Das Review – Fluch oder Segen, Sprungbrett oder Sargnagel für Bands?

Leidenschaft versus Objektivität. Ein ungleicher Kampf.

Einer der Grundpfeiler eines jeden Musikmagazins – egal ob online oder Print – sind die monatlichen CD-Rezensionen.

Seit 1989 ist es bei mir ein sich jeden Monat wiederholendes Ritual: Kaum habe ich die aktuellen Ausgaben meiner abonnierten Musikmagazine im Briefkasten, wird der Umschlag aufgerissen, die Folie entfernt und das Heft in Windeseile mittig aufgeschlagen. Kurz ein bisschen Finetuning angewandt und schon bin ich auf den Review-Seiten.
Welche Scheibe wurde „Album des Monats“, wer ist in den Top 10, welche Bands haben es auf die letzten Plätze..nun.. „geschafft“ und wer hat eigentlich in diesem Monat musikalisch von sich hören lassen?

Kurzer Tipp: Unser Time For Metal – Release-Kalender gibt einen perfekten Überblick über aktuelle und anstehende Veröffentlichungen, schaut gerne einmal rein!

In schöner Regelmäßigkeit nicke ich dann also zustimmend mit dem Kopf, rege mich tierisch über das schlechte Abschneiden meiner Lieblingsbands auf oder erkläre den Rezensenten gleich für komplett unzurechnungsfähig.

„Alter, hast du Lack gesoffen? 3 Punkte? Was zum Teufel stimmt nicht mit dir?“
„Digger, 9 Punkte für so einen Quatsch? Wie viel hat dir das Label bezahlt?“

Das ist ja das Schöne am Fansein. Man hat das Recht, total subjektiv und egozentrisch zu sein. Jeder von uns hat den – für sich gesehen – besten Musikgeschmack, das kompletteste Fachwissen und vor allem eines: Recht. 😉

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten; und ich habe in meinen mittlerweile 43 Jahren nicht einen Musikfan kennengelernt, der seine Lieblingsbands- oder Genres nicht bis aufs (rhetorische) Blut verteidigt. Egal, ob mit fundierten Argumenten oder nihilistischer Penetranz.
Da werden Emotionen und Leidenschaft geweckt, Erinnerungen und Momente mit Songs oder Refrains verknüpft, Liedzeilen in die Haut tätowiert und tonnenweise Schultische, Hefte, Hauswände und unschuldige Jeansjacken mit Bandlogos verziert. Eddie, Snaggletooth und grimmige Kürbisse in detailverliebter Eintracht nebeneinander.

So schön es ist, ein Fan zu sein, umso schwieriger ist es, dieses Fansein mit einer gewissen journalistischen Verantwortung und Sorgfalt zu verknüpfen.

Als ich 1999 als Redakteur für das mittlerweile nicht mehr existierende Printmagazin Metal Heart meine Schreiber“karriere“ begann, war dies in der Tat eine sehr unangenehme Einstiegshürde.
Damals gab es noch kein Streaming und auch keine wirklichen Onlinearchive. Das Internet war noch nicht so weit verbreitet wie heute und wenn man sich mit dem Backkatalog einer Band beschäftigen wollte, musste man zu Saturn oder Media Markt (oder den lokalen Plattenladen um die Ecke) fahren und sich die bisherigen Scheiben per Kopfhörer (den vor dir schon Hunderte anderer Personen auf den schwitzigen Ohren hatten) zu Gemüte führen. Lecker!

Damals kam jeden Monat ein Paket aus dem Stuttgarter Redaktionsbüro zu mir nach Hause und natürlich waren da auch Alben dabei, denen man schon am Cover oder dem Schriftzug ansah, dass das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eher nicht so das Gelbe vom Ei ist.
Im Normalfall hört man dann kurz rein, skipt sich durch die ersten drei bis vier Songs und pfeffert die CD mit einem lauten „LASS DICH HIER NIE WIEDER BLICKEN!“ in den Müll.

Als Musikredakteur kann, ja DARF man das eben nicht machen. Auch wenn der Impuls regelmäßig vorhanden ist.
Grundsätzlich – so sehe ich das ganz persönlich – haben wir Schreiberfuzzis nicht nur den Lesern und Fans gegenüber eine Verantwortung, sondern vor allem auch den Bands, die der Ursprung und die Keimzelle unserer Musik und Szene sind.

Ich selbst bin seit Mitte der neunziger Jahre als Musiker in diversen Bands tätig und will gar nicht wissen, wie viel Zeit, Energie, Gesundheit, Nerven und Geld ich in den letzten 25 Jahren in die Musik gesteckt habe.
Und so geht es jedem, der sich von Blut und Hornhaut an den Fingerkuppen nicht abschrecken lässt und alles dafür gibt, um mit ein paar anderen Gleichgesinnten seinen Idolen nachzueifern, und es dann auch tatsächlich schafft, aus einem Haufen Chaoten eine richtige Band zu formen, die sich irgendwann auch mit Themen wie „Booking“, „Auftritte“ und „Lass mal ’ne Platte aufnehmen“ beschäftigt.

Da geht es so oft um so viel mehr. Selten sind Rock- und Metalmusiker die typischen Lieblinge in der Schule. Mädchen? Ja, die stehen natürlich voll auf pubertierende Pickelgesichter mit halblangen Haaren oder VokuHila, Totenköpfen auf der Kutte und „Lautes Rülpsen ist halt Metal!“-Logik.
Rock ’n‘ Roll und Heavy Metal (ok, nehmen wir Punkrock noch dazu) ist für viele die letzte Rettung und Hoffnung in einer kritischen Lebensphase.
Für mich war es die Erlösung und der Goldschatz am Ende des Regenbogens.

Und dann stehst du da, mit deinem Billigbass aus Sperrholz und dem dreißig Mark teuren Karstadt-Mikrofon und fühlst dich wie Steve Harris und Jason Newsted zugleich. Nur, dass du keine Ahnung hast, wie du von der E- auf die A-Saite kommst, ohne dir irgendein Gelenk auszukugeln, von dem du bis eben nicht wusstest, dass du es überhaupt im Finger hast.

Wie auch immer, zurück in die Zukunft.

In vielen Fällen hält man als Metalredakteur also eine CD in der Hand, die genau diese Art von Lebenseinstellung in ihrer Vita stehen hat.

Ein Haufen Jungs und Mädels hat es also wirklich geschafft, sich durchzubeißen und ein Album zu veröffentlichen. Hat es geschafft, einen Studioaufenthalt zu bezahlen oder eben ein Label zu finden. Und da mag man den Bandnamen, das Coverartwork oder die Musik selbst, ganz subjektiv gesehen, unfassbar beschissen finden… das alles ist egal, denn eines gilt immer: Ihr seid die Geilsten! Ihr habt jetzt schon mehr geschafft als die ganzen Idioten um euch herum, die euch ein Scheitern oder Aufgeben prognostiziert haben. Seid verdammt noch mal stolz auf euch!

Stellen wir uns also die Frage aller (Review-)Fragen: Wer gibt uns Redakteuren das Recht, über eine CD oder LP zu urteilen? Wer, in Gottes Namen, kann es rechtfertigen, ein Album zu verreißen?

Man muss sich bewusst sein, dass man mit jedem weiteren Review Gefahr läuft, Karrieren auch negativ zu beeinflussen und im worst case zu beenden. Ich weiß es aus eigener Erfahrung: Negative Rezensionen tun weh. Da kann man dem Rezensenten noch so sehr fatale Unwissenheit, mangelndes Verständnis oder auch Boshaftigkeit vorwerfen: Am Ende sticht es in der Brust und im Bauch.

Es fühlt sich wie ein Angriff auf die eigene Person an, wenn man statt der erhofften 8 bis 10 Punkte eine lausige 3 unter dem Text stehen hat.

Und hier komme ich nun zu diesem Spagat, den auch ich jedes Mal neu hinkriegen muss: Auf der einen Seite bin ich Fan und Maniac. Total parteiisch und subjektiv bis zum bitteren Ende. Und ja, ich darf andere Bands gottgleich oder scheiße finden und das auch jedem ins Gesicht schreien, der es gar nicht wissen will.

Zum anderen bin ich mir meiner Funktion als Time For Metal-Redakteur natürlich bewusst und weiß, dass ich auch bei – aus meiner Sicht – mittelmäßigen oder schlechten Alben ein professionelles Level nie unterschreiten darf. Auf der anderen Seite gehört es auch dazu, seine Lieblingsbands nicht völlig unkritisch und devot automatisch in den Himmel zu loben und mein Musikerherz verbietet es mir zudem noch, andere Bands öffentlich zu diskreditieren.

Klappt das immer? NATÜRLICH NICHT!

Redakteur Andreas B., bekennender Iron Maiden Fan

Ganz ehrlich, es wird nicht passieren, dass ich ein Iron Maiden-Album schlecht bewerte – solange der Sänger Bruce Dickinson heißt. Iced Earth und Atlantean Kodex können grundsätzlich nicht anders als ausschließlich überdurchschnittliche Songs zu schreiben und diese fürchterlichen Schlagerausflüge der letzten zehn bis zwanzig Jahre sorgen dafür, dass ich leblose Beinbekleidungsstücke oder medizinisch ausgebildete und zur Ausübung der Heilkunde zugelassene Personen niemals wieder ernst nehmen kann. Professionalität hat einfach ihre Grenzen…

Das Gleiche gilt für Bands, die zu offensichtlich auf Airplay und schnellen Erfolg abzielen.
 Die sich wie ein Fähnchen im Wind dem aktuellen Trend anpassen, sich anbiedern und mehr Arbeit in Styling und Image, als das Wesentliche – die Musik – stecken.

In diesen Zeiten, in denen fast jedes Promosheet der Labels das jeweilige Album als eine neue Sensation ankündigt (das ist auch völlig ok, so funktioniert Marketing und Werbung eben), ist es umso wichtiger, diesen Worten und damit geweckten Ansprüchen auch zu genügen.

Wir Musikredakteure helfen euch dabei, so gut es geht. Seid ehrlich, immer realistisch und vor allem: Bleibt euch selber treu. Viele von uns spielen selbst in Bands oder haben das zumindest früher gemacht oder wenigstens versucht. Wir verstehen euch.

So, wie es mir mit anderen Rezensenten geht, wird es auch euch Lesern mit uns gehen. Jede öffentlich geäußerte Meinung sorgt automatisch für Zustimmung und Ablehnung. Und es wird immer jemanden geben, der mehr Ahnung und größeres Hintergrundwissen hat.

Jedes Review sorgt für Reibung und Emotionen.
Und ja, es kommt gar nicht mal so selten vor, dass ich ein verfasstes Review im Laufe der Zeit auf einmal ganz anders schreiben würde. Alben und Geschmäcker entwickeln sich. Seventh Son Of A Seventh Son würde ich heute mit einer glatten 10 bewerten und somit der Brave New World vorziehen. Die letzte Amon Amarth-Scheibe finde ich mittlerweile doch nicht so übel wie damals zum Release und sind Night Demon wirklich die Retter des traditionellen Metals?

Am Ende des Tages (und dieses Textes, ihr habt es bald geschafft) sind wir auch nur Menschen. Die ihr Bestes geben, ihre Zeit und auch Geld opfern, um Bands und Fans gleichermaßen gerecht zu werden. Reviews und Interviews helfen Musikern hinsichtlich Verbreitung und PR und geben den Fans Kaufanreize sowie einen Überblick über den schier unübersichtlichen Release-Markt.

Und das ist auch alles keine Einbahnstraße: Ihr fühlt euch ungerecht rezensiert? Ihr findet falsche Informationen im Text oder kapitale Fehler? Dann meldet euch bei uns. Der Dialog ist immer offen und ein ehrliches Miteinander ist das, was unsere Szene so besonders macht.

United, united, united we stand
United we never shall fall
United, united, united we stand
United we stand one and all
(Judas Priest, United)

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