Periphery – Periphery III: Select Difficulty

„Ein Prog-Himmel voller Geigen“

Artist: Periphery

Herkunft: Washington D.C., USA

Album: Periphery III: Select Difficulty

Spiellänge: 64 Minuten

Genre: Progressive Metal, Djent, Experimental

Release: 22.07.2016

Label: Sumerian Records

Link: www.periphery.net

Bandmitglieder:

Gesang – Spencer Sotelo
Gitarre, Programming – Misha Mansoor
Schlagzeug – Matt Halpern
Gitarre, Programming, Background-Gesang – Jake Bowen
Gitarre – Mark Holcomb
Bass, Programming – Adam „Nolly“ Getgood

Tracklist:

  1. The Price Is Wrong
  2. Motormouth
  3. Marigold
  4. The Way The News Goes…
  5. Remain Indoors
  6. Habitual Line-Stepper
  7. Flatline
  8. Absolomb
  9. Catch Fire
  10. Prayer Position
  11. Lune

Periphery III - Select Difficulty

Volle sechs Monate haben Periphery am Vorgänger-Doppelalbum Juggernaut: Alpha und Juggernaut: Omega seinerzeit geschrieben und anschließend beschlossen, sich mit dem Nachfolger weniger Stress zu machen. Aus der dann ursprünglich geplanten EP wurde das neue über 60 Minuten lange Gesamtwerk Periphery III: Select Difficulty, das sie in zwei Monaten eingespielt haben und das Bassist Nolly vermutlich nie live spielen wird, da er mit der Fertigstellung der Platte bekanntgegeben hat, sich auf seine Produzententätigkeiten und Familie in Großbritannien zu konzentrieren und „lediglich“ festes Studiomitglied zu bleiben.

Wie es eine Progressive Metal-Band mit drei Gitarristen schafft, nicht nur alle Musiker zufriedenstellend auf einem Album zu repräsentieren, sondern auch harmonisch Track für Track zusammenzubringen, ohne den Sound gänzlich zu überladen, ist eine Kunst für sich, die Misha und Nolly in der Produktion des vorliegenden Albums hervorragend umgesetzt haben. Und man beschreitet instrumental neue Pfade: Misha hat sich für Select Difficulty einen Moog Synthesizer besorgt und ein paar Orchester-Bibliotheken implementiert, um dem Album seiner Aussage nach einen “filmischen Charakter” zu verleihen. Aus dem Plan, dieses Element experimentell einzusetzen, entwickelte sich ein umfassendes Thema, das die komplette Scheibe überdauert.

“I wanted to get the hang of synthesis and learn how to use it a little better. I didn’t expect it to be on the record, but now it’s on every song! The orchestration really adds something as well.”

Ob es dem Sound der Band schadet oder ihn bereichert, mag man sich bei einer derart essentiellen Neuerung fragen. Die Einschätzung mag subjektiv sein, aber soviel sei verraten: Periphery gehen den nächsten Schritt und das mit einer extrem selbstbewussten routinierten Bestimmtheit.

The Price Is Wrong“ – die erste Auskopplung des Albums – läutet das Werk laut, schnell und wütend ein und hat so gar keinen filmischen Charakter. Außer vielleicht den eines Blitzschachspiels, bei dem sich humanoide Figuren gegenseitig mit hochmodernen Nuklearwaffen in einem Mini-Atomkrieg vom Spielbrett fegen. Neben gesprochenen Passagen wütet Spencer hier durchweg mit Screams und Growls, ohne den Hörer auch nur mit einer einzigen Note die Qualitäten seines cleanen Gesangs erahnen zu lassen. Meine Augen sind weit aufgerissen wie bei Clockwork Orange.

Motormouth macht zuerst den Anschein, dass dem Hörer auch bei Song Nummer 2 keine akustische Entspannung vergönnt sei, was die melodische Wendung des Parts, der das letzte Drittel des Songs einleitet, umso überraschender macht. Dass Matt Halpern im zweiten Teil jenes Parts durch die Drehung der Betonung am Schlagzeug diese Harmonie durchbricht, versteht sich von selbst. Die Finger entkrampfen sich nur ganz langsam an den Sessellehnen.

Puh, zwei polyrhythmische Stakkato-Bretter überstanden und noch keinen Knoten im Kopf. Explodiert mir mit Song Nummer 3 vielleicht endgültig die Denkzentrale? Marigold heißt das gute Stück und…beginnt mit einer herrlich leichten Geigenmelodie. Da ist er, der filmische Charakter – und er klingt vielversprechend. Und in der Tat entwickelt sich der Song zum Ohrwurm der Platte und verspricht, live eine Halle bis zum letzten Gast zum Mitsingen zu animieren. Spencer spielt gekonnt mit dem vollen Spektrum seiner Stimme und gipfelt im epischen, von flächigen Streichern und Arpeggio-Gitarren begleiteten Refrain, der in der Wiederholung sogar von einem Chor interpretiert wird. „Death is coming ‚round like a hurricane swirling, we’re on the clock and the needle’s turning fast“ – Während der letzten zwei Minuten des Songs hat der Hörer genug Zeit, sich in einem sphärischen Outro aus verhallten und verzerrten Gitarren sowie Synthesizer-Sounds diese Zeilen für Runde Zwei, Drei…einzuprägen. Repeat.

The Way The News Goes beginnt federleicht mit einem Picking-/Tapping- Part, der sich als Thema durch den gesamten Song zieht. Dass es nicht zu langweilig für den geneigten Prog-Fan wird, regelt die ultraschallschnelle Blastbeat-Bridge, die beinahe zu einem Rauschen mutiert. Progressives Hacken hier, Gitarrensolo da, bevor die Leichtigkeit des Intros durch das Klavier-Outro wieder aufgegriffen wird, was sich in seiner Stimmung überraschend vom Optimismus zur tiefen und gefesselten Nachdenklichkeit dreht.

Remain Indoors fällt schleppend ins Ohr und besticht durch eine Refrainmelodie mit leichtem 80er Popcharakter. Genug der Harmonie. Der Folgesong Habitual Line Stepper greift die Härte der ersten zwei Songs wieder auf, und Spencer macht seinem Unmut in alter Icarus Lives!-Manier Luft. Und trotzdem merkt man auch hier recht deutlich, dass Misha eindeutig seinen Spaß daran hatte, das Streichorchester in die Songs einzuflechten. Die zweite Auskopplung des Albums – Flatline – zeichnet sich durch ein ziemlich groovelastiges Gitarrenwand-Intro aus, dem ein knapp zweieinhalbminütiges, geradliniges, dynamisch vom kleinen zarten Pflänzchen zu einem massiven Mammutbaum wachsendes Outro entgegengesetzt wird.

Das Bassstakkato-Intro von Absolomb ist die vielleicht beste Gelegenheit der Platte, wenn man auf Nolly und seinen Dingwall-Basssound steht. Aber auch Misha, Jake und Mark finden hier ihr Plateau, um ihren Gitarren Gehör zu verleihen. Neben grandiosen Soli unterbricht auch hier wieder ein Streichorchester-Part die schroffe Polyrhythmik des Songs. Und schon fast routiniert endet der Song in einem fast zweiminütigen Outro, das sich akustisch interpretiert vom pompösen Hollywood-Blockbuster zum Indie-Drama wandelt.

Catch Fire ist anders, funky, 80s-esque. Spencer klingt zeitweise wie eine Symbiose aus Mike Patton bei Epic und Davey Havok von A.F.I.. Er ist einer der wenigen Songs ohne Streicher-Outro. Prayer Position grooved und drückt ordentlich, und sollte auch die langjährigen Fans der Band begeistern. Die Vocals sind rhythmisch fein auf die Gitarrenarbeit abgestimmt, und man hat bei dem ein oder anderen Shout das Gefühl, der Produzent hätte den Schallschutz der Gesangskabine nach der Aufnahme erstmal von Stimmbandfetzen befreien müssen.

Lune, das Grande Finale, laut Misha untypischerweise bei ihm zuhause von allen gemeinsam komponiert, ist ein Liebeslied, eine Ode. Streicher (und höre ich da auch Fanfaren?), soweit das Ohr reicht, Percussion-Parts, die aus der Feder der Poprock-/Indie-Band Bastille stammen könnten, mehrstimmige Gesänge…und eines darf nicht fehlen: Das Streichorchester-Outro – hier „nur“ eine Minute lang und begleitet von “Whohoho”-Chören, die zum Mitsingen geradezu auffordern. Dem ein oder anderen mag es zu cheesy sein, dass sich Periphery hier derart in Akkordgeschrammel ergehen. Dabei kann Lune als logische Konsequenz, als thematisches Klimax verstanden werden. Der Vorhang fällt und damit schließt ein grandioses Album, das einen sowohl mal aggressiv in die Wade beißt, mal freundschaftlich auf die Schulter klopft.

Bisher veröffentlichte Musikvideos:

The Price Is Wrong (Lyric-Video): https://www.youtube.com/watch?v=_9gHHGqxJog

Marigold: https://www.youtube.com/watch?v=rmtU2WJfPgU

Fazit: Select Difficulty kann als die vertonte Symbiose aus Gravity, Tron, Ex Machina und Reminiszenzen an Szenen romantischer 80er Jahre-Liebesdramen verstanden werden. Technische Virtuosität, Listigkeit, Gefährlichkeit und unbekannte Horizonte treffen auf Epik, überbordende Emotionen und große Melodien. Es macht extrem Spaß, den drei Gitarristen im Wechselspiel zuzuhören, gefordert zu werden, die vertrackten Parts der Platte rhythmisch zu verstehen und am Ende dafür mit Spencers Melodien und dem Output aus Mishas neuestem Spielzeug belohnt zu werden. In diesem Film hat jeder seine Rolle, und die spielt er im wahrsten Sinne gut. Dass Spencer einst ein komplettes Album mit der Screamo-Metalcore-Band From First To Last (in der Skrillex vor seiner Dubstep-Karriere Shouter war) aufgenommen hat, könnte seiner Variabilität in der Phrasierung und Interpretation noch einen extra Schub gegeben haben. Vermutlich ist Periphery III: Select Difficulty das bis dato populärste Werk der sechs Vollblutmusiker. Das mag alteingesessene Fans nicht selten vor den Kopf stoßen. Wer ein wenig offener an die Platte herangeht und sich drei, vier Durchläufe gönnt, erkennt die Vielfalt und Stimmigkeit des Albums und könnte mit jeder Wiederholung neuen Gefallen finden. Dass aus einer geplanten EP in der Konsequenz ein derart grandioses Album geworden ist, ist eine extrem dankbare Entwicklung. Wie sich der neue Sound live anfühlt, können wir hierzulande hoffentlich demnächst auf einer Promo-Tour erleben. Für Vinylfans: Das Album gibt es sowohl in einer halbtransparenten orangen (Link: https://killermerch.com/artist/Periphery/PIII-SelectDifficultyTransOrangeVinyl) und einer halbtransparenten hellblauen Edition (200 Stück weltweit; aktuell z. B. bei Impericon als PreOrder geplant; Link: http://www.impericon.com/de/periphery-periphery- iii-select- difficulty-light- blue-colored- 2-lp- cd.html).

Anspieltipps: Marigold, Absolomb, Flatline
Sebasian S.
9.5
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