28. August 2001. SlipKnot veröffentlichen ihr zweites Album gerade mal zwei Jahre nach ihrem Debütalbum SlipKnot über Roadrunner Records und schreiben damit ein Stück Musikgeschichte. Dabei gute oder schlechte? Tja, das ist eine interessante Frage.
Ich bin zu den Recherchen dieser Kolumne tief in die Geschichte von SlipKnot eingetaucht und habe versucht, so viel wie möglich des Zeitgeistes aufzunehmen. Kritiker dieser Zeit waren sich doch sehr uneinig, vor allem wurde das Auftreten der neun Musiker mit ihren Masken und ihren Overalls negativ kritisiert. Musikalisch hingegen war die Resonanz, in Teilen, weitestgehend positiv. Zumindest aus Deutschland.

Bevor ich aber mit meiner „fundierten“ Schwärmerei für das Album starte, möchte ich einen kleinen Einblick in SlipKnot starten. So könnt ihr am besten beim nächsten Kneipenbesuch während des Stammtischgesabbels punkten.
Offiziell war das Geburtsjahr von SlipKnot 1992, also sieben Jahre vor dem Debütalbum. Der Grundstein wurde während der Basement Sessions im Keller von Paul Gray gelegt. Dabei entstanden die Songs für das 1996 erschienene Demo Mate.Feed.Kill.Repeat, das das Interesse von Labels und Fans weckte. Die Idee des Bandnamens stammte dabei vom Schlagzeuger Joey Jordison, der auch als Fand der Band Korn dafür war, das „K“ in SlipKnot großzuschreiben.
Drei Jahre später, also 1999, erschien das Debütalbum SlipKnot via Roadrunner Records. Zu diesem Zeitpunkt war mit dem letzten Mitglied (an der Gitarre James Root) die Band mit neun Mitgliedern komplett. Zwar war die Musik alles andere als radiotauglich, doch war die Nachfrage umso größer. Das liegt teilweise auch daran, dass das Konzept der Band ist, komplett maskiert aufzutreten. Der ursprüngliche Hintergedanke war, die Privatsphäre der einzelnen Musiker zu schützen. Ich war und bin von dieser Idee der Ambivalenz, der Masken als Zeichen der Individualität und der uniformen Overalls als Symbol der Einheit als Band, fasziniert. Damit war ich anscheinend nicht der Einzige. Denn die Schar an „Maggots“ (wie Joey Jordison positiv gemeint die SlipKnot Fans nannte) wuchs in den folgenden Jahren.
Wie ich schon erwähnte, bestehen SlipKnot untyperschweise aus neun Mitgliedern. Das war und ist bis heute für eine Metalband extrem ungewöhnlich. Das Set-Up besteht dabei aus der klassischen Konstellation mit Gitarre (Mick Thompson, James Root), Bass (Paul Gray), Schlagzeug (Joey Jordison) und dem Gesang (Corey Taylor). Hinzu kommen noch die beiden Percussion Spieler und Backing Vocals (Shawn Crahan, Chris Fehn), einem Turntables (Sid Wilson) und dem Sampling/Keyboards (Craig Jones). Ein weiteres Merkmal der Musiker ist auch eine Unterscheidung durch Nummern. Dabei trugen die Mitglieder die Nummern von null bis acht.

Trotz allem wurde das Album im Sound City und Sound Image in Los Angeles aufgenommen und mit Ross Robinson zusammen produziert. Man mag glauben, dass es jetzt eine bessere Phase gab, doch leider war dies nicht der Fall. Ross Robinson brach sich bei einem Dirt Bike Unfall den Rücken, führte aber die Produktion weiter aus und ließ seine Schmerzen mit in Iowa einfließen. Corey Taylor brachte sich stimmlich an seine Grenzen und zerschnitt sich vor den Aufnahmen mit Glasscherben, um dann die Vocals nackt einzusingen.

Am 08.07.2002 erschien die nächste Single My Plague zum Film Resident Evil (wie passend). Der Perfomance-Teil stammt dabei von der Live-DVD Disasterpiece und zeigt, wie krass es auf einem SlipKnot Konzert zugehen kann. Ein besonderes Augenmerk möchte ich nur kurz auf das letzte Drittel des Videos legen, in dem Craig Jones einen Stagedive macht und dann, auf den Händen getragen, wieder zur Bühne gehievt wird. Im Schnitt wird dies mit den Szenen von Resident Evil kombiniert, in dem einer der Protagonisten in einem Zombie-Meer „badet“.
Das Album ist von den Songs her sehr divers sowie technisch und bietet, auch heute noch, für jedes Ohr genug Abwechslung. Ist einem mehr nach Songs mit Power, so ist man mit People=Shit, Disasterpiece gut bedient, ruhiger wird es mit Gently, etwas melodiöser hingegen mit Everything Ends und New Abortion. Der Stil bleibt aber, trotz der doch krass unterschiedlichen Songs, gewohnt gleich und man wird als Hörer gut abgeholt. Zwischendrin gibt es immer wieder kleinere Spielereien, ob nun durch die Turntables/Samples, die Percussion oder auf instrumentaler Ebene. Es gibt so viel zu entdecken auf der Iowa!
Aber warum heißt das Album eigentlich Iowa? Hierbei handelt es sich um den Bundesstaat, in dem die Musiker leben und ihre kreative Energie schöpfen. Ein kleiner Funfact über das Intro 515. Die Zahl ist dabei die Vorwahl von Iowa und ist meiner Meinung nach eine coole und passende Idee.
Der Sound des Albums kann sich immer noch echt hören lassen. Keins der Elemente ist krass überproduziert oder drängt sich in den Vordergrund. Das Schlagzeug klingt angenehm organisch (vor allem die Toms, welche heutzutage gerne mal totgemischt werden!), und fügt sich mit den anderen Instrumenten zu einem wohlklingenden Gesamtbild zusammen. Mich persönlich überrascht vor allem, dass weder die ruhigeren Songs, wie der 15 Minuten Killer Song Iowa noch die härteren, irgendwie untergehen.
Insgesamt immer noch eine hervorragende Platte! Man muss sie nicht mögen, aber man kann ihr definitiv nicht abstreiten, welchen Einfluss das Album musikhistorisch genommen hat. Meiner Meinung nach hat die Iowa dem modernen Death Metal einen Schubser gegeben. Vor allem in lyrischer Sicht, da vorher die Themen deutlich anders gelagert waren (Kriege, nordische Mythologie, Okkultes etc.). Das hat sich geändert und auf das Persönliche verlagert, mit dem die Kids der Anfang 2000er mehr anfangen konnten. So konnte sich der etwas eingestaubte und nicht ganz so attraktive Death Metal neu orientieren, formieren und es entstanden Szenegrößen wie Thy Art Is Murder, Whitechapel und Suicide Silence. Der reine Death Metal änderte sich und wurde zu dem, was er heute ist. Man kann sich jetzt darüber streiten, inwiefern die genannten Bands noch „Death Metal“ sind. Ich nutze das hier nur als Oberbegriff zur groben Kategorisierung. Das ist aber ein Thema, für eine andere Kolumne.
Wie schon gesagt, das Album muss (!) man gehört haben. Die Quellen, um sich Iowa anzuhören, sind so schier endlos (YouTube, Spotify in digitaler Form, als physischen Träger bei EMP, Amazon zu bestellen) genau wie diese Kolumne (hehe). Ich werde mir jetzt das Album noch mal in Ruhe anhören, auf die beiden leider verstorbenen Mitglieder Paul Gray und Joey Jordison anstoßen und mir bei EMP Shirts zu der Iowa angucken.


