U.D.O. – Steelfactory

„Ein Schritt in die richtige Richtung!“

Artist: U.D.O.

Herkunft: Deutschland

Album: Steelfactory

Spiellänge: 58:11 Minuten

Genre: Heavy Metal, Power Metal

Release: 31.08.2018

Label: AFM Records

Link: https://www.udo-online.com/news-98.html

Bandmitglieder:

Gesang – Udo Dirkschneider
Gitarre – Andrey Smirnov
Bass – Fitty Wienhold
Schlagzeug – Sven Dirkschneider

Tracklist:

01. Tongue Reaper
02. Make The Move
03. Keeper Of My Soul
04. In The Heat Of The Night
05. Raise The Game
06. Blood On Fire
07. Rising High
08. The Devil Is An Angel (Bonustrack)
09. Hungry And Angry
10. One Heart One Soul
11. Pictures In My Dreams (Bonustrack)
12. A Bite Of Evil
13. Eraser
14. Rose In The Desert
15. The Way

The German Tank Udo Dirkschneider ist momentan aus der Metallandschaft nicht wegzudenken, kaum hat er die dreijährige Vergangenheitsbewältigung in Form der Dirkschneider Tour, auf der er nur altes Accept Material gespielt hat, hinter sich gebracht, so ist er mit U.D.O. zurück und präsentiert neue Songs aus der Steelfactory. Ein Album, das man offenbar mal eben so aus dem Ärmel geschüttelt hat, denn viel Zeit blieb ja nicht bei all den Touraktivitäten. Getreu Udo Jürgens, der 1977 schon festgestellt hat, Mit 66 Jahren fängt das Leben erst an, hat der mittlerweile ebenfalls 66-Jährige Wuppertaler offenbar Blut geleckt und gibt noch einmal richtig Gas.

Nachdem die beiden letzten Veröffentlichungen Steelhammer (2013) und Decadent (2015) nicht so wahnsinnig gezündet haben, ist die Erwartungshaltung nun hoch. Um es auf den Punkt zu bringen: eigentlich ging es schon seit Man And Machine im Jahre 2002 kontinuierlich bergab. Rev-Raptor wurde 2011 produktionstechnisch sogar völlig an die Wand gefahren. Es wurde zwar teilweise solider deutscher Metal serviert, doch die ganz große Begeisterung bei Kritikern und Fans blieb aus. Ist Steelfactory nun wirklich das beste U.D.O. Album ever, als das es im Vorfeld angepriesen wurde, oder ist es doch endlich Zeit für die wohlverdiente Rockerrente? Was kann der neue Silberling aus der Solinger Stahlschmiede?

Fakt ist, so ganz kampflos will man den ehemaligen Weggefährten von Accept das Feld nicht überlassen. Ebenso Fakt ist, Experimente braucht man von dem Urgestein nicht erwarten, einen alten Baum verpflanzt man nicht. Schon beim ersten Durchlauf wird klar, handwerklich feuert die eingespielte Band aus allen Rohren und macht klar, dass man noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Steelfactory ist zwar definitiv nicht das beste Album ever geworden, aber erfreulicherweise setzt man qualitativ in etwa da an, wo Faceless World im Jahr 1990 große Fußstapfen hinterließ. Gleich mit dem Opener Tongue Reaper gibt man richtig Vollgas und macht die Nackenmuskeln warm. Power Metal mit voller Durchschlagskraft, tollen Melodien und mächtigen Soli dominieren das mittlerweile sechzehnte U.D.O. Werk. Einige der Songs könnten genauso gut aus der großen, erfolgreichen Accept Zeit stammen und brauchen sich nicht hinter diesen zu verstecken. Die ewigen Accept Vergleiche wird man im Hause Dirkschneider mittlerweile wohl nicht mehr gerne hören, aber Tongue Reaper hätte auch Objection Overruled eröffnen können und Make The Move mit seiner trillernden Leadgitarre erinnert wohl auch nicht ganz zufällig an Living For Tonite. Die Back to the Roots Tour hat wohl doch irgendwie abgefärbt. Mächtige Midtempo Stampfer wie z.B. eben der Opener Tongue Reaper, das mit seinem epischen Refrain mitgröltaugliche One Heart One Soul, das auch vorab ausgekoppelt wurde, oder auch Keeper Of My Soul mit einer kaukasisch anmutenden Chorspielerei reihen sich nahtlos in die großen Klassiker der Vergangenheit ein, jedoch ohne angestaubt und altbacken zu klingen. An den Kosakenchören wird sich der eine oder andere stoßen, da sie ein wenig Schunkelstimmung aufkommen lassen, doch im zweiten / dritten Durchlauf passt es durchaus. Von den Alterserscheinungen beim Chef, die auf den letzten Konzerten ja nicht mehr zu übersehen waren, ist hier nichts zu spüren. Bei Dirkschneider scheint es wie bei gutem Wein zu sein, man reift mit dem Alter und wird immer besser. Udos unverkennbare Stimme dominiert das Geschehen, mal hoch, mal tief, mal aggressiv, mal schneidend schreit, knurrt und keift er wie zu besten Zeiten. Die Durchschlagskraft ist immer noch gegeben, auch wenn seine jüngere Neigung zum gelegentlichen Sprechgesang etwas bedenklich ist. Das sind dann die Momente, wo ich denke, das hätte man früher besser hingekriegt. Zugegeben, Udos Gesang ist sowieso nicht jedermanns Sache, man muss die Stimme ganz einfach mögen.

Aber auch der stampfende Metaltango Blood On Fire kann mit einem geilen, prägenden Headbangerriff in bester Accept Manier bestechen. Rising High ist ein echter Doublebass Kracher wie aus besten Timebomb Zeiten und mit richtig aggressivem Gesang. Hungry And Angry schafft es mit seinem starkem Mitsingchorus sicher auf die Livesetlist, erinnert der Song doch ein wenig an Princess Of The Dawn. Rising High und Eraser sind zudem tolle Uptempo Rocker, bei denen man das noch vorhandene Haupthaar mal wieder so richtig durchschütteln kann. A Bite Of Evil ist explodierend aufgebaut und entwickelt sich zunehmend. Die Nummern weisen in ihrer simplen Straightness einen Hymnencharakter auf, wie man ihn von anno damals kennt. Die Altherrenriege überträgt Altbewährtes in die heutige Zeit. Steelfactory atmet jede Menge altmodischen Metalspirit und klingt dank Produzent Jacob Hansen doch angenehm zeitgemäß. Wobei die Bezeichnung Altherrenriege nur bedingt stimmt, denn Dirkschneider junior erweist sich als Glücksgriff und wahrer Jungbrunnen. Mit einer Portion frischem Druck und hörbarer Spielfreude ackert der Sohn vom Chef an seiner Schießbude und legt ein kraftvolles Fundament. Ebenso der russische Sechssaiter Andrey Smirnov, der erstmals alleine für die Gitarren verantwortlich war. Er ist kein Wolf Hoffmann, logisch, aber mit viel Leidenschaft bietet er eine mitreißende Vorstellung und untermalt die Nummern mit vielseitigem Sound. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass hier und da auch mal etwas russische Folklore in den Leads und Soli durchschimmert, dass akustische Klampfen zum Einsatz kommen, oder bei Blood On Fire plötzlich und unerwartet ein paar Walzertakte erklingen. Für ein paar kleine Experimente ist also auch ein Urgestein gut, denn so etwas gab es bisher auf keinem Album. Das frischt die Songs auf und lässt sie modern klingen, ob das aber jeder Metalhead gutheißen wird, sei hier mal dahin gestellt. Eine zusätzliche interessante Klangfarbe ist es aber allemal.

Ein sehr persönliches Ende findet das Album in der Power Ballade My Way. Der Song bietet die erste wirkliche Verschnaufpause, wobei der Gesang hier sehr gewöhnungsbedürftig ist. Das Reibeisen in der Stimme passt einfach besser zum German Urgestein. Ist es Dirkschneiders My Way und kündigt sich hier ein Ende an, oder hat die Ballade nur rein zufällig den gleichen Titel wie der bekannte Frank Sinatra / Paul Anka Oldie?

Fazit: Nein, Steelfactory ist nicht das beste U.D.O. Album ever, aber nach den Ausfällen der letzten Jahre endlich wieder ein Schritt in die richtige Richtung. Uns Udo hat gerade stimmlich nichts verlernt und besinnt sich auf alte Stärken. Der Groovefaktor ist wieder deutlich gestiegen und das Album ist eine klare Kampfansage an seine ehemalige Truppe. Es ist nicht alles Gold, was glänzt und auch in einer Stahlfabrik ergibt sich zwangsweise Schlacke, aber das Album ist definitiv das stärkste seit langer Zeit. Sven und Andrey bringen frischen Wind und auch die fast dreijährige Back to the Roots Tour hat sich positiv auf die Scheibe ausgewirkt. Das Songwriting ist gut und Gitarrenriffs und Soli können begeistern. Die russischen Elemente sind gewöhnungsbedürftig, aber machen das alles modern und im Großen und Ganzen passt es auch. An die ganz großen Klassiker der Frühzeit kommt man aber nicht heran. Zeit in Rockerrente zu gehen, ist es aber noch lange nicht, hier kann man noch einiges erwarten. Fans von U.D.O. und auch Accept können hier bedenkenlos zugreifen, auch jeder, der gut gemachten deutschen Midtempo Edelstahl mag.

Anspieltipps: Tongue Reaper, Make The Move, One Heart One Soul
Andreas F.
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