Blink 182 – 13. Juni 2017 – König Pilsener Arena, Oberhausen

Wenn Musik von Erinnerungen lebt

Headliner: Blink 182

Vorband(s): A Day To Remember, Lower Than Atlantis

Ort: König Pilsener Arena, Oberhausen

Datum: 13.06.2017

Kosten: Vorverkauf ab 42,00€ VK, Abendkasse 50,00€ (Nur Sitzplatz)

Genre: Pop-Punk, Punk, Hardcore

Besucher: ca. 8000 Besucher

Veranstalter: Prime Entertainment (http://prime-entertainment.de/)

Link: https://www.ticketmaster.de/event/blink-182-tickets/204761?camefrom=de_va_koepiarena&language=de-de&brand=de_koepiarena

Setlist:

  1. Had Enough
  2. Dumb
  3. Emily
  4. Work For It
  5. English Kids In America
  6. Here We Go

  1. All I Want
  2. I’m Made Of Wax Larry, What Are You Made Of?
  3. 2nd Sucks
  4. Right Back At It again
  5. Have Faith In Me
  6. Naivety
  7. Paranoia
  8. If It Means A Lot To You
  9. All Signs Point To Lauderdale
  10. The Downfall Of Us All

  1. Feeling This
  2. The Rock Show
  3. Cynical
  4. Anthem Part Two
  5. What’s My Age Again
  6. First Date
  7. Bored To Death
  8. Built This Pool
  9. Down
  10. I Miss You
  11. Dumpweed
  12. Reckless Abandon
  13. She’s Out Of Her Mind
  14. Always
  15. Violence
  16. Sober
  17. Family Reunion
  18. Dysentery Gary
  19. Los Angeles

Zugabe

  1. All The Small Things
  2. Brohemian Rhapsody
  3. Dammit

Im Juni 2017 lassen es sich Blink 182 im Rahmen des Festivalsommers nicht nehmen, ein paar Headline-Shows in Deutschland zu spielen. Für dieses Unterfangen haben sie die Pop-Punk/Hardcore-Größen von A Day To Remember und die eher unbekannten Post-Hardcore Briten von Lower Than Atlantis eingepackt und spielen mit deren Support vier Shows zur Vermarktung ihres aktuellen Albums California. Besonderes Augenmerk: es ist die erste Deutschland-Tour mit dem neuen Gitarristen und Sänger Matt Skiba, der den 2015 abgetretenen Tom DeLonge ersetzt.

Im Vorfeld sind die Tickets für das Konzert recht schnell vergriffen, vor Allem für die Stehplätze im Innenraum gibt es schon wenige Monate nach Ankündigung keine Karten mehr, Sitzplatztickets gibt es hingegen sogar noch an der Abendkasse. Dementsprechend sieht die Halle auch aus als Lower Than Atlantis pünktlich um 20 Uhr die Bühne betreten. Der Innenraum ist gut zur Hälfte gefüllt, auf den Rängen herrscht noch gähnende Leere. Die vier Briten treten trotz der leeren und riesigen Halle sehr routiniert auf und schaffen es mehr Leute von sich zu überzeugen, als die ersten Reihen, die viele Songs bereits mitsingen. Ein gelungener Einstand für den Abend und wer auf die Mischung aus Post-Hardcore und Indie steht, findet auch sicher nach dem Konzert noch Gefallen an Lower Than Atlantis. Die sechs Songs, die die Band zum Besten geben darf, füllen in etwa eine halbe Stunde. Ein gutes Maß, das sowohl die Musiker selbst, als auch die wartenden Fans zufriedenstellt – mitten in der Woche wollen die meisten noch zu einer annehmbaren Zeit wieder nach Hause.

Nach zehnminütiger Umbaupause betritt mit A Day To Remember ein ganz anderes Kaliber die Bühne. Die Jungs spielten Anfang des Jahres bereits eine Headline-Tour durch Deutschland, die in den nicht gerade kleinen Hallen des Landes zu Gast war. Da die Musik von Blink 182 und A Day To Remember in eine ähnliche Nische schlägt, sollten die Band und ihr Material eigentlich jedem im Publikum ein Begriff sein. Auch die Produktion mit riesen Back-Drop, das extra für diese Tour designet wurde, samt zweier umrahmender Banner, die leicht vor dem Hintergrund positioniert sind, zeigt, dass hier nicht irgendwer auf der Bühne steht. Den Einstieg haben sich viele, inklusive der Band, aber sicher anders vorgestellt. Als beim Opener All I Want Konfetti von der Decke rieselt ist die Halle vielleicht zur Hälfte gefüllt und abgesehen von den ersten 15 Reihen scheint sich niemand so wirklich für A Day To Remember begeistern zu können. Da ihr energiegeladener und Hardcore-geschwängerter Pop-Punk allerdings von intensiven Mitsing-Parts und Interaktion seitens des Publikums lebt, haben die fünf Jungs aus Florida so ihre Mühe das Publikum auf ihre Seite zu ziehen. Auch das mit Hits wie I’m Made Of Wax Larry, What Are You Made Of? oder neueren Stücken wie Right Back At It Again gespickte Set ändert an der durchwachsenen Beteiligung des Publikums wenig. Sänger Jeremy MacKinnon & Co. sind andere Umstände gewohnt, lassen sich dennoch nichts anmerken oder kriegen im Rampenlicht auch nur die Begeisterung der ersten Reihen zu spüren und realisieren gar nicht, was dahinter für Regungslosigkeit herrscht. Daher kommen auch ruhige Songs wie If It Means A Lot To You mit ausgedehnten Gesangspassagen, die zum Mitgröhlen einladen, nicht so zur Geltung wie man es gewohnt ist. Der Band kann man allerdings keinen Vorwurf machen, sie geben wie immer alles und man merkt ihnen an, dass sie zufrieden damit sind, die Bühne mit Blink 182 zu teilen, einer Band, die nach eigener Aussage zu ihren großen Vorbildern zählt. Der zehnte Songs The Downfall Of Us All bildet den Abschluss des rund einstündigen Sets und kitzelt zumindest ein wenig mehr aus den Zuschauern raus, ein gelungener Abschluss.

Gegen 22 Uhr füllt sich die Halle merklich, ist aber bestenfalls zu zwei Dritteln gefüllt. Für Blink 182 wird die Bühnenproduktion deutlich nach vorne gerückt, ein Drum-Riser von gut 1,5 Metern Höhe, drei LED-Leinwände und vier Scheinwerfer-Türme zieren jetzt das Gesamtbild. Die Drums sind dabei weiter in den Vordergrund gerückt als es bei den meisten anderen Bands der Fall ist und als die Band mit Feeling This eröffnet, zeigt sich auch warum. Drummer Travis Barker ist mit seiner energiegeladenen Performance stark in die Live-Darbietung integriert. Nicht nur das, die spärliche musikalische Besetzung der Band fängt er mit seinem Teppich aus Rhythmus gekonnt auf und so wirken auch Parts, in denen nur die Vocals und Drums zu hören sind, nicht schwach, sondern fett und druckvoll – genau wie der brennende FUCK-Schriftzug, der während der ersten Songs über der Band trohnt.
Nach Feeling This folgt mit The Rock Show ein weiterer Klassiker aus dem Blink 182-Katalog und das Publikum steigt auf diese Einladung von Seiten der Band voll ein. Pogen, Mitsingen, Tanzen – das volle Programm und das so früh im Set. Den drei Kaliforniern gelingt es ebenfalls diese Energie in den ersten neuen Song Cynical zu transportieren, ehe mit Anthem Part Two ein weiterer alter Song den ersten Part des Auftritts abschließt. Travis Barker entblößt sich bereits nach vier Songs und genau so fühlen sich sicher einige Leute im Publikum. Ein grandioser Start. Warum aber auf dem Hoch des Starts ausruhen und ein unbekannteres Stück oder einen ruhigen Part einbauen? What’s My Age Again heißt der nächste Track und für viele im Publikum gibt es kein Halten mehr – willkommen zurück im Jahr 1999 – hier merkt man deutlich woher ein Großteil des Publikums seine Motivation nimmt: einmal 15 Jahre zurück, wieder Teenager sein. Was gehört zum Teenager-Dasein dazu? Dates und die große Liebe natürlich. Dramaturgisch passend hauen Blink 182 mit First Date gleich den nächsten Fanliebling raus. Die erste Singleauskopplung vom aktuellen Album California hört auf den Namen Bored To Death und kommt beim Publikum – ähnlich wie der plötzliche Back-Drop-Wechsel zum Disney Hasen – exzellent an. Mit Down leitet die Band ihre erste kleine Verschnaufpause ein, der Song scheint beim Publikum weniger gut anzukommen, macht aber nichts, I Miss You ist zwar ebenfalls ruhig, allerdings singt sich hier jeder die Kehle aus dem Hals. Was dann passiert, kommt unerwartet. Während die Band Songs ihrer jüngeren und mittleren Geschichte zum Besten gibt, wird das Publikum, abgesehen vom elitären Kern, deutlich ruhiger. Scheinbar haben viele der Anwesenden irgendwann aufgehört die Band zu verfolgen, anders lässt sich dieser Stimmnungseinbruch nicht erklären. Songs wie Violence oder Los Angeles kommen nicht ansatzweise so gut an, wie das, was in der ersten dreiviertel Stunde des Gigs zu sehen und hören war. Aus diesem Tief kann die Jungs erst der Encore mit All The Small Things und dem finalen Song Dammit wieder ein Stück weit herausführen.

Schade, dass der Auftritt von Blink 182 sich so im Nichts verlaufen musste, der Start hatte so viel Hoffnung auf eine brachiale und energiegeladene Show gemacht, die an die glorreichen und rücksichtslosen Tage der Band erinnert. Leider steht der Verlauf genauso sinnbildlich für den Status der Band. Auch, wenn das aktuelle Album California ein riesen Erfolg ist – was vermutlich allem voran am Nostalgiefaktor liegen dürfte – sind die besten Zeiten der Band und ihren Fans vorbei. Neue Fans gewinnen und nicht den früheren Fans, die mittlerweile vermutlich völlig andere (musikalische) Interessen haben, das geben, was sie hören wollen. So sollte der Weg aussehen, den Blink 182 in Zukunft einschlägt. Große Hoffnung macht dabei Matt Skiba, der die Band musikalisch aufwertet und es versteht die Parts von Tom DeLonge originalgetreu, aber dennoch angepasst und musikalisch korrekt rüberzubringen – denn sein wir mal ehrlich: musikalisch auf der Höhe waren Blink 182 zu ihren besten Zeiten bei weitem nicht.

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