin und meinen Fotopass überreicht bekomme, gibt es gleich noch ein paar Infos oben drauf, die mir so gar nicht schmecken wollen, denn der Pass gilt zunächst nur für die beiden Support-Acts des Abends. Da man mit Dream Theater erst noch abklären muss, ob überhaupt, und wenn ja, in welchem Rahmen, fotografiert werden darf. Okay, irgendwie blöd gelaufen, wenn man bedenkt, dass ich die Fahrt eigentlich nur wegen der Kunsthandwerker auf mich genommen habe. Als Erstes wird die Theke angesteuert, viel trinken bei dem Wetter, hat der Arzt gesagt und dann ab unter das Volk. Das Z7-Team ist trotz des Andrangs wieder einmal bestens organisiert und wird so dem Ruf des Kulttempels voll und ganz gerecht. Der Freiluftbereich ist schon relativ gut gefüllt, wobei auffällt, dass das Publikum heute überwiegend männlich und Ü30 ist, was aber fast schon zu erwarten war.

Das Showprogramm beginnt pünktlich um 19:30 Uhr und als erstes entert Jason Richardson die große Open Air-Bühne. Der Mann, der als ehemaliger Gitarrist von All Shall Perish, Born Of Osiris und Chelsea Grin bekannt wurde und neuerdings bei All That Remains seine Brötchen verdient, ist heute mit seinem Soloprogramm vor Ort. Mit dabei hat er Luke Holland an der Schießbude, der zuallererst durch seinen YouTube-Kanal und seine Arbeit bei den Metalcoreler The World Alive bekannt wurde. Auch auf dem Soloalbum von Richardson war Holland schon zu hören und so macht es durchaus Sinn, auch die Live-Aktivitäten gemeinsam zu absolvieren. Das Solo-Material von Richardson kannte ich bisher überhaupt nicht und ich habe es zuvor auch verpasst, mich wenigstens kurz rein zuhören. So trifft mich das verstörende, sehr schnelle und technisch versierte Gefrickel dann ziemlich unvorbereitet und ich weiß zunächst einmal gar nicht, was ich davon halten soll. Natürlich, der Mann kann Gitarre spielen und entlockt seinem Arbeitsgerät Töne, die man durchaus als imposant und sehr experimentell bezeichnen kann, doch mit seiner Gitarrenarbeit bei seinen früheren Arbeitgebern hat das alles wenig zu tun und das ganze fällt ganz klar in die Kategorie Geschmackssache. Und auch die Arbeit im Fotograben ist heute irgendwie anders …, denn normal sind ja drei Songs, die dann oftmals eher zu kurz sind, um genügend Fotos zu schießen. Heute jedoch nehmen die drei Songs einfach kein Ende, jedoch nicht weil die Nummern übermäßig lang sind, sondern weil ich die Jungs nach zehn Fotos von allen Seiten fotografiert habe und sonst nichts wesentlich Interessantes geboten wird. Holland wütet hinter seinem Drum-Kit und Richardson steht mit seiner Gitarre, in immer wieder ähnlichen Posen, am Bühnenrand. Logisch, was soll das Duo auch vielmehr tun. Letztendlich verlassen alle Fotografen den Fotograben nach dem zweiten Song, weil man alles gesehen und gehört hat. Natürlich gibt es im Publikum einige People, die sich begeistert zeigen, doch mein Eindruck ist, dass die allermeisten dem nicht viel abgewinnen können. Nach gut dreißig Minuten ist dann auch Schluss und der Umbau für Andy McKnee beginnt, einem Mann, von dem ich bisher noch nie gehört habe.

Als ich dann den Fotograben wieder betrete, trifft mich das Geschehen auf der Bühne erneut genauso unvorbereitet wie zuvor schon bei Jason Richardson. Nun gut, ich kannte Andy McKnee nicht, und so hatte ich eigentlich keine wirklichen Vorstellungen und Erwartungen, jedoch habe ich auch keine One-Man Show mit Akustikgitarre erwartet. Nun gut, das Geschehen auf der Bühne ist nur schwer in Worte zu fassen. Andy McKnee, der im zarten Alter von dreizehn Jahren anfing Gitarre zu spielen, ist ein sogenannter Fingerstyle-Gitarrist und ich muss ganz ehrlich zugeben, ich habe so noch nie jemanden Gitarre spielen gesehen. Als er die Bühne betritt und anfängt zu spielen, hört es sich zunächst an, als würde irgendwo in der Ecke ein programmierter Computer stehen, denn man hat den Eindruck, es würden drei Gitarren und ein Schlagzeug gespielt. Es dauert aber nicht allzu lange, bis ich begreife, dass all diese Töne aus dieser einzigen Gitarre entlockt werden. Die Songs, die ich nun nicht unbedingt als Rocksongs betiteln würde, haben eine trance-ähnliche, progressive Qualität und die Fähigkeiten des Andy McKnee kann man getrost als unglaublich bezeichnen. Er bekommt einen kraftvollen, perkussiven Klang aus dem Gitarrenkörper und nicht wenige Fans stehen ungläubig schauend im Publikum. Das Gehörte ist nicht wirklich mein Ding, weil für meinen Geschmack rockt es zu wenig, aber auf seine ganz eigene Art ist McKnee ganz einfach phänomenal. Während ich beim ersten Act noch zwei Leute fotografieren konnte, muss ich mich nun mit einem Musiker zufrieden geben und wieder brauche ich keine drei Songs, um alles festzuhalten. Ein Song hätte in diesem Fall durchaus ausgereicht, aber der Anblick all der staunenden und arbeitslosen Fotografen im Fotograben ist einfach unbezahlbar. Noch nie habe ich erlebt, dass Fotografen bei einem Konzert in einer Ecke des Fotograbens stehen und nicht mehr wissen, was sie noch fotografieren sollen. Wenigstens kam zwischenzeitlich das Okay, dass bei Dream Theater zwar nicht die ersten drei Songs, wohl aber fünfzehn Minuten lang fotografiert werden darf. Perfekt, drei Songs wären wohl auch zu viel des Guten gewesen, denn dann würden wir etwa ein Drittel der Show im Graben verbringen und davon wäre das Publikum wohl weniger begeistert.

Dann ist um 21:30 Uhr endlich der Moment gekommen, auf den etwa 2000 Besucher den ganzen Abend gewartet haben. Zu Dream Theater gibt es wohl nicht mehr viel zu sagen, denn nach einer über dreißig Jahre andauernden Karriere und insgesamt vierzehn Studioalben wären die Prog Metaller durchaus auch in der Lage gewesen, den Abend mit einer mehrstündigen Show alleine zu bestreiten. Erst im Februar haben die Amerikaner mit Distance Over Time ihr neuestes Album veröffentlicht, von dem wir heute Abend sicherlich den ein oder anderen Track um die Ohren gehauen bekommen. Von der Ur-Besetzung stehen heute Abend nur noch zwei Musiker auf der Z7-Bühne, nämlich Gitarrist John Petrucci und Bassist John Myung. Vervollständigt wird das Line-Up durch Frontmann und Sänger James LaBrie, Keyboarder Jordan Rudess und Schlagwerker Mike Mangini. Nach dem kurzen Atlas-Intro kommt die Band dann auf die Bühne, allen voran natürlich Mastermind John Petrucci, der von den Fans dann auch sofort euphorisch gefeiert wird. Erwartungsgemäß steigt man dann auch mit Untethered Angel, dem Opener des aktuellen Albums, in das Set ein. Damit kommt man schnell auf den Punkt, denn der Song baut sich rasant auf und zeigt an, was heute Abend zu erwarten ist. Wer das Album kennt, der weiß, dass progressive Ambitionen hier größtenteils auf der Strecke bleiben und so ist auch die Eröffnungsnummer viel mehr auf den Nacken ausgerichtet. Kunstvoller Heavy Metal, der hier von echten Profis druckvoll umgesetzt wird. Frontmann LaBrie scheint gut drauf zu sein, er agiert viel am Bühnenrand und post wild drauf los, auch wenn ich ihn in der Vergangenheit schon weitaus gesprächiger erlebt habe. Der Sänger, der 1991 Charlie Dominici ersetzte, ist nach all den Jahren noch immer ein zweischneidiges Schwert und nicht von jedem alten Fan vollkommen akzeptiert. Heute schlägt er sich ganz gut und die neuen Songs, die eine Spur aggressiver sind als das Material der letzten Veröffentlichungen, scheinen ihm auf den Leib geschneidert. Im Anschluss folgt das anfangs düstere A Nightmare To Remember vom Black Clouds And Silver Linings-Album aus 2009. Was als straighter Metal-Song beginnt, geht dann im Mittelteil in einen ruhigeren Part über, bevor das obligatorische Gefrickel losgeht. Besonders Gitarrist Petrucci überzeugt im ruhigen Teil mit viel Gefühl und als Keyboarder Rudess sich ein Keyboard umhängt und an den Bühnenrand tritt, brandet lauter Jubel auf. Mit seinem schneeweißen Kinnbart erinnert er nicht nur an einen alten, weisen Zauberer aus irgendeinem Fantasy-Streifen, nein, er spielt auch so und hat alle Sympathien auf seiner Seite. Unsere fünfzehn Minuten sind dann aber auch schon abgelaufen und mitten im zweiten Song werden wir aufgefordert, den Graben zu verlassen. Mit Fall Into The Light folgt ein weiterer aktueller Distance Over Time-Song, der ganz ähnlich, wie schon der Opener, auf die Nackenmuskulatur der Fans ausgerichtet ist. Gleich zu Beginn wird klassische Heavy-Riff-Kunst geboten, die den anwesenden Schweizern alles abverlangt, bevor der Song zu einer wahren Tour de Pratteln mit sehr intensivem Finale ausartet. Im Mittelteil darf Petrucci auch wieder seine zarte, gefühlvolle Seite rauslassen. Die Fans sind sichtlich begeistert und nicht wenige werden morgen mit Nackenschmerzen aufwachen. Mit dem atmosphärischen und an Pink Floyd erinnernden Peruvian Skies geht es dann erstmals heute Abend zurück ins letzte Jahrtausend, bevor man mit Barstool Warrior wieder zum aktuellen Output zurückkehrt. Der Track wird von LaBrie mit harmonischer Inbrunst dargeboten und in solchen Momenten liebe ich den Mann! Im Systematic Chaos-Track In The Presence Of Enemies Part I darf sich die Band dann im ewig langen Instrumental-Intro austoben, während LaBrie zum wiederholten Male von der Bühne verschwindet. Der Song sorgt für wahrscheinlich nicht nur bei mir für Kopfkino und neben Petrucci und dem dramatischen Keyboard von Rudess fällt auch Mangini hinter der Schießbude positiv auf, der wie ein Berserker auf die Felle eindrischt. Schade, dass der Prügelknabe hier nicht mehr in den Mittelpunkt gerückt wird, denn seine Spieltechnik ist über jeden Zweifel erhaben und dennoch sehen in ihm viele noch immer nur den Nachfolger von Mike Portnoy. Im Anschluss wird es dann haarsträubend, denn wie es das sechsminütige Instrumental The Dance Of Eternity auf die Live-Setlist geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Progressiv Rock kommt ja seit jeher mit einer immensen Bandbreite von Sounds, Harmonien und Grenzüberschreitungen daher, aber Jazz-Elemente zu verarbeiten, das geht mir dann doch einen Schritt zu weit. Atmosphäre gut und schön, aber Schuster bleib bei deinen Leisten. Wenn man schon zurück in die Neunziger geht, dann doch bitte zu fortgeschrittener Stunde die großen Meilensteine. Aber gut, vielleicht sehe ich das auch ganz alleine so, denn die allermeisten Fans zeigen sich begeistert und feiern den Song genauso ab, wie alles andere auch. Sehr viel besser wird es aber dann mit dem harten Awake-Song Lie, bei dem dann wieder der Gitarrengott Petrucci mit seinen Riffs dominieren darf. Schade, dass man zuvor nicht mit The Mirror das härteste Riff-Gewitter des Albums präsentiert hat, anstatt sich mit The Dance Of Eternity auf Abwege zu begeben. Mit dem aktuellen Pale Blue Dot geht das offizielle Set dann leider schon viel zu früh zu Ende. Der Song ist geil und reiht sich nahtlos hinter den anderen Großtaten der New Yorker ein, keine Frage, aber darf ein Dream Theater-Konzert tatsächlich ohne Pull Me Under, The Glas Prison oder The Root Of All Evil zu Ende gehen. Leider ja, zwar gibt es mit den düster groovigen Gitarrenriffs von As I Am noch einen recht ordentlichen Nachschlag, doch ein bitterer Beigeschmack bleibt trotzdem, nachdem sich die Band nach ziemlich genau 90 Minuten von der Bühne verabschiedet. Klar, sicherlich gibt es für das Z7 gewisse Lärmschutz-Auflagen, sodass bei solchen Open Air-Sausen um 23:00 Uhr Schluss sein muss, aber knapp 80 Schweizer Franken für 90 Minuten Dream Theater plus insgesamt eine Stunde Geschmackssache, ist derb. Nichtsdestotrotz, keiner der anwesenden Fans sieht am Ende wirklich unzufrieden aus und somit nimmt alles ein gutes Ende.