Artist: Die Krupps

Herkunft: Düsseldorf, Deutschland und Austin, Vereinigte Staaten von Amerika

Genre: Neue Deutsche Härte, Industrial Metal, EBM

Label: AFM Records

Link: https://www.facebook.com/diekruppsofficial und http://www.diekrupps.com/

Bandmitglieder:

Gesang, Steelophone – Jürgen Engler
Gitarre – Marcel Zürcher
Gitarre – Nils Finkeisen
Synthetics – Ralf Dörper
Schlagzeug (live) – Hendrik Thiesbrummel

 

Am 04.08.2016 spielten Die Krupps einen Secret Gig im Kulttempel in Oberhausen (den Bericht findet Ihr hier). Vor der Show hat sich Jürgen Engler noch die Zeit für ein Interview mit mir genommen. Danke dafür!

 

Time For Metal / Heike L.:

Ich hatte ja schon in meinem Review geschrieben, dass ich Euch erst mit dem Album V – Metal Machine Music kennen gelernt hatte. Vor dem Kulttempel bin ich jetzt mit Fans ins Gespräch gekommen, die Euch schon mehr oder weniger von Anbeginn an kennen, und Euch gibt es ja auch schon so lange. Jetzt mal nicht auf die Bandbiografie bezogen, was waren das für Zeiten, als Ihr Euch gegründet habt? Was hat Euch beeinflusst? Was kam danach? Was hat Euch geformt? Wie würdest Du das beschreiben? Oder habt Ihr auch was geformt? Ich lese auch immer wieder, Ihr wart der Taktgeber für Genres wie Neue Deutsche Härte oder EBM, und andere Bands orientieren sich an Euch. Was ist das für ein Gefühl?

Die Krupps / Jürgen Engler:

Das Ding ist ja, als wir gemacht haben, was wir gemacht haben, gab’s ja eigentlich kein Publikum dafür. Wir haben was gemacht, und keiner wusste so recht, was das jetzt so ist. Die erste LP Stahlwerksinfonie war so was wie Marsmusik. Keiner wusste so recht was damit anzufangen. Das war ein Lärmkonstrukt, sage ich mal, mit Industrial-Elementen, die man heute klar als Industrial-Elemente einstufen würde. Aber damals gab es ja noch keine Industrial-Elemente, insofern… Die Musik hat sich ja erst entwickelt, und irgendwann sind die Schubladen dafür erfunden worden. Unsere erste Single Wahre Arbeit – Wahrer Lohn war aus Juni 1981, das war EBM, mehr oder weniger, wie man heute sagen würde. Dann die Metal Machine Music Originalrelease war 1991. Das war so der Anfang von Industrial Metal, oder wie auch immer. Ich meine, die Ursprünge von der Nummer, die sind eigentlich von 1988, es geht also noch weiter zurück. Der eigentliche Release von der LP, glaube ich, war 1990, und die Single war 1991 oder so. Ich sage mal, die Schubladen wurden erfunden, nachdem wir die Musik gemacht hatten.

Time For Metal / Heike L.:

Aber damals war da ja noch nicht dran gedacht. Ihr wolltet einfach das machen, was Ihr gemacht habt.

Die Krupps / Jürgen Engler:

Ja, das Ding ist eben… Ich hatte Einflüsse seinerzeit… Für Stahlwerksinfonie waren das Sachen wie Pere Ubu, Sachen, die im Prinzip… Ich war ja in Deutschlands erster Punkband, und ich wollte irgendwann aus dieser reinen Punk-Ecke raus, wollte mehr. Ich wollte mehr experimentieren, wollte was Neues versuchen. Ich habe Pere Ubu im Ratinger Hof gesehen, die waren damals so, ich sage mal, Alternative Artrock, was auch immer, kann man heutzutage schlecht einschätzen. Aber damals war es eben was Spezielles. Die haben Punkriffs gehabt, auf der anderen Seite war es sehr experimentell. Der Sänger hat mit einem Hammer auf einen Amboss geschlagen, hat mit ’ner Flex auf Metallteilen rumgesägt im Ratinger Hof und all so was. Und ich habe mich damals gefragt, was passiert, wenn ich die Gitarren und das ganze Zeug rausnehme und nur noch, wie David Thomas (Anmerkung Heike L.: Gründer von Pere Ubu) Metall auf Amboss haue. Irgendwie hat mich diese Idee fasziniert. Damals habe ich auch permanent das Album Metal Machine Music von Lou Reed gehört, also diese LP, die über vier Seiten nichts weiter als Lärm ist, es ist keine strukturierte Musik gewesen. Ich habe dann irgendwann diese Komponenten zusammengeführt, nach dem Motto, ich mache so was wie eine Sinfonie bzw. ein langes Werk, was sich aufbaut, mit konventionellen und unkonventionellen Musikinstrumenten oder auch Klangerzeugern aus Stahl. Die Idee, eine Stahlwerksinfonie zu machen, gab es, noch bevor die Band Die Krupps hieß. Irgendwann war die Stahlwerksinfonie dann Programm.

Wir haben ja damals in Düsseldorf gewohnt, also quasi im Ruhrgebiet 😉 Und das Ding war eben, ich habe dann so Namen assoziiert. Ich weiß noch genau, ich war damals in den Staaten, habe am Meer gesessen und habe so rumgesponnen. Da kam zuerst „Die Mannesmänner“, und dann kam irgendwann „Die Krupps“. Da habe ich nur so gedacht, ok, ist im Prinzip dasselbe und transportiert ähnliche Gefühle, nämlich, wie Deutschland im Ausland gesehen wird, mit dieser düsteren Historie, auf der anderen Seite die starke Wirtschaft usw. Ich fand den Namen „Die Krupps“ total passend, weil er die Kritik in sich selbst birgt, dass hier ein riesiges Konzept entwickelt wurde, das sich in alle Bereiche ausbreitet. Und so hat sich das ganze Ding dann eben entwickelt und irgendwie fortgesetzt. Ich meine, ich wollte immer irgendwie gern Die Krupps als innovatives Projekt sehen, wo immer wieder Dinge weitergesponnen oder aufgegriffen werden. Ich bin in der Punkphase, also in der frühen Punkphase, rumgezogen, wo man noch versucht hat, das Rad neu zu erfinden. Also wo Bands aus dem Nichts erschienen, die versucht haben, komplett neue Wege zu gehen. Kaum eine von den damaligen frühen Punkbands ist eine Weiterführung von irgendeiner Musik, die es vorher gegeben hat. Vielleicht die Attitüde bis zu einem gewissen Punkt, aber die Innovation, die viele von diesen Bands mit sich gebracht haben, ob es die Amerikaner waren, wie Devo oder Suicide, wie Pere Ubu usw. oder ob das jetzt Engländer waren, wie Buzzcocks oder Wire, oder Siouxsie And The Banshees mit ihrer ersten LP. Ich meine, da kommt aus dem Nichts eine LP die sich nicht nach irgendwas anhört, was es vorher gegeben hat. Dieser Geist, das wollte ich in Die Krupps reinbringen, was zu tun, was man eigentlich noch nicht kennt. Das ist genau das, warum es vorher was gab, bevor die Musik eine Sparte und eine Schublade hatte. Das war eben die Idee dahinter; ständig am Ball zu bleiben und sich weiterzuentwickeln, Dinge zu tun, die man normalerweise nicht erwartet.

Das machen wir im gewissen Sinne auch heutzutage noch, denn nach dem Machinist of Joy kam die Metal Machine Music. Der Titel ist vielleicht schon mal dagewesen, aber die Musik ist ja noch einen Schritt weiter als sie selbst in den 90ern war. In den 90ern haben wir die Verschmelzung von Metal und Electro relativ auf die Spitze getrieben, und für mich waren wir dann irgendwann an einem gewissen Punkt angekommen, wo ich gesagt habe, wenn wir an diesem Punkt sind, wo ich das Gefühl habe, wir drehen uns im Kreis und es gibt nichts mehr weiterzuspinnen, dann machen wir einfach mal Pause und legen das Ding auf Eis. Anstatt es wie andere Bands zu machen, immer das Gleiche rauszuhauen und sich im Prinzip selbst zu plagiieren, das ist absolut nicht das, was wir machen. Wir halten am Dachkonzept fest, aber das ufert dann aus.

Time For Metal / Heike L.:

Es gab ja sogar ein Coveralbum, wo Bands Songs von Euch gecovert haben…

Die Krupps / Jürgen Engler:

Da gab es einige, aber Du meinst wahrscheinlich die The Final Remixes. Heutzutage ist ein Remix im Prinzip ja schon, wenn man einen anderen Beat unter den Originalsong legt. Aber die Bands haben damals tatsächlich die Songs anders interpretiert und ihre eigenen Versionen daraus gemacht.

Time For Metal / Heike L.:

Habt Ihr die Alben dann auch gehört? Das muss doch cool sein, seinen eigenen Song als Coverversion oder auch Remix zu hören, und sich dann vor allem zu denken, „wow, mein Song ist es wert, dass andere Bands daraus eine Coverversion oder einen Remix machen“. Was ist das für ein Gefühl, seinen eigenen Song dann in einem neuen Gewand zu hören?

Die Krupps / Jürgen Engler:

Ich finde das immer dann spannend, wenn eine Band einem Song einen eigenen Stempel aufdrückt und dann eigene Musik daraus macht. Das hat z. B. Andrew Eldritch von Sisters Of Mercy gemacht, Nitzer Ebb, Faith No More, Permafrost, Nine Inch Nails, Biohazard…. Und wenn die neue Version dann gut gemacht wurde, ist das spannend. Wenn die neue Version schlecht gemacht wurde, ist das halt nicht so toll 😀

Was ich ganz interessant fand, vor zwei Jahren kam eine Doppel-CD raus, wo nur russische Bands unsere Tracks gecovert haben, und das war echt geil. Die haben richtig gute Sachen gemacht. Es sind wohl so 25 Songs oder mehr, und die haben wirklich unsere komplette Historie gecovert und das ist richtig gut gelungen. Das Teil heißt Russian Industrial Tribute To Die Krupps.

Time For Metal / Heike L.:

Daran schließt auch gleich die Frage an: Ihr seid noch da, viele Bands von damals gibt es eigentlich nicht mehr. Was ist das für ein Gefühl?

Die Krupps / Jürgen Engler:

Das Ding ist wahrscheinlich, wir haben uns nicht tot gespielt, wir haben zum richtigen Zeitpunkt pausiert und uns wieder neu gefunden oder weitergesponnen und dann erst wieder was gemacht, als die Zeit war. Es gibt z. B. auch ganz viele Songs, die bei uns über Jahrzehnte in der Schublade liegen, und die werden erst rausgeholt, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Wie z. B. Glasscage, die aktuelle Single, die ist von 1985. Die haben wir komplett überarbeitet, aber das ist im Prinzip eine Nummer, die habe ich mit einem Freund 1985 geschrieben.

Time For Metal / Heike L.:

Wie kam es denn dazu, dass Caliban bei diesem Song dabei sind?

Die Krupps / Jürgen Engler:

Wir wollten eine Version machen, wo eine alte und eine neue Generation zusammenkommt und sich verbindet. Das hat damals mit Nitzer Ebb ganz gut funktioniert, und wir haben damals The Machineries Of Joy gemacht. Das war quasi eine Neuauflage von Wahre Arbeit – Wahrer Lohn, ein Remake sage ich mal, halt damals aktuell. Wir fanden das spannend und wir haben ja mit V – Metal Machine Music wieder die „Metal-Krupps“ rausgekehrt und wollten einfach mal die alten und neuen Generationen verbinden. Zuerst wollten Heaven Shall Burn das eigentlich machen, aber da hat es dann zeitlich nicht geklappt. Und dann haben Caliban zugesagt, und ich finde, das ist super geworden. Und die Zusammenarbeit mit den Jungs war auch ganz easy.

Time For Metal / Heike L.:

Der Song ist wirklich super geworden, der hat mich im wahrsten Sinne des Wortes vom Stuhl gehauen. Aber ich komme ja nicht drüber hinweg, dass der Song wirklich schon dreißig Jahre alt ist!

Die Krupps / Jürgen Engler:

Ja, aber das ist halt die Sache. Du hast auf dem letzten Album auch andere Sachen drauf, wie z. B. Vampire Strikes Back, das ist von 1998 und ist auch überarbeitet. Volle Kraft Voraus ist von 1982 und hat jetzt in der Metalversion einen anderen Dreh bekommen, aber das Ding ist eigentlich… Ich habe früher Gitarre gespielt, aber ich habe die ganzen ersten Jams, die erste LP, Single usw. auf dem Keyboard gespielt, denn ich wollte von der Gitarre weg und was Neues probieren. Die Art der Herangehensweise, wie ich Gitarre spiele oder wie ich Keyboard spiele, diese Riffs, die ich normal auf der Gitarre spiele, habe ich dann auf dem Keyboard gespielt, und ich habe dann irgendwann gedacht: „Volle Kraft Voraus“! Abgesehen davon, dass halt Eisbrecher, der ein riesiger Krupps-Fan ist, den Titel übernommen hat… Da habe ich gedacht, eigentlich haben wir das nie gemacht. Wir haben nie eine alte Nummer, die ich damals auf Gitarre gespielt und dann auf Keyboard umgesetzt habe, umgedreht. Das haben wir mit Volle Kraft Voraus gemacht, der ist echt von 1982.

Time For Metal / Heike L.:

Wenn wir dann schon bei den Songs sind, dann gleich eine weitere Frage: Fly Martyrs Fly ist ja wohl nicht so alt, das ist ja ein aktuelles Thema. Wer ist denn darauf gekommen, dieses heftige Thema in einem Song zu verarbeiten?

Die Krupps / Jürgen Engler:

Stimmt, die Musik könnte zwar alt sein, aber der Song ist aktuell. Aber das lag bei mir auf der Hand. Ich habe von morgens bis nachts die News an, also wirklich vom Aufstehen bis zum Schlafen gehen, ich habe immer die News an. Das läuft bei mir im Wohnzimmer, ich habe mein Studio dort, und ich höre so immer, was los ist. Alles, was los ist, was mich direkt anspricht, dazu muss ich was sagen. Es gibt natürlich jede Menge Zeug, was interessant ist, aber Dinge, zu denen ich das Gefühl habe, was sagen zu müssen oder zu denen ich mich berufen fühle, was sagen zu sollen, die greife ich gern auf und bearbeite sie dann im Text. Das war ein Ding.

Time For Metal / Heike L.:

Aber den Song fand ich wirklich sehr krass. Allein auch mit den im Song zu hörenden Durchsagen und den Statements aus den News. Und dann tanze ich dazu, da habe ich echt gedacht, irgendwie ist das ja makaber. Der crasht gegen den Berg und ich tanze dazu. Und dann ist es auch noch mein Lieblingslied von dem Album!

Die Krupps / Jürgen Engler:

Aber genau das ist es ja! Das ist es, was ich immer sage, Kopf und Maschine muss zusammenkommen. Dann ist es ok. Ich mag es nicht nur kopflastig und ich mag es nicht nur beinlastig. Ich mag kein Techno und ich mag nicht, wenn es reine Kopfmusik ist. Die Verbindung von Komponenten ist es, was mich interessiert. Und zu Kopfmusik auch tanzen zu können, finde ich wunderbar.

Time For Metal / Heike L.:

Auf Eurer alten Homepage schriebt Ihr auf der Discography-Seite „thanks to Antti Silvast, who wrote down the first version of this discography. Please contact us if you can contribute any information about non-listed releases. Thanks!“ Hattet Ihr denn wirklich den Überblick über Eure bisherigen Veröffentlichungen verloren?

Die Krupps / Jürgen Engler:

Ich sage mal so, ich habe viele davon, aber ich fand es erstaunlich, dass jemand das wirklich auflisten kann. Der hatte wirklich alles, auch Sachen, die ich schon komplett vergessen hatte. Es ist schon erstaunlich, wenn wir Autogrammstunden haben, da kriegen wir Sachen vorgelegt, die ich selbst noch nicht gesehen habe. Irgendwelche spanischen Virgin-Releases oder so was, das ist verrückt 😀

Time For Metal / Heike L.:

Ich bin seit meinem Review Eures letzten Albums noch nicht dazu gekommen mich komplett in alle vorherigen Alben reinzuhören, aber Ihr singt ja anscheinend mehr oder weniger regelmäßig sowohl in Deutsch als auch in Englisch. Wie kam es denn dazu? Ist das, genauso, wie die englischsprachig gehaltene Facebook-Seite, den internationalen Fans geschuldet?

Die Krupps / Jürgen Engler:

So, wie es sich richtig anfühlt. So was wie Kaltes Herz macht absolut keinen Sinn auf Englisch, und das ist ein Text, der ist für die Deutschen geschrieben, der betrifft auch nur die Deutschen, und der muss in Deutsch geschrieben sein, damit sich die Leute darin wiederfinden. Kennst Du noch Alfred Tetzlaff? Dann weißt Du auch noch, wie die Leute reagierten, als sie sich mehr oder weniger selber gesehen haben und sich aber nicht sehen wollten. So ist Kaltes Herz gemeint. Und die Facebook-Seite ist wegen der vielen ausländischen Fans halt in Englisch gehalten. Es gibt wohl mehr deutsche Fans, die Englisch können, als umgekehrt…

Time For Metal / Heike L.:

Ihr habt das letzte Album V – Metal Machine Music zu dritt eingespielt, und sowohl Nils Finkeisen als auch Volker Borchert sind ja erst danach zu Euch gestoßen. Nils Finkeisen war ja schon als Gitarrentechniker für Marcel mit Euch unterwegs, Volker Borchert hat vor ca. zwanzig Jahren bereits die Trommelfelle bei Euch bearbeitet. Wie kam es denn jetzt zu dieser Aufnahme von zwei vollwertigen Bandmitgliedern? Und im Mai habt Ihr dann verkündet, dass Hendrik Thiesbrummel als neuer Live-Drummer mit dabei sein wird…

Die Krupps / Jürgen Engler:

Volker ist ja mittlerweile nicht mehr dabei, das war nur kurzfristig, und er hatte ausgeholfen für die letzte Tour. Es war geplant, dass er festes Bandmitglied wird, aber er macht ja eigentlich einen anderen Job und ist da sehr eingespannt. Jetzt wurde er auch im Job noch befördert und hat noch weniger Zeit gehabt, und so ging es halt nicht mehr. Wir sind super gute Freunde, und wir haben ja jetzt auch einen super guten Ersatz gefunden. Was Nils betrifft, brauchten wir halt einen zweiten Gitarristen. Und Nils ist ein super Gitarrist und ein super netter Typ, der passt perfekt.

Auf den Alben haben wir auch nie die ganze Band gehabt. Es reduziert sich meistens auf zwei Leute. Das Ding ist, Marcel und ich sind so die einzigen, die eigentlich wirklich auf den Alben spielen. Vor Marcel war es Lee, damals von Heathen der Gitarrist, der kam ins Boot und hat zum Großteil die Gitarren gemacht. Den Rest hat Chris Lietz, mit dem ich immer noch produziere, gemacht, und eben ich. Es ist ja bei einer Band nie so, dass die im Proberaum stehen, ein wenig jammen, dann ins Studio gehen, einer drückt den Aufnahmeknopf, und dann ist das Teil im Kasten. Das ist weder bei Nine Inch Nails so noch bei Ministry noch bei Kraftwerk noch bei Depeche Mode…. Da sind zwei Leute, maximal drei, die das machen. Wenn Du hörst, was da alles an elektronischem Zeug abgeht, das kann keiner mal eben so spielen. Du programmierst halt unheimlich viel, und die Gitarren und das andere wird meist später addiert. Ist einfach so. Dass alle zusammen da stehen, das gibt es nicht. Das machst du nur mit einer „normalen“ Rockband, die zu viert rockt. Aber wir sind ja nun mal ein bisschen mehr, wir sind nicht einfach nur eine Rockband, das ist eben auch ein komplexer Haufen. Und wenn Leute immer sagen, „Computermusik, da brauchst Du nur auf den Knopf drücken… „, das ist der größte Schwachsinn überhaupt, denn das ist so eine Arbeit, das alles zu programmieren, bis das alles stimmt. Die Feinheiten, die ganzen Details, das ist das, was es ausmacht und was die meiste Arbeit ist. Der Rest, was Du selbst einspielst… Wenn Du es geübt hast, kannst Du es in einer Stunde. Wenn der Sound steht, gehst du rein, zackzack, spielst es ein. Wir haben damals in meiner Punkband die LP, glaube ich, in zwei Tagen eingespielt. Das geht, und die ist immer noch gefragt und wird immer noch von Leuten gehört. Sogar in Japan wurde sie veröffentlicht, also war sie doch scheinbar gut genug.

Time For Metal / Heike L.:

Jetzt noch mal kurz zurück zu der Zusammenarbeit mit Caliban. Ihr habt diesen alten Song rausgeholt, und das ist ja wohl was, was Ihr immer mal machen wolltet. Gibt es denn irgendetwas anderes, wo Du sagst, das würde ich trotzdem auch gerne noch mal angehen, auch musikalisch gesehen? Wenn ich da an Alive In A Glasscage denke, das ist ja schon ziemlich hart.

Die Krupps / Jürgen Engler:

Auf’m Wacken spielen! 😀 Also ich sage mal so, was wir momentan so am Start haben, ist das, was ich immer gern machen wollte. Das war zum einen Wacken, da spielen wir morgen, und das finde ich super, und wir haben, wie es ausschaut, im November eine Japan-Tour. Wir haben zwar schon in Tokio gespielt, aber das wird jetzt eine komplette Tour. Und Lettland dann auch. Aber wie gesagt, wir haben auch noch nie in Portugal gespielt, das machen wir jetzt auch.

Und musikalisch gesehen, kannst Du davon ausgehen, dass auch das nächste Album sehr hart wird. Wahrscheinlich wird es noch einen Tacken heftiger als das letzte, auf eine bestimmte Art. Ich möchte diese Riffelemente, die wir jetzt haben, mehr herauskehren, damit es wuchtiger wird, auf der anderen Seite aber diesen harten Elektro-Beat beibehalten. So stelle ich mir das momentan zumindest vor.

Time For Metal / Heike L.:

Heute Abend findet ein weiteres dieser so genannten „Geheimkonzerte“ statt. Zum letzten Konzert konnte ich leider nur einen Bericht lesen, denn dazu habe ich leider, im Gegensatz zu dem heutigen, keine Ankündigung gesehen. Was hat es denn mit diesen „Geheimkonzerten“ – „Secret Gigs“ auf sich?

Die Krupps / Jürgen Engler:

Na ja das heute ist eben ein Secret Gig, der erst sehr kurzfristig angekündigt wurde. Wenn wir das langfristig ankündigen, ist es kein Secret Gig mehr. Wir machen die Dinger als Aufwärmgigs, und das ist eben die Idee. Das ist so ein bisschen, wie ein Eingrooven, und das möchtest Du nicht unbedingt als öffentliches Konzert machen. Es ist zwar ein öffentliches Konzert, aber wenn was schief geht, nehmen sie es uns nicht so übel, als wenn es auf der Tour passieren würde 😀 Ich glaube nicht, dass es heute passieren wird, aber wir machen das so ganz gerne, weil es auf der anderen Seite auch was Spezielles für die Leute ist. Die Leute kommen eher, wenn sie denken, „ey da muss ich hin, die spielen einen Secret Gig“ und kriegen das erst eine oder zwei Wochen vorher mit. Und außerdem läuft es heute auch nicht über unsere Booking Agency, sondern das sind Freunde, die das heute machen, genau wie beim letzten Gig im Haus der Jugend in Düsseldorf, eben Leute, mit denen wir ein gutes Verhältnis haben. Die machen das zum einen uns zum Gefallen, zum anderen haben sie auch was davon. Das haben wir letztes Mal auch vorm Wave-Gotik-Treffen in Leipzig gemacht, und jetzt halt vorm Wacken. Wir brauchen das auch, denn wir treffen uns ja nur zwei Tage vor den Touren, machen mal kurz ein Ding und dann geht es raus. Da muss man dann halt einen Aufwärmgig haben.

Time For Metal / Heike L.:

Mit welchen Gefühlen geht Ihr denn im Angesicht der jetzt doch häufigeren Anschläge und Attentate auf die Bühne? Insbesondere in Wacken steht Ihr ja doch vor einer schier unüberschaubaren Menschenmasse, auch wenn Ihr ja im Zelt spielt, wo die Fläche vor der Bühne nicht ganz so groß ist, wie vor den Mainstages…

Die Krupps / Jürgen Engler:

Ich sage es mal so, im Grunde beschäftigt uns das natürlich schon. Auf der anderen Seite gehe ich mal davon aus… Wir waren ja noch nicht auf dem Wacken, aber nach dem, was alles vorgefallen ist, würde ich davon ausgehen, dass die Security tight ist. Da wird dann wahrscheinlich genauer geguckt, wer da rein geht, was er an sich hat. Alles was irgendwie nach spitz und „aua“ aussieht, wird dann wohl rausgeholt. So schätze ich das mal. Natürlich möchte ich nicht, dass Irgendjemandem was passiert, aber ich glaube nicht, dass bei so einem riesengroßen Festival was passiert, außer, jemand schafft es, da rein zu kommen, ohne dass er kontrolliert wird. Über den Zaun, unter dem Zaun durch, keine Ahnung. Ich muss aber auf der anderen Seite auch ganz ehrlich sagen, wäre ich vor einer Woche schon hier in Deutschland gewesen, wäre ich auch nicht über die Düsseldorfer Kirmes gegangen. Das wäre was, wo ich dann nicht hingehen würde.

Time For Metal / Heike L.:

Hörst Du denn privat auch richtig konzentriert Musik, so ganze Alben von vorn bis hinten, und wenn ja, welche Richtungen bzw. Bands bevorzugst Du dabei?

Die Krupps / Jürgen Engler:

Selten, weil ich nicht so viel Zeit habe. Ich mache ja hauptsächlich Produktionen, da höre immer mal wieder was. Jetzt habe ich gerade eine alte Scheibe von The Stooges rausgekramt, die Fun House, das habe ich gerade im Auto… Ich höre ja nur im Auto, wenn ich von A nach B fahre, weil ich nur da Zeit habe… Alte Sachen von UFO habe ich auch gerade mal wieder gehört.

Time For Metal / Heike L.:

Also wenn Du hauptsächlich im Auto hörst, dann ist bei Dir wohl mp3 angesagt?

Die Krupps / Jürgen Engler:

Überhaupt nicht, ich hasse mp3! Ich hasse eigentlich auch CD, aber das Problem ist, im Auto kann ich ja keinen Plattenspieler betreiben 😀 Ich liebe Vinyl, vor allem wegen dem Artwork. Das Ding ist eben, ich brauche eine CD oder zumindest ein Artwork, wo die Information drauf ist. Wenn ich die Information nicht habe, fehlt mir irgendwie der direkte Bezug. Ich weiß nicht, wie das bei anderen Leuten ist, aber ich muss mir immer die Sache als Ganzes anschauen. So wie ich halt auch das Weltbild als Ganzes anschaue, und nicht nur als zentrierten Mikrokosmos. Ich muss das ganze Bild sehen, und wenn ich was von einer Band höre, dann muss ich die Infos haben. Deswegen habe ich auch nie im Auto nur ein CD-Booklet mit allen CDs sondern ich habe jede einzelne CD in ihrem eigenen Booklet. Dann gucke ich mir genau an, was das ist.

Time For Metal / Heike L.:

Wo, Ralf Dörper gerade noch dazu gestoßen ist, fällt mir noch eine Frage ein: Ihr seht beide so topfit aus. Wie hält man sich denn auf solchen Touren fit?

Die Krupps / Jürgen Engler:

Man hält sich schon vor den Touren fit, wobei wir in diesem Jahr nur Festivals haben. Also Wacken, m’Era Luna, wir spielen in Kelbra in Thüringen auf einem Bikerfestival, wir haben in Portugal ein Festival, Lettland, Brutal Assault in Tschechien…

Die Krupps / Ralf Dörper:

Wobei die Anreise nach Riga auch interessant sein dürfte, denn wir sind mittlerweile alle über 1,90 m lang. Jürgen ist mit 1,88 m der Kleinste. Da bräuchten wir eigentlich diese XL-Plätze mit viel Beinfreiheit, aber da müssen wir wohl durch… 😀

Die Krupps / Jürgen Engler:

Auf den Touren ist das fit halten dann kein Problem, denn Du hast ja schon den Sport auf der Bühne. Vorher ist das Problem, Du musst Dich vorher fit halten. Ich lebe aber generell gesund, ich esse viel Asiatisch, also Japanisch Vietnamesisch, Koreanisch… alles recht fettarm, viel Früchte, Gemüse und so ein Zeugs. Ich habe noch nie geraucht, noch nie gedrogt, noch nie Alkohol getrunken… noch nie!! Und das Ding ist, ich fühle mich auch nicht so alt, wie ich bin. Ich fühle mich wie 35, kein Stück älter! Von daher werden die anstehenden Shows ein Spaziergang 😀

Time For Metal / Heike L.:

Und das war es dann auch schon, ich bin mit meinen Fragen durch. Herzlichen Dank noch einmal, dass Du Dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Jetzt freue ich mich auf die Show!

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