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Die Schweiz – eine ernst zu nehmende Metalszene? (Pt. 4)

Fünf hoffnungsvolle, aufstrebende, oder noch hörenswerte Bands

Die Schweiz ist mit nur 41.284 km² ein kleines Land – aber in manchen Dingen ist sie ganz groß! Wer an die Schweiz denkt, der denkt an Geld, teure Uhren, Schokolade, Käse, die Schweizer Alpen, DJ Bobo, herrliche Landschaften, Sehenswürdigkeiten. Niemand käme nur annähernd auf die Idee, bei der Schweizerischen Eidgenossenschaft zuallererst die Rock- und Heavy Metal Szene zu nennen.

Wer an gut gemachten Rock- und Heavy Metal denkt, dem kommt die Schweiz nicht unbedingt als erstes Land in den Sinn, sondern eher die USA, Skandinavien oder auch die Szene vor der eigenen Haustür. Wenn überhaupt Schweiz, dann fallen einem einige wenige große und legendäre Bands ein, wie z.B. Celtic Frost, Messiah, Crystal Ball, Krokus, The Young Gods, Coroner, Gotthard, Drifter, Eluveitie, Poltergeist, CoreLeoni, Shakra, Samael, Hellhammer, China, Cataract …, doch gräbt man etwas tiefer, stellt man schnell fest, die Schweiz verfügt über eine gut funktionierende und spannende Rock- und Heavy Metal Szene. Mit den genannten Bands hatte man teilweise schon früh einen prägenden Einfluss auf die Metalgeschichte, doch auch heute noch bewegen sich einige von den genannten und noch viel mehr Underground-Bands der Schweiz sich zielstrebig auf das Level der sogenannten Metalgiganten zu. Seit Jahren schon boomt der Rock- und Metal Zirkus und so ist es an der Zeit, einen Blick auf die dortige Szene zu werfen und eine Reihe von Bands vorzustellen. Mit gewissen Abständen werde ich mir immer wieder einige interessante Bands der unterschiedlichsten Genres herauspicken und hier näher vorstellen, egal ob etablierte Acts, Newcomer, oder auch aufgelöste Projekte, die es wert sind, gehört zu werden.

Mumakil

Herkunft: Genf
Stil: Grindcore / Deathgrind
Links: https://www.facebook.com/Mumakil/

Einmal mehr muss die von J.R.R. Tolkien erfundene Welt von Mittelerde für einen Bandnamen herhalten: Mumakil (oder Olifanten) sind elefantenähnliche riesige Geschöpfe, die in den Savannen und Dschungeln der Südlande leben und als Last- oder Kriegstiere eingesetzt werden. Als Name für eine Grindcore/Deathgrind Band durchaus sinnvoll, das denken sich im Jahr 2004 auch Thomas Jeanmonod (Vocals), Jeròme Pellegrini (Guitar), Jeremy Tavernier (Bass) und Sèbastien Schacher (Drums) aus Genf. Dann muss alles schnell gehen, im gleichen Sommer die ersten Songs und im November der erste Auftritt zusammen mit Nasum aus Schweden und Blockheads aus Frankreich. Bei den Fans kommt man gut an und so wird Anfang 2005 gleich das erste Demo Brutal Grind Assault eingespielt, welches zum freien Download auf die Homepage gestellt wird. Im gleichen Jahr zieht man noch mit den Landsleuten von Lost Sphere Project durch Frankreich und kann sich schnell einen guten Namen erspielen. 2006 ist das Jahr der Veröffentlichungen, denn zuerst wird die EP The Stop Whining rausgehauen, dann ein Splitalbum gemeinsam mit Blockheads und Inside Conflict nachgelegt, bevor dann das Debüt Customized Warfare eingespielt wird. Sensationelle 32 Songs werden aufgenommen, inkl. einer geilen Napalm Death Coverversion von Social Sterility, welche auch restlos alle auf dem Debüt landen, welches beim französischen Indie-Label Overcome Records veröffentlicht wird. Nun gut, Kunststück, bei Songs von 00:10 Min. bis max. 02:28 Min. kommt man so auf eine Gesamtlaufzeit von 36:52 Minuten. Es folgen Auftritte mit Suffocation, Rotten Sound und Wasteform, dann 2007 die erste Tour durch das Vereinigte Königreich mit Necrophagist, Misery Index und Origin. In der Schweiz werden Mumakil zwischenzeitlich als Staatshelden gefeiert, doch dann macht Overcome Records pleite. So werden in der Folgezeit anstatt des erwarteten Zweitlings nur vier Splitalben rausgehauen, Slimewave Series Vol.6 (2007) mit Inhume bei Relapse Records, Ruling Class Cancelled (2008) mit Misery Index bei Power It Up Records, The Sick, The Dead, The Rotten Pt.2 (2008) mit Obtuse und Third Degree bei The Spew Records und last but not least Blind (2008) noch einmal mit Blockheads bei Bones Brigade Records. Die Band wird von Relapse Records unter Vertrag genommen, die nach der Split mit Inhume nun den ersehnten Longplayer Behold The Failure (2009) veröffentlicht. Es folgt eine Tour mit Afgrund und 2011 können Mumakil sogar einige Gigs in Kuba bestreiten. Drummer Schacher erkrankt kurz darauf am Karpaltunnelsyndrom, spielt zwar noch das dritte Album Flies Will Starve (2013) ein, muss aber ersetzt werden. Zwar ist die Band seit 2018 offiziell aufgelöst, aber ich will sie hier trotzdem aufführen, denn Genrefans sollten hier unbedingt mal ein Ohr riskieren. Frontmann Thomas Jeanmonod ist mittlerweile beim Death Metal Projekt Enthralled By Chaos aktiv.

Mumakil – Death From Below (2013):

Stortregn

Herkunft: Genf
Stil: Blackened Death Metal
Links: http://stortregn.com und https://www.facebook.com/Stortregn/

Die Schweizer Stortregn sind schon eine ganze Weile auf dem schwarzmetallischen Markt aktiv, haben sich 2006 in Genf gegründet, waren zuvor aber schon ein paar Tage als Divine`s Smile und Addict Repulsion unterwegs. 2007 kann man dann aber das erste, selbst betitelte Demo Stortregn an den Mann bringen, gefolgt von der EP Devoured By Oblivion (2008), die schon für einige Aufregung in der Szene sorgen kann. Nach einer Tour durch Kuba im Jahr 2010 wird dann das Debüt Uncreation eingespielt, welches 2011 über Great Dane Records veröffentlicht wird und durchweg gute Kritiken einfährt. Man orientiert sich an der nordischen Black Metal Bewegung der 90er-Jahre, wobei auch immer wieder deutliche Death Metal Spuren zu finden sind. Die Genfer sind auf der Überholspur und so wird mit Evocation Of Light (2013) schnell der Albumnachfolger über Great Dane nachgelegt. Hier wird noch deutlicher, dass die Schweiz wohl nur ein momentaner Wohnort ist, denn musikalisch ist man ganz klar in Schweden zu Hause. Das ganze Album bewegt sich irgendwo zwischen Naglfar und Dissection und fährt wieder durchweg gute Kritiken ein. Im Anschluss geht es auf eine Osteuropatour und Anfang 2014 wird Frankreich abgegrast. Gemeinsam mit Kaos Vortex, Eternal Storm und Will Of The Ancients wird noch über Elemental Nightmare das 10″ Split-Vinyl Elemental Nightmares V veröffentlicht, auf dem jede Band mit einem Track vertreten ist. 2015 geht es nach Wacken, wo man die Schweiz beim Wacken Metal Battle repräsentiert, bevor es dann erneut ins Studio geht. Das dritte Album Singularity erscheint 2016 über Non Serviam Records, das abgesehen von eigenständischen Abschnitten wieder stark an Dissection erinnert, was ja keine ganz schlechte Referenz ist. Auch Emptiness Fills The Void (2018) schließt sich nahtlos an, die Band präsentiert sich auf allerhöchstem Niveau in einer Schnittmenge aus Naglfar und Dark Tranquility. Wer auf ausgefeilte Melodiebögen auf dem Fundament von kompromisslosem Geknüppel steht, ist hier bestens aufgehoben. Das aktuelle Line-Up besteht aus Romain Negro (Vocals), Johan Smith (Guitars), Duran Bathija (Guitar), Manuel Barrios (Bass) und Samuel Jakubec (Drums).

Stortregn – Circular Infinity (2018):

Comaniac

Herkunft: Aarau
Stil: Thrash Metal
Links: https://www.facebook.com/ComaniacOfficial/ und https://comaniac.ch

Comaniac sind eine Schweizer Thrash Metal Band, die im Jahr 2010 von Cèdric Iseli (Drums) und Jonas Schmid (Vocals, Guitar) gegründet wird. Man einigt sich auf den Bandnamen Comaniac, was nicht mehr als ein Kofferwort für Company und Maniac ist, und spielt die ersten Konzerte zu zweit. In einem umgebauten Kuhstall nehmen die beiden dann 2012 das Cowshed Demo mit fünf Songs auf. Im gleichen Jahr wird die Band mit Dominic Blum (Guitar) und Raymond Weibel ergänzt und man spielt in dieser Besetzung das zweite Demo Tumor Troop (2013) ein. 2015 folgt das Debütalbum Return To The Wasteland, welches man in Eigenverantwortung im KHE Recording Studio in Sursee aufnimmt. Das Album fährt international sehr gute Kritiken ein, wird von einigen Mags als das Thrash-Highlight 2015 gefeiert, und ist im Schnelldurchgang ausverkauft, sodass das US-Underground-Label Stormspell Records eine Neuauflage mit 500 Kopien in der Albumserie Trend Killers auf den Markt wirft. Stilistisch ist man stark vom Thrash Metal der 80er Jahre beeinflusst, Einflüsse von Kreator, Exodus und Heathen liegen auf der Hand. Neben vielen Konzerten in der Schweiz spielt man nun auch vermehrt im Ausland, in England, Kroatien, Schottland, Belgien und Deutschland mit etablierten Acts wie Coroner und Toxik. Im Jahr drauf kann die Band beim Metaldays Festival in Slowenien überzeugen, aber 2016 verlassen auch Iseli und Blum die Band und werden durch Valentin Mössinger (Guitar) und Stefan Häberli (Drums) ersetzt. Im Herbst wird erneut das KHE Recording Studio geentert, um den Zweitling Instruction For Destruction einzuspielen, welches 2017 über das deutsche SAOL-Label veröffentlicht wird. War man auf dem Debüt noch fest im Thrash Metal der 80er Bewegung verankert, so ist man nun musikalisch gereift und es fließen erste Komponenten aus klassischem Heavy Metal und Power Metal in die sehr gitarrenlastigen Songs ein. Die Schweizer Gipfelstürmer ernten für ihr Zweitwerk durchweg erstklassige Kritiken und sind mit Vollgas auf der Überholspur unterwegs. Mit dem Album in der Hinterhand folgen eine ganze Reihe von Touren, mit Insanity Alert durch Osteuropa, mit Metal Church durch Europa und das Vereinigte Königreich, sowie internationale Festivals und Shows mit Overkill, Voivod, Entombed AD, Evil Invaders, Cavalera Conspiracy, Death Angel, Nervosa, Ultra-Violence, Metalucifer und Napalm Death. 2018 folgt eine Tour mit Dr. Living Death, bevor die Japan-Veröffentlichung von Instruction For Destruction und eine Japan-Tour mit vier Shows anstehen. 2019 wird das dritte Album Holodox eingespielt, welches am 3. April 2020 erscheint. Die Release-Show findet am 11. April 2020 im Kiff in Aarau statt, gemeinsam mit Ultra-Violence aus Italien und Judge Minos aus der Schweiz. Das aktuelle Line-Up besteht aus Jonas Schmid (Vocals, Guitar), Valentin Mössinger (Guitar), Joel Strahler (Bass) und Stefan Häberli (Drums).

Comaniac – Coal (2017):

Fighter V

Herkunft: Hergiswil / Nidwalden
Stil: Melodic Rock, Hard Rock, Glam Rock
Links: https://www.facebook.com/fightervofficial/ und https://www.fighter-v.com/de/home

Fighter V sind fünf Herren aus Hergiswil im Schweizer Kanton Nidwalden, die in der Konstellation David Niederberger (Vocals), Marco Troxler (Guitar), Luca Troxler (Bass), Lucien Egloff (Drums) und Felix Commerell (Keyboard / Synthesizer) seit 2018 ihr Unwesen treiben. Jedoch war man zuvor schon seit 2009 unter dem Banner Hairdrÿer in ganz ähnlicher Mission unterwegs. Sicherlich hatte man sich 25 Jahre zu spät gegründet, denn die Band stand von jeher für 80s Hard Rock/Glam Rock à la Ratt, Mötley Crüe und Dokken mit all den dazugehörigen Zutaten. Gemeinsam, allerdings noch ohne Felix Commerell, veröffentlichte man 2010 die EP Smokin` Nights und 2013 den Debüt-Longplayer Off To Hairadise. Nicht nur mit dem Album sorgte man für Furore, sondern auch mit einer ungewöhnlichen Promo-Aktion, denn man schickte die CD via Wetterballon in die Stratosphäre. Darauf folgten über 100 Konzerte in der Schweiz und in Deutschland, wo man mit energischen und wilden Shows überzeugen konnte. 2019 ist die Band zurück, allerdings als Fighter V und mit neuem Album Fighter (hier geht´s zum Review). Trotz des nun seriösen Bandnamens hat sich nicht viel geändert, die Band klingt weiterhin herrlich verstrahlt und steht immer noch für Melodic Hard Rock / Glam Rock der 80er Jahre mit wuchtigen Riffs und stadiontauglichen Hymnen. Stilistisch pendelt man sich irgendwo zwischen H.E.A.T., Steel Panther, Eclipse und alten Bon Jovi ein, in wenigen Ausnahmen erinnert man sogar an Bryan Adams oder Huey Lewis And The News. Fighter V sind aktuell mit The New Roses auf Tour.

Fighter V – Dangerous (2019):

Driving Force

Herkunft: Zürich
Stil: Rock, Hard Rock, Metal
Link: https://www.facebook.com/drivingforceband/ und https://www.drivingforce.ch/?lang=de

Driving Force aus dem Raum Zürich sind bislang noch ein eher unbekannter Name im hartrockenden Musikgeschäft. Bereits 2008 gegründet, besteht das Line-Up der Hardrocker aktuell aus Thomas Mathis (Vocals, Guitar), Martin Frei (Bass), Andràs Kokavecz (Guitar) und Thomas Willareth (Drums). Die Band steht für eingängige, raffinierte Songs zwischen Rock und Metal. 2008 entschließt sich Mathis, eine Metalband zu gründen, nachdem er mit anderen Rock- und Power-Pop-Bands herumexperimentiert hat. Mit Bassist Martin Frei und Drummer Walter Vitale komplettiert er die Band, ohne je mit ihnen gespielt zu haben. Dennoch nimmt dieses Trio 2009 das Demo Agasul By Night auf, welches dann online erscheint. Mit Chasper Wanner wird ein zweiter Gitarrist in die Band geholt und es werden viele Gigs gespielt, bevor man dann im Oktober 2010 das Little Creek Studio von V.O. Pulver entert, um das Debütalbum Death Win Money Sin (2011) einzuspielen. Der Song Better Ways schafft es gar ins Radio Airplay. Im Anschluss verlässt Vitale die Band, um zu seinen Funk, Latin & Jazz-Wurzeln zurückzukehren, und wird durch Martin Roth (ex-Crown Of Glory) ersetzt. Das Folgealbum This One Goes To Eleven (2013) wird selbst produziert, doch das Interesse hält sich in Grenzen und die Frustration ist groß. Wanner verlässt darauf die Band und in Andreas Kokavecz wird ein passender Ersatz gefunden. Dafür steigt Drummer Roth wieder aus der Band aus und wird durch Thomas Willareth ersetzt. Doch das Chaos nimmt und nimmt kein Ende, denn Kokavecz beschließt, in seine ungarische Heimat zurückzukehren, und wird durch Marco Wehrli ersetzt. Die nächsten Gigs werden nur als Trio in Angriff genommen. Karsten Schimkat wird neuer Driving Force Gitarrist, doch auch er ist auf lange Sicht nicht der richtige Mann, doch zwischenzeitlich ist Andràs Kokavecz vorübergehend zurück in der Schweiz, sodass man das dritte Album All Aboard (2019) in Angriff nehmen kann. Auch wenn die Band es bis heute nicht geschafft hat, ein festes Line-Up auf die Reihe zu kriegen und so etwas Ruhe in die Band zu bringen, was man leider auch dem dritten Album anhört, so können Freunde von traditionellem Hard Rock im Stil von Bonfire und Gotthard hier durchaus mal ein Ohr riskieren.

Driving Force – Black Beauty (2019):

Fortsetzung folgt !!!

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