Saltatio Mortis und Indecent Behavior am 23.03.2019 im Z7 in Pratteln

Gesellschaftskritischer Abriss im Schweizer Z7

Event: Brot und Spiele Tour 2019

Hauptband: Saltatio Mortis

Vorgruppe: Indecent Behavior

Ort: Konzertfabrik Z7, Kraftwerkstr. 7, 4133 Pratteln, Schweiz

Datum: 23.03.2019

Genre: Melodic Hardcore Punk, Mittelalter Rock, Deutschrock

Besucher: ca. 1400

Veranstalter: Konzertfabrik Z7 http://www.z-7.ch Extratours Konzertbüro https://www.extratours-konzertbuero.de

Link: https://www.facebook.com/events/2119816771397978/

Setlisten:

Indecent Behavior
01. Outnumbered
02. Bridges
03. Roots
04. Falling Down
05. Restore
06. Land Of Eagerness
07. ADAD
08. Legal Torture
09. Drowning
10. 99-1

Saltatio Mortis
01. Große Träume
02. Dorn Im Ohr
03. Wo Sind Die Clowns?
04. Brot Und Spiele
05. Wachstum Über Alles
06. Europa
07. Besorgter Bürger
08. Idol
09. Spur Des Lebens
10. Drachentanz
11. Heimdall
12. Le Corsaire
13. Eulenspiegel
14. Mittelalter
15. Nachts Weinen Die Soldaten
16. Brunhild
17. Ich Werde Wind
18. Rattenfänger
19. Sie Tanzt Allein
20. Tritt Ein (Zugabe)
21. Nie Wieder Alkohol (Zugabe)
22. Prometheus (Zugabe)
23. Spielmannsschwur (Zugabe)

So oft, wie ich in letzter Zeit in der Konzertfabrik Z7 bin, sollte ich mir doch langsam ein Bett im Raum Basel organisieren. Saltatio Mortis sind mit ihrem aktuellen Album Brot Und Spiele, samt Ableger Brot Und Spiele – Klassik Und Krawall, zurück in der Schweiz und so bin ich gegen 17:30 Uhr wieder auf der A5 unterwegs Richtung Grenze. Die einstige Miteralterband hat sich längst etabliert unter den deutschsprachigen Rockbands und die Verkaufszahlen geben den sympathischen Karlsruhern recht. Die letzten Alben landeten alle auf dem ersten Rang der deutschen Charts und alleine Zirkus Zeitgeist erreichte mit über 100.000 verkauften Tonträgern Goldstatus. Nachdem große Teile der letzten Herbsttour im Schnelldurchgang ausverkauft waren, wird nun ein zweiter Teil, die Brot Und Spiele Tour 2019, nachgelegt, um der hohen Nachfrage gerecht zu werden. Als ich jedoch an der ehemaligen Lagerhalle eintreffe, hält sich der Ansturm noch in Grenzen. Doch schon als 30 Minuten später der Einlass beginnt, bilden sich lange Schlangen und es zeichnet sich ab, dass es heute Abend voll wird.

Gegen 20:00 Uhr geht es dann los und die Supportband Indecent Behavior aus Merzig darf für die Mittelalterrocker das schon zahlreich anwesende Publikum anheizen. Als die Saarländer aber die Bühne entern und mit Outnumbered, dem Titeltrack des noch aktuellen Longplayers, durchstarten wollen, geht das leicht in die Hose. Also, alle wieder runter von der Bühne und das Ganze noch einmal von vorne und nun springt der alte Diesel auch ohne Probleme an. Von Beginn an wird Vollgas gegeben und es dauert auch nicht lange, bis das Schweizer Publikum auf den Melodic Hardcore Punk einsteigt. Die Jungs um Frontmann Henrik Bergmann verschmelzen verschiedene Einflüsse aus Hardcore und Metal zu einem schnell gespielten, melodischen Skate-Punk. Die großen Idole, die hier ganz offensichtlich Pate standen, hören auf solch illustre Namen wie z.B. Lagwagon, Rise Against, Linkin Park, Millencolin und A Day To Remember. Jedoch klingt das Quartett gar nicht altbacken, eingängige Refrains treffen auf moderne, schnelle Riffs und Breakdowns. Der treibende Sound lässt merkwürdigerweise niemanden stillstehen. Merkwürdig deshalb, weil der harte Mix so gar nicht zum deutschen Mittelalterrock von Saltatio Mortis passt, doch das interessiert hier heute Abend kaum jemand. Vor der Bühne ist richtig was los, und obwohl die allermeisten Gäste wegen des Hauptacts da sind und von dem Opener wohl noch nie etwas gehört haben, werden Songs wie Falling Down, Land Of Eagerness und Legal Torture ordentlich abgefeiert. Die Vermutung wird dann auch bestätigt, denn auf die Frage Henriks, wer die Band denn eigentlich kennt, meldet sich nur eine einzige Person. Sicher ist aber, einigen werden die Jungs nach dem heutigen Abend noch lange im Gedächtnis bleiben. Aber auch die Saarländer haben sichtlich Spaß dabei, was aber zu gut verständlich ist, denn man steht erst zum dritten Mal auf solch einer großen Bühne vor so vielen Zuschauern, nämlich bei den drei bisherigen Gigs dieser Tour. Selbst ein Circle Pit kommt nach Aufforderung des Sängers, an dem er sich natürlich auch beteiligt, problemlos in Gang und ich habe bisher selten erlebt, dass beim Opening-Act im Z7 solch eine ausgelassene Stimmung herrscht. Die energiegeladene Performance kommt ohne große Showeffekte aus und man konzentriert sich auf das Wesentliche, nämlich einfach die Sau rauszulassen. Als man sich mit 99-1 verabschiedet, hat man eine eindrucksvolle 45-minütige Visitenkarte hinterlassen, welche zur regelrechten Plünderung des Band-Merch führt. Zwar werden noch lautstark Zugaben gefordert, doch der Zeitplan lässt das nicht mehr zu und so verlässt man die Bühne nach dem obligatorischen Stagefoto.

Nach einer gut 30-minütigen Umbaupause ist es dann aber endlich an der Zeit für Saltatio Mortis. Das Z7 ist mittlerweile brechendvoll und steht kurz vor dem Sold out. Die Karlsruher steigen mit der Single Große Träume in ihr Set ein. Das aktuelle Brot Und Spiele Album ist aufgrund von stilistischen Experimenten ein stark polarisierendes, doch dank Indecent Behavior ist das Publikum bestens aufgewärmt und feiert die Mittelalterrecken vom ersten Moment an. Ich kann nicht sehen, was nun auf der Bühne abgeht, da wir aufgrund der Pyro erst ab dem zweiten Song in den Fotograben dürfen, aber das Publikum startet direkt von null auf hundert durch. Der Song ist ja mehr im Deutschrock angesiedelt und erinnert ein wenig an die Broilers, doch auch das stört hier heute Abend offenbar niemand. Zum folgenden antreibenden Dorn Im Ohr dürfen wir dann auch endlich optisch anstatt nur akustisch dabei sein und natürlich auch unseren Job erledigen. Frontmann der Spielmänner, Jörg „Alea der Bescheidene“ Roth, ist gewohntermaßen gut drauf und agiert viel mit den Fans in den ersten Reihen, was mit lautem Jubel quittiert wird. Schon beim dritten Song Wo Sind Die Clowns? kocht der Laden und das Publikum grölt lautstark mit. Der Spaß am Leben mag einem in der heutigen Zeit manches Mal vergehen, wenn man die Nachrichten schaut und die Schlagzeilen des Tages hört, doch obwohl Wo Sind Die Clowns? eben dieses Thema aufgreift …, hier hat heute Abend niemand den Spaß verloren. Doch neben der Musik wird natürlich auch wieder tief in der Mottenkiste gekramt und allerlei Anekdoten preisgegeben – so erzählt Schlagzeuger Timo „Lasterbalk der Lästerliche“ Gleichmann auf seine ganz eigene Art, wie er vor fast 20 Jahren von Alea aufgefordert wurde, gemeinsam eine Mittelalterkombo zu gründen. Solche Geschichten sorgen für Gelächter, doch zuallererst geht es natürlich um Musik und da liegt das Hauptaugenmerk natürlich auf dem aktuellen Output. So stammen mit Brot Und Spiele, dem härteren Europa, dem gesellschaftlich relevanten Besorgter Bürger, dem gefühlvollen Spur Des Lebens, sowie dem Drachentanz und Heimdall gleich sechs der nächsten acht Songs aus der aktuellen Schaffensphase der Band. Gerade die radiotaugliche Ballade Spur Des Lebens trägt etwas dick auf, macht live aber durchaus Spaß. Bei manch anderer Band wäre solch eine Setlist sicherlich nicht die beste Wahl gewesen, doch die Karlsruher Spielleute treffen mit ihrer gesellschaftspolitischen Einstellung in Pratteln auf offene Ohren. Das Oktett bewegt sich dabei natürlich weit weg vom klassischen Mittelalterrock und hat in den letzten Jahren eine ganz ähnliche Entwicklung durchlebt, wie schon vor Jahren die Kollegen von In Extremo. Stattdessen bieten die Songs hymnenhaften Deutschrock, mal mit mehr, mal mit weniger mittelalterlichen Melodien und Instrumenten. Auch wenn es den Eindruck macht, man würde heute am liebsten nur das neue Material spielen, so ganz kommt man dann aber doch nicht ohne ältere Nummern aus und so bringen Le Corsaire und Eulenspiegel ein wenig Abwechslung in das bunte Treiben. Doch nicht genug, mit Mittelalter kehrt man noch einmal in die Gegenwart zurück. Die Nummern fügen sich gut ein und dem anwesenden Publikum gefällt es ganz offenbar, doch ich persönlich stehe dem aktuellen Album zu ambivalent gegenüber und hätte mir wesentlich mehr älteres Material gewünscht. Doch schon im Mittelalter waren Gaukler und Spielleute ja nicht nur zum Unterhalten da, sondern auch, um auf die unterschiedlichsten Missstände aufmerksam zu machen. Man hält sich gewissermaßen nur an alte Traditionen, wenn man einerseits für Walls of Deaths und metgeschwängerte Schunkelpartys sorgt, andererseits aber auch nachdenkliche Minuten bereitet. Mit einem ernsten Thema geht es dann auch in Nachts Weinen Die Soldaten weiter, in dem das Thema Weltkriege und das Schicksal all der namenlosen Soldaten aufgegriffen wird, die in der Vergangenheit ihr Leben lassen mussten. Es geht aber mit Brunhild und Ich Werde Wind auch noch einmal zum Brot Und Spiele Album zurück. Das Publikum ist nicht zu bremsen und singt Brunhild, den wohl besten neuen Song, dermaßen lautstark mit, als wäre es einer der ganz alten Bandklassiker. Zum wiederholten Male begibt sich Alea zu den Zuschauern hinab an die Absperrung und puscht die Leute immer noch mehr an, während auf der Bühne vor allem Robin „Luzi das L“ Biesenbach zur Höchstform aufläuft und das Geschehen in die Hand nimmt. Zu Rattenfänger lässt der Frontmann sich dann schon gewohnheitsmäßig vom Publikum durch die Location tragen, was für unzählige gezückte Handys sorgt. Mit Sie Tanzt Allein geht dann nach gut 90 Minuten das offizielle Set zu Ende und die Band verabschiedet sich. Lautes Rufen, Schreien und Pfeifen setzt ein und macht klar, dass man sich so, und vor allem jetzt, noch nicht verabschieden kann. Der Zugabenblock beginnt dann mit dem sehr alten Tritt Ein. Es ist zwar noch nicht halb vier, aber Zeit für einen weiteren Brot Und Spiele Song. Nun geht es um Sex, Bier, Met, ein Hammer-Wochenende mit Zwei-Tage-Blackout und ein gestochenes Arschgeweih – Szenen, die wohl ein jeder kennt. Das Publikum kennt sie und rastet völlig aus und brüllt Nie Wieder Alkohol. Bullshit, schon Die Toten Hosen haben festgestellt: Kein Alkohol Ist Auch Keine Lösung und so wird auch im Z7 weitergefeiert und getrunken. Alea fordert alle auf sich auszuziehen, doch wir sind ja in der prüden Schweiz und so ist das nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Es folgen noch Prometheus und das von allen geliebte und herbeigebrüllte Spielmannsschwur, bei dem jeder noch einmal alles gibt. Man soll aufhören, wenn es am Schönsten ist und so werden die Fans nun in die Frühlingsnacht entlassen. Das Z7 hat gekocht und das Publikum ist zufrieden, doch eine Setlist mit solch vielen neuen Songs lässt immer Wünsche offen. Ich bin gespannt, wie das Partyvolk auf dem MPS auf die gesellschaftskritischen, neuen Saltatio Mortis reagiert.

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