Annihilator – Ballistic, Sadistic

Jeff Waters packt die Kelle aus, brettert los und kombiniert Selbstzitate mit neuen Ideen

Artist: Annihilator

Herkunft: Kanada

Album: Ballistic, Sadistic

Spiellänge: 45:29 Minuten

Genre: Thrash Metal

Release: 24.01.2020

Label: Silver Lining Music

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annihilatormetal.com

Produktion: Jeff Waters, Watersound Studios UK (additional Engineering und Editing: Rich Hinks)

Bandmitglieder:

Gesang, Gitarre – Jeff Waters
Gitarre – Aaron Homma
Bass – Rich Hinks
Drums – Fabio Alessandrini

Tracklist:

1. Armed To The Teeth
2. The Attitude
3. Psycho Ward
4. I Am Warfare
5. Out With The Garbage
6. Dressed Up For Evil
7. Riot
8. One Wrong Move
9. Lip Service
10. The End Of The Lie
11. Thats Life

Wahnsinn, ist Ballistic, Sadistic tatsächlich schon das 17. Studioalbum von Annihilator, der Band des kanadischen Sympathikus Jeff Waters? Muss ja, wenn es so im Promozettel steht. Kein Wunder, dass sich selbst der Produzent, Songschreiber, Gitarrist und Sänger Waters schwer tut mit einer Einordnung: „Fast jeder Künstler liebt zunächst die Songs, die er kreiert hat. Sie sind wie deine Kinder! In meinem Fall ist es schwer, der Hauptsongwriter und Produzent zu sein und dabei frisch zu bleiben, neue Ideen zu haben oder alte Ideen besser zu machen – und das ist mir sehr wohl bewusst. Immer, wenn wir lieben, was wir tun, können wir blind sein dahingehend wie gut oder schlecht ein Lied oder eine Aufnahme wirklich ist. Die Zeit wird’s zeigen.“

Und dann lässt Waters noch was zur musikalischen Ausrichtung des neuen Albums ausrichten: „Wir haben ein Album aufgenommen, das wütend ist, technisch und zurückgeht zu Vibes der ersten drei Alben. Und es wird schwer, danach ein weiteres Album aufzunehmen! Das ist das beste Album seit 2005 mit Schizo Deluxe und ich denke, viele werden sagen, das neue Album ist eines der Top-3 von Annihilator.“ Und weiter: „Nimm die Alben Alice In Hell, Never, Neverland und Set The World On Fire, mache sie wütend, kombiniere die old-school Produktion mit modernen Hi-Tech-Studioausrüstung und addiere dann noch die beste Gitarrenarbeit hinzu, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie noch in mir habe – dann hast du das Beste, was wir wahrscheinlich anbieten können. Ich kann ehrlich gesagt kaum erwarten, dass das alle zu hören bekommen.“

Yep, insbesondere Fans von Annihilator geht es ähnlich und sie sind jedes Mal gespannt wie Schmitz´ Katze, was das neue Machwerk von Waters zu bieten hat. Denn neben vielen, genialen Alben wie die drei bereits Genannten sowie King Of The Kill und Refresh The Demon kamen noch „nur“ sehr gute Alben wie Waking The Fury, Schizo Deluxe oder Carnival Diablos und ordentliche Alben wie Metal, Criteria For A Black Widow. Jedoch gab es in all den vielen Jahren leider auch ziemlich durchschnittliche Alben, die recht unausgegoren oder uninspiriert wirkten. So ist es schwer, Highlights aus den letzten vier Alben (Annihilator, Feast, Suicide Society, For The Demented) zu benennen. Zwar waren da – wie sollte es bei solch einem grandiosen Metal-Gitarristen wie Waters auch anders sein – durchaus immer mal wieder packende Momente und krasse Riffs. So richtig rund und damit zum großen Abfeiern war das aber irgendwie viel zu selten.

Die vorab veröffentlichten Tracks von Ballistic, Sadistic ließen nicht wirklich Großes erwarten: Psycho Ward ist zwar ein guter Partyshouter klassischer Annihilator-Art, irritiert aber damit, dass gleich zu Beginn wie bei einem dahergelaufenen Popsong der Refrain zum Besten gegeben wird. Eine andere Strukturierung hätte hier einiges mehr rausgeholt, da der Song eigentlich ganz cool ist. Armed To The Teeth mag zwar Gitarristen aufgrund der flinken, technisch anstrengenden Arbeit an den sechs Seiten ungeheuer beeindrucken, songschreiberisch ist das aber nur ein ganz ordentlicher Stampfer. Und auch bei I Am Warfare kann man Meckern – wieder nur auf hohem Niveau, aber schließlich ist das hier auch keine x-beliebige Kellercombo. Jedenfalls weiß der eingedrosselte Refrain mit seiner Melodie nicht wirklich zu packen. Schade, da das Instrumentale beim Rest des Tracks ein sattes Thrash-Brett ist. Denkt man sich diesen gedrosselten Refrain weg, könnte der Song deutlich besser sein.

Überraschenderweise sind die anderen Songs des Albums durch die Bank alle besser, als die vorab veröffentlichten. Da stellt sich doch die Frage, was sich die Plattenfirma dabei gedacht hat. Vermutlich waren sie geplättet von der Aggression und Härte der anderen Songs. Denn Annihilator klingen abzüglich der vorab veröffentlichen Songs aggressiver als zuletzt. Was aber Metalfans freuen sollte. Das angepisste The Attitude ist eine schöne Up-Tempo-Abrissbirne und ist einfach starker, moderner Thrash-Metal ebenso wie Out With The Garbabe, Dressed Up For Evil (vielleicht der stärkste Song des Albums und stark an World Salad von Alice In Hell erinnernd), Riot und One Wrong Move.

Lip Service mutet an, als sei er der kleine Bruder von Knight Jumps Queen von Set The World On Fire und gefällt genauso wie der große Bruder. The End Of The Lie donnert mit einem Riff los, das 1:1 wie das von King Of The Kill tönt, auch die Soli klingen arg vertraut – und doch langweilt der Song nicht. Einfach, weil er Schmackes hat. Und bei That´s Life gibt’s zu einem Rhythmus, der erneut an das eben erwähnte Frühwerk erinnert, Lebensweisheiten für den geneigten Metaller sowie harmonische Gitarrenmelodien nach hinten raus zu bewundern.

Annihilator – Ballistic, Sadistic
Fazit
Fazit Tobias K.: Die drei vorab veröffentlichen, mit Musikvideos versehenen Tracks sind nicht ganz glücklich gewählt. Zwar hat Psycho Ward den einprägsamsten Refrain, die stärksten Songs sind aber andere. Als Fan der Band kann man sich mit Ballistic, Sadistic über ein klar stärkeres Album freuen als die vorherigen vier Langspieler. Der Umzug nach England hat Mastermind Jeff Waters offenbar gutgetan. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er endlich wieder für eine längere Zeit feste Bandmitglieder um sich gescharrt hat. Annihilator brettern und knüppeln anno 2020 mit gewohnt gitarrentechnischer Präzision, aggressiv und schnell. Etwas mehr Mut zur Lücke, mehr „Flow“ und weniger „hier noch ein Lick, dort noch ein Solo und die Drums donnern auch noch alles zu“ hätte dem Ganzen durchaus gutgetan. Zudem schimmern überall immer wieder Zitate von früheren Alben durch: Hier tönen Riffs, die mächtig an Never, Neverland erinnert, dort klingt eine Melodie wie von Set The World On Fire und anderswo wirbeln die Instrumente wüst und in einem Rhythmus wie einst bei Alice In Hell. Das kann man nun zweierlei bewerten: Zum einen so, dass Annihilator noch immer wie Annihilator klingen und das ist einfach fett, zudem ist es keine reine Selbstzitation, sondern es viele neue Ideen gibt mit ein paar alten und halt den für die Band bekannten Zutaten. Man muss den Songs aber mehrere Durchläufe gönnen, damit sie richtig zupacken können.

Und zweitens könnte man das Fazit ziehen, dass – wie schon bei den vorherigen Alben – ein kompetenter Produzent oder Co-Songwriter dem guten Songmaterial auf ein noch höheres Level hätte verhelfen können. Die Frage ist, ob ein Allesmacher wie Waters das noch kann, sich einen ebenbürtigen Mann an seine Seite zu holen. Wie man es auch sehen will, letztlich ist Ballistic, Sadistic ein starkes Thrash-Album mit diesem speziellen, unverkennbaren Annihilator-Sound und -Rhythmus, das sehr viele Momente hat, wo man einfach nur zu der Mucke mitabgehen will. Allein die Produktion wirkt etwas übersteuert (vielleicht liegt das aber auch an dem Pre-listening-Stream, der, aus welchen Gründen auch immer nach circa zwei Dutzend Durchläufen nur noch ein paar Lieder zum Abspielen zur Verfügung stellte). Unterm Strich kann das neue Album ohne Probleme zu den besseren der langen Bandhistorie gezählt werden.

Anspieltipps: The Attitude, Dressed Up For Evil, Lip Service und Psycho Ward

Fazit Steffen B.: Jeff Waters ist (leider) schon seit Jahren ein viel, viel besserer Gitarrist als Songwriter, sodass seine Veröffentlichungen zwar stets knallten, zuletzt aber zu wenig Songs beinhalteten, die sich dauerhaft in die Gehörgänge eingefräst haben. Für die 17. Studioveröffentlichung hat er gut daran getan, auf seine jungen (Live-)Mitstreiter zu hören und mit Fabio Allessandrini einen echten Drummer zum Komponieren und Einspielen einzubinden. Die Kompositionen strotzen vor Selbstzitaten (was trotz des geilen Mittelteils bei Lip Service meines Erachtens etwas überstrapaziert wird), sowohl aus der Frühphase als auch von den letzten Langeisen des Neu-Briten. Dabei überzeugen - natürlich - die rasanten Gitarrenriffs von Meister Waters, die Aggressivität, wütenden Vocals und besagtes Drumming, das gerade in den schnelleren und ultraschnellen Passagen weniger erzwungen und gehetzt wirkt. Ein Album, das durchgehend zum Headbangen einlädt und das Beste der letzten Jahre darstellt, dessen Halbwertzeit es aber abzuwarten gilt.

Anspieltipps: Dressed Up For Evil, Out With The Garbage, The Attitude und I Am Warfare
Tobias K.
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Steffen B.
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