Während ich diese Zeilen schreibe, herrschen draußen Temperaturen von unter null Grad Celsius. Da lohnt sich doch ein Blick zurück in den Sommer dieses Jahres, um der allgemeinen Wintertristesse und dem Grau in Grau zu entgehen. In meiner Heimatstadt Hannover herrschte Anfang Juli so etwas wie Rock’n’Roll-Ausnahmezustand, hatten sich doch die berühmtesten Hard-Rock-Söhne des niedersächsischen Landeshauptsitzes zum Jubiläumskonzert im Stadion angekündigt. Die Scorpions feierten ihr 60-jähriges Jubiläum, welches nicht nur mit einer eigenen Tour, sondern auch mit besagtem Heimspiel begangen werden sollte. Dazu hatte man sich mit u. a. Alice Cooper und Judas Priest metallische Unterstützung dazugebucht.
Die Zugkraft, die von diesem Event ausging, konnte man in der ganzen Stadt spüren, reisten doch viele Fans aus der ganzen Welt bereits vorher an. Dies ließ sich zum Beispiel am Vorabend des Gigs feststellen, als Ex-Drummer Hermann Rarebell den Rummel vor der Show nutzen wollte, um im Kunstladen öffentlich aus seinem Buch zu lesen. In dem kleinen Laden drängelten sich Menschen aus allen Ecken der Welt: Chile, Finnland, Kanada, Mexiko, um nur einige zu nennen. Die Hälfte der Tickets soll Berichten zufolge ins Ausland gegangen sein.
Damit dieses Event sich fest in die Annalen der Musikgeschichte eintragen kann, bannte man es auf Konserve und brachte die Aufnahme kurz vor Weihnachten desselben Jahres sowohl in LP– als auch in CD-Form unters Volk.
Zwar nicht ganz frisch, aber ausgesprochen authentisch
Coming Home Live versucht, die Atmosphäre dieses Sommerabends möglichst originalgetreu wiederzugeben, und dieses Vorhaben gelingt ausgesprochen gut. Wenn man an den Aufnahmen nachträglich herumgeschraubt hat, dann nur im geringen, nicht hörbaren Maße. Die Scheibe klingt überraschend authentisch, hat Ecken und Kanten, knarzt mal, da nicht jeder Ton perfekt sitzt, wie zum Beispiel in Coast To Coast, wo die Gitarren herrlich live aus den Boxen schallen.
Klar, die Scorpions sind keine Zwanzig mehr und sechzig Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Dies merkt man vor allem, wenn man sich vor Augen hält, dass seit dem Bau der Berliner Mauer zum Zeitpunkt der Bandgründung noch keine fünf Jahre vergangen waren und es mittlerweile auch schon wieder ein Vierteljahrhundert her ist, als die Scorpions mit Wind Of Change die musikalische Hintergrunduntermalung zum Abriss ebendieser Mauer geliefert haben.
Und so klingt Klaus Meine natürlich nicht mehr wie der junge Morgentau, sondern man hört das vergangene Leben aus seiner Stimme mittlerweile deutlich heraus. Aber das ist keinesfalls schlecht, sondern unterstreicht einmal mehr die lange Karriere der Band.
Die Songauswahl gleicht wie zu erwarten einem Best-of-Programm und so findet sich Hit an Hit auf der Scheibe: Coming Home, Gas In The Tank, natürlich The Zoo, Bad Boys Running Wild, Tease Me Please Me und Big City Nights sind nur einige Beispiele. Dazu neben dem angesprochenen Wind Of Change natürlich noch weitere Welthits wie Rock You Like A Hurricane und Send Me An Angel. Ein erstaunlich kurzweiliges Drum-Solo vom Ex-Motörhead-Klopfbarden Mikkey Dee ergänzt die bekannten Songs. Die Aufmachung, insbesondere der LP-Versionen, kann sich ebenfalls sehen lassen. Man hat hier die Wahl aus vielen verschiedenen Versionen, u. a. auch inkl. eines riesigen Plastikskorpions.
Alles in allem ein schönes Zeitzeugnis, welches sich bei mir noch oft auf dem Player drehen wird. Ich freue mich schon auf die Livescheibe zum siebzigsten Bandgeburtstag, auch wenn ich dann vermutlich schon selbst mit Rollator zum Konzert gehen muss.
Hier geht es lang für weitere Informationen zu Scorpions – Coming Home Live in unserem Time For Metal Release-Kalender.



