Red Hot Chili Pipers – Fresh Air

Frischer Wind bei den schottischen Bagpipers

Artist: Red Hot Chili Pipers

Herkunft: Glasgow, Schottland

Album: Fresh Air

Spiellänge: 57:04 Minuten

Genre: Scotish Bagpipe Rock, Pipes & Drums, Crossover, Funk Rock, Alternative Rock

Release: 02.08.2019

Label: Eigenproduktion

Link: https://www.rhcp.scot/#

Bandmitglieder:

Highland Dudelsack – Kevin MacDonald
Highland Dudelsack – Willian Armstrong
Highland Dudelsack, Schnabelflöte – James Harper
Highland Dudelsack – Lorne MacDougall
Highland Dudelsack – Harry Richards
Highland Dudelsack – Cameron Barnes
Gitarre – Alan McGeoch
Gitarre – Ben Holloway
Bass – Ruairidh MacLean
Klavier, Keyboard, Hammond Orgel – Barry Young
Marschtrommel, Percussionsinstrumente – Grant Cassidy
Schlagzeug – Jay Hepburn
Percussionsinstrumente – Adam MacDonald
Tropete – Cameron Jay
Saxophon – Leon Thorne
Posaune – Christopher Pugh
Gesang – Chris Judge
Gesang – Olivia Singleton
Gesang – Tom Walker
Gesang – Soul Nation Choir

Tracklist:

01. Bleaching Cloths
02. Dalavich
03. Hallelujah
04. Shut Up And Dance
05. Highland Cathedral
06. Smelling Fresh
07. Treasure
08. The Gladiator
09. This Is Me
10. Auf Uns
11. Old Yellow Bricks
12. Under The Influence
13. All These Things That I`ve Done
14. Leave A Light on

Die Red Hot Chili Pipers, nicht zu verwechseln mit den kalifornischen Funk- und Alternative Rockern Red Hot Chili Peppers, sind eine 2002 im schottischen Glasgow gegründete Bagpipe Rock Band. Es handelt sich dabei um überaus talentierte und teils preisgekrönte Musiker, so sind die Dudelsackspieler zum Beispiel allesamt Absolventen der Royal Scottish Academy Of Music. Die Idee hinter dem Projekt war seinerzeit, dass man den traditionellen Sound der mächtigen Highland Pipes mit dem einer hart rockenden Band verbinden wollte. Man wollte den klassischen Dudelsack-Sound aufpeppen und in völlig neuem Licht präsentieren. Dazu verstärkte man sich mit den typischen Rockinstrumenten wie E-Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard, später kamen Bläser hinzu. Anfangs coverte man sich durch die Rockgeschichte und verpasste Klassikern wie z.B. AC/DCs Thunderstruck, Queens We Will Rock You, ZZ Tops La Grange, The White Stripes Seven Nation Army und Deep Purples Smoke On The Water einen ungewohnten, neuen Anstrich. Aber auch vor den Traditionals wie Amazing Grace, The Dark Island und Flower Of Scotland machte das zeitweise bis zu 20-köpfige Projekt nicht Halt. Anfangs spielte man rein instrumental, mittlerweile werden einige bestimmte Songs mit Gesangseinlagen veredelt. Seit 2005, wo das selbst betitelte Debüt erschien, brachte man es bis heute auf insgesamt neun Alben, Arbeitsverweigerung geht definitiv anders!

Das nunmehr neunte Album hört auf den Namen Fresh Air und soll, nachdem im letzten Jahr die kreativen Bandköpfe Dougie McCance und Steven Black ausgestiegen sind, frischen Wind mit sich bringen. Ob dem tatsächlich so ist, lässt sich nur sehr schwer beantworten. Der Sound der Highland Pipes kommt natürlich immer noch druckvoll rüber, erstrahlt nach mittlerweile 17 Jahren Bandgeschichte aber nicht mehr so frisch und unverbraucht, um nicht zu sagen, etwas abgenutzt. Ich mag die Band und ich mag die alten Coverversionen der Rockklassiker, jedoch vor allem die imposanten und kraftvollen Livekonzerte, während ich mich mit den CDs immer etwas schwergetan habe. Von dem frühen Fokus ist man etwas abgerückt, die 14 neuen Songs von Fresh Air klingen etwas poplastiger. Neu ist auch, dass mittlerweile die Hälfte der neuen Songs mit Gesangsbeiträgen versehen sind und dass sechs Dudelsackspieler für den unvergleichlichen Sound sorgen, der einen, bei entsprechender Heimanlage, im wahrsten Sinne des Wortes wegpustet. Ansonsten hat sich nichts wirklich Entscheidendes geändert, serviert wird immer noch satter Pipesound auf rockigem Fundament auf allerhöchstem Niveau. Ob man den Klang des Dudelsacks mag, das muss jeder für sich entscheiden.

Während man bei den meisten Livekonzerten auf Bläser verzichtet, kommen sie auf Fresh Air zum Einsatz, sodass im Opener Bleaching Cloths tanzbare Klänge für gute Laune sorgen. So auch in Treasure, das durch die Bläser zu einem echt groovigen Funk- und Soulkracher wird. Es ist immer wieder unglaublich, was die Jungs aus ihren Säcken rausholen können. Hätten Earth, Wind & Fire oder Mother`s Finest in den 80er-Jahren mit Dudelsäcken gearbeitet, so hätte der Song durchaus auch auf eines ihrer Alben gepasst. Der Gesang in Treasure wird von Chris Judge übernommen, der auch noch bei Hallelujah, Shut Up And Dance, This Is Me und All These Things That I`ve Done zu hören ist.

Hallelujah ist natürlich die bekannte Nummer des kanadischen Songwriters Leonard Cohen, welcher die Nummer bereits 1984 auf Various Positions veröffentlichte. Der Song wurde schon von unzähligen Künstlern gecovert, die Fanseite leonardcohen.com führt alleine über hundert Versionen anderer Künstler auf, darunter so illustre Namen wie Bob Dylan, Bon Jovi, Rea Garvey, Bono, Axel Rudi Pell, Pain Of Salvation, Paramore und jedermanns Alptraum Helene Fischer. Da stellt sich natürlich die Frage, ob die Welt nun noch eine weitere Version braucht, doch die Red Hot Chili Pipers begründen die Notwendigkeit damit, dass Leonard Cohen, als er das Stück schrieb, und auch alle anderen Künstler, die den Song dann gecovert haben, vergessen haben, die absolut notwendigen Bagpipes hinzuzufügen, was man nun eben nachgeholt hat. Nun gut, so kann man es sehen, wenn man ein Spielmann ist. Den Gesang von Pipers-Sänger Chris Judge finde ich hier nicht ganz gelungen, doch wenn nach gut zweieinhalb-minütiger Treue zum Original dann die fette Wand aus Dudelsäcken aufgefahren wird, ist alles in Ordnung und gewohntermaßen ist Gänsehaut garantiert.

Begeistern kann auch die Coverversion Shut Up And Dance von der US-amerikanischen Pop/Indie-Rock Band Walk The Moon aus Cincinnati. Hier kann Judge auch wieder mit seinem angenehmen Organ überzeugen. Das etwas besinnliche Highland Cathedral ist eine durchaus beliebte Dudelsackmelodie, die von den beiden Deutschen Ulrich Roever und Michael Korb 1982 anlässlich von Highland Games in Deutschland, einer Veranstaltung mit sportlichen Wettkämpfen schottischer Clans, komponiert wurde. Die Nummer wurde sogar schon als schottische Nationalhymne vorgeschlagen. Auch hier gibt es wieder verschiedene Coverversionen, so stammt die deutsche Textversion Steh` Wieder Auf von Werner Bonfig und die Kölner Kult Band Bläck Fööss nahmen sich die Nummer unter dem Titel Du Bes Die Stadt als Hommage an ihre Heimatstadt in kölscher Mundart vor. Bei den Red Hot Chili Pipers wird jedoch geklotzt und nicht gekleckert, denn sie nahmen den Song im Tynecastle Stadion in Edinburgh auf, mit der Besonderheit, dass die sowieso schon 20-köpfige Band um satte 200 (!) junge, talentierte Dudelsackspieler ergänzt wurde. Man nennt sie im Booklet liebevoll The Next Generation Of Chillies und führt sie auch alle namentlich auf, all die jungen MacDonalds, Murrays, Dunns, MacBains, Blacks, Stewarts, McKenzies… Spätestens hier hat man nun wirklich das Gefühl, weggeblasen zu werden.

Bei dem satt schleppenden Rhythmus von The Gladiator können dann vor allem die Drummer Grant Cassady und Jay Hepburn glänzen. Die Nummer ist übrigens auch eine Coverversion eines Songs des erfolgreichen schottischen Dudelsackspielers Gordon Duncan. Mit This Is Me, welches wieder von Judge gesungen wird, wird es dann poppig. Die Grundidee, Rock und Pipes zu verbinden, rückt hier, für meinen Geschmack, einfach zu weit in den Hintergrund. Die Nummer könnte von jeder x-beliebigen Dudelsack-Band gespielt sein und klingt nicht mehr typisch nach den Pipers. Auch auf das Zugeständnis an die deutschen Fans (» … as a tribute to all of our Fans in Deutschland«) hätte man getrost verzichten können und sollen. Die Coverversion des Andreas Bourani Songs Auf Uns ist einfach nur peinlich und auch der Gesang von Olivia Singleton wirkt deplatziert. Der Song ist völlig ohne Mehrwert und steuert der Marschrichtung der Band entgegen. Vielleicht würde es geiler klingen, wenn man den Originalinterpreten mit ins Boot und integriert hätte. Ob die deutsche Fanbasis so aber dieses Dankeschön zu schätzen weiß?

Old Yellow Bricks mit seinen Flöten erinnert ein wenig an die irische Band Moving Hearts, auch Whistles and Pipes ergänzen sich gut. Das The Killers Cover All These Things That I`ve Done ist allerdings das einzige Zugeständnis an die alten Fans, denn der rockige Song schließt an die Rockklassiker der Frühzeit an. Der letzte Song Leave A Light On ist eine nette Geste an Tom Walker, dem Mitautoren der Nummer, der hier auch den Gesang zusteuert. Angeblich lud Walker die Band einmal ein, mit ihm zu spielen, während er als Straßenmusiker auf den Stufen der Glasgow Royal Concert Hall musizierte. So wurde er nun im Gegenzug gebeten, seinen Top-Ten-Hit gemeinsam mit den Pipers für Fresh Air neu einzuspielen. Ein Ergebnis, das sich hören lassen kann, denn der Track bekommt viel mehr Tiefgang als das Original.

Red Hot Chili Pipers – Fresh Air
Fazit
Für Fresh Air, frischen Wind, sorgt das Album tatsächlich, allerdings mit Abstrichen. Das neue Werk kann gewohntermaßen mit einer hervorragenden Produktion glänzen und wird definitiv alle Fans der Bagpiper in ihren Bann ziehen. Diese können hier auch bedenkenlos zugreifen. Diejenigen, die die Schotten aber vor allem wegen ihrer genialen Cover der Rock- und Metal-Geschichte geliebt haben, sollten sich Fresh Air mit einer gewissen Vorsicht nähern, denn die Wahrscheinlichkeit einer Enttäuschung ist groß. Trost bietet da wirklich nur die rockige The Killers Nummer.

Anspieltipps: Highland Cathedral, All These Things That I`ve Done und Shut Up And Dance
Andreas F.
6
Leserwertung0 Bewertungen
0
Pro
Contra
6
Punkte
Weitere Beiträge
Pink Floyd – The Later Years, 1987-2019