Das Interview mit Vicky und Bambi der Band Gwendydd über ihr letztes Album „Human Nature“ und ihre Zukunftspläne (Deutsche Version)

Die Metalszene in Sofia und die Live-Ambitionen der Band

Artist: Gwendydd

Herkunft: Sofia, Bulgarien

Genre: Melodic Death Metal, Metalcore, Gothic Metal

Label: Fat Bamb Records

Link: https://www.facebook.com/gwendyddband/

Bandmitglieder:

Gesang – Vicky Stoichkova
Gitarre – Radostina Zhelyazova
Gitarre – Irena Angelova
Bassgitarre – Sonya Radeva
Schlagzeug – Bambi Nikiforov

Time For Metal / René W.:
Hallo Vicky und Bambi,
ich freue mich, dass ihr Zeit gefunden habt, über eure Band Gwendydd, das im letzten Jahr veröffentlichte Debüt Human Nature und neues Material zu sprechen. Bambi, du dürftest dich in der Runde sicherlich wohlfühlen. Wie hat sich das Line-Up um eure Formation gebildet und welche Rolle nimmst du als Hahn im Korb ein?

Gwendydd / Bambi:
Hallo René.
Danke vielmals für die Einladung. Gleich zu Beginn, Ja! Ich fühle mich sehr wohl in dieser Band! 🙂 Gwendydd sollte ursprünglich die erste all-female Metal Band in Bulgarien werden. Mit mir als deren Haupt-Songwriter und Produzent. Die Idee kam erstmalig in 2017. Ich hatte bereits begonnen, einige Songideen anzuhäufen. Allerdings wollte ich diese etwas interessanter und ungewöhnlicher gestalten. Als ich dann Vicky in The Voice Of Bulgaria sah, wusste ich sofort, dass das die Stimme war, welche ich für dieses Projekt brauche. Ich rief sie an, um ihr von meiner Idee zu erzählen. Und nachdem sie ebenfalls total begeistert war, war ich umso motivierter. Ich begann mich nach weiteren Frauen umzusehen und nach einigen Proben und Diskussionen waren wir uns alle einig, dass es wohl das Beste sei, wenn ich mich selbst hinter die Drums setze. Das war der letzte Wechsel in unserer Besetzung. Das alles geschah im Sommer 2019 und seitdem wachsen wir kontinuierlich zusammen. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie glücklich mich das macht. Wir, als Team, verfolgen alle das gleiche bescheidene Ziel – die Musik spielen, welche uns gefällt und die Welt erobern. 😉 Kurz gesagt: Meine Funktion wandelte sich vom Produzenten zu Gwendydds Produzenten und Drummer. Das alles macht mich sehr glücklich. Das Beste daran ist allerdings, dass ich über so verständnisvolle, intelligente und aktive Musikerinnen gestolpert bin.

Time For Metal / René W.:
Ihr habt euch Melodic Death Metal und Metalcore auf die Fahne geschrieben, beim Song Addiction geht ihr gar bis in die Gothic Metal Schiene. Wie seid ihr beim Songwriting von Human Nature vorgegangen? Habt ihr euch einfach an verschiede Optionen herangemacht, um zu sehen, wohin eure eigentliche Reise gehen könnte?

Gwendydd / Bambi:
Ich mag viele verschiedene Stilistiken im Metal und viele unterschiedliche Einflüsse vermischen sich irgendwie in meinem Kopf… Aber ja, es ist gut möglich, dass solche Elemente Teil des Songwriting-Prozesses waren.

Time For Metal / René W.:
Ich muss gestehen, die ruhigeren Parts mit dem Cleangesang gefallen mir persönlich nicht, dafür kann vor allem das Schlussdrittel voll punkten, in dem ihr deutlich härter (man würde in Deutschland sagen) „die Sau durchs Dorf treibt“.

Gwendydd / Bambi:
Diese ganze Produzentennummer begann mehr oder weniger mit der Idee, Metal Coverversionen von bulgarischen Pophits zu machen. Mit dem ersten Versuch ging ich plötzlich viral in den sozialen Medien. Danach habe ich noch einige mehr gemacht und das kam offensichtlich ebenfalls ziemlich gut an. Ein erfolgreicher bulgarischer Pop Künstler bot mir sogar die Produktion eines Coveralbums an. Jedoch habe ich mich dazu entschlossen, meine ganze Energie in etwas, für mich persönlich, wertvolleres zu stecken – eigene Musik. Und voilà: Gwendydd. 🙂 Um ehrlich zu sein, ich habe keinen musikalischen Studienabschluss. Meiner Meinung nach garantiert der dir auch nicht die Fähigkeit, etwas Gehaltvolles produzieren zu können. In Bulgarien haben wir ein passendes Sprichwort: “Du klaust das Geschick, du lernst es nicht.” Das trifft auf mich zu. Ich beobachte, höre hin und picke mir das heraus, was meine Aufmerksamkeit erregt. Und wenn dir dieses Drittel auf Human Nature besonders gefallen hat, wirst du unser zweites Album lieben.

Time For Metal / René W.:
Auch euch hat die aktuelle Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Eine Tour zum Debüt wurde euch verwehrt, ihr habt euch trotzdem nicht auf die faule Haut gelegt, sondern an neuem Material gearbeitet. Wie weit seid ihr, wann kann man mit den ersten neuen Songs rechnen und wann habt ihr das zweite Langeisen am Start?

Gwendydd / Bambi:
Klar. Ich muss allerdings sagen, dass die Pandemie, so hart sie uns als Musiker getroffen hat, uns auch etwas geholfen hat. Ich möchte nicht respektlos oder kaltherzig sein. Ich spreche lediglich vom Business Standpunkt. Wir hatten genügend Zeit viel nachzudenken, zu lernen und einige wichtige Entscheidungen zu treffen. Wir nutzten die Zeit, um einige Musikvideos zu drehen und haben Material für unser zweites Album geschrieben. Welches übrigens beinahe fertig ist. Ende dieses Sommers werden wir ins Studio gehen. Die erste Single haben wir allerdings schon veröffentlicht – We Are The New Order. Die Zweite soll noch im Sommer folgen. Das gesamte Album wird voraussichtlich Anfang 2022 erscheinen.

Time For Metal / René W.:
Konntet ihr als Band schon gemeinsam auf einer Bühne stehen oder steht euer erstes Mal noch an?

Gwendydd / Vicky:
Ja. Wir haben es in der Tat geschafft, ein paar Konzerte vor und während der Pandemie zu spielen. Einige Clubshows und das eine oder andere Festival. Außerdem haben wir ein eigenes Onlinekonzert gestreamt und waren Teil des Bloody News Online Fests. Komme was wolle, wir geben nicht auf, unsere Musik mit den Menschen zu teilen. Das ist sehr wichtig für uns und wir werden immer einen Weg finden.

Time For Metal / René W.:
Kommen wir noch einmal zurück auf Human Nature – das Artwork wurde sehr düster gestaltet. Welche Thematiken verarbeitet ihr in den einzelnen Sequenzen und welche Emotionen wollt ihr beim Hörer hervorrufen. Gerne könnt ihr euren Gedanken bei einem kleinen Track-By-Track Luft machen.

Gwendydd / Vicky:
Mit unserer Musik möchten wir Menschen anregen, darüber nachzudenken, was sie einander antun. Wie widerlich, rücksichtslos und ignorant sich die Gesellschaft verhält. Unser Planet stirbt und nur eine Handvoll Menschen scheint etwas dagegen unternehmen zu wollen. Jedes Jahr wächst die Zahl derer, die an psychischen Krankheiten leiden, ihre Arbeit verlieren, auf der Straße landen. Die Liste ist endlos. So vieles läuft falsch in dieser Welt und wir hoffen Leute zu ermutigen, etwas zu verbessern. Jeder Einzelne zählt und wenn wir nur einem einzigen Kid da draußen zeigen konnten, dass sich etwas ändern muss, war es das wert. Meine Gedanken hier zu jedem einzelnen Track zu teilen, würde wohl den Rahmen sprengen und vermutlich auch die Magie dahinter ruinieren. Denn das schöne an Musik und Kunst im Allgemeinen ist doch, dass jeder sie aus seiner eigenen Perspektive heraus interpretieren kann.

Time For Metal / René W.:
Sprechen wir einmal über eure Heimat Sofia. Bei uns in Deutschland ist Metal fast schon ein gängiges Genre wie alle anderen in der Musik. Wie ist es bei euch in Bulgarien und was sagen und denken eure Landsleute über eine Frauenband, die harten Melodic Death Metal mit Metalcore Elementen macht?

Gwendydd / Vicky:
Unglücklicherweise ist Metal hier noch nichts, was man ein normales und akzeptiertes Genre nennen könnte, aber wir sind eine große, eingeschworene Gemeinschaft. Es gibt keine wirkliche Feindseligkeit zwischen den Bands. Meiner Meinung nach sollte es so in jedem Genre sein. Am Ende geht es doch in der Musik um das Teilen, die Kommunikation und Emotionen. Also helfen und unterstützen wir uns gegenseitig mit allem, was wir können.

Time For Metal / René W.:
Wie sehen eure Zukunftspläne aus, wenn Europa die Corona-Maßnahmen lockert? Stehen größere Festival Gigs auf dem Plan, gar eine kleine Tour durch Deutschland oder wollt ihr erst mal bei euch in der Heimat Fuß fassen?

Gwendydd / Bambi:
Ich bekomme vielleicht Ärger, wenn ich das sage, aber dank unseres Managements haben wir bereits eine Menge Angebote und Möglichkeiten für Shows außerhalb Bulgariens und wir können es kaum erwarten, zumindest einen Teil davon in die Tat umzusetzen! Wir wollen überall, an so vielen Orten wie nur irgend möglich spielen, aber in diesen unsicheren Zeiten müssen wir uns wohl noch etwas gedulden. Allerdings muss ich sagen, dass die Leute hier in Bulgarien uns ziemlich schnell kennengelernt haben und so haben wir Angebote von beinahe jedem Festival für diese oder nächste Saison. Das motiviert uns schon sehr!

Time For Metal / René W.:
Ich bedanke mich für den kleinen Einblick und überlasse euch abschließend das Wort, welches ihr ganz frei an eure ersten Anhänger und unsere Leser wenden könnt.

Gwendydd / Vicky:
Vielen Dank für die Einladung zu diesem Interview! Danke an jeden Einzelnen, der das hier liest. Wir wünschen euch, dass ihr eure Träume lebt, weiterhin großartige Musik hört und selbstverständlich gesund bleibt!

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