

Bereits seit Mitte 1969 hatten sich Deep Purple nach dieser Neubesetzung in diese härtere Richtung entwickelt und legten mit In Rock den Meilenstein für weitere richtungsweisende Alben. Speed King, der erste Track auf der mit dem vor Selbstbewusstsein strotzendem Cover wurde bereits Mitte 1969 als Kneel And Prey in den Livekonzerten gespielt und war neben Child In Time später auf In Rock zu finden. Auch das war typisch Deep Purple, die haben oftmals ihre Songs erst live aufgeführt, bevor die dann auf Platte gebannt wurden. Noch zwei Worte zum Cover. Die Konterfeis von Gillan, Glover, Paice, Lord und Blackmore wurden anstelle der vier USA Präsidenten in den Mount Rushmore eingepflanzt und sollten wohl schon mal den Weg in Amerika ebnen.

Nach dem zwar nicht mehr so rasanten aber dennoch faszinierenden Bloodsucker, bei dem Gillan bereits seine, der zu engen Hose geschuldeten, hohen Schreie beweist, kommt wohl eins der spektakulärsten Stücke, der sich neu erfundenen Deep Purple. Child In Time, das wie erwähnt bereits 1969 für das Concerto komponierte, auf der Platte nicht aufgeführte Stück, hat es nun auf In Rock geschafft. Der Song besticht durch seine Wechsel zwischen Geschwindigkeiten, Stimme, Orgel und Gitarre. Die verhalten beginnende, einfach gespielte Orgel und die zunächst sanfte Stimme von Ausnahmesänger Ian Gillan beginnen. Im Laufe der folgenden Minuten wird es schneller, kraftvoller – Gillan steigert sich ekstatisch und ebnet dadurch dem einsetzenden Ritchie Blackmore den Weg für ein rasantes Spiel. Der nutzt den Freiraum für ein unglaubliches Solo, das bis heute überdauert und vielen Flitzefingern wie beispielsweise Ingwie Malmsteen oder auch Eddie Van Halen als Lehrstunde dient. Bei Child In Time überwiegt noch Blackmores Gitarre, obwohl das Duell zwischen Orgel und Gitarre bereits in den Startlöchern steht. Live erstreckt sich dieses Wechselspiel oftmals in minutenlangen Battles. Nach der schon fast nicht auszuhaltenden Geschwindigkeitssteigerung endet der Ausbruch abrupt, um dann wieder mit der Wiederholung der sanften Anfangsmelodie zu beginnen.

Kaum ist das Stück vorbei, kommt es einem so vor, als ob plötzlich irgendetwas fehlt. Child In Time hat etwas Besonderes, das in einem eine ungewohnte Spannung hervorruft, die nun weg ist. Das sich anschließende Flight Of The Rat holt einen schnell wieder runter und das muntere Stück lebt wieder von dem virtuosen Hammondorgelspiel Jon Lords, der sich hier austoben darf. Natürlich kommt auch Ritchie nicht zu kurz, und so ist auch hier wieder der noch in Koexistenz befindliche Konkurrenzkampf zwischen beiden spürbar. Damals gehörte es einfach dazu und über den da bereits schwelenden Konflikt war noch nicht wirklich etwas bekannt. Das folgende, bereits auf Seite B befindliche Into The Fire, weicht von dem schnellen Flight Oft The Rat ab und zeigt eine andere Seite auf. Fast schon stakkatoähnlich singt sich Ian Gillan durch den Song und zeigt seine Wandlungsfähigkeit. Heute würde man das wohl als Midtempo Nummer bezeichnen. Mit Living Wreck setzen Deep Purple das Album fort. Jon Lord spielt bei dem Track nicht einfach nur klassisch Orgel, sondern setzt schon auf verzerrte Synthesizerklänge, die hier hervorragend zur Geltung kommen und bei seinen Livesoli immer mehr ausgebaut wurden. Die Melodie bleibt sofort hängen und die Hookline ist bis heute unverwechselbar. Das Stück ist zwar von allen komponiert, aber noch hat sich der Einfluss von Jon Lord hier durchgesetzt. Mit Hard Loving Man endet die Platte und auch hier werden noch mal alle Register gezogen. Das galoppierende Stück geht über sieben Minuten und erlaubt nochmals der gesamten Band zu brillieren. Schräg gespielte Hammondorgel trifft auf weiße Stratocaster, die beide auf einer stabilen Rhythmusbasis flanieren und zusammen dem genialen Sänger den Boden bereiten.
Die Originalscheibe von 1970 lässt allerdings einen Song vermissen, der bereits im Juni als Single veröffentlicht wurde. Black Night hatte es, aus welchen Gründen auch immer, nicht auf die LP geschafft. Im Nachhinein wurde dann bekannt, dass die Plattenfirma gern zur Veröffentlichung von In Rock eine Single gehabt hätte. Da die vorherrschende progressive Ausrichtung von Deep Purple das Produzieren von Singles oder Auskoppeln einzelner Songs ablehnte, die Plattenfirma aber auf einer Single bestand, begab man sich ins Studio, wo den Protagonisten zunächst nix einfiel. Nach dem gemeinsamen Kneipenbesuch gingen Blackmore und Glover aber nochmals ins Studio und Ritchie zauberte ein Riff hervor, das, so verriet er später, von Rick Nelsons Summertime geklaut war. Gillan stieß dann dazu und zauberte einen Text. Nach drei Stunden war die Aufnahme im Kasten und Black Night geschaffen. Erst mit der 25th Anniversary von In Rock wurde der Song mit auf die Platte gebracht.
Damit endet mein Rückblick auf Deep Purple In Rock. Bis ich mein eigenes Exemplar hatte, gingen noch einige Jahre ins Land. Mit meinem Taschengeld war da noch nicht viel zu reißen. Erst ab Machine Head, also 1973, war ich in der Lage, mal eine Langspielplatte zu kaufen. Bis dahin musste ich mich mit Aufnahmen bei meinen besser ausgestatteten Freunden zufriedengeben oder einfach weiterhin Radio hören. Trotzdem ist mir das wegweisende Album ans Herz gewachsen und steht in mehrfachen Ausstattungen in meinem Plattenregal. Selbst heute, 50 Jahre nach Erscheinen, hat es etwas von Revolution, Aufbegehren und Einzigartigem. Meine Haare wurden damals länger, die schulischen Leistungen sanken analog dazu und ich dachte damals noch, Musiker sind unerreichbare Wesen. Zum Glück weiß ich heute, dass dem nicht so ist, und ich durfte bereits einige meiner damaligen Helden persönlich treffen. Unvergesslich ist das Treffen mit Jon Lord hier in Kiel, oder auch mit Roger Glover und Ian Paice in Düsseldorf. Hoffentlich bleiben sie uns noch lange erhalten. Ihre Musik wird auf jeden Fall überdauern.
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