Jesper Binzer auf Save Your Soul Tour 2021 am 09.09.2021 in Sonderburg

Dänemarks Rock-Ikone auf Tour und keiner geht hin

Event: Save Your Soul Dänemark Tour 2021

Bands: Jesper Binzer

Ort: Sønderborg-Hus, 6400 Sønderborg, Dänemark

Datum: 09.09.2021

Kosten: VVK 275 DKK, Abendkasse 295 DKK

Genre: Hardrock

Link: http://jesperbinzer.com/

Besetzung:

Gesang – Jesper Binzer
Gitarre – Søren Andersen
Gitarre – Christian Hede Madsen
Bass – Anders Borre
Keyboards – Jesper Bo
Schlagzeug – Jakob Rønlow

Setliste:

1. Life Is Moving
2. My Head´s Been
3. Undecided
4. Real Love
5. Planet Blue
6. Elevation
7. Rock On Rock On Rock
8. The Space She’s In
9. The Heart Will Find It´s Way
10. Premonition
11. Dream Big
12. Save Your Soul
13. The Future Is Now
14. Tell Myself To Be Kind
Zugabe:
15. Dying Is Easy (Rock’N’Roll Is Hard)

Ich werde aus der dänischen Konzertlandschaft nicht schlau. Da werden mitten in der Pandemie D-A-D Konzerte mit Tausenden Zuschauern abgehalten, wenn deren Kopf dann auf Solotour geht, geht keiner hin. Waren vor zwei Tagen im Amager-Bio in Kopenhagen immerhin 800 Zuschauer, sind es in Sonderburg nur deren 80. Sonderburg liegt nur wenige Kilometer hinter der Grenze, Flensburg ist ein Steinwurf entfernt. Corona findet nicht mehr statt. Hier gibt es weder Masken- noch Registrierungspflicht.

Hut ab, dass das Konzert nicht abgesagt wurde und die Band das Set mit voller Kanone durchgezogen hat. Sogar eine Premiere durften wir erleben. Die neue Single Elevation feierte heute Live-Erstaufführung. Wie mir das Personal erzählt, waren gerade einmal 61 Tickets im Vorverkauf abgesetzt. Der Saal im Sønderborg-Hus ist zwar bei Künstlern beliebt, ist aber normalerweise ein großer Theatersaal. Heute sind Stühle Fehlanzeige, dafür sind ein paar Stehtische im Saal verstreut aufgestellt. Der Balkon ist gesperrt. 450 passen bei voller Hütte hinein. Zum Einlass eine Stunde vor Konzertbeginn warten gerade einmal drei Leute vor der Tür in der ersten Etage. Eine Supportband gibt es nicht. Ein Eintrittspreis von umgerechnet etwa 39 Euro ist für dänische Verhältnisse normal und für Deutsche noch erschwinglich.

Foto: Norbert Czybulka

Die Bühne ist dezent beleuchtet, Jesper Binzers Totenschädel grinst einem entgegen. Punkt acht geht es los. Wie schon der Bühnenaufbau erahnen ließ, es gibt für Fotografen nichts zu lachen. Die kleine Bühne ist voll mit Equipment, zu 80 Prozent gibt es eine Hintergrundbeleuchtung im schicken Rot und Blau. Vordergrundbeleuchtung findet so gut wie nicht statt. Jesper und seine fünf Mannen stehen im Dunklen und werden nur durch die stadiontaugliche Lichtshow angeleuchtet. Das neue Album Save Your Soul ist so voller fetter Songs, dass wir auf die Show gespannt sind. Als Opener bekommen wir dann auch sofort Life Is Moving um die Ohren. Auf der linken Bühnenseite steht der dänische Gitarrenvirtuose Søren Andersen. Der Kopenhagener produzierte nicht nur das neue Binzer-Album, sondern steht auch als Thundermother-Produzent hinter deren letzten Hit-Album Heat-Wave. Er scheint diese Location zu lieben, im Oktober und Dezember tritt er hier noch mit seiner Soloband sowie mit seiner zweiten Band Electric Guitars auf.

Nahtlos geht der Opener in My Head’s Been über. Søren verdreht die Saiten und gibt der Nummer mit seiner Stimme ein großartiges Volumen. Ein weiterer Weltklassemusiker sitzt an den Drums. Jacob Rønlow sitzt hinter seinem übersichtlichen Schlagzeug. Er hat nicht so viele Becken und Tams, denn er ist ein Groove-Drummer par excellence. Ständig unscheinbar im Dunkel gibt er vor, was uns im Saal umhaut. Er verleiht dem Sound erst den richtigen Saft und legt alle Kraft in den Beat..

Ein weiterer unterschätzter Weltklassemusiker sitzt am Keyboard. Jesper Bo hat einen großen Anteil an der Klanglandschaft, er bedient nebenbei noch Synthesizer und leiht seine Stimme dem Backgroung-Chor. Das langsame aber harte Undecided ertönt mit vier wohlklingenden Background-Stimmen hinter Jespers Hauptgesang.

Foto: Norbert Czybulka

Die Ballade Real Love bringt eine Pause in die intensiven Songs. Der Sound ist während des gesamten Konzerts hervorragend, egal, wo man im Saal seinen Platz ausgesucht hat. Jesper bringt wie immer im Laufe des Konzerts ein paar Anekdoten zu Gehör, hält sich aber angenehm zurück. Im Publikum wird getanzt und Fassbier genossen. Die neue Single Elevation wird eifrig mitgesungen, Sørens Slide auf der akustischen Gitarre gefeiert. Hier scheinen nur 100%-Fans anwesend zu sein. Die Phasen der Interpretenbeleuchtung werden insbesondere zwischen den Songs größer.

Der Abend endet mit dem Titelsong vom ersten Album Dying Is Easy (Rock’N’Roll Is Hard). 95 Minuten schweißtreibende Show sind vorüber. Die großartige Show und ein wirklich guter Sound der erfahrenen Musiker, die scheinbar richtig „Bock“ auf das Programm trotz der wenigen Gäste hatten, bescherten uns ein großartiges Rockerlebnis an einem ganz normalen Donnerstagabend. Nur wenige Minuten später erscheint Søren Andersen im Saal und begrüßt Freunde. Nur wenige Gäste sind noch da. Wie selbstverständlich steht er uns für Fotos und Autogramme zur Verfügung. Als ich mich umdrehe, sind wir allein im Saal… Um 22 Uhr sind wir am Auto, kurze Zeit später auf der leeren Autobahn.

Fazit: Stirbt die Rockmusik in Dänemark aus? Warum geht niemand zu solch großartigen Shows? Haben die Dänen keine Konzertkultur? Dies war seit Mai mein viertes Konzert in Dänemark. Ich fahre lieber eine halbe Stunde länger, genieße aber dann entspannte Menschen in großartigen Locations bei stadiontauglichen Shows. Herr Andersen, wir sehen uns noch zweimal in diesem Jahr!