Handymeer statt Händemeer – Die neue Generation der Konzertbesucher

Nachdem ich letztens das Aussterben kleiner Club-Konzerte etwas näher betrachtet habe, will ich heute ein etwas anderes Problem unter die Lupe nehmen, das ein jeder Konzertgänger kennt und das sehr viele nervt.

So ein Konzert ist ja eine tolle Sache. Wochenlang hört man ein Album zu Hause, oder unterwegs im Auto, aus der Konserve rauf und runter und dann steht die Band oder der Künstler, auf einmal, fast zum Greifen nah, vor einem und spielt die Lieblingssongs nur für mich, für dich und vielleicht noch für drei bis fünftausend andere. Für einen Musikfan gibt es doch nichts Besseres, als das neue, grandiose Album und die Best of-Songs, mit denen man aufgewachsen ist, live auf der Bühne zu erleben. Die Band vor sich stehen zu sehen, den echten, unverfälschten, rohen Klängen der Instrumente zu lauschen, oder sich von dem Charisma des Sängers/der Sängerin einnehmen zu lassen. Dafür nehmen wir doch fast alles in Kauf…, sportliche Ticketpreise, die leicht mal schnell in den dreistelligen Euro Bereich gehen, stundenlange Warteschlangen bei Nässe und Kälte vor der Location, schales, warmes, abgestandenes Bier und teils mehr als freche Merchpreise. Doch dafür bekommen wir dann ja ein Liveerlebnis geboten, das wir bestenfalls nie wieder vergessen und von welchem wir wochen- und monatelang zehren können und das sich nicht reproduzieren lässt. Oder etwa doch?

Jeder kennt das Problem – nach einer gefühlten Ewigkeit hat man die Wartezeit hinter sich, hat die Kontrollen der Security über sich ergehen lassen und kann endlich die Location oder das Festivalgelände betreten. Schnell noch die Jacke abgeben, etwas Flüssiges besorgen, das Merch checken und dann ab vor die Bühne. Die ersten Reihen sind längst voll, da einige ja Angst haben, das Konzert könnte ohne sie stattfinden und deshalb um ihr Leben laufen. Die erste Reihe ist Pflicht, sehen und gesehen werden. Egal – in der Menge ist es meist am schönsten, mittendrin statt nur dabei. Dann ist es so weit, das Licht geht aus und die Band/der Künstler betritt die Bühne und SCHEISSE …!!! Früher waren es nur die Labertaschen, die auf Konzerten lautstark von der Musik ablenkten und nervten, weil der Kaffeeklatsch bei Tante Gerda von gestern Nachmittag noch nachbesprochen werden musste, doch heute ist es die neue Generation von Konzertgängern, die noch viel mehr nervt. Mittlerweile wohnt in so ziemlich jeder Hosen-, Jacken- und Handtasche ein Smartphone, denn wir müssen ja zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar sein.

Da hat man für das Ticket tief in die Tasche gegriffen und hat sich einen guten Platz vor der Bühne erkämpft, das Licht geht aus, die ersten Töne erklingen und…, man sieht nichts, weil sich vor einem Hunderte von Händen erheben und sich all die Hobbyfotografen und Hobbyfilmer in ihrer Lieblingsdisziplin üben, ihr Handy/Tablet anderen vor das Gesicht zu halten. Ist doch geil, anstatt auf Tom Araya, Ozzy, Mega Dave, Campino, Udo Dirkschneider oder Bruce Dickinson bekomme ich den sensationellen Blick auf ein Smartphone Display, oder auch mehrere, auf rote Aufnahmebuttons, oder, wenn ich mich mal kurz zum Kumpel umdrehe, hab ich vielleicht auch noch das Glück, in ein paar grelle Blitzlichter zu schauen. Vielleicht habe ich auch ganz viel Glück und der Kollege direkt vor mir hält sein Handy hoch und ich habe so die Möglichkeit, doch irgendwie in der ersten Reihe zu stehen. Das ermöglicht ganz neue Möglichkeiten, denn ich kann hautnah miterleben, wie man krampfhaft versucht den Drummer XXY heranzuzoomen und dabei das Video noch mehr verwackelt. Immer positiv denken! Handydisplays gehören heutzutage leider zu einer jeden Lightshow dazu. Jeder, der in den letzten Jahren auf einem Konzert war, hat schon erlebt, dass die Mehrheit der Konzertbesucher ganz offenbar der Meinung ist, solch ein Konzerterlebnis doch reproduzieren zu können. Gefühlt jeder Zweite hält während eines Konzertes mehrfach sein Handy in die Höhe, um ein paar schnelle Schnappschüsse vom großen Idol zu machen, oder besser noch, um das komplette Konzert für die Nachwelt festzuhalten. Macht Sinn, die Enkel haben sicherlich Spaß daran, sich in zwanzig Jahren mit Oma/Opa hinzusetzen, um sich ein verwackeltes, übersteuertes Handyvideo der großen Helden von damals anzuschauen. Wer zum Teufel braucht da noch teuer und professionell produzierte Live-DVDs? Man sollte glauben, die Menschheit wäre intelligent genug, um irgendwann nach ein paar Versuchen zu merken, dass die Handyvideos einfach nur Scheiße sind, aber weit gefehlt. Von Jahr zu Jahr, von Handygeneration zu Handygeneration werden die Kameras einen Tick besser und die Hobbyfilmer mehr. Und nerven damit alle hinter und neben ihnen Stehenden und sich selbst. Jetzt kann man argumentieren, Leute von über zwei Meter Größe versperren mir auch die Sicht und nerven, fliegende Bierbecher nerven, Achselschweiß beim Nachbar nervt, Circle Pits und Wall of Death nerven…, Rockkonzerte sind echt eine Zumutung, aber die schönsten, die wir haben.

In den 80ern konnte ich durchaus verstehen, dass Fans versucht haben, eine Kamera zum Metallica oder Slayer Gig in die Halle zu schmuggeln, denn es gab nicht so viele Fotos der Musiker. Wenn man Glück hatte, waren ein paar professionelle Fotografen von den großen Musikmagazinen vor Ort, sodass man im Nachhinein ein paar Fotos im Metal Hammer oder Rock Hard zu sehen bekam. Aber hallo, wir schreiben 2019 und wir leben im Zeitalter von Internet und Digitalfotografie. Das Netz ist voll mit professionellen Bandfotos und bei fast jedem noch so kleinen Konzert geben sich heutzutage eine ganze Reihe von Fotografen die Klinke in die Hand, sodass sich hinterher auch immer Fotos vom Auftritt im Netz finden lassen, in irgendwelchen Onlinemagazinen, im Facebook, auf Websites der Fotografen, auf der Homepage der jeweiligen Band… etc. Da gibt es ein Best of an Fotos. Die Fotos lassen sich für gewöhnlich teilen und nahezu jedes dieser Fotos ist besser als ein verwackeltes Handyfoto. Mit Videos verhält es sich ähnlich, es gab früher die Video-Clips auf MTV und VIVA und ab und an gab es mal ein Live VHS-Video einer Band, oder ein Konzert im WDR Rockpalast…, no more. Okay, früher war es nicht so einfach, ein komplettes Konzert aufzuzeichnen, aber seit dem Siegeszug des Smartphones ist alles anders. Aber heutzutage gibt es von nahezu jeder Band hochprofessionelle Live-DVDs und mit der Technik von heute lässt sich jedes Wohnzimmer in einen Konzertsaal verwandeln. Der Smartphone-Overkill bei den Konzerten ist also völlig überflüssig.

Leute, ihr seid auf einem Konzert…, genießt das doch einfach. Singt euch die Seele aus dem Leib! Bewegt euch…, tanzt…, macht irgendwas…, aber nervt nicht all diejenigen, die viel Geld ausgegeben haben, um das Konzert genießen zu können. Laut einer Studie im Jahr 2015 erleben fünf Prozent (!) aller Konzertbesucher die komplette Show nur filmend durch ihr Handydisplay…, Tendenz steigend. Dazu kommen all diejenigen, die während der Show Fotos machen. Das muss man sich einmal vorstellen, die Leute stehen 20 – 30 Meter vor der Bühne und starren stundenlang auf ihr Display, obwohl sie das Ganze auch live, echt und in Farbe genießen könnten. Kein Wunder also, dass nicht nur immer mehr Fans völlig genervt von der Armada an einäugigen Gadgets sind, sondern auch immer mehr Bands und Musiker. Besonders der Rock- und Metalbereich kennt zwar in dem Sinne keine Benimmregeln, doch immer mehr Künstler fordern die Besucher auf, doch das ständige Filmen zu unterlassen, weil es nervig für alle anderen Zuschauer ist und weil es auch sämtliche Energie rausnimmt, wenn Leute 90% des Abends damit beschäftigt sind, auf ihr Handy zu starren. Auch haben die Bands keine Lust mehr, den ganzen Abend für ein paar Handys zu spielen, denn oft sehen sie vor lauter Handys keine Fans mehr. Auf Klassikkonzerten funktioniert das Ganze doch auch, niemand würde da auf die Idee kommen, das ganze Konzert zu filmen. Sind Metalkonzerte sittenwidrig und können wir da tun und lassen, was wir wollen, ohne Rücksicht auf Verluste, nur weil wir da nicht im Anzug oder Abendkleid hingehen, nur weil das Ticket oft 10% vom Monatslohn kostet, nur weil die Künstler auf der Bühne Löcher in den Hosen haben, nur weil wir uns da besaufen dürfen, ohne vom Nebenmann schief angeguckt zu werden? Machen uns Leder, Nieten, lange Haare und Kutte zu nicht belehrbaren Primaten? Die Bands auf der Bühne spielen sich zwei Stunden den Arsch ab, um euch zu unterhalten, um euch zu begeistern. Ist es zuviel verlangt, dem Künstler durch eure Aufmerksamkeit, durch euren Applaus, euer Ausrasten, euer Tanzen und Bangen auch ein wenig Respekt entgegenzubringen? Ist es im Metal nicht auch immer noch ein Nehmen und ein Geben? Wenn eine Band völlig angepisst ist von dem ganzen Handywahn und kein Bock mehr hat, eine Zugabe für euch zu spielen, dann heißt es hinterher, die sind abgehoben, denen ist der Erfolg zu Kopf gestiegen. Ich nenne es einfach nur eine logische Konsequenz.

Eine andere Studie mit 1000 Menschen zum Thema Smartphones bei Events ist zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen. Demnach fänden es über 70% aller Konzertbesucher gut, wenn sie eine Show ohne Displays genießen könnten. 40% aller Befragten gehen sogar so weit, dass sie gar keine Smartphones zulassen würden. Andersrum gibt jeder zweite Befragte dieser Studie zu, selber Fotos und Videos aufzunehmen. Das Schlimmste ist aber, das 34% aller Befragten im Nachhinein selbst der Meinung ist, etwas von dem Event verpasst zu haben, weil sie zu sehr mit ihrem Handy beschäftigt waren. Auch Veranstalter sehen das Handy als Problem auf Konzerten, wollen es aber nicht verbieten, weil jedes Foto in den sozialen Netzwerken auch Werbung ist. Ganz eng gesehen, sind jegliche Foto- und Videoaufnahmen auf Konzerten verboten, dazu zählen auch Handyfotos und -videos. So steht es auf jedem Ticket und in manchen Locations gibt es sogar gesondert noch Aushänge für ein Handyverbot. Umgesetzt wird es jedoch fast nie und das Handy ist gewissermaßen eine Grauzone, die geduldet wird. Wirklich verhindern kann man es eh nicht und wie gesagt, auch ein schlechtes Handyfoto ist Werbung. Anders sieht es mit Videos, auch kurzen Snippets, aus, die sind immer strikt verboten.

Wie soll man also die Handhabung von Smartphones regeln? Vorweg, ich bin kein Handyhasser und ich bin auch nicht für ein generelles Handyverbot bei Konzerten. Klar ist es schön, mal schnell ein Erinnerungsfoto vom Sabaton Gig oder ein Selfie vor der Amon Amarth Bühne zu machen und das auch über die sozialen Netzwerke gleich mit Freunden und Bekannten teilen zu können. Konzerte gehören zu den Lebensereignissen, die wir mit der Welt teilen wollen. Es geht auch nicht um das zaghaft gemachte Foto, das sei jedem gegönnt. Wer 100 Euronen oder mehr für ein Konzert ausgibt, der will auch der Welt mitteilen, dass er dabei ist. Es geht um die Typen, die den ganzen Abend steif da stehen und trotz schon lahmem Arm das Handy immer noch nicht runter bekommen. Andersrum sind genau diese Leute selbst auch genervt, wenn sie nicht freie Sicht haben und filmen können. Trotzdem, ein Handyverbot ist keine Lösung, doch wenn wir nicht mehr Empathie für unser Gegenüber entwickeln, dann wird es wohl irgendwann so kommen. Schon jetzt setzen es einige Künstler konsequent durch, z.B. Jack White, früher White Stripes, oder Bela B. und Bob Dylan. Während ihrer Auftritte landet jedes Handy bereits beim Einlass in einem speziellen Handybeutel, der sich dann in der Halle nicht mehr öffnen lässt. Sie werden mit einer speziellen Dockingstation verschlossen und lassen sich nur am Ausgang per GPS wieder öffnen. Kommen deshalb nun weniger Besucher zu ihren Auftritten? Wahrscheinlich nicht. Zwar ist das im Rock- und Metalbereich noch nicht alltäglich, doch im Pop-Sektor, z.B. bei Nena, Adele oder Alicia Keys, wird ein generelles Smartphoneverbot immer öfter um- und auch durchgesetzt. Betrifft uns nicht? Doch, auch Band wie Guns n’ Roses haben es schon getan. Aber auch Eisregen baten kürzlich während ihres Gigs darum, doch die Handys wegzupacken. Da man der Bitte nicht entsprechend nachkam, spielten die Thüringer erst weiter, nachdem auch das letzte Handy verschwunden war. Etwas anderes ist es bei diversen Teeniestars, wie z.B. Justin Bieber, wo man während eines Konzertes die Bühne vor lauter Handys tatsächlich nicht mehr sieht. Hier ist es aber seitens des Künstlers (?) durchaus okay und wohl auch erwünscht, denn der Vogel lebt nur von dieser Teeniehysterie aus Facebook und anderen Kanälen.

Mal ganz ehrlich, brauchen wir die schlechten Fotos und Videos wirklich? Was ist wichtiger, der Moment des Konzerterlebnisses, oder doch der Moment, in dem wir die Aufnahme starten? Meist ist es ja so, dass wir die Fotos ein paar Mal anschauen und dann verschwinden sie auf Nimmerwiedersehen in der Versenkung. Die Videos schauen wir uns meist nie wieder an, denn grottenschlechte Qualität will keiner sehen, auch nicht auf Facebook, Instagram oder Youtube. Also, denkt doch bitte kurz nach, bevor ihr in Zukunft euer Handy zückt, und lasst den Moment auf euch wirken, denn den bekommt ihr nicht zurück.

Ohren auf, Handy aus – die Leute hinter euch werden es euch danken.

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