Leprous – Aphelion

Die Gentlemen des Prog liefern neues Futter für die Seele

Artist: Leprous

Herkunft: Notodden, Norwegen

Album: Aphelion

Spiellänge: 56:04 Minuten

Genre: Progressive Rock, Progressive Metal, Art Rock

Release: 27.08.2021

Label: InsideOut Music

Link: https://www.facebook.com/leprousband

Bandmitglieder:

Gesang und Keyboard – Einar Solberg
Gitarre – Tor Oddmund Suhrke
Gitarre – Robin Ognedal
Bassgitarre – Simen Børven
Schlagzeug – Baard Kolstad

Gastmusiker:

Cello – Raphael Weinroth-Browne
Geige – Chris Baum
Bläsergruppe – Blåsemafiaen

Tracklist:

  1. Running Low
  2. Out Of Here
  3. Silhouette
  4. All The Moments
  5. Have You Ever?
  6. The Silent Revelation
  7. The Shadow Side
  8. On Hold
  9. Castaway Angels
  10. Nighttime Disguise

Wie schon im Jahr 2017 stehen Leprous und Between The Buried And Me Seite an Seite. Damals als Support von Devin Townsend (Holy shit, was für ein Line-Up) und aktuell folgen Leprous mit ihrem neuen Album als Review BTBAM (zum Review von Colors II) auf dem Fuße. Beide sind im weitgefächerten Genre des Prog so etwas wie Ausnahmeerscheinungen, die in keine Schublade passen.

Die Norweger, die in diesem Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum feiern, veröffentlichen im Zwei-Jahres-Abstand ihre Alben. So folgt auf das 2019 erschienene Werk Pitfalls, Studioalbum Nummer sieben namens Aphelion. Dabei stand die kommende Platte eigentlich gar nicht auf dem Plan, wie Bandleader Einar Solberg berichtet: „Wie viele Bands hatten wir vor, eine EP zu machen, aber dann dachten wir: ‚Was bringt das?’“ So entstanden die zehn neuen Stücke in einem relativ intuitiven Szenario. Den Umständen der Pandemie geschuldet, nahmen Leprous die Songs in drei verschiedenen Studios auf. Einige Stücke wurden direkt improvisiert, andere klassisch von Einar Solberg zu Hause geschrieben und im Bandkontext ausgearbeitet und wiederum andere Titel tragen sogar die Handschrift der Fans, die sich aktiv am Songwriting-Prozess beteiligen durften. Im Gegensatz zum Konzept des introvertierten Pitfalls, kann Aphelion also als Song-für-Song-Album gesehen werden.

Schon ab dem 2017er Album Malina und spätestens mit dem Vorgänger Pitfalls wurden Stimmen von Fans laut, die die Riffs im Sound der Norweger vermissen. Dieser Sound wurde durch Alben wie Coal oder The Congregation geprägt. Doch diese Stimmen haben mich seit jeher verwirrt, denn diese Behauptungen stehen im krassen Gegensatz zur bisherigen musikalischen Weiterentwicklung von Leprous. Denn in der Diskografie klingt kein Werk wie das vorherige. Welcher Autor möchte schon das gleiche Buch noch einmal schreiben oder welcher Maler möchte sein altes Gemälde wieder „aufwärmen“. Progressiv bedeutet in der Etymologie so viel wie „sich allmählich steigernd, sich entwickelnd“ und genau das beschreibt meine Erwartungshaltung gegenüber Bands dieses Genres.

Bevor ich die zehn Titel auf den Seziertisch lege, darf gerne das wohlklingende Wort Aphelion erläutert werden: Es beschreibt den Punkt auf der Umlaufbahn eines Objektes, der am weitesten von der Sonne entfernt ist. Diesen Begriff nutzt Einar Solberg laut eigener Aussage als Metapher, um aus einer schwierigen Situation etwas Schönes zu schaffen. Behandelten seine Texte auf Pitfalls noch die nahezu hoffnungslose Anfangsphase seiner Depressionen und Angstzustände, so führen die aktuellen Lyrics langsam zum Licht am Ende des Tunnels. Wie gehe ich damit um und wie gewinne ich die Kontrolle über mein Leben zurück? Persönlich und intensiv wie nie zuvor, passend zu seiner unfassbaren Stimme.

Energische Tastenanschläge eröffnen Running Low, gefolgt von den eindringlich gesungenen Zeilen: „Get back up on your throne. Left you there all alone. I’ve been running, I’ve been running low.“ Dramatische Streicher und Bläser untermalen die Szene. Im Refrain begeben sich Leprous schon fast in Richtung Swing. Wenn jemand behauptet, die Band würde nur noch Pop spielen, dann darf mir gerne jemand eine Popband mit einem Drummer wie Baard Kolstad nennen. Er macht aus der simpelsten Akkordfolge seiner Mitmusiker eine Zaubershow. Zum Ende hin steigern die Streicher die Dramaturgie erneut und integrieren sich dann wieder perfekt in den Gesamtsound. Ein Opener, der unter die Haut geht.

Einar Solberg unterlegt seine Stimme in Out Of Here mit wabernden Synthie-Klängen. Ein Gitarrenlick schleicht sich an, die kaum vorhandenen Drums sind nur verzerrt in der Ferne zu erahnen. In der ersten Hälfte liefert der Song den Brückenschlag zum Pitfalls-Material. Dann wird die Bühne mit mächtigen Drums und geschmackvollen Riffs beschallt. Die hohen Töne von Einar werden durch Chöre ergänzt und sorgen im Theatersaal für Standing Ovations. Vom in sich gekehrten Beginn bis zum fesselnden Finale in knapp über vier Minuten. Hier bekommt man etwas für sein Geld geboten.

Dunkle 80er Synthwave-Vibes öffnen den Vorhang zu Silhouette. Die Streicher schweben über wabernden Bässen. Merkwürdige Gitarrenklänge sprengen die Tanzfläche. Bis hierhin soll Einar Solberg recht behalten. Kein Song klingt wie der vorherige und die Kreativität wird ans Limit gepusht.

Foto: Troll Toftenes

Dürfte ich nur die erste Minute von All The Moments hören, würde ich sofort auf Neo-Prog aus dem Neal Morse-Multiversum tippen. Doch der Song entwickelt sich in eine völlig andere Richtung. Reduziert bis aufs Mark, kommen mir in der folgenden Strophe Tarantino-Soundtracks in den Sinn. Doch im Refrain nutzt Meister Solberg die Bühne wie einst Freddy Mercury. Seinen unglaublich starken Musikern gegenüber scheint es mitunter unfair, aber dieser Mann mit der Stimme eines Engels gibt hier den Ton an. Ein absolutes Ausnahmetalent. Das gab jüngst auch Amorphis-Legende Esa Holopainen im Interview zu Protokoll. Dennoch sollen auch wieder die wahnwitzigen Drums im Refrain erwähnt werden. Fragile Pianoklänge geleiten die Erkenntnis ins Licht, dass nur das Jetzt zählt: „All the moments are gone. The presence is the only thing that’s real.“

Wieder wabern Synthies durchs Unterholz, um von glockenhellen Vocals wie Sonnenstrahlen getroffen zu werden. Die Drums grooven wie Sau. Der Rest von Have You Ever? ist so reduziert wie nur möglich, steigert sich abermals zum großen Finale. Der vermutlich einzige wiederkehrende Ansatz auf Aphelion.

The Silent Revelation beginnt mit den typischen Leprous-Riffs, die sich nur schwer mit anderen Bands vergleichen lassen. Dazu das Drumming von Baard Kolstad, der nach wie vor nichts von geraden Takten hält. Die Band spielt wieder mit laut-leise Dynamiken. Einar singt über weiche Keyboardteppiche, nur um kurze Zeit später seinen Stimmumfang auszuloten. Die Streicher betreten die Bühne, um den Protagonisten zu unterstützen. Selten hörte ich einen so geschmackvollen Einsatz von Geige und Cello neben typischen Instrumenten einer Rockband. Es wirkt zu keiner Sekunde aufgesetzt. Das Songwriting würde auch einem Kino-Soundtrack gut zu Gesicht stehen, da man jederzeit die Stimmung der Worte perfekt eingefangen hat.

Die Gitarren haben in The Shadow Side zunächst Pause. Streicher und Keyboards geben den Ton an. Doch wie schon zuvor gehört, ändert sich die Lage im zweiten Akt. Dann darf die Saitenfraktion mitspielen und sogar ein waschechtes Gitarrensolo in Richtung des Publikums schmettern. Immer, wenn ich zu wissen glaube, was Leprous vorhaben, überraschen sie mit neuen Elementen ihres Spektrums.

Ambient-Klänge begleiten Einar Solberg zurück in die Abgründe seiner Gedanken: „I am back here once again. In the mist, In the mist without sight. Thought, I fought my way back. Now I’m afraid, I’m afraid to lose hope. Will I ever be the man. In control, in control of his world? Open wounds that will not heal. Pull me back, pull me back inside. On Hold liefert Gänsehautmomente, dass sich die Nackenhärchen aufstellen. Vor allem im Refrain, wenn er zum wiederholten Mal aus sich heraus geht. Bei der Zeile „In this moment there is nothing here but darkness“ verschmelzen meine persönlichen Erfahrungen mit diesem Dämon von Krankheit, mit denen von Mr. Solberg – tief durchatmen.

Während ich meine Tränen der Rührung bei On Hold noch zurückhalten kann, brechen bei Castaway Angels alle Dämme. Fans kennen den letztes Jahr veröffentlichten Song bereits. Deshalb bleibt mir nur zu sagen, dass Progbands mit Abstand die schönsten Balladen schreiben. Punkt. Aus.

Das letzte Kapitel auf Aphelion nennt sich Nighttime Disguise und könnte sogar Fans versöhnlich stimmen, die sich immer noch an die härteren Leprous-Songs klammern. Die Gitarren werden etwas mehr „angedickt“ und Einar packt sogar mal wieder seine Growls aus Anfangstagen aus. Der abwechslungsreiche und harte Rausschmeißer hat allerdings ebenfalls eine introvertierte Seite. Die Gesangsperformance ist nicht von dieser Welt und alle Musiker liefern ein würdiges Finale bevor der Vorhang fällt.

Leprous – Aphelion
Fazit
Trotz der unterschiedlichen Ansätze der Songs besticht Aphelion durch einen homogenen Sound. Kreativ und abwechslungsreich, aber nicht zerfahren könnte man sagen. Ein Mann mit einer Jahrhundertstimme, dazu überragende Musiker an den Instrumenten und eine gekonnt eingesetzte Streichersektion. Persönliche Texte, die unter die Haut gehen und dazu fünf von zehn Songs, die ich jedem aufgeschlossenen Musikhörer mit auf den Weg gebe. Wer diese Musik nicht mit allen Fasern seines Körpers aufsaugt, verpasst eine der spannendsten Bands dieser Generation.

Anspieltipps: Running Low, All The Moments, On Hold, Castaway Angels und Nighttime Disguise
Florian W.
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Leise War Gestern... - Der Time For Metal Podcast
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