Black Sabbath: 50 Jahre „Black Sabbath“ und „Paranoid“, wenn auch nicht mehr „On Tour“

Doppelschlag: 1970 ebnen zwei Alben von Black Sabbath den Weg für das, was wir heute Heavy Metal nennen

Das Jahr 2020 bietet sich geradezu an, auch mal fünfzig Jahre in die Vergangenheit zu blicken. Ich, damals gerade zarte 12 Jahre alt, war musikalisch noch in den Anfängen und in anderen Sphären unterwegs. Bis dahin war ich noch geprägt durch die „umfangreiche“ Plattensammlung meiner Eltern, die hörten leider nicht das, was ich im Nachhinein gut gefunden hätte. Beatles, Stones oder andere 60er Jahre Größen waren nicht angesagt, dafür gab es Platten von Big Bands wie James Last oder französische Chansons mit meiner damaligen Lieblingssängerin Mireille Mathieu, dem Spatz von Avignon. Unerfahren und früh verliebt, dachte ich immer, mit dem Song Martin, der Rückseite von Hinter Den Kulissen Von Paris (Anm. Platz 5 der deutschen Single Hitparade 1969) meint sie mich.

Natürlich wusste ich, dass es Radio gibt, aber meine Eltern hatten da meist Sender am Laufen, die eher schlagerlastig waren. Angefixt durch meine Freunde wurde das aber dann zu meinem Retter. Bereits seit einiger Zeit hatte ich die internationale Hitparade mit Wolf Dieter Stubel für mich entdeckt und so konnte ich bereits Lieder wie Barry Ryans Eloise, Zager & Evans In The Year 2525, Bee Gees Massachusetts oder World hören und auf Kassette bannen. Das geschah damals noch mit einem Mikrofon vor der Box hockend, denn die Radios damals (zumindest unseres) hatten zunächst noch keine Anschlussmöglichkeit für den Kassettenrekorder. Puh war das ätzend, wenn der Moderator dazwischenquatschte oder jemand ins Wohnzimmer kam.

In den ersten Monaten des Jahres 1970 hörte ich dann auch schon mal (da noch im Radio) etwas härtere Songs, wobei ich mit einigen, wie z.B. Led Zeppelin, so noch gar nichts anfangen konnte. Das sollte sich schnell ändern, denn durch den Bruder meines damals besten Freundes Volker wurde ich infiziert. Der dürfte maßgeblich dafür verantwortlich sein, dass ich eben diese Musikrichtung besser kennenlernen “musste“ und durch die stetige Beschallung bis heute daran festhalte. Reinhard, ungefähr drei, vier Jahre älter, konnte sogar Gitarre spielen, rauchte und trank Bier. Coole Socke, und dann hörte er auch noch Musik, die so ganz anders war als das, was die Hitparade bot. Da gab es plötzlich Songs wie Whole Lotta Love, Black Night, House Of The Rising Sun von Frijid Pink, Summertime von Mungo Jerry oder auch JethroTull mit Bourée. Auch abgedrehte Sachen wie Pink Floyds Atom Heart Mother, das damals vollkommen an mir vorbeiging, wurden da auf den Plattenteller gelegt. Tja und dann war da auch eine Platte, die mir zunächst nur mäßig gefiel. Am Anfang gab es Glockenschläge, die sich durch Gewitter und Regen kämpften. Dann setzte eine Gitarre ein und eine geheimnisvolle Stimme erklang. Zwischen den einzelnen Takten konnte man sich ein Bier holen, sofern man das schon trank, ich fand Pils bis dato nicht spannend (dank an meinen Vater, der mich das schon früh testen ließ). Tja und dann setzte sich diese doch so gänzlich andere Musik fort. Nach gut viereinhalb Minuten wurde es plötzlich rasanter. Zunächst dachte ich an einen neuen Song, bis ich realisierte, das gehört zusammen. Der Kopf nickte zwangsläufig und die damals schon längeren Haare wippten im Takt. Das nannte man damals wohl auch schon Headbanging und soll auf ein Konzert von Led Zeppelin zurückzuführen sein, bei dem die Fans ekstatisch den Kopf zum Rhythmus auf den Bühnenrand geschlagen haben sollen. Also Bang the Head.

Zurück zu Black Sabbath mit ihrem Erstlingswerk Black Sabbath, das am Freitag, dem 13. Februar 1970, veröffentlicht wurde. Damals gab es ja nur Langspielplatten und Singles. Die LP erschien in einem der bis dahin eher seltenen Klappcover, in deren Mitte sich ein umgedrehtes lateinisches Kreuz befand. Das wurde ohne Wissen der Band einfach eingefügt, brachte aber den erhofften Erfolg. Dadurch bedingt kamen häufig Einladungen zu schwarzen Messen, was die Band schnell in die satanische Ecke drückte. Das tat dem Erfolg keinerlei Abbruch, in Gegenteil, das war außerordentlich förderlich. Auf der Platte geht es dann weiter mit The Wizard, das mit einem Mundharmonika-Intro beeindruckte. Dazu wieder düstere Klänge vom Saitenhexer Tony Iommi, der durch einen Unfall zwei Kuppen seiner rechten Hand verloren hatte. Zunächst sah es nach dem Ende der Gitarrenkarriere aus, da er mit rechts die Saiten greift. Durch den Einsatz einer selbst gebastelten Prothese erhielt er sich aber die Spielmöglichkeit, und noch heute hat sich daran nichts geändert. Zum Glück. Was wären ansonsten für eindrucksvolle Riffs oder Soli nie gespielt worden. Des Weiteren wurde genau dadurch der Sound der frühen Black Sabbath geprägt, denn er nutzte einfach dünnere Saiten und stimmte die Gitarre etwas tiefer.

Apropos der Name. Bis zu ihrem Debüt hießen Black Sabbath noch Earth und spielten eher jazzig- oder blueslastige Stücke. Inspiriert durch Beobachtungen, dass gerade bei Gruselfilmen viele Menschen ins Kino gingen, um den wohligen Schauer zu erhaschen, beschlossen Iommi, Sänger Ozzy Osbourne, Trommler Bill Ward und Bassist Geezer Butler dieses in ihrer Musik einzusetzen und so sollten die sieben Stücke des Debüts ebenfalls zum Gruseln anregen. Somit musste auch ein passender Name her, den sie dann aus dem englischen Titel des Horrorfilms Die drei Gesichter der Furcht, eben Black Sabbath, mit Boris Karloff in der Hauptrolle „entliehen“.

Inspiriert von H.P.Lovecrafts Kurzgeschichte Beyond The Wall Of Sleep folgt Behind The Wall Of Sleep, eine typische Black Sabbath Nummer der frühen Siebziger. Der bis heute unverwechselbare Gesang von Ozzy, gepaart mit den fetten Riffs und Gitarrensoli von Tony, die auf den Beats von Geezer und Bill geradezu tanzen, hatten ab und an schon etwas Hypnotisches. Der nächste Track, N.I.B., ist aus der Sicht Luzifers geschrieben, wie die Textzeile My Name Is Luzifer Please Take My Hand unmissverständlich andeutet. Viele Kritiker sehen darin den Beweis für den satanistischen Hintergrund der Band. Musikalisch wird deutlich, welche Bedeutung der Bass bei Black Sabbath hatte. Geezer Butler spielt das Instrument eben nicht wie einen klassischen Bass, sondern eher wie eine Gitarre. Diese bis dato relativ unbekannte Form, sollte ein Markenzeichen von Black Sabbath werden und bis heute kopieren viele Bassisten diese Art zu spielen. Zu diesen genialen Basslinien gesellt sich bei N.I.B. eine prägende Hookline und sorgte dafür, dass dieses Stück fast immer Bestandteil des Livesets war und auch im Jahre 2017, bei der The End Live Tour wurde es auf die Setlist gesetzt. Ich hatte die Gelegenheit, das letzte Deutschlandkonzert in Köln zu sehen und auch hier war die Freude groß, diesen Track nochmals live zu hören.

Nun heißt es Platte umdrehen (ja, so war das damals), um die restlichen Tracks zu hören. Evil Woman, Don’t Play Your Games With Me, erster Song der zweiten Seite, zeigt wieder deutlich die Bedeutung des Basses. Ozzys falsettähnliche Stimme verzichtete vollkommen auf ansonsten üblichen Bluesrockelemente und die relativ einfachen Riffstrukturen kommen den virtuosen Bassläufen an dieser Stelle zugute. Produziert hat dies alles Roger Bain, der ein glückliches Händchen bewiesen hat. Bevor das über zehnminütige Warning die Platte abschließt, gibt es mit Sleeping Village ein mit einem immens schleppenden Rhythmus beginnendes Stück, das Pate für viele Doom Metal Songs der heutigen Zeit sein könnte. Gesanglich hat Ozzy hier nicht viel beigesteuert und so ist der lyrische Erguss eher eine mäßige Leistung. Trotzdem wird hier nochmals die ganze, in Zukunft zu erwartende Klasse, der Briten hörbar. Ihr erstes Album, das sie in nur zwölf Stunden eingespielt haben, ist im Nachhinein als wegweisendes Werk zu sehen. Wäre es heute auf den Markt gekommen, wäre die Konkurrenz fast schon übermächtig. 1970 war es einfach nur anders, geheimnisvoll und dunkel und wer ahnte damals schon, dass es der Grundstein einer gesamten Bewegung, eines Stiles, eines Genres sein würde.

Selbst in Amerika stand das Debüt über ein Jahr in den Charts und verkaufte sich in der Zeit über eine Million Mal. Eine Besonderheit in den Staaten war, dass Evil Woman auf dem amerikanischen und japanischen Markt aus lizenzrechtlichen Gründen nicht veröffentlicht werden durfte und durch Wicked World ersetzt wurde. Das ist vor allem für Sammler interessant, die natürlich beide Pressungen brauchen. Erst später fand man beide Songs auf der Platte/CD wieder. Ein weiteres Sammlerstück dürfte die erste britische Ausgabe sein, denn da wurde der Name von Ozzy fälschlicherweise mit Ossie angegeben. In England und Deutschland stieg die Platte auf Platz acht der Charts und hielt sich dort 8 Monate (D) bzw. 42 Wochen (UK). Dass sich eine Platte so lange hielt, war damals natürlich auch dem Umstand zu verdanken, dass es damals eine nicht so gewaltige Flut an Neuveröffentlichungen gab. Trotzdem war und ist dies mehr als nur ein Achtungserfolg.

So vergeht der Sommer 1970 und bereits im September, also knapp sieben Monate später, kommt der Nachfolger in die Läden und damit der nächste Hammer. Die Informationen gab es damals nur per Radio oder über ein paar einschlägige Musikzeitschriften wie der POP, der Sounds, dem Musik Express und der Bravo. Ja, die Bravo, damals noch für viele die einzige Chance, News zu lesen, existierte bereits seit 1956. Neben Dr. Sommer, der müsste heute ein biblisches Alter haben, dem Starschnitt oder Artikel über Pop-Sternchen gab es hier auch die notwendigen Neuigkeiten über Rockbands. Der Begriff Metal fiel da noch nicht und auch der Hard Rock war noch nicht so richtig geläufig. Klar gab es da schon Bands, die härter zur Sache gingen, genannt seien da Mc 5, Nazareth, Scorpions, Blue Öyster Cult, Alice Cooper oder Status Quo, die auch ab und an in der Bravo erwähnt wurden. Da ich ja noch so jung war, hatte ich keinen Zugang zu den renommierteren Zeitschriften und musste mit der Bravo vorliebnehmen. Nur bei meinem Freund lagen die „richtigen“ Zeitungen aus und wurden geradezu verschlungen. Da lernte ich dann auch, dass seit Ende der Sechziger die prägenden Hard Rock Bands Deep Purple, Led Zeppelin, Uriah Heep und eben Black Sabbath waren.

Die machten mit dem nun im September erschienenem Album Paranoid das neue Genre salonfähig, eben auch durch die gleichnamige Single, die schnurstracks in die Charts einstieg. Ursprünglich sollte Paranoid, also die LP, The Walpurgis heißen und wurde dann umbenannt in War Pigs. Das war aber gerade für Amerika nicht geeignet, denn die befanden sich zu dem Zeitpunkt im Vietnamkrieg und der Titel hätte als Provokation angesehen werden können. Trotzdem zeigte das Cover eine Person, die hinter einem Schutzschild mit einem langen Schwert in der Hand steht. Man entschied sich also, es Paranoid zu nennen, nach dem eigentlich als Lückenbüßer gedachten Track. Auf Druck der Plattenfirma, die wollte unbedingt eine Single-Auskoppelung, wurde der Titeltrack in nur zehn Minuten arrangiert und schnell aufgenommen, sodass die Platte entsprechend „voll“ war und damit eine kurze Nummer beinhaltete, die als Single-Auskoppelung taugte. Dass dies der Anbeginn der ganz großen Karriere war, zeigte sich daran, dass die Single sofort in die entsprechenden Charts einstieg und in Deutschland 17 Wochen da verblieb. Selbst Cindy und Bert veröffentlichten eine deutsche Coverversion, die den Titel Der Hund Von Baskerville hatte (Anm. gruselig). Ob des Erfolges traten Ozzy, Geezer, Tony und Bill dann bei den britischen Top Of The Pops und in Deutschland beim Beat Club mit Uschi Nerke und Gerhard Augustin auf. Das war damals die einzige Chance, Rock Acts zu sehen. Erst ein Jahr später kam Ilja Richters Disco dazu. Dies war der Beginn des Hard Rocks, der natürlich nicht nur von Black Sabbath allein losgetreten wurde, sondern weitere bahnbrechende Alben von großen Bands sind in dem Jahr 1970 erschienen. Das eine oder andere greife ich zu einem späteren Zeitpunkt auf.

Ich schweife ab und somit zurück zur Musik von Black Sabbaths zweiten Album. Neben dem erwähnten Paranoid sind weitere typische Songs auf der Vinyl-Scheibe zu finden. In dem über sieben Minuten langen War Pigs sind die Heavy Anteile so stark vertreten, dass viele entsprechende Bands ihre Wurzeln nicht leugnen können. Ugly Kid Joe, Bruce Dickinson, Megadeath, Sepultura, Pantera und viele andere nennen Paranoid als einen der Haupteinflüsse für ihre Musik. So hat War Pigs bereits vor fünfzig Jahren all das, was ein Heavy Metal Song braucht. Fette Riffs, eine gute Melodie, klare Gitarrensoli und eben die Rhythmusarbeit. Mitverantwortlich dafür war auch wieder Produzent Rodger Bain, der genau das aus der Band rausholte, was sie so unverwechselbar machte. Aber auch für Experimente sind die Herren gut. Bei Planet Caravan gehen sie einen unkonventionellen Weg, der auch in Zukunft immer mal wieder beschritten wird. In diesem Fall lassen sie sparsame Bongos auf eine jazzige Gitarre und eine verfremdete Stimme treffen und sorgen damit zunächst für Stirnrunzeln und Verwirrung. Zum Glück besinnen sich die vier aus Birmingham, und mit Iron Man, später auch als Single erhältlich, ist die nächste Lehrstunde in Sachen Heavy Metal auf der Scheibe zu finden. Das einfache aber kraftvolle energetische Drum-Spiel von Bill Ward und die immer wieder als Gitarre gespielte Viersaitige sind die Basis für geniale Gitarrenriffs und den markanten Gesang vom unverwechselbaren Ozzy Osbourne. Heavy Metal in Reinheit eben. Bei Electric Funeral zeigt Tony Iommi eindrucksvoll, wie mit verzerrter, tiefer gestimmter Gitarre die Schwere in einem Song rübergebracht werden kann. Hört man den Song heute, könnte man glatt denken, die heutigen Dark Rock Bands hätten mit Zurück In Die Zukunft ihren Stil in die Siebziger gepflanzt.

Mit Hand Of Doom und Rat Salat geht die Scheibe weiter. Beide sind ebenfalls einprägsame Songs, die aber von Fairies Wear Boots als Abschluss getoppt werden. Der sechs Minuten Track besticht durch fein abgestimmte Breaks, mal etwas langsamer, mal wieder schneller, einer Hookline, die bis heute ihre Unverwechselbarkeit behalten hat und eigentlich vollkommen zeitlos zu sein scheint. Für diese Kolumne habe ich mir natürlich die Scheiben nochmals angehört und bin erstaunt, dass diese Songs 50 Jahre alt sind. Hört man heute Bands wie Kadavar oder The Vintage Caravan, dann lebt das alles wieder auf. So geht Fairies Wear Boots nach dem etwas schwerfälligen Anfang in eine schnelle Nummer über, die noch mal zeigt, was die vier Pioniere des Hard Rock und des frühen Heavy Metal hier zustande gebracht haben. Was neben dem Album an sich bleibt, ist mit Paranoid ein 2:48 Minuten langer Klassiker, der noch heute sofort am ersten Riff erkannt wird. Damit wurde die Matrize für den Heavy Metal kreiert.

Diese beiden Scheiben sind der Anfang von einigen Platten aus dem Jahre 1970, die als prägend für den Hard Rock und den Heavy Metal angesehen werden dürften. In lockerer Reihenfolge werde ich mich noch um Uriah Heeps Very ’Eavy … Very ’Umble, Deep Purples In Rock und Led Zeppelins drittes Album kümmern, die alle 2020 ein halbes Jahrhundert alt geworden sind. Was mir noch am Herzen liegt, ist Pink Floyds Atom Heart Mother, das ebenfalls 1970 erschien. Das Album, mit der berühmten Kuh Lulubelle III auf dem Cover, hat es verdient, genannt zu werden, obwohl es bei den Kritikern und der Band als musikalischer Tiefpunkt angesehen wird. Trotzdem ist es der musikalische Ursprung, aus dem dann 1973 Dark Side Of The Moon entsprang und mit der Scheibe wurde der bis heute erfolgreiche Stadion Bombast Rock erfunden und eine der erfolgreichsten Progrock Bands der Welt geschaffen.

Hier findet ihr den zweiten Teil unserer 50 Jahre-Reihe: Deep Purple: 50 Jahre „Deep Purple In Rock“, damit natürlich nicht mehr On Tour

Gefällt euch die 50 Jahre-Reihe? Dann findet ihr hier den dritten Teil: Uriah Heep: 50 Jahre „…Very ’Eavy …Very ’Umble“ und der Beginn einer bis heute anhaltenden Karriere

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