Disillusion – The Liberation

Eine spannende Entwicklung in einer ganz eigenen Liga

Artist: Disillusion

Herkunft: Leipzig, Deutschland

Album: The Liberation

Spiellänge: 57:38 Minuten

Genre: Black Metal, Death Metal, Progressive Metal, Alternative Metal, Thrash Metal

Release: 06.09.2019

Label: Prophecy Productions

Link: https://disillusion.de/

Bandmitglieder:

Gesang, Gitarre – Andy Schmidt
Gitarre – Sebastian Hupfer
Bassgitarre – Ben Haugg
Schlagzeug – Jens Maluschka

Tracklist:

  1. In Waking Hours
  2. Wintertide
  3. The Great Unknown
  4. A Shimmer In The Darkest Sea
  5. The Liberation
  6. Time To Let Go
  7. The Mountain

Lange ist es her, als Gloria aus den Händen von Disillusion den Weg in unzählige Ohren geschafft hat. Die Leipziger spielen einen experimentellen Stiefel und treffen damit einen ganz speziellen Geist. Die Show auf dem Wacken kurz nach dem Release blieb bei mir bis heute hängen. Krumm müsste ich den Männern nehmen, dass ihre Show in meiner Heimat damals ersatzlos gestrichen wurde. The Liberation kommt da als potenzielle Entschädigung nach fast 13 Jahren ganz recht. Über Prophecy Productions wird Anfang September ein neuer Spirit in das Projekt gehaucht. Die sieben Stücke kommen auf fast eine Stunde Spielzeit. Das Artwork lässt erahnen, dass die Wogen nicht geglättet wurden und der konfuse Weg weiter das Ziel der Deutschen zu sein scheint.

Losgetreten wird The Liberation durch den zwei Minuten Einstieg In Waking Hours. Andächtig gleiten die Melodien auf die stummen Körper nieder, bis ein kleiner explosiver Impuls das zwölf Minuten Epos Wintertide in eine frostige Landschaft katapultiert. Andy Schmidt beeindruckt in der ersten Sekunde. Seine leicht verzehrten Vocals haben einen ganz markanten Klang. Irgendwo schwimmt was von Gloria im neuen Ozean und hat einen kleinen prägnanten Anteil an dem neuen Silberling, ohne ansatzweise die gleiche Handschrift zu führen. Deutlich atmosphärischer, epischer und weitläufiger schaffen die vier Musiker eine absolut komplexe Session mit diversen Ebenen, die eigene Geschichten erzählen. Die schroffen Vocals gleiten in hellere Gesangsfarben, die dem ganzen Konstrukt den berühmten Stempel aufdrücken. Technisch kann ich nicht anders, als bereits nach dem zweiten Titel den nicht weniger berüchtigten Hut zu ziehen. Mit geschlossenen Augen durch den ersten Umlauf gezogen, kann man nicht anders, als direkt den zweiten einzuläuten. Trotz der Länge verfliegt die Zeit wie im Fluge und macht gefühlt nach wenigen Wimpernschlägen Platz für The Great Unknown. Der Suchtfaktor flackert wie bei einem trockenen Alkoholiker auf, der nach Jahren der Abstinenz erneut tief ins Glas schaut. Ein schneller Blick auf die kommenden Auftritte nährt die Hoffnung auf eine kommende Tour. Bis dahin haben wir mit vielen Höhen und Tiefen zu kämpfen. The Great Unknown zeigt auf, dass selbst in wenigen Minuten große Eisberge versetzt werden können. Atemberaubend, wie emotional tiefgründig The Liberation ist. Ein Zelebrieren Progressiver Musik, das den Konsumenten eigene Abgründe in den verstecktesten Gedanken aufzeigen soll. Düster trifft es da am passendsten und das ohne einen Schleier auf die Kompositionen zu legen. Klare Strukturen bleiben im Kopf hängen A Shimmer In The Darkest Sea greift da an, wo die anderen Stücke die Messlatte hingelegt haben. Höher geht es einfach nicht – wären wir im Stabhochsprung, würden Disillusion ein Weltrekord nach dem anderen aufstellen. Die über zehn Jahre Pause, wir ignorieren mal die Single Alea von 2016, haben der Band gutgetan. Als Urbesetzung darf man sie jedoch nicht anpreisen – Mastermind Andy Schmidt hat das Umfeld verändert, das Ergebnis dürfte ihm wohl eine sehr positive Bestätigung geben. Genreübergreifend eins der Stärksten, wenn nicht das beste Album in diesem Kalenderjahr, welches wie eine Bombe einschlagen muss. Einziges Manko: Die Kunst dürfte nicht bei jedem die Bluthirnschranke passieren können. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass Disillusion ein gewisses Maß an Intelligenz voraussetzen, gleichermaßen sollte die Liebe zum Detail den eigenen Geist stimulieren.

Fazit
2019 ist ein gutes Jahr, wenn ich die vergangenen Wochen und Monate zurückblicke. Ein Grund: The Liberation, das als Spektakel noch lange Zeit rauf- und runterlaufen wird. Dabei darf man Gloria nicht verachten, ein ebenfalls wertzuschätzender kleiner Musikschatz, der nicht unterbewertet werden sollte. Beide Scheiben in einen direkten Vergleich zu setzen wäre schlicht und ergreifend frevelhaftes Verhalten. Hört bitte rein, gebt Disillusion eine Chance, ihr werdet es nicht bereuen. Ich für meine Person hoffe, zeitnah bei einem Gerstensaft altes wie neues Material bei angemessenem Ambiente mit Haut und Haaren erleben zu können.

Anspieltipps: Wintertide und The Liberation
René W.9.8
Leser Bewertung12 Bewertungen8.3
9.8
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