Carpenter Brut - Leather Terror

Carpenter Brut – Leather Terror

Synth wir nicht alle ein bisschen Metal?

Artist: Carpenter Brut

Herkunft: Poitiers, Frankreich

Album: Leather Terror

Spiellänge: 44:57 Minuten

Genre: Synthwave, Industrial Rock

Release: 01.04.2022

Label: No Quarter Prod

Link: Website, Bandcamp

Bandmitglieder:

Musik – Franck Hueso

Tracklist:

1. Opening Title
2. Straight Outta Hell
3. The Widow Maker (Feat. Gunship)
4. Imaginary Fire (Feat. Greg Puciato)
5. …Good Night, Goodbye (Feat. Ulver)
6. Day Stalker
7. Night Prowler
8. Lipstick Masquerade (Feat. Persha)
9. Color Me Blood
10. Stabat Mater (Feat. Sylvaine)
11. Paradisi Gloria
12. Leather Terror (Feat. Johannes „Jonka“ Andersson)

Carpenter Brut - Leather Terror

Synthmeister Franck Hueso aka Carpenter Brut setzt mit Leather Terror seinen 2018 mit Leather Teeth begonnenen Lederfetisch fort, der letztlich in einer Trilogie aufgehen soll. Der Erstling und die jetzt erhältliche Fortsetzung erzählen die Geschichte einer fiktiven Filmreihe, die in den späten 1980ern beginnt: Ein von Liebeskummer zerfressener Student (Bret Halford!) fällt einem Experiment zum Opfer, das ihn entstellt zurücklässt. Als Rockstar will er ein neues Leben beginnen und Herzen brechen, doch er driftet in den Wahnsinn ab und wird zum ruchlosen Rächer, der seine Peiniger heimsucht.

Laut, düster und aggressiv schallt Straight Outta Hell aus den hoffentlich laut aufgedrehten Lautsprechern, der Name ist Programm. Schnelle Beats, dahingleitende Bassläufe, bombastischer Chor, unwiderstehlicher Groove. Kitsch, Krach, Kunst. Ein bekannter und stimmiger Sound, bei dem die Überraschungen jedoch ausbleiben. Dafür gibt es im Anschluss den Song The Widow Maker, dessen morbide Lässigkeit mit der Stimme von Gunship-Sänger Alex Westaway in die 1980/90er eintaucht.

Die erste Single Imaginary Fire protzt mit hymnischen Synths sowie dickem Gitarrensound und erinnert damit eher an Industrial Rock. Es ist fast ironisch, da Leather Terror laut Hueso ohne Gitarren auskommt. Die komplette Instrumentierung stammt aus dem Synthesizer. Auch dieses Lied präsentiert mit Ex-Dillinger Escape Plan Fronter Greg Puciato einen spannenden Gast.

Überhaupt reizt Leather Terror mit einer interessanten Riege an Gastmusiker:innen. Die Norweger Ulver klinken sich beim Ruhepol …Good Night, Goodbye ein, Landsfrau Sylvaine (Kathrine Shepard) klagt im an Ritual Folk erinnernden Stabat Mater und die französische Sängerin Persha bittet mit Lipstick Masquerade auf die von Madonna inspirierte Italo Disco Tanzfläche. Zum Abschluss verströmt Tribulation-Sänger Johannes „Jonka“ Andersson im treibenden Titeltrack Leather Terror einen Hauch von schwarzem Melo Death, während Ben Koller (Drummer von u.a. Converge, Cave In) dazu in die Felle drischt. Kann man machen. Ach, muss man machen.

Franck Hueso, der Nine Inch Nails und Ministry als Inspiration für Leather Teeth nennt, hat keine Lust auf den Synthwave-Stempel. Seine Experimentierfreudigkeit beweist das. Abschütteln kann er ihn nicht und das dürfte niemand stören. Das neue Album klingt vertraut (Night Prowler) und abwechslungsreich, weniger hart als erwartet, atmosphärisch, extrem tanzbar. Wieder einmal steht Carpenter Brut für einen Sound, wie man ihn sich für einen Film wünscht, den es leider nur in der Vorstellungskraft gibt.

Es war bereits vom Untergang des Synthwave zu lesen, weil Genrereferenzen wie Perturbator oder eben Carpenter Brut zuletzt vom typischen Klangspektrum abwichen. Doch eine aktive Szene, die etwa mit Masked, Deadlife, VHS Glitch und The Goondock Saint lautstarke Überraschungen in die neonglühende Nacht hämmert, beweist das Gegenteil. Überhaupt stellt sich die Frage, wie eine retromantische Bewegung (!) aus der Zeit fallen kann. Leather Terror ist mit seiner Bandbreite gleichermaßen Hommage an Vergangenes wie zeitgemäße Genremusik.

Carpenter Brut - Leather Terror
Carpenter Brut – Leather Terror
Fazit
Wenn sich Metalheads und Elektrofans auf eine Band einigen können, ist das mindestens interessante und maximal phänomenale Mucke. Leather Teeth liegt irgendwo dazwischen. Das saftig produzierte Album fesselt mit wuchtigen Bässen, unheilschwangeren Melodien, poppigen Akzenten und reizvollen Gastmusiker:innen - all das narrativ verpackt in einem wunderbar reißerischen B-Movie.

Anspieltipps: The Widow Maker, Imaginary Fire, Night Prowler und Lipstick Masquerade
Christian D.
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