Bands: Imperial Triumphant, Sigh
Ort: Kesselhaus im Schlachthof Wiesbaden, Murnaustraße 1, 65189 Wiesbaden
Datum: 12.08.2025
Kosten: 30,00 € VVK, 32,00 € AK
Genre: Black Metal, Post Black Metal, Extreme Metal, Jazz Metal, Avantgarde Metal
Veranstalter: Schlachthof Wiesbaden
Link: https://schlachthof-wiesbaden.de/events/imperial-triumphant-sigh-2025
Setlisten:
- Corpsecry – Angelfall
- The Transfiguration Fear
- Mayonaka No Kaii
- Satsui – Geshi No Ato
- In Devil’s Arms
- A Victory Of Dakini
- In A Drowse
- The Soul Grave
- Introitus/Kyrie
- Me-Devil
- Lexington Delirium
- Gomorrah Nouveaux
- Devs Est Machina
- Atomic Age
- Bass Solo
- Pleasuredome
- Transmission To Mercury
- Hotel Sphinx
- Eye Of Mars
- Swarming Opulence (Zugabe)

Heute geht es mal wieder nach Wiesbaden. Zwar könnte man meinen, die Kapelle Petra gebe sich heute die Ehre – schließlich habe ich Geburtstag 😊 – doch nein, nicht die westfälischen Spaßrocker locken mich in die hessische Landeshauptstadt. Es sind Imperial Triumphant, jene experimentellen Extrem-Metaller aus New York, die mich erneut ins Kesselhaus ziehen. Fast zweieinhalb Jahre ist es her, dass ich die Band genau hier zum ersten Mal live erlebt habe – ein Konzert, das mich damals nachhaltig in den Bann dieser außergewöhnlichen Formation gezogen hat. Wir treffen früh genug ein und gönnen uns zur Feier des Tages noch eine Stärkung nebenan im 60/40. Es ist ein brütend heißer Tag, und so liegt es nahe, dass der Abend auch im Inneren des Kesselhauses schweißtreibend wird – musikalisch wie temperaturtechnisch.
Trotz des Wochentags ist es erstaunlich gut gefüllt. Den Auftakt des Abends bestreiten Sigh aus Japan – eine der ältesten und zugleich eigenwilligsten Bands der avantgardistischen Black-Metal-Szene. Frontmann Mirai Kawashima ist das einzige verbliebene Gründungsmitglied, begleitet wird er unter anderem von Dr. Mikannibal, seiner Ehefrau, Saxofonistin und – wie man hört – Professorin im wahren Leben. Auf die Band wurde ich ursprünglich durch ein Review zur selbstbetitelten EP der deutschen Doom-Formation Obsidian Scapes aufmerksam. Ihr Cover von At My Funeral war ein Sigh-Song – eindrucksvoll umgesetzt und Grund genug, sich näher mit den japanischen Exzentrikern zu befassen.
Sigh präsentieren sich heute mit einem sechs Personen starken Ensemble – darunter überraschend auch ein Kind, vermutlich ein Familienmitglied der Musiker. Das junge Talent spielt eine Trommel und wird charmant in die Bühnenshow eingebunden: mal mit ausgestreckter Zunge, mal mit der obligatorischen Pommesgabel, dann wieder mit einem Solo auf seinem kleinen Schlaginstrument. Alle Musiker tragen traditionelle japanische Gewänder, Masken oder aufwendiges Make-up. Mirai selbst bleibt ungeschminkt, dafür betört er das Publikum aber mit seiner Flöte und einer charismatisch-schamanenhaften Präsenz.

Dr. Mikannibal ergänzt ihn perfekt – fauchend, wild gestikulierend, mit dem Saxofon in den Händen. Das Set spannt einen Bogen über die lange Bandgeschichte: von A Victory Of Dakini aus dem Debütalbum Scorn Defeat bis zum neuen Song Me-Devil vom aktuellen Werk I Saw The World’s End – Hangman’s Hymn MMXXV. Besonders die düsteren, avantgardistisch-zerklüfteten Black-Metal-Momente gefallen mir persönlich am besten. Aber Sigh schrecken auch vor melodischeren, fast schon power-metallischen Songs wie Corpsecry – Angelfall nicht zurück, das gleich zu Beginn gespielt wird. Insgesamt bietet die Band ein enorm breites musikalisches Spektrum und schafft es, das Publikum mit einer theatralischen, fast kabukiartigen Inszenierung zu fesseln. Die Show hat etwas Rituelles, Düsteres – bizarr und irgendwie faszinierend zugleich.

Trotz aller Begeisterung halte ich es im Kesselhaus nicht bis zum Ende aus. Die Hitze ist erdrückend, also ziehe ich mich nach draußen zurück, wo die Musik noch immer gut hörbar ist – und genieße meinen Geburtstag im Schatten, begleitet von den Klängen aus dem Inneren.
Nach der Umbauphase beginnt der kultähnliche Auftritt von Imperial Triumphant. Ein seltsames, geheimnisvolles und vielleicht auch dekadentes Erlebnis? Zumindest wirkt die Musik des New Yorker Trios dekadent im besten Sinne – überbordend, verschwenderisch im Umgang mit Stilmitteln und voller künstlerischer Grenzüberschreitungen. Wie ihre Heimatstadt New York selbst, in der unterschiedlichste Kulturen und Einflüsse verschmelzen, vereint auch die Musik von Imperial Triumphant verschiedenste Genres zu einem ebenso verstörenden wie faszinierenden Klangbild. Für mich ist es das dritte Mal, dass ich die Band live sehe – und erneut bin ich vom ersten Ton an restlos begeistert.
Was das Trio auf der Bühne entfesselt, ist schlicht großartig. Als bekennender Freund avantgardistischer und extremer Musikrichtungen, in denen Dissonanzen und Reibungen kein Makel, sondern Bereicherung sind, empfinde ich ihre Performance als musikalisches Kunstwerk. Hier wird der Begriff Avantgarde Metal wirklich mit Leben gefüllt – und mehr noch als beim vorherigen Act Sigh. Obwohl alle drei Musiker maskiert auftreten, ist das hier kein kalkulierter Maskenball, wie man ihn etwa von Ghost oder ähnlich inszenierten Acts kennt. Kein überdrehtes „Eins, zwei, drei, vier – noch ein Bier“-Metal, sondern Musik auf einem ganz anderen Level. Man fragt sich fast: Ist das überhaupt noch Metal?
Die Einordnung fällt schwer – und genau darin liegt ein Teil des Reizes. Natürlich ist der Ursprung im (Black) Metal erkennbar, aber Imperial Triumphant haben sich längst aus dessen engen Grenzen gelöst. Ihre Musik ist ein Schmelztiegel aus düsterem Jazz, orchestralen Fragmenten, avantgardistischen Soundcollagen und metallischer Aggression. Was sich nicht eindeutig kategorisieren lässt, wird häufig als Avantgarde bezeichnet – doch dieser Begriff trifft hier tatsächlich zu. Wenn überhaupt, würde ich Imperial Triumphant als experimentelle, avantgardistische Jazz-Metal-Band bezeichnen. Auch wenn nicht jeder Song klare Jazzelemente enthält, erinnern einige Passagen an die wilden Exzesse von John Zorns Naked City oder Painkiller.

Da die Band aktuell auf ihrer Goldstar Worldtour 2025 unterwegs ist, finden sich natürlich mehrere Stücke des neuen Albums Goldstar in der Setlist. Gleich zu Beginn krachen Lexington Delirium und Gomorrah Nouveaux aus den Boxen – zwei neue Songs, die nahtlos in das komplexe Klanguniversum der Band passen. Aber auch Klassiker wie Transmission To Mercury und Atomic Age vom 2020er-Werk Alphaville fehlen nicht. Nach etwas über einer Stunde endet das reguläre Set – doch das Publikum lässt die Band nicht ohne Zugabe ziehen. Und Imperial Triumphant liefern: Mit dem opulent-düsteren Swarming Opulence folgt ein letzter Höhepunkt, der von lang anhaltendem Applaus begleitet wird.

Einmal mehr ein herausragender Abend im Zeichen des Extreme Metal – jenseits aller Konventionen. Im Oktober touren Imperial Triumphant übrigens gemeinsam mit Igorrr, ebenfalls ein absolut sehenswerter Act. In unserer Nähe werden sie in Frankfurt Halt machen – wer weiß, vielleicht sieht man sich dort ja wieder? Nach dem Konzert habe ich noch das Glück, die Musiker unmaskiert zu treffen. Gitarrist Zachary Ilya Ezrin, der auch bei der Extrem-Metal-Band Weibermacht aktiv ist, nimmt sich Zeit für ein kurzes Gespräch, signiert mein mitgebrachtes Album und verrät ganz nebenbei, dass bald neues Material von Weibermacht erscheinen wird. Ein perfekter Abschluss für einen intensiven, inspirierenden Abend.












