Fractal Universe – The Impassable Horizon

Musikalische Chaostheorie

Artist: Fractal Universe

Herkunft: Nancy, Frankreich

Album: The Impassable Horizon

Spiellänge: 52:54 Minuten

Genre: Progressive Metal, Progressive Death Metal

Release: 25.06.2021

Label: Metal Blade Records

Link: https://www.fractaluniverseband.com/

Bandmitglieder:

Gesang, Gitarre und Saxofon – Vince Wilquin
Gitarre – Hugo Florimond
Bassgitarre – Valentin Pelletier
Schlagzeug – Clément Denys

Tracklist:

  1. Autopoiesis
  2. A Clockwork Expectation
  3. Interfering Spherical Scenes
  4. Symmetrical Masquerade
  5. Falls Of The Earth
  6. Withering Snowdrops
  7. Black Sails Of Melancholia
  8. A Cosmological Arch
  9. Epitaph
  10. Godless Machinists
  11. Flashes Of Potentialities (Unplugged)

Manchmal weiß man als Musikredakteur nicht so recht, auf was man sich einlässt. Bei einem Bandnamen wie Fractal Universe, einem Saxofonisten im Line-Up und diversen Gitarren-Playthroughs im Netz, sollte die Angelegenheit jedoch relativ klar sein: Frickelorgien vom Feinsten! Tatsächlich handelt es sich bei The Impassable Horizon bereits um das dritte Studioalbum der Franzosen. Eine EP und ein Livealbum gehen ebenfalls auf das Konto der Prog Deather. Wer jetzt beim Stichwort Death Metal aufhört zu lesen, dem sei vorab gesagt, dass der progressive Anteil überwiegt. Dem Todesblei sind hier lediglich vereinzelte Wutausbrüche am Mikro zuzurechnen.

Fractal Universe haben seit ihrer Gründung im Jahr 2014 und ihrem späteren Deal mit Metal Blade Records durchaus eine steile Karriere hingelegt – trotz nicht gerade massenkompatibler Musik. Der bisher größte Erfolg ist das letzte Album Rhizomes Of Insanity, welches den Franzosen Support-Auftritte für Cannibal Corpse, The Black Daliah Murder und Whitechapel bescherte.

Da mir Fractal Universe bis dato noch nicht untergekommen sind, beschreiten meine Ohren jungfräulich den Weg hin zum „unüberwindbaren Horizont“. Ich starte auf meinem Weg mit Autopoiesis. Das Quartett fackelt nicht lange und schmeißt mir einen schwer verdaulichen Brocken aus Blastbeats und düsteren Fragmenten hin. Dazu zieht Sänger/Gitarrist/Saxofonist Vince Wilquin direkt sämtlich Register seines Könnens: hasserfüllte Shouts, wohlig warme Cleanvocals und Cynic-artiger Robotergesang wechselt er dabei, als wäre es das Einfachste der Welt. Wenn er das live umsetzen kann, dann ziehe ich meinen Hut.

Im zweiten Song A Clockwork Expectation darf der Frontmann dann auch ein Saxofonsolo in den abwechslungsreichen Gesamtsound integrieren. Leider gehört das Instrument zu meinen persönlichen Albträumen und deshalb bin ich froh, dass er es nicht zu exzessiv bedient. Das atmosphärische Video zum Song wurde in der französischen Tropfsteinhöhle Gouffre de Poudrey gedreht – 70 Meter unter der Erde bei sieben Grad.

Interfering Spherical Scenes stürzt mich kopfüber ins Wurmloch. Die Drums und Gitarrensoli kommen durch den detaillierten Sound aus dem bandeigenen Boundless Production Studio toll zur Geltung. Immer wenn man denkt, dass der Gesang wie ein fragiles Gebilde in sich zusammenbricht, explodiert Vince Wilquin wie eine Supernova. Zusammen mit Produzent Flavien Morel wollte er die Gesangsproduktion auf ein höheres Level bringen – Mission erfüllt.

In Symmetrical Masquerade treiben Fractal Universe die laut-leise Dynamik auf die Spitze. Ein angeschlagener Akkord auf der Gitarre hier, sanftes Trippeln auf den Becken dort. Dem werden wieder markerschütternde Schreie und Doublebass-Geballer gegenübergestellt. Das erstaunliche dabei ist, dass sie diese vielen Ideen trotzdem gekonnt in vier- bis fünfminütige Songs verpacken. Ich habe eine Schwäche für diese Form der Detailverliebtheit: Man beachte die Hintergrundmelodie ab Minute 1:12 – uff! Hinzu kommt eine neue Nuance der Vocals, die weder dem bisher gehörten Cleangesang noch den Growls ähneln.

Falls Of The Earth ist der erste Song, der nicht so recht zünden möchte. Trotz des witzigen Gequietsches auf dem Griffbrett fehlt dem Song der Tiefgang der ersten vier Stücke. Lange muss ich nicht auf neues Gehirnjogging warten. Dafür sorgt der nächste Titel Withering Snowdrops. Wo andere Bands in 3:30 Minuten so was wie Radiotauglichkeit platzieren, gehen die Franzosen aufs Ganze. Starke Gitarrenläufe ebnen den Weg für Shouts, Drumsalven und grandiose Hooklines. Das Saxofon darf auch wieder mitspielen. An dieser Stelle gefällt es mir sogar ganz gut, denn es liefert ein fast schon unwirkliches Break vorm nächsten Frontalangriff.

Akustikgitarren und Saxofon kündigen den verheißungsvollen Titel Black Sails Of Melancholia an. Bei aller Liebe zur Komplexität grooven die Riffs zunächst fast schon. Unaufhaltsam walzt sich diese zähe Masse nach vorne, um immer wieder festgefahrene musikalische Denkmuster zu zerstören. A Cosmological Arch ist noch eine Spur aggressiver und dennoch gespickt mit kleinen verträumten Auszeiten. Valentin Pelletier liefert am Bass ein schönes Zwischenspiel. Für Epitaph gelten dieselben Aussagen wie für A Cosmological Arch. Hier tauscht man nur das schöne Bass-Intermezzo gegen ein Gitarrensolo.

Mit den über acht Minuten von Godless Machinists bringen Fractal Universe doch noch einen Longtrack an den Start. Vor allem die Saitenfraktion darf sich hier nach Herzenslust austoben. Der Gesang dringt nicht selten in tiefe Gefühlswelten ein: Verzweiflung, Angst und der eingangs beschriebene Robotergesang machen den Song so besonders. Um die fraktalen Strukturen des Universums wieder ins Gleichgewicht zu bringen, gibt es zum Abschluss noch eine Unplugged-Version von Flashes Of Potentialities, der im Original auf dem Vorgängeralbum zu finden ist.

Fractal Universe – The Impassable Horizon
Fazit
Puh, da haben mir Fractal Universe mal einen amtlichen Knoten knapp unterhalb der Hutablage verpasst. Dazu haben sie mit Vince Wilquin ein wahres Chamäleon am Mikro. The Impassable Horizon ist ganz sicher kein Snack zwischendurch. Wenn man jedoch bereit ist, in dieses Universum einzutauchen, bekommt man eine Detailverliebtheit geboten, die ihresgleichen sucht – forte performance!

Anspieltipps: Autopoiesis, Symmetrical Masquerade, A Cosmological Arch und Godless Machinists
Florian W.
9
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