Life Of Agony – A Place Where There‘s No More Pain

“Überfällig!“

Artist: Life Of Agony

Herkunft: New York, USA

Album: A Place Where There‘s No More Pain

Spiellänge: 40:29 Minuten

Genre: Alternative, Metal, Hardcore

Release: 28.04.2017

Label: Napalm Records

Link: http://lifeofagony.com/

Produktion: The Nest, Long Island; Zoot 2 Studios, Orange County; Vudu Studios und Puppet Theatre Studios, NJ von Matt Brown

Bandmitglieder:

Gesang – Mina Caputo
Gitarre – Joey Z
Bassgitarre – Alan Robert
Schlagzeug – Sal Abruscato

Tracklist:

  1. Meet My Maker
  2. Right This Wrong
  3. A Place Where There’s No More Pain
  4. Dead Speak Kindly
  5. A New Low
  6. World Gone Mad
  7. Bag Of Bones
  8. Walking Catastrophe
  9. Song For The Abused
  10. Little Spots Of You

Wenn etwas überfällig ist, meinen wir damit in der Regel, dass eine terminliche Frist überschritten wurde: Aus einer Fälligkeit, der ausgehandelten Vereinbarung, wurde eine Überfälligkeit, ein Überschreiten jener Vereinbarung. In einem anderen Sinne des Wortes können aber auch jene Dinge gemeint sein, für die es keine Aushandlungsprozesse gibt, die aber dennoch mit gewissen Erwartungshaltungen in Korrespondenz stehen. Im Zusammenhang mit dem aktuellen Album von Life Of Agony kann man auf beiden Ebenen Überfälligkeiten finden: Auf der gebräuchlichen Ebene ist diese Rezension längst überfällig, denn das Album ist bereits vor Monaten erschienen und auch der vereinbarte Termin zur Abgabe ist zu diesem Zeitpunkt längst überschritten. Auf der erweiterten Ebene befindet sich darüber hinaus die Erwartungshaltung der Fangemeinde der Band in Korrespondenz mit dem Anspruch der Band, nur dann ein Album zu machen, wenn sie etwas zu sagen haben. Nun ließ man dennoch nach dem Coming-Out von Mina Caputo noch lange mit einem Release auf sich warten. Es entstand schon die Befürchtung, dass Caputo möglicherweise ihre Erfahrungen auf ihrem Soloalbum As Much Truth As One Can Bear verarbeitet habe und nun erst nach neuem Material für LOA suchen müsse. Doch zu ihrem Leidwesen und zum Glück für die Fans wird dieser Prozess so schnell nicht einfacher und die Steine, die der Frontfrau in den Weg gelegt werden, verwandeln sich in ihren kunstfertigen Worten in neue, packende Songs.
Natürlich ist es nicht nur das Verdienst von Caputo alleine, das das neue Life Of Agony-Album zu dem Hit macht, der es ist – ach ja, überfällig zu sagen: Das Album ist ziemlich großartig geworden. Das Songwriting und die Arrangements der Mitmusiker zeugen von der intimen Bekanntschaft, die nur gemeinsames Musizieren schaffen kann: Die Instrumente greifen jederzeit perfekt zusammen, um den typischen, vollen LOA-Sound zu schaffen. Der Bass und das Schlagzeug bereiten das Fundament für Gitarre und Gesang, gleichzeitig lassen Letztere der Rhythmusfraktion aber auch den nötigen Raum, um sich voll entfalten und ihre eigene Gültigkeit beweisen zu können. Dazu trägt auch die detaillierte und opulente Produktion von Matt Brown bei, die dem Album eine ungeheure Größe verleiht. Insbesondere die Effekte und Dopplungen der Stimme(n) und Gitarre(n) erzeugen bisweilen ein geradezu orchestrales Flair.
Natürlich fragt sich der geneigte Leser nun, wann der ausschweifende Rezensent endlich ein paar Worte zu den Texten verliert, sind diese doch gerade bei einer so intensiven Thematik wie im Falle von A Place Where There’s No More Pain von gesteigertem Interesse. Und tatsächlich bieten die teilweise sehr fragmentarischen Gedankenströme Einblicke in das Geistesleben von Caputo und ihren Bandkameraden. Dabei werden einige Texte erst durch erläuternde Worte klar verständlich und die beschworenen Bilder fügen sich zu einer Geschichte zusammen: In Bag Of Bones geht es beispielsweise um die Folgen von Alkoholismus für die Personen, die dem Betroffenen nahestehen (außerdem versteht die Band den synthesizergetränkten Sound als Tribut an den verstorbenen Freund Peter O’Steele von Type O’Negative). Auch insbesondere das auf verschiedene Arten irritierende Schlussstück des Albums Little Spots Of You gewinnt an Klarheit, wenn man liest, dass Mina Caputo die Erfahrungen einer befreundeten Person, die selbstverletzendes Verhalten aufwies, reflektiert – der klangliche Kontrast von verzerrter Stimme und elegischem Klavier tut sein Übriges zur befremdlichen Stimmung des Stückes. Die eingangs erwähnten Erfahrungen des Lebens als Transgenderperson schildert Caputo vor allem in den ersten drei Stücken des Albums, was sich gut zusammenfügt und einen starken Einstieg, vielleicht sogar den stärksten Teil des Albums erschafft.
Fazit: Es scheint überfällig, dieses Album noch zu empfehlen. Wer der Band folgt, wird es sich vermutlich längst intensiv zu Gemüte geführt haben und wen die Band nicht interessiert, der wird vermutlich nicht jetzt noch eine Rezension dazu lesen. Dennoch möchte ich es auch dem geneigten Alternative-Hörer, dem melodieaffinen Metalhead und dem feinfühligen Hardcore-Fan anempfehlen. Denn „A Place Where There’s No More Pain“ bietet – abseits des hässlichen Covers – eine insgesamt tolle Erfahrung: Musik, Sound und Texte bilden ein starkes Gesamtkunstwerk.

Anspieltipps: A Place Where There’s No More Pain, Meet My Maker, Little Spots Of You
Sören R.
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