Viele metallische Perlen hätten ohne die enthusiastische Arbeit von Undergroundlabels niemals das Licht der Welt erblickt. Das war vor 40 Jahren nicht anders als heute. Heute sind die Namen der Labels Dying Victims Prodcutions oder No Remorse Records. Wir wollen aber zwei Labels unter die Lupe nehmen, die an der Verbreitung der NWoBHM großen Anteil hatten. In dem folgenden zweiten Teil geht es um Ebony Records. Uns geht es vor allem um bereits vergessene Perlen, die aber auch heute noch hörenswert sind. Damit die Listen nicht endlos werden, haben wir uns auf zehn Bands je Label beschränkt.
Etwas später als Neat Records startete Ebony Records aus Hull. Darryl Johnston produzierte in seinen eigenen Ebony Studios, sodass Ebony Records fast auf der Hand lagen. Von 1982 bis circa Ende der 80er-Jahre fanden junge Bands Unterstützung bei Johnston. Die bekannten Namen sind Grim Reaper und See You In Hell oder Savage mit Loose ’n Lethal. Unser Fokus liegt wie bei Neat Records auf den weniger bekannten Namen, die aber eine LP über Ebony Records veröffentlichten.
Bei dem Namen Blade Runner denkt fast jeder Mensch an einen Spielfilm. 1983 veröffentlichte die gleichnamige Band Hunted und zwei Jahre später noch Warriors Of Rock. So wie die Truppe aus London und Derby auftauchte, genauso verschwand die Band wieder.
Eine der Hinterlassenschaften von Blade Runner ist ein Debüt in der Blütezeit der NWoBHM. Die Nummern sind kompakt auf den Punkt gespielt und zwischen knapp drei und maximal vier Minuten gehalten. Der Auftakt nennt sich Too Far, Too Late und bringt den metallischen Sound der NWoBHM in den Gehörgang. Tokyo Blade wären ein passender Vergleich mit einem größeren Namen. Die eher rockige Back Street Lady fällt etwas aus dem Rahmen, ansonsten haben sich Blade Runner dem metallischen Sound der NWoBHM verschrieben.
Fazit: Ein gutes Heavy-Metal-Album, das tief im NWoBHM-Sound verwurzelt ist.
Französisch und englisch geht es mit Chateaux aus Cheltenham weiter. Ob das x am Ende das Traumschloss verhindern sollte, werden wir nicht erfahren. Das Trio kredenzte zwischen 1983 und 1985 den Fans jedes Jahr eine LP. Chained And Desperate macht den Anfang 1983. Die Truppe ist eng verwurzelt mit Grim-Reaper-Sänger Steve Grimmet, der auf dem Debütalbum den Gesang übernimmt. Für das zweite Album musste jedoch Bassist Krys Mason das Mikrofon schwingen, da Grimmet sich voll auf Grim Reaper konzentrierte.
Chained And Desperate wird als frühes Meisterwerk des britischen Heavy Metal gefeiert, was der Band aber wenig nutzte. 1986 endete die kurze Karriere von Chateaux. Ob das Debüt bereits ein Meisterwerk der NWoBHM ist, ist mit einem Fragezeichen zu versehen. Es ist auf jeden Fall eine mehr als hörenswerte LP, die deutlich variabler daherkommt als viele andere Genrevertreter. Sachen wie das mehr als sechsminütige The Dawn Surrendered sind ihrer Zeit fast voraus und könnten auch aus der Feder von Crimson Glory stammen. Auch Baton Rouge sticht hervor. Die vier Minuten legen mehrere Drehungen und Wendungen hin und dürften 1983 den englischen Rock-Fans ungläubiges Staunen abverlangt haben. Folgerichtig hat High Roller Records 2018 die LP nochmals neu aufgelegt, damit Fans in den Genuss der Hardware kommen können.
Fazit: Top-Scheibe, sollte jeder Old-School-Fan im Schrank stehen haben.
Schon Ende der 70er starteten Dealer aus Cirencester ihre Karriere. Nach zwei Umbenennungen landete die Band beim Namen Dealer. Es folgten einige Demos und bis die erste Scheibe fertig war, war die NWoBHM Geschichte. First Strike liefert knappe 34 Minuten Musik, in denen das dreiteilige Final Conflict: Part I Prologue Part II Conflict Part III Genocide mit einer Laufzeit von mehr als acht Minuten hervorsticht, bleibt aber musikalisch im vorherrschenden Rahmen. Insgesamt geht es solide zur Sache, ohne dass die großen Akzente gesetzt werden.
Fazit: NWoBHM-Stoff, gut hörbar, aber ohne die großen Höhepunkte.
Wer hat bereits bei der Hölle seinen Mietvertrag fixiert? Hammer aus Middlesbrough, die sich vorher Holland nannten, legen 1985 Contract With Hell auf den Tisch. Das klingt bereits vom Titel dunkel und würde auch zu Venom passen. Musikalisch ist das Ding aber eher im Proto-Metal zu verorten. Der Anfang Caution To The Wind kommt temporeich daher, mit Try It geht es zum Rock und Namen wie Y&T oder auch die melodischen NWoBHM-Varianten wie Demon oder Saracen schwirren als mögliche Anhaltspunkte durch den Schädel, ohne dass Hammer an die Klasse von den beiden Bands anknüpfen können.
Hammer verschwanden 1987, tauchten 2015 nochmals auf der einen oder anderen Bühne auf. Für einen Studiobesuch oder gemeinsames Songwriting reichte es aber nicht mehr.
Fazit: Früher Sound der NWoBHM, wo es jedoch besseres Material gibt als von Hammer.
Wo wir bei Hammer waren, dann kommen Holland sofort danach. Von 1982 bis 1984 agieren Holland, bevor die Umbenennung zu Hammer erfolgt. 1984 veröffentlichen Holland Early Warning via Ebony Records. Shout It Out, Second Time Casualty oder Break Out The Booze: zwischen Hard Rock und Proto Metal ist Early Warning zu verorten. Etwas hervor stechen Do It, der leichtes Hitpotenzial in sich birgt, mit einem einprägsamen Refrain, und der stampfende Headbanger Kicking Back. Die meisten Nummern auf der LP gehen flott voran und die circa 35 Minuten lassen sich entspannt hören.
Fazit: Stärker als die Hammer-Scheibe, aber klar hinter den Platzhirschen wie zum Beispiel Demon. Wer auf den frühen Sound zwischen Rock und Metal der NWoBHM steht, sollte ein Ohr riskieren.
Eine späte Veröffentlichung der NWoBHM kommt aus Cardiff. Rankelson waren von 1984 bis 1988 aktiv. Das Debüt nennt sich Hungry For Blood. Das klingt, als wären hier Vampire am Start. Zu hören gibt es Metal der englischen Bewegung mit einem leichten Glam-Einschlag. Die Saiten kommen zur Geltung und das eine oder andere Solo wird in die Tracks eingestreut. Aber auch ein Keyboard ist im Sound verwoben, sodass Rankelson generell weicher und melodischer daherkommen als andere Genrevertreter.
The Chains And The Chalice legt gleich zum Einstieg den Spagat zwischen Melodie und Metal aufs Parkett, Break The Chains legt mehr Wert auf den metallischen Hebel und erinnert vom grundsätzlichen Sound an zum Beispiel Demon. Aber auch runde, rockige Sachen wie Can’t Stop Rockin‘ haben Rankelson drauf.
Hard Rock, der etwas an Gary Moore erinnert, leitet die B-Seite ein. Rankelson werden insgesamt verspielter und langatmiger. Bis auf Abuser laufen die Lieder um die fünf Minuten und kommen nicht so auf den Punkt wie die A-Seite. Der Abschluss New York City sticht schon vom Titel hervor. Rankelson liefern einen sauberen US-Rocker, der sich auch gut in die Phalanx der amerikanischen Größen machen würde.
Die Truppe ist 1986 einfach zu spät dran und der Spagat zwischen den Subgenres sorgt dafür, dass Rankelson nach dem 1987er-Release The Bastards Of Rock ’n‘ Roll verschwinden. Erst seit 2019 gibt es wieder Live-Gigs auf den entsprechenden Festivals.
Fazit: Rankelson zeigen sich vielseitiger als andere Vertreter der NWoBHM. Das Spektrum reicht vom Hard Rock, Heavy Metal bis zum Glam Rock. Wer in die abflauende NWoBHM eintauchen möchte, bekommt mit Hungry For Blood ein Werk, mit dem eine Band versucht, in verschiedenen Gewässern zu fischen.
Ob japanische Wurzeln bei den Bandmitgliedern vorliegen, ist nicht überliefert. Aus Merthyr Tydfil, Wales, stammen Samurai und waren von 1980 bis 1987 aktiv. Ende der 80er erfolgte eine Umbenennung zu Cruise 101, wo ein Keyboard in den Sound integriert wurde. Allerdings verliert sich die Spur und der genaue Zeitpunkt der finalen Auflösung der Band ist unbekannt.
Sacred Blade ist das Debüt von Samurai und liegt 1984 auf der Ladentheke. 1986 folgt noch Weapon Master, ebenfalls bei Ebony Records. Eine halbe Stunde Musik auf acht Nummern verteilt liefern Samurai auf ihrem Debüt. Die Stücke kommen zügig zum Punkt und haben die Hard-Rock-Zeit hinter sich gelassen. Spätestens mit Fire In Our Eyes knüpfen Samurai den Kontakt zum Speed Metal, aber auch das restliche Material stampft solide durch die NWoBHM. Sogar eine Halbballade als Intro ist bei Survivor zu hören.
Fazit: Sacred Blade und Samurai liefern alles, was die metallische Seite NWoBHM Mitte der 80er zu bieten hat. Etwas verwunderlich, dass es bisher keine offizielle Neuauflage zu der LP gibt. Sacred Blade ist eine Empfehlung für alle 80er-Jahre-Enthusiasten.
Und wieder Schweden. Neben Axewitch, Heavy Load und Lynx taucht 1980 noch Syron Vanes aus Malmö auf und veröffentlicht 1984 ihr Debüt Bringer Of Evil. Im Gegensatz zu vielen Bands der NWoBHM, sind Syron Vanes seit den 80ern durchgängig aktiv. 1986 folgt Revenge, dann dauert es bis 2003 und Insane für den Nachschub. Das aktuelle Werk nennt sich Chaos From A Distanceist und ist von 2017. Das dänische Label Mighty Music sorgt dafür, dass die Platte auf den Markt kommt.
Zurück zum Debüt, auf dem die Herren soliden Metal mit einer dunklen, okkulten Attitüde kreieren. Der Bass ist dominanter als bei anderen Genrevertretern, sodass der Sound stampfend und groovig durch die Landschaft stapft. Der mehr als fünfminütige Titeltrack versprüht leichte Black Sabbath-Vibes, genauso gibt es klassischen NWoBHM-Stoff, wie zum Beispiel Born To Rock.
Fazit: Bringer Of Evil ist bestimmt keine spektakuläre Platte der NWoBHM, aber gut hörbar und mit der düsteren Attitüde anders als die Masse der Genrevertreter.
Aus Lancaster kommen Touched und sind ab 1983 in der Szene unterwegs. Die Band formiert sich aus der Asche von Aragorn, die ihre Single Black Ice über Neat Records veröffentlichen. Gitarrist John Hull findet mit den Aragorn-Mitstreitern anscheinend kein gemeinsames Level für eine LP, sodass er Touched formiert. Das Debüt Back Alley Vices liegt ein Jahr später im Plattenladen. Mit Death Row folgt zwei Jahre später noch ein weiterer Longplayer, ehe sich die Spur der Band verliert.
Sachen wie Heartbreaker oder Nothing To Lose wirbeln nicht genügend Staub auf, als dass die abflauende Welle großartig Notiz von der Truppe nimmt. Solide Kost zwischen Hard Rock und Heavy Metal, aber insgesamt zu gleichförmig, lärmen Touched bei ihrem Debüt.
Fazit: Touched liefern wenig Argumente für eine intensivere Beschäftigung mit Back Alley Vices. Das Debüt dürfte vor allem etwas für Sammler und geschichtsaffine Musikfans sein. Für alle anderen NWoBHM-Fans gibt es besseres Material.
Tyga Myra kommen aus den West Midlands und starten als Vixen. Der Name dürfte bekannt sein, jedoch sind nicht die US-Hardrocker gemeint. Die Verwechselungsgefahr sah auch das Quartett und benannte die Band für das Release von Deliverance um.
Die hohen Vocals beim Opener Deliverance (Last Rites), eine Nummer um die fünf Minuten und mit ordentlich Tempo, sind eher Vorläufer des US-Power-Metal, als dass es nach NWoBHM klingt. Den Stiefel ziehen Tyga Myra aber nicht konsequent durch. Als Beispiel sei Right Through The Night erwähnt. Das Ding liefert gute Ansätze, aber vor allem das Backgroundgekeife beim Refrain sorgt eher für Stirnrunzeln, als dass es Begeisterungsstürme weckt. Die Truppe probiert die NWoBHM mit weiteren Elementen anzureichern, was aber nicht so richtig gelingen will.
Fazit: keine Must-have-LP, aber durchaus gut hörbar, mit dem einen oder anderen Abstrich bei den Instrumenten und Backgroundgesang. Wer auf eher rohes Material steht, dass an der einen oder anderen Stelle Demofeeling vermittelt, ist bei Tyga Myra richtig.


