Evile – Hell Unleashed

Ein Fest für Headbanger, die es schnell mögen. Evile drücken mit neuem Sänger mächtig auf's Tempo.

Artist: Evile

Herkunft: Großbritannien

Album: Hell Unleashed

Spiellänge: 41:00 Minuten

Genre: Thrash Metal

Release: 30.04.2021

Label: Napalm Records

Links: www.evilecult.com
www.facebook.com/evileuk

Produktion: Chris Clancy, Backstage Studios (UK)

Bandmitglieder:

Gitarre, Gesang – Ol Drake
Schlagzeug – Ben Carter
Bass – Joel Graham
Gitarre – Adam Smith

Tracklist:

1. Paralysed
2. Gore (feat. Brian Posehn)
3. Incarcerated
4. War Of Attrition
5. Disorder
6. The Thing (1982)
7. Zombie Apocalypse (Mortician-Cover)
8. Control From Above
9. Hell Unleashed

Ursprünglich waren die Briten Evile nach ihrer Gründung 2004 zusammen mit Bands wie Toxic Holocaust oder Gama Bomb ganz vorn mit dabei, das Genre Thrash Metal neu zu beleben und auf dem besten Weg in die Fußstapfen der alten Genregrößen zu folgen. Ganz nach oben, so richtig durchgesetzt hat sich die Bande aber nicht. Das lag sicher auch am Ausstieg von Gitarrist Ol Drake im Sommer 2013 (er wollte sich mehr um sein Privatleben kümmern). Seitdem veröffentlichten Evile keine neue Musik. Erst nachdem Ol im Sommer 2018 wieder zur Band stieß, begannen die Arbeiten für neue Songs. Im Sommer 2020 wurde dann bekannt, dass Ols Bruder und Gründungsmitglied Matt Drake die Band wegen gesundheitlicher und privater Probleme verlassen hat. Das dürfte die Aufnahmen zum nun vorliegenden, neuen Album Hell Unleashed mächtig verzögert haben, schließlich stand die Gruppe auf einmal ohne Sänger Matt da. Die Lösung: Ol übernimmt nicht nur wieder die Leadgitarre, sondern nun auch den Gesang. Und den Part der Rhythmusgitarre füllt anstelle von Matt nun Adam Smith (Rip Tide) aus.

Somit ist es kein Wunder, dass Evile auf ihrem fünften Langspieler anders klingen. Zuallererst liegt das am Gesang: Während Matt wie ein Bruder von Metallicas Fronter James Hetfield klang, brüllt Ol auf beständig hohem Aggressionslevel, versucht sich erst gar nicht großartig an Gesangsmelodien und feuert die Texte teilweise wie ein Maschinengewehr auf die Hörer ab. Erinnert etwas an Johann Lindstrand von The Crown, die auch musikalisch mit ihrem aktuellen Hammeralbum Royal Destroyer in die gleiche Kerbe prügeln. Damit geht natürlich die auf früheren Evile-Alben immer mal wieder zum Zuge gekommene Eingängigkeit flöten. Der Fokus hat sich auf Hell Unleashed eindeutig Richtung rasend-schneidende Gitarrenriffs, donnernden Drums und allgemein Brachialität verschoben. Stilistisch ist das Old School aber mit einer top-modernen Produktion versehen. Hervorzuheben ist in puncto Sound der Drum-Sound, der das variable Spiel von Ben Carter mit viel Beckeneinsatz wunderbar in Szene setzt.

Evile treten aber nicht nur noch aufs Gaspedal und geben dem Hörer in einer Tour voll auf die Zwölf. So wird etwa Incarcerated erst bedrohlich dröhnend eingeleitet, bevor es krass abgeht (mit sehr cool reinpeitschenden Backing-Vocals), um dann einen rhythmischen Part einzuschieben. Anderes Beispiel: Control From Above ist eher ein getragener Groover, auch wenn es dennoch auch hier kurze Hochgeschwindigkeitsabfahrten zu Beginn und zum Ende hin gibt.

Die eigentliche Stärke des neuen Albums sind aber sicher nicht die groovenden Passagen, auch wenn diese als Ruhephase vor dem nächsten Uptempo-Sturm durchaus willkommen sind. Nein, das rasante Tempo-Gebolze ist es, was zu glänzen weiß und die Scheibe vom Mittelmaß klar abhebt. Und was Headbanger dazu bringen wird, was sie nun mal gern machen: Headbanging. Gleich der Opener Paralysed ist ein mehr als gelungener D-Zug. Wirklich originell ist das zwar nicht, aber es ist einfach tip-top gemacht. Auch bei Gore ist es der Speed der Gitarre, das Gedresche des Drummers auf Felle und Becken, was Metalheads ein Grinsen in die Visage drückt. Stilistisch mischt sich beim Refrain eine kleine Prise Death Metal rein, so wie man es vielleicht von frühen Sepultura zu Arise oder davor noch kennt. Tendenziell kennt dieses Album nur ein Motto: Los geht’s oder ab dafür! So auch bei War Of Attrition. Dabei sind es auch Kleinigkeiten, die die Songs dennoch nicht langweilig machen. Neben dem bereits gelobten Schlagzeug, das bei diesem Song besonders stark ist, sind es auch immer wieder Brüche in den Songs. Bei dieser Nummer sind sie etwas zu viel, sodass der Song zu viele Umschweife macht.

Old School as fuck ist auch Disorder. Erneut ein schneller Song, aber eine Spur gebremster. Hier wird tatsächlich mehr versucht, eine fast schon harmonische Melodyline aufzubauen. Also im Vergleich zu den restlichen Songs wohlgemerkt. Die Backing-vocals könnten etwas mächtiger rüberkommen. Wieder gibt es schneidige Riffs ohne Ende. Ordentliches Ding. The Thing (1982) ist jedoch ein anderes Level. Dieser Song schreit einen förmlich an: Go, go, go! Yeah, das knallt! Ol feuert die Lyrics nur so raus und liefert sich damit ein Schnelligkeitsduell mit Drums und Gitarren. Noch besser wird’s dann bei Zombie Apocalypse, das jedem Headbanger final die Rübe abschraubt. Könnte das Reign In Blood von Evile sein – auch wenn derartige Vergleiche immer gewagt sind. Aber ja, auch durch die düster-dröhnenden Parts ist das ein geiles Teil! Das vorab veröffentlichte Hell Unleashed hat ja bei der Fangemeinde schon Freudentänze ausgelöst. Und das zu Recht. Gehört mit seinem Speed, dem prägnanten Beckeneinsatz und seinen punchigen Vocals klar zu den Highlights des Albums.

Evile – Hell Unleashed
Fazit
Thrash-Fans werden in der Corona-Pandemie mit viel hochklassigem neuem Material beschenkt. Neben den neuen Alben von Enforcer und The Crown blasen nun die Briten Evile mit neuem Sänger zum Angriff auf den Spitzenplatz des Genres. Hell Unleashed ist old-school as fuck (ohne altbacken zu klingen) und ein Tempogebolze, das jedem Headbanger ein Grinsen ins Gesicht zimmert. Den Ausstieg von Bandgründer Matt Drake wird die Band mit dieser Leistung gut überstehen und vielleicht sogar mehr Fans hinzugewinnen, da nun die nervigen Vergleiche mit Metallica aufgrund der ähnlichen Stimmfarbe von Matt und James Hetfield wegfallen. Matts Bruder Ol brüllt, als gäbe es kein Morgen mehr und sekundiert so passend zu grandiosen Riff-Abfahrten wie Gore, The Thing (1982), Zombie Apocalypse und Hell Unleashed. Ob der Fünftling das beste Thrash-Album der letzten 20 Jahre ist, wie es Ol Drake vollmundig hinausposaunt hat, ist aber anzuzweifeln. Dafür fehlen bei aller Klasse dann doch die dafür notwendigen zündenden Ideen bei den restlichen fünf Songs. Die haben alle durchaus was für sich, aber wie sagt man so schön: Andere Mütter haben auch schöne Töchter.

Anspieltipps: Gore, The Thing (1982), Zombie Apocalypse und Hell Unleashed
Tobias K.
8.5
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8.5
Punkte
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