B.O.S.C. e.V. – Heilige Lieder

Neffen, Nichten & Geschichten - eine Dokumentation

Über die Böhsen Onkelz muss ich an dieser Stelle nicht wirklich viel schreiben.
Jeder kennt sie. Und jeder hat zu den Frankfurtern eine Meinung.

Um die vier Musiker und ihr Leben soll es an dieser Stelle aber gar nicht gehen.
Auch, wenn das künstlerische Gesamtwerk und auch die turbulente Karriere der Band, ihre eigene Entwicklung und die Bewusstwerdung von „aus eigenen Fehlern kann man lernen“, maßgeblich zur Entstehung dieses Films beigetragen hat.

In den frühen Neunzigern wurde von der Band der offizielle Böhse Onkelz Supporters Club – kurz B.O.S.C. – ins Leben gerufen. Ein Fanclub mit regelmäßigen Fanzines, exklusiven Konzerten, eigenem Merchandise, Vorteilen beim Ticketkauf usw. Man kennt das.
Aufgrund des immensen Zulaufs wurden die Tore für neue Mitglieder irgendwann geschlossen und nach dem damaligen Ende der Band lag auch der Club für einige Jahre auf Eis.

Im Zuge der Reunion nach Kevin Russels erfolgreich therapierter Drogensucht und Lebenswende um 180 Grad, wurde auch der B.O.S.C. wieder reaktiviert – wenn auch mit einem komplett neuen Konzept.

Die erste große Neuerung war die Umbenennung in Böhse Onkelz Social Club e.V.
Unter diesem Banner wird seitdem das Know-How der Fanszene gebündelt, um den sozial schwächer gestellten Menschen in diesem Land die Hand zu reichen und das Leben etwas erträglicher zu machen. Dies geschieht zum Beispiel in Form von Kleider- und Sachspenden für karikative Institutionen wie Obdachlosenhilfen oder Essensausgaben. Unterstützt werden Einrichtungen, die Straßenkids ein Bett und eine warme Dusche zur Verfügung stellen oder auch Hilfe und Unterstützung für Migranten anbieten.

Geplant und final umgesetzt wird der gesamte Support von Mitgliedern des B.O.S.C. – natürlich ehrenamtlich.
Weitere Informationen zu den Aktionen können hier gefunden werden.

Nun handelt sich aber auch immer noch um einen Fanclub. Und Fans hat diese Band bekanntermaßen so einige. Kommen wir also zum eigentlichen Thema.

Vor ungefähr eineinhalb Jahren rief der B.O.S.C. – der übrigens von Mitgliedern geleitet wird – alle Mitglieder dazu auf, ihre ganz eigenen, persönlichen Lebensgeschichten zu erzählen. Und wenn diese durch ein spezielles Lied oder eine explizite Textzeile mit den Onkelz verbunden sind, umso besser.

Mit freundlicher Genehmigung des B.O.S.C. e.V.

In monatelanger Arbeit wurden diese Geschichten dann gesichtet, ausgewertet und aufbereitet. Es wurde viel telefoniert und geschrieben, geprüft und konzipiert. Ein Film sollte es am Ende sein, in dem die Hauptprotagonisten selbst zu Wort kommen und der ganzen Welt zeigen können, wie sehr ihnen die Texte der Band durch schwere oder auch gute Zeiten geholfen haben.

In knapp einer Stunde kommen in Heilige Lieder – Neffen, Nichten & Geschichten sechs Fans zu Wort und ins Bild.
Über 2.300 Kilometer wurden zurückgelegt, um diese Fans zu Hause zu besuchen.

Fans wie Philip aus Südtirol, dem das Lied Nur Die Besten Sterben Jung über den Tod seines besten Freundes hinweggeholfen hat. Und Nick, der sich zu einer geschlechtsangleichenden Operation entschieden und dank Mutier Mit Mir, das hier als Kraftspender und Identifikationskatalysator dient, eine ganz besondere Reise hinter sich hat.

Oder auch Marco, der nach einem schweren Autounfall gerade so überlebt und sich die Energie und Kraft für die Reha aus Wenn Du Wirklich Willst zieht – fest verbunden mit dem Ziel, beim Jubiläumskonzert in der Frankfurter Festhalle im Jahr 2001 dabei zu sein.

Das und mehr wird in den sechs Episoden sehr gefühl- und respektvoll erzählt. Im Gegensatz zu diesen ganzen unsäglichen Scripted Reality-Sendungen der TV-Privatsender, liegt der Fokus in diesem Film in keiner Weise auf Effekthascherei und Voyeurismus. Stattdessen erzählt er von Mut, Durchhaltevermögen und Willenskraft. Und ja, natürlich hat das am Ende wieder sehr viel mit den Böhsen Onkelz zu tun, die mit so vielen Texten versuchen, genau diese Kräfte in einem selbst freizusetzen.

Schnitt, Ton, Bild und Dramaturgie des Films sind von höchster Qualität und lassen das gesamte Werk in einem professionellen Licht erscheinen.
Aufgelockert werden die einzelnen Geschichten durch Interviews mit weiteren Fans und teilweise noch nie gezeigten Liveszenen vom Konzert der Onkelz auf der Berliner Waldbühne vor zwei Jahren. Gänsehaut für alle, die der Band etwas abgewinnen können.

Mit freundlicher Genehmigung des B.O.S.V. e.V.

Heilige Lieder – Neffen, Nichten & Geschichten ist kein Film über eine Band, sondern ein gefühlvolles, emotionales und schonungslos ehrliches Porträt über eine Fanszene, die trotz der enormen Heterogenität am Ende ein erstaunlich homogenes Bild abgibt. Und gelacht werden darf natürlich auch.

Die Band selbst, die mit der gesamten Produktion nichts am Hut hat und selbst sehr auf das Ergebnis gespannt war, hat sich in Form eines kleinen Videos von Stephan Weidner sehr gerührt und begeistert gezeigt und auch die vielen positiven Bewertungen auf YouTube zeigen, dass der Film nicht nur gut ankommt, sondern gleichzeitig auch eine Lücke schließt.

Eine richtige Lobby hatten die Fans der Band nämlich noch nie. Das kann sich mit diesem Film und natürlich dem Böhse Onkelz Social Club schlagartig ändern.

Die Corona-Krise mit all ihren Restriktionen hat für ein ungewolltes verfrühtes Ende des Projektes gesorgt, sodass der Film als ein „Teil 1“ betrachtet werden kann. Das „Fortsetzung folgt…“ kurz vor dem Abspann macht zumindest Hoffnung auf mehr.

Zu finden ist der Film komplett kostenfrei auf YouTube.

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