Das Interview mit Sänger J.J. von Harakiri For The Sky zum neuen Album Mære

Musikalische Albträume aus Österreich

Artist: Harakiri For The Sky

Herkunft: Salzburg, Österreich

Album: Mære

Spiellänge: 84:38 Minuten

Genre: Post Black Metal, Depressive Black Metal

Release: 29.01.2021

Label: AOP Records

Link: http://www.facebook.com/harakiriforthesky.de

Bandmitglieder:

Gesang – J.J.
Gitarre und Bassgitarre – M.S.
Schlagzeug – Krimh

Time For Metal / Paul M.:
Hallo J.J., schön, dass es heute funktioniert hat. Ich hatte schon die Möglichkeit, in das neue Harakiri For The Sky Album Mære reinzuhören und ich bin einfach begeistert. Ich hoffe, ich kann heute noch ein bisschen mehr über das Album erfahren, was nächstes Jahr auf den Markt kommt.

Harakiri For The Sky / J.J.:
Ja ich bedank mich erst mal noch für die Einladung, freut mich, dass ich wieder hier sein darf. Hab vor paar Jahren schon mal bei euch Antwort und Rede gestanden und ich denke, das bekommen wir heute auch hin.

Time For Metal / Paul M.:
Davon möchte ich doch mal ausgehen und da werfe ich mal die erste Frage in den Ring, die mich mit am meisten interessiert. Mære ist vom gesamten Klangbild etwas anderes, wie man es jetzt von Arson gewohnt war. Wie würdest du den Sound oder den Stil des neuen Albums beschreiben?

Harakiri For The Sky / J.J.:
Das Ganze ist wieder sehr atmosphärisch geworden und melancholisch, eigentlich genau so, wie man es von uns gewohnt ist. Wir haben die typischen halllastigen Gitarren dabei sowie die Gitarren, die mit unglaublichen Verzögerungen einhergehen und dabei nicht zu vergessen, wie es im Post Black Metal ja auch typisch ist, klar definierte Gitarrenklänge für die kleinen Melodieführungen. Was uns auch wieder wichtig war, waren die kleinen Details, wie das beispielsweise mehrere komplizierte Melodien sich zu einer gesamten Akustik zusammenfügen, die aus teilweise fünf Gitarren besteht. Die Liebe zum Detail darf einfach nicht fehlen, dann brauchen wir auch keine Gefahr laufen, das jemanden uns unterstellen kann, dass wir seine Melodie gestohlen haben, oder einer unsere stiehlt.

Time For Metal / Paul M.:
Das ist sehr interessant, da ergibt sich dann gleich die nächste Frage. Wie hast du J.J., beziehungsweise wie haben Harakiri For The Sky den Lockdown wahrgenommen und wie hat der euer Album beeinflusst?

Harakiri For The Sky / J.J.:
Auf das Album hat der Lockdown gar nicht mal so viel Einfluss gehabt, da ich die letzten Gesangsparts schon gegen Ende Januar eingesungen habe. Was sich etwas in die Länge gezogen hat, war das Mastering, welches für März angedacht war. Ebenfalls hatten unsere Gastsänger Schwierigkeiten, Studios zu finden, um die fehlenden Parts aufzunehmen, da sich im ersten Lockdown alle daran gehalten haben und auch ihre Studios geschlossen haben. Somit hatten wir dann das Album gegen Anfang Juli erst fertig und es hätte zum eigentlichen Termin im September kommen können. Wir waren aber auch zu dem Zeitpunkt noch recht gutgläubig und dachten, dass man Ende Januar vielleicht wieder normale Touren spielen kann, was wir mit dem Albumrelease verknüpfen wollten und somit verschob sich der Releasetermin auf Januar. Das waren auf jeden Fall unsere größten Probleme mit dem Lockdown, die Muse, Texte oder Melodien wurden von dem Ganzen nicht beeinflusst, es war vorher schon klar, wie Mære im Großen und Ganzen klingen soll.

Time For Metal / Paul M.:
Gab es auch in dieser Lockdownphase Bands, die dir durch diese Zeit geholfen haben und die euch direkt oder indirekt zu dem Album inspiriert haben?

Harakiri For The Sky / J.J.:
Also Mathias und ich hören schon oft dasselbe Zeug, das ist erst mal ausschlaggebend, denke ich. Mathias hört dazu noch Deftones und In Flames, wo ich dafür dann Emperor für mich entdeckt habe, ebenso wie Downfall Of Gaia. Was mich auch inspiriert hat, war die Platte The World We Left Behind von Nachtmystium, die ich auch noch heute liebend gerne höre und bei der mir nicht langweilig wird. Wir hören aber zusammen Bands wie Explosions In the Sky und da wir beide große If There Trees Could Talk Fans sind, hatte ich dann aber beschlossen, dass ich genau das machen möchte, bloß mit Schreigesang. Die Herausforderung war dann, dies nur noch umzusetzen, weil man muss ja dann auch noch schauen, inwiefern das Können die Ideen dann auch zulässt. Aber dieses Ziel der Band nahezukommen, haben wir in diesem Jahr echt erreicht und man muss es einfach sagen, dass die Band Harakiri For The Sky beeinflusst hat und den meisten Einfluss hatte bis dato für Mære.

Time For Metal / Paul M.:
Das klingt alles sehr tiefgründig, vor allem wird im Presseblatt geschrieben, dass das Album von Einsamkeit, Leid und Schmerz geprägt ist. Kam das Ganze durch die völlige Isolation? Was war euch bei der musikalischen Ausdeutung besonders wichtig und wie wurde das dann letztendlich auch erzielt?

Harakiri For The Sky / J.J.:
Ja, wie gesagt, der Lockdown hat das Ganze nicht beeinflusst, das kommt daher, da ich von Grund auf schon melancholisch bin, für Karg konnte ich jedoch die vielleicht teils neue Erfahrung nutzen und hab die EP Resilienz geschrieben. Die extreme Wahrnehmung von Leid und Schmerz kommt vermutlich auch daher, da Arson ein sehr aggressives Album ist und Mære ist dann schon viel trauriger und hebt sich schon stark von seinem Vorgänger ab. Wir haben prinzipiell nichts verändert, es macht den Vorgänger aus, der einen anderen Grundcharakter mit sich bringt. Ich weiß nicht, ob es M.S. genauso sieht oder andere Fans, aber das ist auf jeden Fall der Grund, weshalb Mære viel emotionaler, trauriger und qualvoller erscheint.

Time For Metal / Paul M.:
Also die Texte sind auf diesem Album auch wieder herzzerreißend und könnten, so wie sie sind, aus einem Roman gezogen sein. Vor allem darf ich hier mal mein Highlight betonen, was Us Against December Skies wäre. Als ich das Lied gehört habe, lief es mir eiskalt den Rücken runter, mir haben sich alle Haare aufgestellt. War das so geplant?

Harakiri For The Sky / J.J.:
Ja, der Text ist mir auch wichtig geworden, weil das Lied eine schmerzhafte Trennung beschreibt, die ich hinter mir habe. Das klingt zwar jetzt doof, aber der Text ist aus Versehen zustande gekommen und hat dann eine heilende Wirkung auf mich gehabt, was so bei den ersten Zeilen gar nicht geplant war. Von daher war die Wirkung eigentlich nie im Fokus, ich wollte meine Gedanken niederschreiben und es passiert dann aber öfters, dass dabei dann Songtexte herauskommen, die tiefgründig sind und eine Wirkung zeigen.

Time For Metal / Paul M.:
Wir haben ja grade über Us Against December Skies gesprochen, gibt es noch andere Tracks, die dir besonders ans Herz gewachsen sind? Und warum dann genau dieser? Gibt es bei den Songs besondere persönliche Verknüpfungen oder sind Aussagen darin enthalten, die dir besonders wichtig sind?

Harakiri For The Sky / J.J.:
Das kann ich möchte ich eigentlich so gar nicht beantworten, weil ich ja dann mich selbst in den Hintergrund rücken würde, da ja nahezu jeder Text irgendwo autobiografisch ist, ich dadurch verständlicherweise zu jedem Text einen starken Bezug habe. Bei keinem der Texte ist auch irgendwas verdramatisiert oder übertrieben dargestellt, bis auf ein paar minimale Ausschmückungen ist das Ganze sehr realitätsnah und entspricht der Wahrheit. Was meine Gefühle und was die Situationen anbelangt, ich habe nie was dazu erfunden, daher ist das schwierig zu beantworten. Eine der wichtigsten Geschichten ist dann vermutlich I, Pallbearer, da geht es um drei Charaktere, einer davon bin ich. Mehr möchte ich dazu gar nicht sagen, den Rest darf man und soll man interpretieren. Ich möchte niemandem meine Denkweise/Denkrichtung vorgeben, ich denke, das gehört zur künstlerischen Freiheit und das würde dann gegen die Kunst gehen, wenn man zu viel verrät.

Time For Metal / Paul M.:
Harakiri For The Sky sind ja nicht grade dafür bekannt, dass die Songlänge vier Minuten beträgt, wie kommt es zu den teilweise ja extremen Längen?

Harakiri For The Sky / J.J.:
Ja, gute Frage, selten haben wir wirklich noch Lieder unter acht Minuten, aber ich bin dann auch ganz froh, wenn die Tracks nicht die elf oder zwölf Minutenmarken knacken. Man muss dazu aber auch sagen, dass man diese Längen wirklich fühlen muss, ansonsten kann man damit prinzipiell erst mal nichts anfangen. Für unser Genre ist das grade perfekt, denn bei solchen Längen können wir das Tempo drosseln und die quälende Botschaft ruhig und sauber rüberbringen. Speedmetal wäre ja beispielsweise komplett ungeeignet für solche Längen. Und für die Textaussagen, die wir haben, bietet es sich generell einfach an. Wir können von schnellen, lauten Teilen, hin zu akustischen rhythmischen Parts, hin zu explodierenden Abschnitten gehen und das macht das Ganze aus so spannend – dabei kann einem nicht langweilig werden. Diese langen Aufbauten machen es gerade aus und sind mir vor allem sehr wichtig geworden, ich verliere mich selbst darin gerne und es macht Spaß, aus einem Track eine richtig vollwertige Komposition zu machen, die nicht einfach zu hören ist. Man kann so was ja nicht einmal hören und dann weiß man alles, unsere Songs muss man einfach mehrfach hören, um sich richtig in sie hineinversetzen zu können.

Time For Metal / Paul M.:
Noch sehr interessant finde ich euer Artwork, es ist ja inspiriert aus der Geschichte des Mæres, warum genau habt ihr diese Geschichte gewählt?

Harakiri For The Sky / J.J.:
Das ist so zusagen ein Nachtgespenst, was einem auf der Brust sitzt und einen vom Schlafen abhält, indem es einen Albtraum beschert oder Ähnliches. Und da sind wir bei der direkten Metapher für die Texte auf dem Album, weil das Album voll ist von meinen Albträumen und Zukunftsängsten, die ich habe. Vor allem ist es leider so, dass ich das Talent habe, Texte schreiben, die die Zukunft beschreiben und dann genauso eintreten. Und somit schließt sich der Kreis dann wieder, was ich auch selbst beeindruckend finde, weil das, ich nenne es mal Motto, also Name des Albums mit als Erstes entwickelt wird, bevor wir überhaupt nur einen Song haben.

Time For Metal / Paul M.:
Es ist ja momentan Lockdown und ihr habt eine Tour angesetzt, bleiben die angesetzten Termine für 2021 bestehen? Und wie wichtig ist es euch, eine Tour direkt nach der Coronasituation zuspielen?

Harakiri For The Sky / J.J.:
Na ja, wir würden bei der 2021er Tour vor einem bestuhlten Konzertraum spielen, was meiner Meinung nach idiotisch wäre, aber das wird ja so nicht passieren. Die Situation hat sich ja jetzt wieder verschlimmert und es wäre grenztechnisch gar nicht möglich, genauso wie die Thematik Schlafplatz, momentan hätten wir über die Nacht kein Dach über dem Kopf. Also diese Tour würde so viel Negatives hinter sich herziehen, dass verständlicherweise die Tour noch abgesagt wird. Dafür freu ich mich jetzt aber auf einen hoffentlich nahezu normalen Sommer – für die Kulturszene würde ich mir das dringend wünschen. Und unsere Tournee wird dann vermutlich 2022 stattfinden, dafür gibt es ja auch schon Termine, da haben wir in weiser Voraussicht mal geplant.

Time For Metal / Paul M.:
Wenn du jemandem einen Rat für diese schwere Zeit geben könntest, welchen würdest du ihm geben?

Harakiri For The Sky / J.J.:
Das ist erst mal schwer, da es auf den Charakter ankommt. Menschen, die eher gesellig sind, brauchen einfach Menschen um sich herum, das ist ganz einfach, während Menschen, die eher in sich gekehrt sind, ihre Ruhe brauchen, und sollten diese auch bekommen. Ansonsten denk ich, dass es hilft, wenn das Leben einfach einen klaren Ablauf hat, so viel Normalität einfach erhalten bleibt wie möglich. Auch wenn es dämlich klingt, das weiß ich selbst, man muss einfach schauen, dass man sich nicht unterkriegen lässt und den Blick nach vorne richtet. Man darf sich aber auch eingestehen, wenn es gar nicht mehr gehen sollte, dass man sich professionelle Hilfe holt, das ist heutzutage und vor allem jetzt absolut nachvollziehbar und man sollte keine Angst davor haben, dies nicht einfach zu tun. Was natürlich auch geht, ist zu versuchen, sich selbst zu helfen mit Ablenkung und ansonsten Familie und Freunde mit ins Boot holen, die helfen einem mehr, als man sich hätte denken können.

Time For Metal / Paul M.:
Also das war sehr informativ. J.J. ich bedanke mich für das aufschlussreiche Gespräch und die aufmunternden Worte, die du mir und den Lesern mit auf den Weg gegeben hast. Ich wünsche dir noch eine schöne Zeit, rutsch gut ins neue Jahr und viel Glück mit der Veröffentlichung der Platte.

Harakiri For The Sky / J.J.:
Ja bitte, hat unglaublich viel Spaß gemacht, ja dir auch und hab eine geile Zeit.

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