Sifting – The Infinite Loop

Progressive Ergüsse in Endlosschleife

Artist: Sifting

Herkunft: Los Angeles, Amerika

Album: The Infinite Loop

Spiellänge: 54:27 Minuten

Genre: Progressive Metal

Release: 27.09.2019

Label: Eclipse Records

Links: https://www.siftingofficial.com/, https://www.facebook.com/SiftingOfficial/,  https://www.instagram.com/siftingofficial/

Produktion: Steve Evetts, Mix und Mastering Jamie King

Bandmitglieder:

Gesang, Gitarre – Eduardo Osuna Gil
Gitarre – Xavi Leon
Schlagzeug – Joey Aguirre
Bassgitarre – Wins Jarquin

Tracklist:

  1. Agony
  2. A Critical Affair
  3. Enough
  4. Stop Calling Me Liberty
  5. The Fifth Element
  6. What If (Dichotomy)
  7. To Who I Am
  8. Ghost Of A Lie (feat. Derek Sherinian)
  9. Emotionless Shells
  10. The Infinite Loop

Es gibt so unfassbar viel und vor allem auch gute Musik, die mir augenscheinlich noch im Verborgenen geblieben ist. Sifting sind einer dieser verborgenen Schätze. Und dies, obwohl die Band bereits seit 2010 im Progressive Metal ihre Duftmarken gesetzt hat. Ihre Wurzeln hat die Band in Venezuela. Sänger und Gitarrist Eduardo Osuna Gil gründete die Band in Caracas. Tragischer Ausgangspunkt seinerzeit war der Verlust seiner Mutter und Großmutter bei einem Flugzeugabsturz. Die tiefe Trauer versuchte Eduardo damals über das Schreiben einiger Musikstücke zu bewältigen. Hinzu gewann er einige Wegbegleiter und Sifting begannen fortan auch live aufzutreten. Sifting zogen recht schnell Aufmerksamkeit auf sich und dies führte unter anderem 2011 zum Support für Bullet For My Valentine.

Das 2013 in Eigenregie produzierte Debütalbum All The Hated verhalf Sifting zum Tour-Support für Zapato 3, eine der damals angesagtesten Rockbands Venezuelas. Zur gleichen Zeit wurde ihre Single All  The Hated für das beliebte Rockband-Videospiel ausgewählt. Die logische Konsequenz hieraus war, dass Sifting durch den Erfolg ihres Debütalbums vor allem aus den USA immer mehr Befürworter gewannen. Eine Chance, die Eduardo Osuna Gil erkannte. Um Sifting weltweiter Bekanntheit zugänglich zu machen, entschied er Anfang 2014, in die Vereinigten Staaten umzusiedeln. Ziel: Los Angeles im Bundesstaat Kalifornien – der selbst ernannten Rockhauptstadt der Welt.

Ein Neustart in einem neuen Land, der anfangs mehr als nur leichtfiel. Die Fanbase aus den USA jedoch war eine elementare Basis für den weiteren Erfolg. Sifting wurden seinerzeit durch drei weitere Musiker der lokalen Musikszene ergänzt. Die vorhandenen Grundlagen der Band ermöglichten, neben der Komposition neuer Stücke, auch diverse Endorsement-Verträge, u. a. mit ESP. Die Erwartungshaltung und Begeisterung der Fans in den USA war dementsprechend hoch, neues Material musste und sollte veröffentlicht werden. 2015 und 2016 waren demnach produktive Jahre für Sifting mit reichlich Liveshows. Dies ging zum Glück auch an diversen Labels nicht vorbei. So entstand die bis heute fortdauernde Zusammenarbeit mit Eclipse Records und 2017 erschien dann ihr zweites Album Not From Here. Das Album erhaschte schnell einige Chartplatzierungen in Nord- und Südamerika, verbunden mit der Folge, dass Liveshows u. a. mit Tarja, Prong, Sons Of Apollo, Felix Martin, Powerflo, Dayshell und Eyes Set To Kill zelebriert wurden.

Die Zeit währenddessen blieb nicht ungenutzt, neue Songs wurden geschrieben und am 27.09.2019 soll nun der dritte Longplayer The Infinite Loop folgen.

Sifting haben sich dem Progressive Metal in all seinen Facetten verschrieben und toben sich hier in vielfältiger Weise aus. The Infinite Loop startet mit Agony und gleich von Beginn an wird klar, dass hier sehr versierte Musiker am Werk sind. Der progressive Anteil der Instrumentierung steht deutlich im Vordergrund, solche Klänge kann man heute u. a. bei Dream Theater oder auch Witherfall hören. Die Detailverliebtheit kommt grandios zum Tragen. Vor allem die Gitarren im Einklang mit den Drums bilden ein stabiles und rhythmisches Grundgerüst. Wer eine Neigung für die progressiven Elemente hat, der wird sich hier sehr wohl fühlen. Das Arrangement wird durch Keyboards zusätzlich untermalt und sorgt für die harmonische Fülle. Das allein würde eigentlich schon ausreichen, die Vocals indes verfeinern das Kunstwerk noch. Die Melodien in den Strophen und dem Refrain wirken genrespezifisch in Teilen wohltuend abstrakt, teils auch psychedelisch. Eduardo, der überwiegend im Klargesang intoniert, verleiht dem Song seine ganz individuelle Note. Letztlich sticht der Groove sehr positiv heraus, selbst die ruhigen gezupften Parts lassen den Flow der Nummer nicht abreißen. Ein wenig lateinamerikanisches Flair sorgt zusätzlich für Atmosphäre. Der Opener vermag trotz oder gerade wegen seiner komplexen Veranlagung zu überzeugen, Hut ab!

Noch verspielter und progressiver schließt A Critical Affair an. Auch hier liegt die Wahrheit irgendwo zwischen der instrumentellen Progressivität und den gegensätzlichen, aber jederzeit von Melodie geprägten Vocals. Eben dies jedoch ist das Alleinstellungsmerkmal von Sifting und macht die Musik und Qualität aus.

Um der Abwechslung gerecht zu werden, bringen Sifting mit Enough ihre sanftere, balladeske Affinität zur Geltung. Diese Nummer weicht musikalisch ein Stückchen ab, wenngleich die progressive Basis immer wieder aufblitzt. Letztlich könnte man Enough den Willen zur kommerzielleren Ausrichtung unterstellen, was der Sache an sich allerdings keinen Abbruch tut. Enough passt mit Sicherheit recht gut in die gegenwärtige modernere amerikanische Metal Szenerie und dürfte deshalb Anklang finden.

Umso extrovertierter und zielbewusster schlägt Stop Calling Me Liberty in die Kerbe. Folgt man der abstrakt und eigenwillig klingenden Refrainmelodie und den darin verborgenen Harmonien, beweisen Sifting hier in hohem Maße, wie zusammenhängend progressive Musik dennoch sein kann.

Weg vom Massentauglichen, hin zur Passion, so dürfte The Fifth Element als reines Instrumental die Leidenschaft der Musiker in den Vordergrund stellen. Ich kann der Nummer doch einiges abgewinnen, denn das ist musikalische Kunst. Andere mögen The Fifth Element vielleicht lediglich als nette Auflockerung oder gar Lückenfüller bezeichnen und den über sieben Minuten deshalb nur wenig Aufmerksamkeit schenken, das darf aber gerne jeder für sich selbst entscheiden. Hier setzen Sifting im Sinne der Progressivität nochmals einen drauf. Ein Instrumental zu präsentieren beweist stets Mut und Selbstbewusstsein. Wie gesagt, ich denke, das darf man, vor allem dann, wenn es so perfekt vorgetragen ist. Hier ist alles drin, Atmosphäre, Tiefgang und jede Menge technische Raffinesse.

Nachdem man sich auf The Fifth Element eingelassen hat, reißt What If einen aus der Konzentration quasi wieder heraus. Eine in sich runde Komposition, die überwiegend vom Groove lebt. Der Refrain ist durchaus griffig, das Arrangement im Übrigen kann an die bisherigen Songs jedoch nicht anknüpfen. Hier fehlt ein wenig der Spirit.

To Who I Am hingegen strotzt nur so vor Eigenwilligkeit. Hätte ich so nicht erwartet, denn hier scheint man nicht nur auf anderen Pfaden zu wandeln, vielmehr folgten Sifting hier ausschließlich ihrer Lust, einfach nur Musik zu machen, die ihnen gefällt. Viel Melodie, flüssige und logische Harmonien, aber eben nicht das, was wir von Sifting auf diesem Album bislang gehört haben. Dennoch schön anzuhören.

Bei Ghost Of A Lie wirkte kein geringerer als Derek Sherinian mit. Derek wirkte als Keyboarder bereits bei Dream Theater, Black Country Communion und als Studiomusiker u. a. bei Alice Cooper, Billy Idol, Joe Bonamassa und Yngwie Malmsteen sowie Kiss mit. Die musikalischen Akzente liegen demnach eher im Infight zwischen Gitarren, Bass, Drums und Keyboards, die viel zur Entfaltung erhalten. In hervorragender Art und Weise sei bemerkt. Dass Ghost Of A Lie am Ende als eine der stärkeren Nummern gilt, liegt mitunter auch an der Besetzung. Besonders der Refrain erzeugt bei mir Glücksgefühle. Die transportierte Atmosphäre sucht in der Tat ihresgleichen. Das klingt alles sehr üppig und wohl durchdacht.

Geradeaus, abermals progressiv und dennoch schnörkellos kommt Emotionless Shells daher. Eine eher übersichtliche Songstruktur, der man auf den ersten Blick mehr Härte zugedacht hat. Einer wilden Raserei kommt die Gitarrenarbeit gleich, auch die Vocals entgleiten erstmals in dezentes Growling. Die aggressive Modulation bringt Nachdruck und eine gewisse Bestimmtheit an den Tag.

Der Titeltrack The Infinite Loop ziert zugleich den Abschluss des gleichnamigen Albums. Der Song beginnt episch und baut viel Atmosphäre auf. Abermals werde ich an Dream Theater erinnert. Die abrupt einsetzenden Vocals unterbrechen eben diese Atmosphäre und leiten in die Geschichte des Songs über. The Infinite Loop verlangt mir deshalb weit aus mehr als nur schlichtes Zuhören ab. Man muss sich in die einzelnen Teile des Stücks reinfallen lassen, demnach öfter hineinhören. Die Struktur ist komplex und manches Mal auch sehr gegensätzlich. Den roten Faden zu finden, stellt nicht selten eine Herausforderung dar. In diesem Lied liegt meines Erachtens das musikalische Fundament von Sifting begründet. Der Hang und die Leidenschaft, progressive Musik zu schaffen. Das ist den Herren hiermit eindrucksvoll gelungen.

Sifting – The Infinite Loop
Fazit
The Infinite Loop ist für mich ein aufsehenerregendes Album. Vor allem wegen seiner Vielfalt, seinem Selbstbewusstsein und des eigenen Wesens. Sehr erfrischende Musik, die mich erreicht und berührt hat. Für Liebhaber des Genres eine unbedingte Kaufempfehlung.

Anspieltipps: Agony, A Critical Affair, Ghost Of A Lie und The Infinite Loop
Peter H.
9.3
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Contra
9.3
Punkte
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