Freitod – Regenjahre

 

“Hass aus tiefstem Herzen“

Artist: Freitod

Album: Regenjahre

Spiellänge: 52:05 Minuten

Genre: Dark Metal

Release: 10.09.2012

Label: Van Records

Link: https://www.facebook.com/pages/Freitod/179797205400707

Bandmitglieder:

Gitarre, Gesang, Bass – G.Eisenlauer
Schlagzeug, Gesang – R. Seyferth

Tracklist:

  1. Regenjahre
  2. Der Traumsturm
  3. Neue Wege
  4. Letztes Wort
  5. Sterbenswert
  6. Nichtssagend
  7. WenAllesZerbricht
Freitod_Regenjahre_Cover

Okay, fang ich erst einmal ganz sachlich an: Freitod kommen aus Bayern, genauer aus Nürnberg, also der Stadt, die dafür gesorgt hat, dass der BvB Dortmund, während ich dieses Review schreibe, nur vier Punkte hat. Naja, wie dem auch sei, seit 2005 ist das Duo am werken, hat bisher zwei Demos und zwei Alben veröffentlicht und diese Veröffentlichungen mit bedeutungsschwangeren Namen versehen. Regenjahre ist das hier zu behandelnde Werk und ich habe jetzt eigentlich keine Lust mehr auf Sachlichkeit, aber ich habe mich jetzt schon stundenlang über diese CD geärgert.

Erinnert sich einer von euch an die Phase, wo es vor allem (aber nicht nur) im Black Metal Sport war, sich als Satanist zu bezeichnen und dabei eigentlich nur provokant den invertierten Christen raushängen gelassen hat, anstatt sich mit Fachliteratur wie LaVeys Satanische Bibel auseinanderzusetzen? Wieso auch, die Leute waren ja schon angepisst genug. Um mein Missfallen an dieser Scheibe zu erklären, muss man die Entwicklung der Black Metal-Szene kennen: Satanismus provoziert nicht mehr, wird deshalb nur noch von wenigen Bands propagandiert, vielmehr findet es ein Teil der Szene lustig, aus Misanthropie Xenophobie zu machen, was ja auch TOTAL das Gleiche ist (ich kennzeichne mal an dieser Stelle die Ironie), womit diese Band zum Glück nichts zu tun hat (um mal alle Pluspunkte aufzuzählen), ein anderer Teil macht so weiter wie bisher, nur ohne Satanismus (finde ich persönlich sehr angenehm), ein weiterer Teil hasst nicht nur die Menschheit, sondern auch sich selbst und dann gibt es noch Gruppen wie Freitod, die nach eigenen Angaben „Dark Metal mit Wurzeln im Black Metal“ spielen, aber „von Einflüssen weit dahinterliegend“ beeinflusst werden.

Für mich klingt das von vorne rein wie „Shining haben Erfolg mit ihrem Image, wir können das auch“. Wer nicht weiß, was ich meine: Shining haben sich selber das „Ritzerimage“ gegeben, Frontmann Kvarforth suggeriert, das absolute Drogenopfer zu sein und mischt spätestens seit dem vierten Album Black Metal mit allem möglichen, was vor allem auf der fünften Platte richtig gelungen ist.
Bei Freitod merkt man einen ähnlichen, aber trotzdem deutlich abgegrenzten Ansatz: Hier gibt’s keine Jazzeinflüsse, sondern weichgespühlten Black Metal, mit dem ganzen Programm vom typischen Schlagzeug bis Krächzgesang und einer Reduktion der genannten Elemente auf ein Minimum. Hauptsächlich wird klar gesungen und, Hand aufs Herz, dieser Gesang geht einfach mal gar nicht. Er trieft vor Narzissmus der Marke „ich höre mich so gerne singen und bin total traurig und singe deshalb darüber wie doof alles ist“. Denn die Texte sind höchstens zweidimensional, damit auch das Zielpublikum – Kinder, denen Tokio Hotel zu fröhlich ist – sich mit der Materie identifizieren können.

Regenjahre ist nicht nur der Albumname, sondern auch das Intro und das einzige Lied auf der Platte, welches mich nicht total auf die Palme bringt. Es hat schöne Wechsel, sowohl vom Tempo als auch vom Gesang und wäre die Platte so geblieben, hätte sie vielleicht noch was werden können. Natürlich ist der Text grenzdebil, aber schon die ersten Sekunden von Der Traumsturm sind wie ein freier Fall von „Durchschnitt“ zu „unerträglich“: „Entsetzliche Kälte – entseeetzliche Käääälteeee“ ertönt es nach wenigen Momenten und meine Ohren beginnen zu schmerzen. An dieser Stelle habe ich übrigens beim ersten Mal Hören meine Kopfhörer aufgesetzt, reicht, wenn einer leidet.

Neue Wege wird fast ausschließlich klar gesungen und treibt mich damit fast in den Wahnsinn, den Text versuche ich zu ignorieren, genauso wie bei Letztes Wort, wo man scheinbar versuchte, einen Kontrast zu schaffen und wieder… härter an die Sache zu gehen, was dank der butterweichen Klangqualität nicht funktioniert. Auch hier gehe ich nicht auf den Text ein, weil es mir einfach zu doof ist.

Darauf folgt mein ABSOLUTES Hasslied, was den Kreis mit dem oben erwähnten Satanismus schließt: Sterbenswert. Oh…Mein…Gott. WIRKLICH? Ein Lied Namens Sterbenswert? Fängt genauso schlecht an wie der Name, aber wenn der Eisenlauer dann erst einmal mit dem Refrain anfängt, kommt mir das Mittagessen hoch. „Dieser Augenblick ist sterbenswert – Dieses Leben nicht mehr lebenswert – Dieser Augenblick ist sterbenswert – soooo sterbenswert“. Kein Witz! Und die Ironie daran: Ich möchte im Augenblick des Refrains echt sterben! Was ein Fauxpas!

Nichtssagend entlockte mir ein Lächeln: Hat die Band ihre Leere wirklich bemerkt? Nein, natürlich nicht, es geht wieder um ein erfundenes „du“. Gähn. Ein netter Riff versteckt sich in dem Lied, der aber vom klaren Gesang übertüncht wird.

WennAllesZerbricht – jetzt ist also auch die Rechtschreibung dran, die Leerzeichen waren wohl ausverkauft – ist das zwölf Minuten lange Outro, bei dem vor allem meine Geduld zerbrochen ist, aber ich habe die Platte mehrere Male durchgehört, mal krank, mal gesund, mal gut gelaunt, mal schlecht gelaunt, aber ich musste immer an Psychonaut 4s Pseudo denken, das die CD ganz gut mit einem Wort beschreibt.

Fazit: Freitod hätten es fast geschafft: Meine Unterarme wären beinahe nicht mehr narbenfrei geblieben. Diese CD, dieses Machwerk ist so unfassbar frei von Authentizität, dass mir die Fingernägel ausfallen. Ich könnte Romane darüber schreiben, warum ich diese CD hasse, wer schon ein paar Reviews von mir gelesen hat, wird es wahrscheinlich verstanden haben, ansonsten schnappt euch die Bands, die ich in den Raum geworfen habe, sie sind ein guter Start, wenn man sich mit Wirklichkeit und Schein im extremen Metal befassen möchte. Letztendlich bleibt mir nur zu sagen: Ich hoffe, dass die Band ihren Namen auf sich selbst anwendet… Anspieltipp: Regenjahre
Gordon E.
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