Photo @ Martin Ziaja

Interview mit den Freiburgern Notschrei zum Debüt „Aus Dem Nichts“

Gute-Laune-Songs überlassen wir anderen Bands

Artist: Notschrei

Herkunft: Freiburg im Breisgau, Deutschland

Genre: Postcore, Alternative Metal

Bandmitglieder:

Gesang – Markus Fürderer
Gitarre – Gilang Agitama
Gitarre – Daniel Witzke
Bass – Klaus Kirschbaum
Schlagzeug – Tilman Collmer

Link: https://www.notschrei.band

Photo @ Martin Ziaja

Für viele Time For Metal-Leser kommen Notschrei aus Freiburg sicherlich wie aus dem Nichts, dabei sind die Musiker allesamt keine Unbekannten in der regionalen Szene. Mit der Debüt-EP Aus Dem Nichts wurde die Combo im letzten Jahr greifbar für die hart rockende Core-Gemeinde. Grund genug, die Herren zum Gespräch zu bitten.

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Time For Metal / Andreas F.:
Moin, schön, dass ihr euch die Zeit für ein Interview mit unserem Magazin nehmt. Ich hoffe, es geht euch gut und ihr seid alle gesund. Ihr habt euch erst 2018 gegründet und habt im letzten Jahr eure Debüt-EP Aus Dem Nichts veröffentlicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass viele unserer Leser noch nie von euch gehört haben, ist also recht groß. Stellt euch bitte kurz vor – wer seid ihr und was macht ihr?

Notschrei / Markus Fürderer:
Hallo zusammen, erst mal vielen Dank für die Anfrage, wir haben uns sehr über das Interesse gefreut! Ich bin Markus, ich schreibe die Texte und singe. Meine Kollegen sind der Gilang und der Daniel an der Gitarre, Klaus am Bass und Tilman am Schlagzeug.

Time For Metal / Andreas F.:
Beschreibt eure Musik und eben euer Debüt mal mit ein paar Sätzen jemandem, der noch nie etwas mit Rockmusik am Hut hatte und überhaupt keine Ahnung von der Materie hat.

Notschrei / Daniel Witzke:
Also, eigentlich machen wir ganz normale härtere Rockmusik, aber mit Geschrei.

Notschrei / Tilman Collmer:
Hauptsächlich verzerrte, laute Gitarren mit Ausflügen in recht unterschiedliche Genres. Insgesamt bewegen wir uns nicht in eine spezifische Richtung, sondern wir haben eher eine weite Bandbreite von Hörer(innen) und treffen damit verschiedene Geschmäcker.

Time For Metal / Andreas F.:
Beim Anblick eures Promofotos mag sich manch einer denken, mhm, die Typen hab ich doch schon mal irgendwo auf einer Bühne gesehen. Klar, im Südbadischen seid ihr alle keine Unbekannten mehr und tingelt seit Jahren mit den unterschiedlichsten Bands durch die Clubs. In welchen Combos habt ihr gespielt und was hat euch dann 2018 dazu bewogen, die Band Notschrei zu gründen? Wart ihr mit euren anderen Bands nicht ausgelastet?

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Notschrei / Gilang Agitama:
Also ich bin auch bis heute noch bei JOCR (Grunge/Alternative Rock aus Freiburg …, Anm. d. Red) und Lynx (Hard Rock/Cover Rock/Classic Rock/Alternative Rock aus Bad Ems/Nassau …, Anm. d. Red.) aktiv.

Notschrei / Klaus Kirschbaum:
Ich spiele noch bei den Moonshine Rockets (Rockabilly/Punkrock/Rock ’n‘ Roll aus Freiburg …, Anm. d. Red.).

Notschrei / Markus Fürderer:
Da Dekadenz (Groove Metal aus Freiburg …, Anm. d. Red.) schon lange Geschichte ist, stehe ich aktuell nur im Dienste von Notschrei.

Notschrei / Tilman Collmer:
Mit Proke (Thrash/Death/Progressive Metal aus Freiburg …, Anm. d. Red.) und Code Red Organisation (Groove/Thrash Metal aus Freiburg …, Anm. d. Red.) wird zurzeit pausiert. Ansonsten spiele ich noch bei Exil46 (Instrumental Rock aus Freiburg …, Anm. d. Red.).

Time For Metal / Andreas F.:
Warum Notschrei? Südbadener kennen ihn definitiv, Schwarzwaldurlauber und Wintersport-Touristen wahrscheinlich auch, den Notschrei. (Der Notschrei ist ein 1120,1 m ü. NN liegender Gebirgspass im südlichen Black Forest zwischen Oberried im Dreisamtal bei Freiburg im Breisgau im Norden und Todtnau im oberen Wiesental im Süden, nur wenige Kilometer westlich des Feldbergs, des höchsten Berges in Baden-Württemberg und dem höchsten Berg Deutschlands außerhalb der Alpen. Der Notschrei ist im Sommer ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderfreunde und im Winter für Ski- und Rodelfans. Auch wurde der Notschrei bei der Tour De France 1971 befahren und war Teil der Etappe von Basel nach Freiburg.) Was hat euch geritten, euch ausgerechnet nach einem Gebirgspass zu benennen, oder bezieht sich der Name vielleicht doch eher auf die Themen, die ihr in euren Songs behandelt?

Notschrei / Tilman Collmer:
Wir haben uns sehr schwergetan, einen guten Namen zu finden, ich glaube, insgesamt waren es bestimmt vierzig Vorschläge. Persönlich hat keiner von uns eine engere Verbindung zum Notschrei, wir sind aber alle wohnhaft hier in der Region. Jeder, der von hier kommt, dem ist der Notschrei ein Begriff und bleibt deshalb gut im Ohr.

Notschrei / Markus Fürderer:
Außerdem ist da natürlich noch die wörtliche Verbindung Not-Schrei im Sinne von Gehör verschaffen, die uns dabei auch sehr gut gefallen hat.

Time For Metal / Andreas F.:
Ihr kommt mit euren anderen Bands aus dem Death/Thrash/Groove Metal und euer Schlagwerker Tilman kommt neben den genannten Genres auch noch aus der Klassik und ist Mitglied des Philharmonischen Orchesters Freiburg. Nun schlagt ihr mit Notschrei jedoch eine ganz andere Richtung ein, wie kam es dazu?

Notschrei / Tilman Collmer:
Naja, man kann ja nicht immer den gleichen Scheiß spielen, haha. Nein, ich meine damit, dass ich mich ganz bewusst dafür entschieden habe, mal etwas anderes auszuprobieren. Markus hat mich irgendwann angerufen und gefragt, ob ich Bock auf was Neues hätte und da kam mir das gerade recht.

Notschrei / Klaus Kirschbaum:
Ich will irgendwann einmal mit Vinnie Stigma (Gitarrist, Agnostic Front/ex-Madball …, Anm. d. Red.) zusammen auf der Bühne stehen, das ist mein Ziel.

Time For Metal / Andreas F.:
Ihr ordnet euch selbst dem Postcore zu, jedoch geht es auch ein ganzes Stück weit in Richtung Alternative Rock/Metal. Wo und bei welchen anderen Bands seht ihr eure Einflüsse?

Notschrei / Gilang Agitama:
Also unsere Einflüsse kommen auf jeden Fall aus dem Grunge- und Alternative Rock, wie schon bemerkt. Orientiert haben wir uns vor allem an Fjort (Post-Hardcore aus Aachen …, Anm. d. Red.) und anderen Post-Hardcore Bands.

Notschrei / Tilman Collmer:
Wir alle kommen aus unterschiedlichen Richtungen und somit hat jeder einen anderen Einfluss, man hört das ja auch ziemlich gut raus, unsere Songs klingen nicht immer gleich.

Notschrei / Markus Fürderer:
Meiner Meinung nach ist man in diesem Genre am wenigsten eingeschränkt. Wir lassen uns nicht in eine Schublade stecken, das ist uns besonders wichtig.

Time For Metal / Andreas F.:
Euer Debüt Aus Dem Nichts (Veröffentlichung 10.07.2020) ist nun schon einige Monate erhältlich, wie waren die Reaktionen darauf und wie würdet ihr nach über einem halben Jahr euren Einstand bewerten? Würdet ihr, nun mit dem gewissen Abstand, die EP genauso wieder veröffentlichen, oder gibt es etwas, was ihr gerne anders machen würdet, wenn es jetzt einfach möglich wäre?

Notschrei / Markus Fürderer:
Also wir stehen auf jeden Fall zu hundert Prozent hinter der EP und sind mit den Songs super zufrieden. Wir hätten sogar auch mehr Material gehabt und der Traum ist natürlich auch einmal ein ganzes Album zu releasen. Zum größten Teil wurde die EP auch positiv bewertet, was uns natürlich sehr stolz macht.

Notschrei / Klaus Kirschbaum:
Was uns auf aufgrund der aktuellen Situation leider gefehlt hat, war natürlich das Live-Auftreten und eine geile Release-Party mit befreundeten Bands aus Freiburg zu feiern.

Time For Metal / Andreas F.:
Was hat es mit dem Titel Aus Dem Nichts auf sich, denn wenn man sich eure Vergangenheit mal etwas genauer anguckt, kommt ihr ja so gar nicht aus dem Nichts?

Notschrei / Markus Fürderer:
Als Einzelpersonen sind wir vielleicht dem einen oder anderen ein Begriff, aber als Band ist das ja unser Debüt, deshalb fanden wir den Namen für die EP ganz passend. Mir war es auch wichtig, dass der EP-Titel auch gleichzeitig ein Songtitel ist. Es ist der erste Song und somit auch das Erste, was man zu hören bekommt.

Time For Metal / Andreas F.:
Wie immer, wenn man eine CD in Händen hält, richtet sich der erste Blick auf das Cover. Dafür zeichnet ein gewisser Sylvain verantwortlich, wer ist das und wie seid ihr auf ihn gekommen? Beschäftigt man sich mit dem Cover-Künstler, so liegt nahe, dass die Aufnahme des Gebirges im Nebel nicht am Notschrei, sondern irgendwo in den französischen Vogesen entstanden und dann via Photoshop verändert und mit dem aggressiven Rotton versehen wurde. Was könnt ihr uns dazu sagen?

Notschrei / Markus Fürderer:
Ich kenne Silvain schon aus den Zeiten mit Dekadenz. Ich war immer ein großer Fan seiner Arbeit und somit war klar, dass ich wieder mit ihm zusammen arbeiten will. Er hat nicht nur das Cover, sondern auch unser Logo gestaltet.

Notschrei / Daniel Witzke:
Das Gebirge hat natürlich nichts mit dem Notschrei zu tun, wir wollten einfach ein gewaltiges, auffälliges Bild, das auch zur Grundstimmung passt. Das aggressive Rot sah einfach auch geil aus.

Time For Metal / Andreas F.:
Die Songs, wie sind die entstanden? Wie müssen wir uns den Songwriting-Prozess bei euch vorstellen? Schreibt ihr die Songs im Kollektiv, oder wie seid ihr da aufgestellt?

Notschrei / Gilang Agitama:
Einige Songs sind wirklich während der Jam-Sessions im Proberaum entstanden. Bei anderen habe ich das Hauptriff zur Probe mitgebracht und dann wurde im Kollektiv daran gearbeitet.

Notschrei / Markus Fürderer:
Die Texte habe ich alle immer bei mir zu Hause geschrieben, beeinflusst hat mich dabei nicht immer etwas Konkretes, sondern mein Alltag und Themen aus der Welt, die mich besonders interessieren.

Time For Metal / Andreas F.:
Als Nächstes fällt natürlich der Gesang auf, denn während man bei vielen anderen Bands, die im Core-Bereich angesiedelt sind, oft kaum ein Wort versteht, kommen eure Texte deutlich und klar rüber, selbst bei den wildesten Shouts. Ihr geht aber noch einen Schritt weiter, denn auch der Sprechgesang von dir, Markus, der mir sogar ein Stück weit too much ist, ist so gar nicht genretypisch. Da fallen mir zunächst mal Rap, Nu Metal und eben Alternative Metal ein und erneut drängt sich hier die Frage nach euren Einflüssen auf. Was könnt ihr uns dazu sagen?

Notschrei / Markus Fürderer:
Privat höre ich selbst auch gerne Death Metal / Grindcore, wobei man kein Wort erkennt, aber es ist mir bei Notschrei wichtig, dass man die Texte versteht, weil ich ja auch was zu sagen habe. Außerdem höre ich auch viel Rap (kein Gangstershit), der mich zu dem Sprechgesang inspiriert hat.

Time For Metal / Andreas F.:
Ihr habt euch sozialkritische Themen auf die Flagge geschrieben. Welche Messages wollt ihr den Hörern mit euren vier Songs vermitteln?

Notschrei / Markus Fürderer:
Sozialkritische Texte zu schreiben, nur um des sozialkritischen Textes Willens ist nicht mein Stil. Mir ist eins besonders wichtig: Ich will nicht mit dem Zeigefinger den Oberlehrer spielen bzw. den Hörer belehren. Das aktuelle Zeitgeschehen beeinflusst mich natürlich, aber auch persönliche Erfahrungen lasse ich immer wieder mit einfließen. Eine wirkliche Message will ich nicht vermitteln, eigentlich ist es ganz leicht > „Sein einfach ein Mensch und kein Arschloch“.

Time For Metal / Andreas F.:
Inwieweit spielt es dabei eine Rolle, dass du dich, Markus, seit vielen Jahren in der Kommunalpolitik engagierst? Wie wichtig ist es dir/euch, klar Stellung zu beziehen und seht ihr euch als politisch motivierte Band?

Notschrei / Markus Fürderer:
Ich würde uns nicht als politische Band bezeichnen; politische bzw. gesellschaftskritische Themen werden natürlich aufgenommen und verarbeitet, aber wie schon erwähnt, es muss nicht zwangsläufig mit eingebunden werden. Die Themen, die mich zum Nachdenken bringen, werden behandelt, nicht mehr, nicht weniger.

Time For Metal / Andreas F.:
Die Songs kommen ziemlich brachial und wütend daher und werden meist nur von kurzen melodischen Passagen unterbrochen. Was ist es, was treibt euch an und woher kommt diese Wut?

Notschrei / Markus Fürderer:
Zum einen sind es persönliche Erfahrungen, die ich gemacht habe und die mich in eine besondere Stimmung versetzt haben. Andererseits ist es auch mehr Resignation als Wut. Schlag die Zeitung auf, oder schaue dir die Nachrichten an. Ich kann einfach vieles nicht so stehen lassen, es macht mich fassungslos und lässt mich nachdenklich zurück. Und dann muss diese Negativität einfach aus mir raus. Das entspricht dann schon einer Art von Ventil. Entweder ich gehe joggen, oder ich schreie mir den Frust von der Seele.

Time For Metal / Andreas F.:
Dunkle Tage fällt ein bisschen aus dem Rahmen, denn in den ersten 40 Sekunden zeigt ihr, dass ihr auch leise Töne anschlagen könnt. Doch was sich zunächst nach einer Ballade anhört, schlägt dann plötzlich um und endet in einem Ritt aus wilden Shouts und einem sehr melancholischen Text, der sich perfekt in die düstere und einsame Corona-Zeit einfügt. Könntet ihr überhaupt Gute-Laune-Songs aufnehmen?


Notschrei / Tilman Collmer:
Wir alle mögen eine gewisse Melancholie in der Musik. Die Atmosphäre, die dadurch entsteht, untermauert das ganze Konzept.

Notschrei / Daniel Witzke:
Gewisse Emotionen sind einfach wichtig für unseren Sound.

Notschrei / Markus Fürderer:
Gute-Laune-Songs überlassen wir einfach anderen Bands, die machen das bestimmt besser.

Time For Metal / Andreas F.:
„Glaubt nicht dem, der am lautesten spricht …“ Auch Was Bleibt passt natürlich gut in die aktuelle Zeit mit ihrer Corona-Politik, aber auch in viele andere Bereiche z.B. Social Media, oder zu der braun gefärbten Suppe, die in letzter Zeit immer öfter an die Oberfläche gespült wird. Worum ging es euch, als ihr die Nummer geschrieben habt?

Notschrei / Markus Fürderer:
Also erst mal, wir distanzieren uns zu 100 % von diesen Querdenkern. Mit diesen Spinnern wollen wir nicht in einen Topf geschmissen werden. Wir lehnen dieses Gedankengut rigoros ab. Der Song Was Bleibt ist schon weit vor Corona entstanden. Als diese Pegida-Scheiße angefangen hat, haben mich die Slogans „Wir sind das Volk“, „Widerstand“ oder „Lügenpresse“ inspiriert, diese Textzeilen zu schreiben. Die Leute, die diese Sprüche benutzen, sind Hetzer und Rassisten.

Time For Metal / Andreas F.:
Wenn ihr nun eine Single auskoppeln würdet, auf welchen Song würde die Wahl fallen und warum gerade dieser?

Notschrei / Daniel Witzke:
Das wäre nicht schwierig zu entscheiden, Dunkle Tage passt wie die Faust aufs Auge in diese aktuelle triste Zeit. Dieses Gefühl von Isolation, die in der heutigen Zeit allgegenwärtig ist, findet man auch bei Dunkle Tage wieder. Zum Song gibt’s auch schon ein Konzept für ein Musikvideo, da kommt eventuell noch was auf euch zu.

Time For Metal / Andreas F.:
Ihr habt Aus Dem Nichts bei Christoph Brandes in den Iguana Studios aufgenommen, die mittlerweile gar kein Geheimtipp mehr sind, denn eine Vielzahl der baden-württembergischen Bands gehen dort ein und aus. Wie habt ihr Christoph kennengelernt, wie sind die Aufnahmen verlaufen? Hat euch das Coronavirus dabei noch ausgebremst und natürlich, was macht es aus, dort aufzunehmen?

Notschrei / Tilman Collmer:
Ich habe schon mehrfach mit Christoph zusammengearbeitet und war jedes Mal top zufrieden. Egal ob als Soundengineer, Ideenratgeber oder einfach nur als Mensch, er ist einfach ein Meister seines Faches.

Notschrei / Markus Fürderer:
Er hat immer ehrlich seine Meinung gesagt und dadurch konnten wir noch ein paar Prozent aus der EP rausholen. Der Aufnahmeprozess hat Spaß gemacht und wir haben super als Gemeinschaft funktioniert.

Notschrei / Klaus Kirschbaum:
Als der erste Lockdown startete, hatten wir zum Glück alles soweit im Kasten, die letzten Backing-Vocal-Aufnahmen wurden per Remote durchgeführt. Das war echt eine witzige Sache, Corona hat uns nicht davon abgehalten, die Aufnahmen zu beenden.

Time For Metal / Andreas F.:
Meine nächste Frage sollte eigentlich folgendermaßen lauten: Die EP ist dann im Sommer erschienen, als der erste Lockdown vorbei war und Konzerte unter gewissen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen wieder möglich waren. Konntet ihr eine ordentliche Release-Party mit euren Fans feiern und die neuen Songs entsprechend live auf einer Bühne präsentieren? Eigentlich, aber Klaus hat ja vorhin schon verraten, dass es keine Release-Party gab.

Notschrei / Gilang Agitama:
Ja, das war unser Plan, eine EP-Release-Party mit befreundeten Bands zu starten, aber das war einfach nicht durchführbar. Der letzte Gig war letztes Jahr Ende Juni bei Freiburg Stimmt Ein. Irgendwann kommt der Alltag zurück, dann geht es auf die Bühne zurück.

Time For Metal / Andreas F.:
Mittlerweile hat uns die dritte Welle erreicht und der Lockdown wird ständig verlängert, Konzerte und Festivals sind weiterhin nicht möglich und die ganze Event- und Veranstaltungsbranche kriecht mittlerweile auf dem Zahnfleisch. Auch viele Bands bangen um ihre Existenz, da alle Gagen wegbrechen – insbesondere, da die versprochenen Hilfen der Regierung nicht bei ihnen ankamen oder nur ein Tropfen auf den heißen Stein waren. Nun lebt ihr aber wohl nicht von der Musik alleine, inwieweit hat euch die Pandemie getroffen, denn auch Undergroundbands stecken ja eine Menge Kohle in ihr Hobby, wie steht es aktuell um Notschrei?

Notschrei / Tilman Collmer:
Gil und ich leben von der Musik. Die aktuelle Lage ist, wie schon erwähnt, eine Katastrophe. Natürlich gibt es Hilfspakete etc., aber das löst das Problem nicht. Viele Bühnentechniker usw. haben den Beruf gewechselt, die sind weg und kommen auch nicht mehr so schnell zurück.

Notschrei / Gilang Agitama:
Meine Musikschüler haben keine Lust auf Online-Unterricht, sie wenden sich von der Musik ab. Das ist ein verheerendes Signal.

Notschrei / Markus Fürderer:
Die Finanzen sind das eine Problem, das wirklich wichtig ist, aber Existenzen zerbrechen gerade. In dieser aktuellen Lage erkennt man, welchen Stellenwert die Kultur bzw. die Musik hat. Der andere Punkt sind die mangelnden sozialen Kontakte, wir können nicht gemeinsam proben, das schlaucht gewaltig. Bei uns entstehen die Songs meistens gemeinsam im Proberaum, das fällt nun komplett weg.

Time For Metal / Andreas F.:
Wie kann man euch aktuell am besten unterstützen?

Notschrei / Tilman Collmer:
Gönnt euch unsere EP, wir haben noch ein paar übrig. Einfach eine Nachricht schicken, über E-Mail, Facebook oder Instagram. Oder kauft die EP digital, je nach eurem Geschmack. Aktuell arbeiten wir auch an Merch, wie z.B. T-Shirts. Da kommt auf jeden Fall noch was.

Time For Metal / Andreas F.:
Was macht ihr sonst so, wenn ihr gerade nicht mit einer Band auf der Bühne steht oder an neuen Songs bastelt?

Notschrei / Tilman Collmer:
Bei mir geht es immer um Musik!

Notschrei / Klaus Kirschbaum:
Ich bin Lehrer.

Notschrei / Daniel Witzke:
Ich bin Student.

Notschrei / Gilang Agitama:
Ich unterrichte Gitarre.

Notschrei / Markus Fürderer:
Ich bin Servicetechniker.

Time For Metal / Andreas F.:
Aktuell werden ja schon einige große Festivals wie Rock Am Ring/Rock Im Park, Southside/Hurricane, Greenfield Festival … und etliche andere für den Sommer abgesagt und viele weitere werden wohl noch folgen, auch wenn die Wacken-Veranstalter nach wie vor noch an ihren diesjährigen Plänen festhalten. Doch selbst Abstandskonzerte im kleinen Rahmen sind immer noch nicht wieder möglich. Hinzu kommt das Impfdebakel und dass die Zahl an Infizierten derzeit wieder ansteigt. Was glaubt ihr, werdet ihr im laufenden Jahr noch einmal auf einer Bühne vor Publikum stehen können, oder wird 2021 auch wieder leise bleiben? Stehen bei euch aktuell noch Auftritte/Termine an, welcher Art auch immer, die bisher noch nicht abgesagt sind?

Notschrei / Tilman Collmer:
Aktuell gibt es gar keine Termine für Auftritte, macht ja auch absolut keinen Sinn. Das gilt ja nicht nur für uns, sondern für die ganze Szene. Viele Bands haben ihre Tour auf das kommende Jahr verlegt.

Notschrei / Klaus Kirschbaum:
Die einzige Lösung heißt impfen. Erst wenn der Großteil der Leute durchgeimpft ist, kann der Alltag bzw. Konzerte und Festivals zurückkommen.

Time For Metal / Andreas F.:
Da hast du wohl recht, Klaus, wir sind ja mittlerweile schon da, nur Geimpfte bekommen aktuell ihre Freiheit zurück. Das Problem dabei: Nicht jeder hat aktuell die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Zu eurer Art von Musik gehört ein schwitzender Mob vor die Bühne. Kommen Corona-konforme Konzert mit Abstandsregelungen und Hygienekonzept oder gar Livestream-Konzerte für euch überhaupt in Frage?

Notschrei / Markus Fürderer:
Also Corona-konforme Konzerte mit Abstandsregelungen kommen definitiv für uns infrage, das haben wir auch letztes Jahr bei Freiburg Stimmt Ein schon miterlebt. Ist natürlich sehr ungewohnt, aber macht in dieser aktuellen Situation absolut Sinn. Mit Livestream-Konzerten oder Auto-Konzerten habe ich persönlich schon meine Probleme, das ist einfach zu unpersönlich. Die Musik von Notschrei hat etwas mit Energie zu tun und diese wird dadurch beschnitten. Ich würde mir auch komisch vorkommen, eine Kamera anzuschreien. Bei anderen Genres ist das nachvollziehbar, auf diese Art der Liveübertragung zurückzugreifen, aber für Notschrei nicht.

Time For Metal / Andreas F.:
Freiburg und Konzerte ist ja eh so eine Sache für sich. Abgesehen von wenigen großen Metalbands, die dann und wann in der Freiburger Messe spielen, ist die Dreisammetropole Brachland, was hartrockende Liveatmosphäre angeht. Zwar gibt in der Region eine ganze Menge cooler Bands, aber immer mehr Kneipen und Clubs schließen für immer ihre Türen und Auftrittsmöglichkeiten für den Underground sind rar gesät. Wie schwierig ist es mittlerweile, auch abseits von Corona, für euch ein paar Gigs an Land zu ziehen?

Notschrei / Tilman Collmer:
Als kleinere, unbekannte Band ist es nie einfach, einen Gig an Land zu ziehen. Am besten ist es, den Veranstalter persönlich zu kontaktieren, E-Mails landen schnell im Spam-Ordner. Eine gewisse Hartnäckigkeit muss vorhanden sein.

Notschrei / Markus Fürderer:
Also früher war alles besser …, hahahaha. Spaß beiseite …, es ist schon schwierig, einen Gig zu bekommen, das hat sich bestimmt geändert, aber jammern bringt nichts. Wir müssen einfach wach und aktiv sein und den Veranstaltern auf den Sack gehen. Am besten Konzerte mit befreundeten Bands planen und den Synergieeffekt nutzen.

Time For Metal / Andreas F.:
Nun ist Aus Dem Nichts gerade mal ein paar Monate alt, aber Konzerte / Bandproben sind nicht möglich. Wie nutzt ihr aktuell die freie Zeit? Arbeitet ihr schon wieder an neuen Songs, sodass wir in absehbarer Zeit mit einem kompletten Album von euch rechnen können?

Notschrei / Gilang Agitama:
Ja, genau, jetzt werden erst mal Ideen gesammelt und in unsere gemeinsame Dropbox hochgeladen. Sobald wir uns wieder treffen können, wird fleißig geprobt und die Ideen weiterentwickelt.

Notschrei / Markus Fürderer:
Mein Text-Block füllt sich so langsam, also an Ideen mangelt es definitiv nicht.

Notschrei / Tilman Collmer:
Der Traum vom Album lebt, zeitlich können wir aber bis dato leider noch nichts sagen.

Time For Metal / Andreas F.:
Wie sehen sonst eure nächsten Pläne/Hürden aus und wo seht ihr euch in fünf Jahren?

Notschrei / Tilman Collmer:
Im Madison Square Garden mit Rammstein als Vorband (großes Gelächter).

Notschrei / Klaus Kirschbaum:
Fünf Jahre ist echt eine verdammt lange Zeit, bis dahin wird es bestimmt mehr Musik von uns geben.

Time For Metal / Andreas F.:
Ich bin soweit durch mit meinen Fragen. Gibt es etwas, was ihr den Time For Metal-Lesern und/oder euren Fans zum Schluss noch sagen wollt?

Notschrei / Tilman Collmer:
Erst mal ein ganz großes Dankeschön an dich, Andreas, und natürlich auch an Time For Metal. Ihr unterstützt Bands, die noch unbekannt sind bzw. am Anfang ihrer Karriere stehen, das ist außergewöhnlich.

Podcast
Leise War Gestern... - Der Time For Metal Podcast

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