Rekkorder – One

Südamerikanisches Flair im Hamburger Alternative-Gewand

Artist: Rekkorder

Herkunft: Hamburg, Deutschland

Album: One

Spiellänge: 58:44 Minuten

Genre: Alternative Rock

Release: 24.09.2021

Label: SAOL/The Orchard

Link: https://www.facebook.com/rekkorder

Bandmitglieder:

Gesang – Nina Lucia Medina Muñoz
Gitarre und Bass – Bernd Bloedorn

Gastmusiker:

Schlagzeug – Tim Stahlschmidt
Geige – Maline Zickow
Horn – Tomás Figueiredo
Kontrabass – Julia Pfänder
Cello – Joke Flecijn

Tracklist:

  1. One
  2. Sweet Control
  3. MaryJane
  4. Gravestone
  5. Gasoline
  6. Be Alright
  7. Daylight’s Fading
  8. Broken
  9. End It All
  10. Download
  11. Sugar
  12. Solamente
  13. Dark Labyrinth
  14. The Last Walk
  15. Raindrops
  16. Dumb Misery
  17. Lass Los

Rekkorder aus Hamburg sind sicher eine der Bands, die von den Auftrittsverboten während des Lockdowns hart getroffen wurden. Denn während die vor sechs Jahren gegründeten Alternative Rocker sich mit Studioveröffentlichungen eher Zeit lassen, wird sich live sozusagen „der Arsch abgetourt“. Die Liste der Liveauftritte der letzten Jahre ist ebenso lang wie die der leider abgesagten Konzerte. Dabei machte das Quartett sogar in Afghanistan halt, was aufgrund der aktuellen Lage mehr denn je unmöglich erscheint. 2016 erschien das Debütalbum Breaking Silence. Neben den fetten Riffs von Gitarrist Bernd ist und bleibt das Aushängeschild der Band Sängerin Nina. Die Kolumbianerin mit der ausdrucksstarken Stimme hört sich an, als wenn Shakira und Sandra Nasić (Guano Apes) eine wilde Party gefeiert hätten. Beide fungieren nach einigen Besetzungswechseln als Duo und sind aktuell auf der Suche nach Livemusikern, um das neue Material zu präsentieren. Für die Aufnahmen von One sicherte man sich die Dienste einiger Top-Gastmusiker.

Das neue Album One befasst sich laut Frontfrau Nina mit dem Umgang von täglichen Herausforderungen, um durch bahnbrechende Momente daran zu wachsen. Mix und Mastering der Platte nahm die Band in die eigene Hand, im Studio von Gitarrist Bernd. 17 neue Songs erwarten den Hörer im 90er Alternative-Gewand mit einer Prise südamerikanischem Flair.

Mit dem Titeltrack geht’s auch direkt nach vorne. Angetrieben vom Bass rockt One ohne Kompromisse. Die Songs bewegen sich zwar im zeitlichen Rahmen des Radioformats, würden von den Mainstream-Sendern aber vermutlich als „zu böse“ eingestuft. Der Song steigert seine Intensität zum Ende hin noch mal – ballert! Sweet Control legt mit elektronischen Klängen und dicken 90s-Crossover-Riffs nach. Nina kann ihre variable Stimme noch besser ausspielen. Scheinbar mühelos wechselt sie zwischen Pop, Rock und Growls. Zwischendurch werden vereinzelt verzerrte Gesangsparts eingestreut, die das elektronische Gerüst des Songs stützen.

Die Nummer MaryJane fährt die Instrumente zugunsten des düsteren Suchtszenarios zurück. Das ganze Herzblut der Kolumbianerin steckt in jedem einzelnen Wort: Sie leidet wahlweise auf Englisch oder Spanisch und bringt mit verzweifelter Hingabe Gewicht in die Texte. Die Neunziger-Ikonen Skunk Anansie kommen mir bei diesem emotionalen Titel in den Sinn. Die Lyrics bleiben weiter im Abgrund der Seele. Gravestone thematisiert Depressionen und Suizid. Er liefert mit seinen groovenden Riffs wieder einen bekannten Ansatz im Rekkorder-Sound. Nina bringt vor allem im Refrain wieder ihren ganzen Schmerz zum Ausdruck. Passend zum Inhalt gibt es ein verstörendes Video auf dem YouTube-Kanal der Band zu sehen.

Beim fetten Groove von Gasoline sehe ich einen „Walk in“ eines Wrestlers vor meinem geistigen Auge. Ein „Bösewicht“ natürlich mit Pyros und Nebel. Abwechslung kommt durch dezent eingesetzte Streicher zustande, was durchaus ansprechend umgesetzt wurde. Bis auf den fast schon gerappten Part fällt mir an Be Alright zu wenig auf, um sich im Gedächtnis festzusetzen.

Wieder gibt es Sprechgesang zu Beginn von Daylight’s Fading. Dazu kommt der versetzte Rhythmus von Drummer Tim Stahlschmidt gut zur Geltung. Mit den elektronischen Beats kommen die dicken Riffs, das ist im Verlaufe der knappen Stunde Spielzeit ein wiederkehrendes Thema. Schade, dass das aggressive Broken nach zweieinhalb Minuten schon wieder zu Ende ist. Mein Kopf war noch nicht ausgeschüttelt.

Wie eingangs schon erwähnt, machten Rekkorder auf ihrer Tour auch im Nahen Osten Station. Diese wurde dazu genutzt, um das Video zur zweiten Single End It All in Mazār-i Šarīf, Afghanistan zu drehen. Der Titel beschreibt meine Gedanken zur aktuellen Situation dort ganz gut. Die gesampelten Drums und das Introriff sind schon mehr als eine tiefe Verbeugung vor Linkin Parks One Step Closer. Ähnlich wie beim großen Vorbild kann man zu End It All gut abgehen. Laut-leise Dynamik for the win.

Toll, wenn das nächste Stück Download auf meiner Festplatte als download.mp3 abgelegt ist. Wie der Titel bleibt auch die Musik zunächst etwas blass. Einzig die auf Deutsch gesungene Passage und der Bass, der gekonnt durchs Unterholz rumpelt, heben den Song dann doch wieder aus dem Mittelmaß. Mehr Liebe für Bassisten! Was Süßes geht immer, denken sich Rekkorder und schieben Sugar nach. Immer wenn das Fundament des Songs groovt und Nina voll aus sich herausgeht, finde ich die Hamburger am liebenswertesten. Da zucken die Schultern im Rhythmus, da kreist die morsche Hüfte und die Luftgitarre wird ausgepackt.

Das nächste Lied kommt mir spanisch vor. Zu Recht, denn Solamente ist komplett in der Muttersprache der Sängerin intoniert und bildet damit die Ausnahme auf One. Vor allem der Refrain ist mit einer ordentlichen Portion Pop-Appeal gespickt. Soundgarden lassen aus dem Dark Labyrinth grüßen und Nina kontert mit Rap. The Last Walk ist eher wieder der dunklen Seite der Macht zuzuordnen. Ein Element, welches mir sehr gefällt. Die Fraktion der Streicher ist wieder dabei und das Horn Helm Hammerhands äh Tomás Figueiredos erklingt. Melancholisch tröpfeln auch die Raindrops in den Staub. Streicher im Sound bringen es – mark my words!

Dumb Misery ist Poprock in Reinkultur. Eigentlich radiotauglich, aber den meisten Sendern wohl doch zu „unbequem“. Es wird Zeit, loszulassen: Lass Los schließt das zweite Kapitel der Alternative Rocker von Rekkorder. Komplett auf Deutsch schmachtet Nina Lucia Medina Muñoz (klingt irgendwie spannender als Petra Müller) ins Mikro. Wird seine Fans haben, ist mir aber zu kitschig. Als Rausschmeißer hätte ich mir dann doch eher einen Arschtritt gewünscht.

Rekkorder – One
Fazit
Die noch junge Bandgeschichte von Rekkorder spiegelt sich nicht im Sound des neuen Albums One wider. Hier sind Profis am Werk, die vor allem durch zahlreiche Liveshows ihr Handwerk gefestigt haben. Sängerin Nina ist das Herz dieser Gruppe und bringt durch ihren Stimmumfang sowohl Abwechslung als auch Wiedererkennungswert in den von 90er-Jahre-Alternative/Indie geprägten Stil der Band. Den einen oder anderen Titel hätte ich wohl vom Album gestrichen. Dennoch bleibt genug Material zum gepflegten Absteppen übrig. Notiz für später: Live anschauen.

Anspieltipps: MaryJane, Gravestone und Gasoline
Florian W.
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