Sündflut: räumen mit scheinheiliger Deutschrock-Szene auf

Neustart nach Abrechnung

Die Metzinger Sündflut waren immer eine rebellische Konstante im Deutschrock. Ständig galt: Kein großes Gelaber, Sündflut machen einfach! Nun haben die Baden-Württemberger gemacht und haben via Facebook ein Statement veröffentlicht, mit dem sie gewaltig in der scheinheiligen Deutschrock-Szene aufräumen und sich bestimmt nicht nur Freunde machen. Wir werden das Statement nicht weiter kommentieren, denn bessere Worte würden wir auch nicht finden.

Hier das Statement von Sündflut:

An unsere Freunde, Fans, wegbegleitenden Bands und Kollegen, deren Wege sich nun von unseren trennen.

Nach beinahe 15 Jahren Bandgeschichte ist heute der Tag gekommen, an dem sich unsere Wege trennen werden. Es war eine lange Zeit mit rauschhaften Höhen und Tiefen. Wir blicken zurück auf zahlreiche Festivals, Shitstorms, gute Gespräche, Biere und Streits. Seit Monaten quälen uns Fragen und Zweifel, ob das alles, was wir hier so erleben, das ist, was uns glücklich macht. Nach den Festivals in 2019 sind wir hart auf dem Boden der Tatsachen aufgeschlagen. Viele Ereignisse, Aussagen und Entwicklungen haben uns erschüttert und vor allem die Hoffnung aufgeben lassen. Im Folgenden nur eine Auswahl dessen, was uns so begegnet:

Manu das würde ich an deiner Stelle nicht so posten um […] nicht zu verärgern, der könnte für euch noch wichtig sein. Lösch das doch besser wieder.“ (Kontext: Kritischer Post gegen den Frontmann des Marktführers aus Südtirol)

„Ihr seid ja angepasste Kettenhunde und keine richtigen freien Schwermetallwölfe.“
„Eure Tage des Zorns – sind nur heiße Luft und bringen den Abgrund nur näher.“
„Und gegen Linksextremismus zu sein, ist normal und nicht Nazi.“
„Komm Sündflut sagt uns mal was ein Nazi ist. Die letzten Nazis sind schon lang tot“
„Immer dieses „rechts“, „links“, sabbel, sabbel, bla, bla, bla Es geht hier doch um die Musik die uns verbindet, im Deutschrock sind wir eine Familie in meinen Augen.“
„Sorry kein Interesse an so linken Persönlichkeiten“
„Ich muss leider sagen, das Sündflut nicht mehr das ist, wie ich sie kennen und mögen gelernt habe . Schade . ….“
„Liebe Musikerkollegen, es überrascht mich, dass ihr derartige Hetze verbreitet und anderen Menschen eure politische Meinung aufzwingen wollt, bzw. keine andere duldet.“
„Mainstream Äffchen“
„Ist das der zwanghafte Versuch, irgendwie in irgendwelche Medien zu gelangen, um ein wenig bekannt zu werden?“
„Habe mich dann auch mal selbst entfernt. Ihr faselt was von Toleranz und toleriert selbst niemanden der andere Meinungen vertritt!“
„UNTERIRRDISCH euer Text! Wirklich komisch zu lesen!!! Nicht gut nachgedacht, hättet ihr einfach nix gesagt,naja….“
„Mit der band bin ich sowieso ferig“
„Okay, haha, Sündflut ihr seid das letzte“
„Schade. Wer hat euch diesen Text geschrieben?“
„Ihr seid die wahren Internetrambos …, seid genauso dämlich wie ihr ausseht.“
„Bleibt doch bitte nur bei freier und guter Musik und macht keinen auf jetzt müssen wir uns politisch versuchen“
„Musik soll verbinden und nicht eine Fucking Plattform sein für Politik.“

Uns kommt in den letzten Monaten ein unglaublicher Hass entgegen, aber unsere Entscheidung steht bereits seit langer Zeit fest. Wir sind oft auf die Schnauze gefallen, waren zu gutgläubig und haben ab und an schlichtweg den falschen Personen vertraut und alles aufs Spiel gesetzt, wofür wir stehen, doch nun soll damit Schluss sein. Das Ziel, die Deutschockszene von unten aufzuräumen, hätte ohne Unterstützung auch nie funktioniert, aber unseren Plänen hätte sich im Grunde genommen auch nie jemand angeschlossen, aus Angst selbst in der kommerziellen Versenkung zu landen. Man macht ja heutzutage Deutschrock, weil man meint, schnell eine breite, großartige und sicher auch kommerzielle Plattform zu finden.

Aber nun mal ganz von vorne.

Auf Festivals und Konzerten kam es immer wieder zu denkwürdigen Gesprächen mit Menschen, die Meinungen wie folgt vertraten: „Deutschland muss sich vor Zuwanderung verschließen. Deutschland soll aufhören, Vorreiter für Klimaziele zu werden. Deutschland ist meine Heimat, ich fühle mich hier wohl und darum werde ich auch weiterhin patriotisch zu meinem Land stehen. Nationalsozialismus geht mich nichts mehr an, ich war ja nicht dabei.“ Ach und noch so vieles mehr. Diskussionen brachten absolut nichts, der Alkohol gab dem Disput den Rest, wir verschwanden einfach aus der Menge, der Klügere gibt nach und kippt nach.

In so manchen dubiosen Band-Whats-App Gruppen der Szene, in die man teils ungefragt hinzugefügt wurde, teilten Leute rechtsextreme Songs. Diese Bands und Musiker waren immun gegen die Meinung, sie seien doch Vorbilder und sollten so etwas doch lieber lassen, um auch im Deutschrock endlich mit dem Klischee aufzuräumen, wir seien alle rechts. Belehrungen halfen nichts, wir verließen diese Whats-App Gruppen und setzten diese Musiker und Bands auf unsere innere „mit diesen Menschen spielen wir nicht mehr“-Liste. Wir wissen nicht, ob die Leute meinen, den Traum der Onkelz leben zu können oder müssen, um später sagen zu können „Wir waren mal rechts, aber jetzt sind wir die Guten und tun was dagegen.“ – man spielt nicht mit dem Feuer, niemals! Abgesehen vom fehlenden Intellekt mancher Musiker…

Sommer 2019 – ein Auftritt auf einem Festival sollte der erste und zugleich letzte sein. Wir waren Gastmusiker und wollten jemandem eine Chance geben, der ansonsten doch eher ausgegrenzt und verachtet wurde. Er ging immer mitten rein, provozierte und sagte deutlich seine Meinung. Hatte auch gute Ansichten zu Nachhaltigkeit, Tierschutz und den typisch deutschen Essgewohnheiten. Doch hier sollten wir schwer fallen. Vor diesem besagten Gig gingen Podcasts mit frauenfeindlichen Äußerungen los, nach dem Gig folgten braune Tatsachen. Gespräche und Diskussionen halfen nichts, wir verließen die Bühne.

Auch wir machten einen großen Fehler. Den wohl größten in der Bandgeschichte. Wir veröffentlichten 2018 zur Bundestagswahl den Song Auf Die Knie. Wir dachten uns zu dieser Zeit nichts Böses dabei, hatten nie die Absicht, jemanden damit zu diffamieren. Uns war es wichtig ein Statement gegen Extreme zu setzen, doch wir wurden eines Besseren belehrt. Rechts und links in einen Song zu verpacken, diese gleichzustellen, war falsch! Wir haben Wochen gebraucht, um zu verstehen, was wir hier angerichtet haben. Das ist auch hiermit unser erstes Statement zu diesem Song. Wir haben ihn von allen Plattformen genommen, wir haben das Video entfernt und wir distanzieren uns von dieser in diesem Video entsprechend interpretierbaren, aber eigentlich nicht implizierten Meinung. Diese beiden politischen Seiten kann und darf man nicht gleichstellen. Schaut man sich einfach die Statistiken mit Gewaltverbrechen aus beiden Lagern an, so überwiegt das Rechte immer. Dennoch werden wir nicht vergessen, welch einen Shitstorm dieser Song bekommen hat. Trolle, aber auch die Antifa haben sich hierzu eingeschaltet und wollten uns, völlig richtig, darüber aufklären, was wir für eine Scheiße produziert haben. Das Format der dortigen Diskussionskultur war sicher das Falsche. Es provozierte uns, machte uns wütend und unsere damaligen Fans gingen volles Brett in die Diskussion mit hinein und verschlimmerten das Ganze erheblich. Wir mussten uns mit Drohungen, die ganz klar alle Grenzen von Respekt und Toleranz überschritten haben, auseinandersetzen. Diese gingen weit in die Privatsphäre hinein. Heute sind wir schlauer. Internet-Trolle gibt es auf beiden politischen Seiten und zerstören das allgemeine Meinungsbild. Hier sorgte das Ganze für so große Unruhe, dass wir wochenlang abgetaucht sind. Dennoch betonen wir, die Message aus diesem Song ging deutlich in die falsche Richtung, ließ in ihren Interpretationen zuviel Falsches zu und darf so nicht stehenbleiben. Das war großer Mist, für den wir uns entschuldigen.

Für Shitstorms, große Klappe und allgemeines anecken … usw. sind wir ja bekannt. Doch oft ist es uns unerklärlich, wie man unter Posts gegen Nazis einen so abartigen Shirtstorm auslösen kann. Haben wir dann doch jahrelang einige falsche Fans angelockt und toleriert? Vielleicht haben wir auch hier viel zu lange nicht hingesehen. Natürlich wurden Rechtsextreme von uns schnell und konsequent entfernt, diesen muss man auf unserer Seite keine weitere Plattform bieten, doch was ist mit den ganzen AFD-Sympathisanten und rechten Verschwörungstheoretikern? Diese zerstören ebenfalls das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Auch hier ziehen wir einen Schlussstrich! Unsere Meinung, die schon lang in uns steckt und nur teilweise zum Vorschein kam, muss jetzt heraus. Wir können und dürfen diese nicht weiter verstecken. Wir sagen diesen Menschen hier und jetzt ein weiteres und hoffentlich letztes Mal ehrlich: Wir finden euch scheiße, geht! Wir möchten eurem blau-braunen Gedankengut keine Chance geben. Mit euch zu diskutieren, euch andere Perspektiven aufzuzeigen, schlug jedes mal fehl. Wir sind es leid, auch euch zu „gehören“, wir trennen uns somit von euch. Die Likezahlen gehen runter, unsere Meinungen verschrecken jahrelange Fans und Freunde, aber das ist der Preis, den man für seine Überzeugung bezahlen muss.

Wir haben uns viele Jahre Deutschrock auf die Fahnen geschrieben, haben viele Jahre versucht diese angeblich „unpolitische“ Szene zu unterstützen und zu promoten. All das hat nichts gebracht. Musik ist nicht unpolitisch und wir werden es auch nicht sein. Auch wenn ihr es immer wieder einfordert, dass wir doch unsere Fressen halten sollen, weil wir uns damit in die Scheiße katapultieren würden. Nein, wir sind der Meinung, damit holen wir uns eher aus der Scheiße raus und zeigen, was es heißt, Verantwortung für Freiheit, Demokratie und Toleranz zu übernehmen. Uns ist klar, dass wir uns damit viele Konzerte, Festivals, weitere Freundschaften und Bands verbauen, aber das soll es uns wert sein.

Distanzieren möchten wir uns auch von Liedgut wie „Deutschrock wird weiterleben, Deutschrock wird es ewig geben“. Für uns gibt es das nicht mehr – wir hatten andere Assoziationen mit diesem Begriff, als wir ihn uns zugeschrieben haben. Jahrelang hatten wir alle die Chance zu zeigen, wie unpolitisch und korrekt wir doch alle sind, doch das haben wir nicht geschafft. Ist hierbei der Begriff die Schwierigkeit oder sind es doch die Fans und Bands, dich sich darunter ansiedeln und das große Ganze gefährden? Wir verlassen das Spiel und sind damit raus.

Wie es weiter gehen soll? Wir schreiben neue Songs, neue Texte und möchten das, was wir nun seit Monaten unterstützen, weiterhin durchziehen. Wir stehen für Menschlichkeit, Freude am Leben, Nachhaltigkeit, Antifaschismus, Toleranz, Gendergerechtigkeit usw. ein. Da ist kein Platz für die Grauzone, in der sich nicht nur aber auch Leute ansammeln, die diese Wertaspekte verachten und mit den Füßen treten.
Das alles sind Themen, die einen Teil der Deutschrocker „Ultras“ erschüttern werden, aber uns lange Zeit zum Schweigen gebracht haben. Eine Art Fremdscham, Themen, über die man nicht reden kann.

Wir sehen uns wieder, lauter, ehrlicher und erleichterter. Dieses Statement an euch, an uns war so lange schon überfällig. Wir haben lang dafür gebraucht, die richtigen Worte zu finden. Ob es die richtigen sind, wissen wir natürlich nicht. Was jetzt passiert, wissen wir auch nicht. Wenn du beim Lesen eine extreme Wut verspürst und darüber nicht reden möchtest, legen wir dir nahe, diese Seite einfach zu entliken und/oder zu blockieren. Hast du Fragen oder Meinungen, schick sie gerne an uns oder schreib gerne unter diesen Beitrag – aber bitte mit Respekt und in entsprechendem sprachlichen Stil. Wenn es zu viele Fragen werden, werden wir in den nächsten Tagen einen Livechat starten, um diese für euch zu beantworten. Infos dazu folgen.

Und zum Schluss ein paar nette Worte. In uns steckt das Ganze schon sehr lang, wenn nicht schon seit Anfang an. So viele Diskussionen unter uns fünf, die zu vielen Streits geführt haben. Wie machen wir das Ganze, verlieren wir Gigs durch unsere Meinung, prasselt jetzt ein unglaublicher Hass auf uns ein? Ja, das tut es, aber wir müssen nun unseren Herzen folgen, es endlich von diesen unglaublich belastenden Steinen darauf befreien und neu starten. Wir entscheiden uns gegen eine Neugründung und gegen einen neuen Namen, wir sind nun mal Sündflut und wir werden mit der nächsten Welle startklar sein – da ist viel Großes geplant. Uns erreichen schon zahlreiche Kommentare, Mails und persönliche Meinungen, die uns so massiv darin bestärken, was wir tun! Wir danken jedem Einzelnen von euch, dass ihr jetzt zu uns steht und uns unterstützt. Wir glauben an das Ganze so sehr wie ihr und wir werden jetzt am Boden der Tatsachen nicht länger fallen, sondern zusammen mit euch noch stärker nach vorne gehen.

Ganz viel Liebe an diesem Tag an euch ❤️

Eure Sündflut

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