Zero Degree – What We Become

03.10.2025 - Melodic Death Metal - Kernkraftritter Records - 40:22 Minuten

Ich kenne die Nordhäuser Zero Degree nun seit Surreal World (VÖ: 23. Oktober 2010), einem Album, das mich damals völlig abgeholt und meine Begeisterung für melodischen Death Metal aus Nordthüringen (aus Nordhausen – gesprochen „Nordhaaasn“) quasi nachhaltig gefestigt hat. Seitdem durfte ich die Jungs mehrfach live erleben, immer nahbar, immer leidenschaftlich, immer mit diesem unverkennbaren Gespür für Melodie und Druck. Als What We Become nun am 3. Oktober 2025 erschien, war schnell klar, dass hier nicht einfach nur neues Material vorliegt, sondern ein Album, das für die Band eine echte Wegmarke darstellt.

Seit 2006 sind Zero Degree aktiv und haben sich trotz überschaubarer Veröffentlichungsfrequenz einen festen Platz in der deutschen Melo-Death-Szene erspielt. Sie sind nie modischen Trends hinterhergelaufen, sondern ihrer Interpretation der Göteborg-Schule treu geblieben, und genau das zahlt sich auf What We Become in beeindruckender Weise aus, zumindest tut es das für mich. Die Platte klingt erfahren, reflektiert und zugleich hungrig.

Eine Band, die gereift ist …

What We Become beginnt bewusst ruhig. Das kurze Intro A Farewell To The Stars wirkt wie ein stiller Abschied von Illusionen und öffnet das emotionale Feld, in dem sich das Album bewegt. Direkt im Anschluss setzt der Titel Heresy ein und zieht den Hörer ohne Umschweife hinein: treibende Riffs, klare melodische Leads und Vocals, die kraftvoll, aber kontrolliert agieren. Hier hört man sofort, dass Zero Degree wissen, wie man Spannung aufbaut, ohne sich in Effekthascherei zu verlieren.

New Dawn führt diesen Ansatz weiter, wirkt zunächst zurückhaltender, fast sperrig, entfaltet seine Wirkung aber mit zunehmender Laufzeit. Der Song steht exemplarisch für die Reife der Band – nichts wird überstürzt, alles bekommt seinen Raum. Spätestens mit dem Song The Puzzle wird wieder mal und das sehr schön deutlich, wie sehr das Drei-Gitarren-Line-Up den Sound prägt. Die Gitarren verweben sich zu einem dichten Geflecht aus Rhythmus und Melodie, der Song entwickelt eine fast erzählerische Qualität und zählt für mich zu den stärksten Momenten der gesamten Platte.

Songs mit Tiefe

Im weiteren Verlauf bleibt das Album bemerkenswert geschlossen. Devil In Disguise setzt auf Direktheit und Härte, ohne die melodische Linie zu verlassen. Der Track wirkt wie ein bewusst gesetzter Kontrast zu den komplexeren Arrangements zuvor und bringt eine rohe, fast schon kämpferische Energie ins Spiel. Parasite schlägt dann eine deutlich düsterere Richtung ein. Der Song ist schwer, atmosphärisch dicht und entfaltet eine beklemmende Wirkung, die weniger aus Geschwindigkeit als aus Spannung und Stimmung entsteht – für mich eines der emotionalen Highlights.

Mit Black Winds zieht das Tempo wieder an, die Riffs sind treibend, die Leads eingängig, ohne banal zu wirken. Hier zeigt sich die große Stärke von Zero Degree: klassische Melodic-Death-Elemente so einzusetzen, dass sie frisch und relevant bleiben. Echo Chamber wirkt introspektiver, fast klaustrophobisch, mit einem Songaufbau, der sich langsam entfaltet und den Hörer in eine gedankliche Endlosschleife zieht.

Der Abschluss Dystopia ist bewusst und definitiv kein einfacher Rausschmeißer. Der Song nimmt sich Zeit, spielt mit Dynamiken und lässt Raum für Interpretation. Er wirkt wie ein offenes Ende, ein Nachhall und gelungenes Ende dessen, was das Album thematisch zusammenhält – für mich ein würdiger, nachdenklicher Abschluss, aber hört einfach selbst rein, dann wisst ihr, was ich meine.

Produktion & Artwork

Aufgenommen wurde What We Become im Jahr 2024. Die Gitarrenparts stammen von Maik Badowsky, das Schlagzeug wurde von Roy Siegel eingespielt. Für Mix und Mastering zeichnete sich kein Geringerer als Alexander Dietz verantwortlich, der dem Album einen druckvollen, klaren und dennoch organischen Sound verpasst hat. Die Produktion ist modern, ohne steril zu wirken, und lässt den Songs genau den Raum, den sie brauchen.

Das gelungene Coverartwork wurde von Florian Wenzel gestaltet und spiegelt die düstere, reflektierende Grundstimmung des Albums eindrucksvoll wider. Es verzichtet auf plakative Effekte und setzt stattdessen auf eine reduzierte, leicht beklemmende Bildsprache. Zusammen mit dem von Pascal Ziller gestalteten Layout ergibt sich ein stimmiges Gesamtpaket, das What We Become für mich auch optisch zu einem starken, in sich völlig stimmigen Release macht.

Hier geht es für weitere Informationen zu Zero Degree – What We Become in unserem Time For Metal Release-Kalender. Das neue Album von Zero Degree kann hier über Kernkraftritter Records bestellt werden.

Zero Degree – What We Become
Fazit zu What We Become
What We Become ist kein Album für den schnellen Konsum, sondern eines, das mit jedem Durchlauf wächst und wieder Neues erkennen lässt. Zero Degree setzen hier nicht auf Innovation um jeden Preis, sondern auf Konsequenz, Identität und eine spürbare Liebe zum melodischen Death Metal alter Schule. Für mich ist es das bislang geschlossenste und reifste Werk der Band, eines, das sowohl langjährige Fans als auch Genre-Liebhaber voll abholt und begeistert.

Anspieltipps: The Puzzle, New Dawn, Parasite und Dystopia
Dave S.
9.1
Leserbewertung0 Bewertungen
0
9.1
Punkte