Lunar Shadow – Wish To Leave

Düster und melancholisch ohne echten Wumms ist gleich weinerlich und ein Stoß vor den Kopf bisheriger Fans der Band

Artist: Lunar Shadow

Herkunft: Deutschland

Album: Wish To Leave

Spiellänge: 36:12 Minuten

Genre: Dark Metal, Post Punk, Indie Rock

Release: 19.03.2021

Label: Cruz Del Sur Music

Links: https://www.facebook.com/lunarshadowband
https://lunarshadow.bandcamp.com

Produktion: Max Herrmann (Engineer/Producer), Leipzig
Mastering: V. Santura (Gitarrist von Dark Fortress und Triptykon)

Bandmitglieder:

Gitarre – Max Birbaum
Gesang – Robert Röttig
Bass – Sven Hamacher
Gitarre – Kay Hamacher
Schlagzeug – Jörn Zehner

Tracklist:

1. Serpents Die
2. Delomelanicon
3. I Will Lose You
4. To Dusk And I Love You
5. And Silence Screamed
6. The Darkness Between The Stars

Lunar Shadow wollen es sich nicht leicht machen auf dem Weg zu einer erfolgreichen Band und werden mit ihrem neuen Album vielen ihrer bisherigen Fans vor den Kopf stoßen. Der Stilwechsel auf Wish To Leave ist nämlich kein Kleiner. Vielleicht ist dieser mit einer schwierigen Lebensphase des Bandkopfs Max Birbaum zu erklären. Der Leipziger soll angeblich nachts durch die düsteren Parks und Straßen seiner Stadt geirrlichtert sein und sich davon sowie seinem Wunsch, alles und alle in seinem bisherigen Leben hinter sich zu lassen, inspiriert worden sein. Wish To Leave ist demnach düsterer Eskapismus. So teilt es die Plattenfirma sinngemäß mit. Warum die Band aber den musikalischen Weg vom starken und vielfach abgefeierten Vorgängeralbum The Smokeless Fire (2019) nicht fortsetzt und damit erfolgstechnisch in puncto Anhängerzahl, internationale Wahrnehmung und Verkäufen einen großen Schritt vorwärts macht, erklärt das nicht so wirklich. Insbesondere, da dies das dritte Album der Gruppe ist, das allgemein in der Musikbranche als „Make-it-or-break-it-Album“ bezeichnet wird.

Jaja, jetzt kommt wie auf Knopfdruck das Argument von der künstlerischen Freiheit und Entwicklung. Mag ja auch sein, dass dem Bandkopf Birbaum und seinen Kollegen nicht mehr genügend zum alten Stilmix aus traditionellem Heavy Metal, NWOBHM, Krautrock, Epic Metal und Black Metal einfiel und er das Gefühl hatte, zu dieser Musik alles gesagt zu haben. Vielleicht hätte er aber auch einfach nur mal eine künstlerische Pause einlegen und diese aktuellen „Ergüsse“ auf dem neuen Album unter anderem Namen veröffentlichen sollen. Denn letztlich hilft da auch seine Vorwarnung nicht, dass er eine Kurskorrektur Richtung Post Punk und Indie Rock vornimmt. Als wäre das nicht genug, widmen sich die neuen Songs thematisch auch noch den Themen Liebe und Beziehungen. Das stinkt gewaltig eher nach Weichei-Musik als nach einer ordentlichen Metalscheibe.

Und so ist es dann leider auch. Also so ziemlich. Obgleich dieses Album nicht leicht zu bewerten ist. Das fängt schon mit dem Opener an. Serpents Die startet mystisch-verträumt und weiß dann mit einer tollen classic-metallischen Gitarrenarbeit zu erfreuen. Dazu kommt die Produktion, die bewusst auf retro, etwas unfertig und authentisch getrimmt ist – was bei den famosen Vorgängeralben Far From Light (2017) und The Smokeless Fire (2019) schon so war und der Musik einen eigenen Touch verlieh. Daran gibt’s nichts zu meckern. Double-Bass und ein Gesang, der kurz in einen höheren Energielevel schaltet und sogar punktuell garstig wirkt, bringen Schwung in den Song. Allein der Refrain mit seinem Gothic- oder Post-Punk- oder Melo-Rock-Vibe will nicht so recht zu den Gitarrenharmonien vorab und danach passen. Eher erscheint die Passage so, als wenn sich die Herren Musiker genötigt gefühlt hätten, noch schnell einen Refrain einzubauen. Stilistisch ist das Stück wohl so als Mix aus Indie Rock, Sisters Of Mercy und Classic Metal der Marke Riot in den 90ern zu beschreiben.

Auch Delomelanicon setzt auf einen Stilmix, der Metalheads irritieren wird. Die gute, mal gefühlvolle, mal harte Gitarrenarbeit und das episch gehaltene Arrangement könnten mehr Unterstützung von Sänger Robert Röttig vertragen – bekommen sie aber nicht. So plätschert das Teil letztlich dahin. I Will Lose You ist ein dahinflirrendes Kummerstück, dem Melo-Fans wohl einiges abgewinnen können. Die Lead-Gitarre ist wie seit jeher bei Lunar Shadow erneut erstklassig, auch das Solo ist ein Wow-Moment und bringt plötzlich Dynamik ins Spiel, die vor allem aufgrund des weinerlichen Gesangs der Marke angeschmachtete Schülerband zuvor nicht vorhanden war. In Zusammenhang mit den Texten ist dieser Gesang kaum zu ertragender Herz-Schmerz-Kitsch. Das gilt fast deckungsgleich für To Dusk And I Love You, das dank der Gitarren eigentlich ein Blues-Rocker ist mit hinten raus klarer Indie-Rock-Schlagseite. Kann man schon so machen, wenn dieser kraftlose und weinerliche Gesang nicht wäre. Klarer Fall von verschenktem Potenzial. Diese Songs geben Röttig viel mehr Raum, als er beim metallischen Vorgängeralbum hatte – jedoch ist er offenkundig nicht der richtige Sänger, um ihn gekonnt zu füllen.

And Silent Scream kommt zumindest gitarrenmäßig an das Vorgängerwerk heran und auch tempomäßig geht’s fröhlich nach vorn – wenn da nur nicht wieder dieser weinerliche Gesang wäre, bei dem wohl auch die hartnäckigste Dornwarze von allein das Weite sucht. The Darkness Between The Stars überrascht durch einen kurzen Ausbruch: Ein „Aaaaahr“-Shout und etwas später sogar ein paar keifende Strophen lassen zusammen mit dem urplötzlich angezogenen Tempo erahnen, wie gut dieses Album sein könnte. Ja, wenn diese hier auftretenden Stilelemente aus dem Black Metal und Epic Metal öfter zum Einsatz kämen. Insgesamt ist aber auch dieser Song ein rätselhafter Abschluss eines schwer einzuordnenden Albums.

Lunar Shadow – Wish To Leave
Fazit
Kann man ja alles machen, also mehr Richtung Indie Rock oder Post Punk gehen, wenn die Leipziger Truppe darauf Lust hat. Zumal Lunar Shadow auf ihrem neuen Album auch einige Stilelemente aus dem Classic Metal und NWOBHM beibehalten haben. Auch der Sound ist erneut retro und möglichst authentisch produziert. Die Gitarrenarbeit ist mal wieder sehr gut, variantenreich und kreativ, keine Frage. Jedoch passt der oft auf Indie Rock oder Post Punk oder einfach nur weinerlich-melancholisch getrimmte Gesang zusammen mit den Texten über Liebe und Beziehungen nicht wirklich zur instrumentalen Fraktion. Da fehlen Sänger Röttig Wumms und Klasse, damit das Konzept mehr aufgeht. So wirkt es sperrig, wie gewollt und nicht so richtig gekonnt. Viele Songs plätschern immer dann am Ohr vorbei, wenn der Gesang das Zepter übernimmt. Zusammen mit den Texten sind die Vocals des Öfteren zudem reiner Herz-Schmerz-Kitsch der üblen Sorte. Man wünscht sich fast, dass das Album rein instrumental ist. Tatsächlich wirken die einen oder anderen Gesangslinien auch wenig oder nicht harmonisch genug in die Songs integriert. Das eigentliche, vermutlich immer noch große Potenzial der Band lässt sich auf diesem Album nur erahnen und man trauert als Fan der bisherigen Arbeit nach. Die metallischen Elemente aus dem Black Metal und NWOBHM, die das Vorgängeralbum The Smokeless Fire noch so stark gemacht haben, wurden mächtig reduziert. Letztlich wirkt das Album, als wüsste die Band selbst nicht so recht, wohin sie eigentlich will und welche Art von Musik sie spielen möchte.

Anspieltipps: The Darkness Between The Stars und Serpents Die
Tobias K.
6
Leser Bewertung3 Bewertungen
6.2
6
Punkte
Podcast
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