Event: Meine Welt Tour 2025
Band: Till Lindemann
Support: Aesthetic Perfection
Datum: 23.11.2025
Genres: Rock, Industrial Rock, Elektronic
Besucher: ca. 11.000
Tickets: 77,40 € VVK
Veranstalter: River Concerts
Setlisten:
- Bad Vibes
- SEX
- Rhythm + Control
- Into The Void
- Summer Goth
- Self Inflicted
- We Bring The Beat
- Gods & Gold
- Love Like Lies
- Fat (Lindemann Song)
- Und Die Engel Singen
- Schweiss
- Altes Fleisch
- Golden Shower (Lindemann Song)
- Sport Frei
- Tanzlehrerin
- Blut (Lindemann Song)
- Allesfresser (Lindemann Song)
- Prostitution
- Praise Abort (Lindemann Song)
- Platz Eins (Lindemann Song)
- Du Hast Kein Herz
- Skills In Pills (Lindemann Song)
Zugabe:
- Übers Meer
- Knebel (Lindemann Song)
- Fish On (Lindemann Song)
- Ich Hasse Kinder
Der heutige Abend steht ganz im Zeichen von Schweiß und Blut. Damit ist kein Workout oder harte Arbeit gemeint, sondern das sind Songtitel von Till Lindemann, der auf seiner Meine Welt Tour 2025/26 in Hamburg gastiert. Das rechtzeitige Erscheinen ist gut, denn wir müssen eine Weile warten, um unsere Zugangsberechtigung zu erhalten. Das umfasst einen Fotopass für mich, was schon mal eine Auszeichnung ist. Dass ich allerdings nur vom FOH aus fotografieren darf, ist schade, aber es wird seine Gründe haben. Doch zunächst können wir den Anfang der Show vom Parkett aus verfolgen. Die Halle ist gut gefüllt, und laut Aussage sollen gut 11.000 Zuschauer die Show verfolgen. Till Lindemann ist ja seit dem Skandal um möglichen Missbrauch während und nach den Rammstein-Shows eine kontrovers diskutierte Person, und so gibt es hier – wie auch in anderen Städten – auf dem Vorplatz eine Demonstration gegen ihn. Die gut 35 Protestierenden werden von mindestens genauso vielen Polizisten bewacht, aber den meisten Zuschauern gehen die Proteste wohl am Allerwertesten vorbei. Das zeigt auch die Menge an Frauen im Publikum, die sich entsprechend sexy präsentieren. Das gilt natürlich nicht für alle, aber die Anzahl an aufgespritzten Lippen, knappen Outfits und freizügigen Dekolletés ist schon beachtlich. Auch die Anzahl an sogenannten VIP-Bändern, gerade bei weiblichen Gästen, ist auffallend hoch. Bevor es mit der Vorband Aesthetic Perfection losgeht, schnell noch ein „günstiges“ 7-Euro-Bier – inklusive Becher dann einen Zehner. Drei unterschiedliche Becher gibt es, und so kommen noch einmal dreißig Euro im Laufe des Abends zusammen. Der Weg am Merch vorbei zeigt, dass auch hier die Preise ordentlich sind. Ein Shirt für 40 Euro ist gerade noch akzeptabel, und der Stand ist gut besucht. Die Maschinerie läuft.
Das Projekt Aesthetic Perfection stimmt auf den Hauptact ein

Bei der Vorband läuft es scheinbar ebenfalls. Die Elektro-Beats donnern in das Publikum. Das Projekt stammt aus Amiland und besteht aus Sänger und Gründer Daniel Graves, den beiden Damen an den Gitarren Constance Antoinette und Lore Jarocinski sowie Drummer Joe Letz. Die Band war bereits 2020 als Vorband von Lindemann dabei, und auch beim Lordfest 2022 durften sie auftreten. Spannend, welche Vorbands auf den Rammstein– und Till Lindemann-Touren immer so ausgegraben werden – und nicht immer kommt das gut an. Hier sind zumindest einige angetan, und so sind diverse Tanzmoves zu sehen, und auch der Beifall ist ordentlich. Songs wie Into The Void, SEX oder Gods & Gold überzeugen zumindest einen Teil des Publikums, und das kollektive Winken von rechts nach links überrascht sogar Sänger Daniel. Meins ist es nicht, aber das muss es ja auch nicht. Till Lindemann ist für 21:15 Uhr angekündigt und der Umbau geht professionell vonstatten. Das riesige Banner vor der Bühne passt zum Protest vor der Halle, steht dort doch auf Kyrillisch Kill Till. Dann geht es los. Ich bin gespannt, was da kommt, denn seine letzte Platte Zunge hatte mal wieder viele provokante Tracks und vor allem sehr eindeutige Texte. Ich empfehle da mal Tanzlehrerin oder auch Prostitution.
Till Lindemann provokant, anzüglich, sexistisch aber irgendwie auch cool
Wir stehen recht weit links von der Bühne und haben somit einen relativ guten Blick auf das Geschehen, auch wenn natürlich die direkte Frontsicht fehlt. Die Bühne ist futuristisch aufgebaut. Keyboarderin Brynn Route steht leicht erhöht und ist – wie einige der Damen auf der Bühne – in knappem Leder und Lack gekleidet. Ob sie richtig spielt, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Drummer Joe Letz hat an diesem Abend seinen zweiten Einsatz, denn er war ja bereits bei Aesthetic Perfection am Werk. Sein Drumkit steht quer zur Bühne, was sich positiv auf die Sicht bemerkbar macht. Dass auch er eher an einen Besucher einer Fetisch-Party erinnert, wird sich im Laufe des Abends noch klarer herauskristallisieren. An der Bassgitarre hat sich inzwischen Momo III (Kristin „Krissy“ Kaminski) etabliert. Die Gitarrenarbeit macht zum einen seit Kurzem Danny Lohner, nachdem Dani Sophia (auch ein OnlyFans-Star) als Gitarristin nur kurz dabei sein durfte. Die zweite Gitarre wird von Emily Ruvidich bedient. Mit den The Sinderellas gibt es noch zwei Tänzerinnen, die unterschiedlichste Rollen darbieten, unter anderem beim ersten Track Fat Nonnen, die unter ihren Soutanen in Fatsuits gekleidet sind und diese dann auch nach Ablegen der Roben lasziv vorführen. Das Räkeln und Winden am Bühnenrand müsste jedem Geistlichen Hunderte von Ave Marias wert sein. Mit dem ersten Titel und Setlist.FM wird klar, dass die 2020er-Setlist um einige neuere Titel ergänzt wurde, aber sonst auf Altbewährtes zurückgegriffen wird.
Till Lindemann überzeugt auf der ganzen Linie

Till Lindemann steht mit gelblich gefärbtem Gesicht geschminkt und mit einem Irokesenschnitt auf der Bühne. Ab der ersten Minute geht es eigentlich voll zur Sache und die scheint hauptsächlich Provokation und Schock zu sein. Aber ist das so schlimm? Nee, das ist die Show, der künstlerische Aspekt der Interpretation seiner Texte. Die sollen provozieren, schocken und aufrütteln. Das klappt auch in den folgenden Songs. Passend dazu ist auf der Leinwand im Hintergrund nicht wirklich viel jugendfreies Material zu sehen. Mit Und Die Engel Singen gibt es gleich zu Anfang einen der schöneren Songs. Das geht dann schnell über in Schweiß, ein typischer, rhythmisch starker Track, der bereits jetzt alle zum Mitsingen abholt. Bei Golden Shower sind weibliche primäre Geschlechtsmerkmale in Nahaufnahme zu sehen. Brüste, nackte Hintern oder auch kopulierende Sequenzen werden bei den entsprechenden Songs eingeblendet. Möglicherweise ist das der Grund, dass externe Fotografen im Graben nicht zugelassen werden. Till performt gewohnt stark, auch wenn er nicht mehr ganz so agil ist wie vor Jahren bei Rammstein-Konzerten. Trotzdem sind seine typischen Posen da und das Hämmern aufs Bein wird auch hier zelebriert. Das eine oder andere Mal gibt es einen Schluck aus der Flasche, deren Inhalt dann in hohem Bogen wieder ausgespuckt wird. Trotz seiner 62 Jahre ist er noch gut dabei, auch wenn es halt Grenzen gibt. Trotzdem schafft es dieser charismatische Frontmann, das Gesamtkunstwerk Till Lindemann authentisch zu präsentieren. Dass dies dem einen oder anderen nicht gefällt, ist in der Halle nicht zu spüren. Er räumt hier ab und wird frenetisch gefeiert. Der Sound ist gut und stimmlich passt es auch.
Bei dem leicht anrüchigen Song Tanzlehrerin sind auch wieder die beiden Tänzerinnen Andina Pavlovová Breidthardt und Lulu L’Amica gefragt. Sie machen nicht nur auf den ausfahrbaren Stempeln in luftiger Höhe oder auf den Podesten, sondern auch an den Tanzstangen oder eben als Nonnen verkleidet eine gute Figur. So ist im Verlauf des Konzertes immer Aktion auf der Bühne. Till wirft häufiger sein Mikro auf den Boden und muss sich an der einen oder anderen Stelle des Teleprompters bedienen. Seine Texte sind sicherlich nicht einfach zu singen, und so ergibt das Sinn. Den Fans ist es egal – sie feiern das Event, auch wenn insgesamt nur 90 Minuten Spielzeit zusammenkommen. Wortkarg wie auch schon bei Rammstein, heißt es nur am Anfang, kurz: „Hallo Hamburg“. Natürlich fehlt bei dem Konzert die Tortenschlacht bei Allesfresser nicht. Da wird extra auf mitgebrachten Plakaten aufgefordert, getroffen zu werden. Spannend ist auch die linke Seite der Bühne, auf der fast ausschließlich diverse VIP-Damen stehen und hoffen, sie würden bemerkt. Da hat der Meister der Bühne aber so gar keine Zeit zu. Wie bereits bei der letzten Tour lässt er sich in einer durchsichtigen Kuppel durch die Menge bei Platz Eins fahren. Schnell vergeht die Zeit, und fast schon plötzlich beendet Till mit Skills In Pills das reguläre Set. Die Zugaben – vier insgesamt – beginnen mit Übers Meer. Bei Fish On verzichtet er diesmal auf echten Fisch, stattdessen kommen Attrappen zum Einsatz, die es auch beim Merch für ’nen Zwanni zu kaufen gibt. Ich Hasse Kinder markiert dann das Ende des Sets.
Fazit

Ich war zunächst noch nicht sicher, ob ich das so abfeiere wie eine Rammstein-Show, aber es hat sich gezeigt, dass auch ein Till Lindemann es versteht, sein Publikum zu begeistern. 11.000 Menschen können nicht irren und ich hab keinen vorher gehen sehen. Über die Inhalte seiner Songs darf gestritten werden, aber das ist ein Kunstwerk. Dass hier viel Sex, Fetisch und menschliche Abgründe thematisiert werden, sollte jedem klar sein. Wer damit nicht zurechtkommt, der bleibt weg. Die Orga war gut, danke an Tom, der es uns möglich machte und unsere Namen auf der Liste fand und sogar vier Songs zum Fotografieren freigab. Leider ist durch die Entfernung zur Bühne und meinem nicht ausreichenden Hobbyfotoequipment nur wenige Bilder vorhanden. Aber wer Nahaufnahmen von Till Lindemann sehen möchte, findet im Netz diverse Möglichkeiten. Anders bei der Vorband, die durfte ich zumindest mit dem Handy fotografieren und auch veröffentlichen. Ich würde jederzeit wieder hingehen.
So geht ein Abend mit lindemannscher Poesie, Provokation und Show zu Ende. Gelungen – und die Protestierenden sind auch abgezogen. Das mag am inzwischen eingesetzten Schneefall liegen oder der Einsicht, dass der Protest einfach untergeht. Langsam geht es dann über die verschneiten Straßen zurück.




















