Artist: Timo Wuerz
Herkunft: Deutschland
Genre: Artwork, Comic, Illustration
Link: https://www.timowuerz.com

Mit seinem unverwechselbaren Stil bewegt sich Timo Wuerz seit vielen Jahren erfolgreich zwischen Comic, Illustration, Musik und Popkultur. Seine Arbeiten sind geprägt von Dynamik, starken Farben und einer großen Leidenschaft für fantastische Welten ebenso wie für die harte Musikszene. Ob Comicprojekte, Albumcover oder freie Illustrationen – seine Werke verbinden erzählerische Tiefe mit einer markanten visuellen Handschrift, die sofort wiedererkennbar ist. Neben und mit seiner künstlerischen Arbeit engagiert sich Timo Wuerz zudem intensiv als Aktivist für Nachhaltigkeit sowie den Natur- und Artenschutz und nutzt seine Reichweite immer wieder, um auf ökologische Themen aufmerksam zu machen. Ich hatte das große Vergnügen, mich mit Timo anlässlich seiner neuen Veröffentlichung Bevor Wir Verschwanden – Fünf Geschichten Über Uns Und Das Meer ausgiebig zu unterhalten. Ordern könnt ihr das Werk direkt über diesen Link!
Time For Metal / Juergen S.
Hallo Timo, ich freue mich wirklich sehr, endlich ein Interview mit dir führen zu können. In den vergangenen Jahren hast du eine beeindruckende Anzahl an Bildern geschaffen – von zahlreichen Cover-Artworks im Rock- und Metal-Bereich bis hin zu Arbeiten für Filme, Bücher und viele weitere Projekte. Neben deiner künstlerischen Arbeit hast du auch mehrere eigene Bücher veröffentlicht. Doch über den Künstler hinaus gibt es auch den Aktivisten Timo Wuerz, der sich mit großem Engagement für Nachhaltigkeit sowie Natur- und Artenschutz einsetzt. Dein neues Buch Bevor Wir Verschwanden – Fünf Geschichten Über Uns Und Das Meer ist eine Arbeit mit Comics nach Texten von Ramar, ASP Spreng, James Woolley und Brad Harte sowie dir selbst. Der gesamte Erlös des Buches fließt in den Meeresschutz, genauer gesagt an die Captain Paul Watson Foundation, deren Botschafter du bist und die auf den bekannten Meeresschützer Paul Watson zurückgeht. Erzähl uns doch bitte etwas über diese Organisation und deine Rolle beziehungsweise Aufgaben als Botschafter.
Timo Wuerz
Aufgabe und Ziel ist die Umsetzung der in der Weltcharta für die Natur der Vereinten Nationen festgelegten Gesetze. Die Captain Paul Watson Foundation bezieht sich dabei primär auf Abschnitt 21 als Leitlinie für ihr Handeln und verpflichtet sich, im Einklang mit internationalen Umweltschutzgesetzen zu handeln, und stützt sich zudem auf zahlreiche multinationale Abkommen zum Schutz von Arten und Meereslebensräumen. Staatliche Organe und Behörden handeln aber nicht, aufgrund fehlenden politischen Willens oder wirtschaftlicher Hintergründe. Wilderer plündern ungestraft die Meere, missachten Schutzgebiete und entziehen sich jeglicher Kontrolle in Bezug auf Fangquoten, Beifänge oder den Artenschutz. Paul Watson, Mitbegründer von Greenpeace und Gründer von Sea Shepherd, streitet für das Leben im Meer mit der Strategie der aggressiven Gewaltlosigkeit. Ich selbst kenne ihn seit Jahren und bin eben Botschafter der Captain Paul Watson Foundation. Hauptsächlich nutze ich dabei meine Talente: das Malen bzw. Kommunizieren. Etwa in Form dieses Comicalbums, aber auch T-Shirt-Designs oder Kunstdrucken. Und was uns in Zukunft sonst noch so einfällt.
Time For Metal / Juergen S.
Der Titel klingt fast wie eine Warnung oder ein Vermächtnis. Wovor – oder vor wem – „verschwinden“ wir deiner Meinung nach heute?
Timo Wuerz
Ach, wenn es denn nur eine Meinung wäre, seufz. Aus einem naturwissenschaftlichen Haushalt zu kommen, Studien und Fachliteratur zu lesen und sich lange für Artenvielfalt und Tierrechte zu engagieren, hilft in der Tat nicht, positiv in unsere Zukunft zu schauen.
Uns und unserem Überleben auf unserem Heimatplaneten läuft die Zeit davon, so wie wir mit ihm und seinen Geschöpfen umgehen. Jeder zweite unserer Atemzüge hängt direkt mit dem Meer zusammen. Ohne ausreichende Artenvielfalt und gesunde Ökosysteme haben auch wir Menschen keine Chance, geschweige denn unsere nichtmenschlichen Mitbewohner. Auch wenn es viele gern herunterspielen oder vergessen wollen: Wir sind nichts anderes als Säugetiere und direkt auf unsere Umgebung angewiesen. Ich wurde durch Metal sozialisiert, einer der politischsten Musikstile überhaupt. Da spielt diese Message schon seit Jahrzehnten eine große Rolle. Okay, außer vielleicht bei Poison.
Time For Metal / Juergen S.
Sehr imposant in Bildern und Text finde ich direkt zu Beginn das Poem An Einen Seevogel des amerikanischen Schriftstellers Bret Harte aus dem vorletzten Jahrhundert. Was hat dich gerade in diesem Fall dazu bewegt, diesen wunderbaren Text mit Bildern zu begleiten? Sind es „nur“ die Schicksale der Seevögel?

Timo Wuerz
Vor allem ging es mir wie dir: Ich fand den Text sofort toll und wollte ihn bebildern.
Ich hätte ja nie gedacht, dass mich Seevögel mal so bewegen und beschäftigen würden. Mit einem einzelnen Foto begann vor vielen Jahren mein verstärkter Einsatz für unsere wilde Heimat. Ich sah es zum ersten Mal in einer US-amerikanischen Ausgabe des Rolling Stone Magazins. Chris Jordan machte das Foto auf Midway, einer Inselgruppe mitten im Pazifik, weit entfernt von menschlichem Einfluss. Scheinbar. Das Foto zeigt einen jungen Albatros. Weitgehend verwest, sein farbenfroher Mageninhalt ist jedoch gut erhalten: Plastik. Kleine bunte Kügelchen, Flaschendeckel, ein ganzes Feuerzeug. Er verhungerte mit vollem Magen, gefüllt mit den Rückständen unseres Konsums, im Meer leicht mit Nahrung zu verwechseln.
Time For Metal / Juergen S.
Direkt im Anschluss dann deine Geschichte zum Aussterben der Fische in den Meeren und die Hintergründe, wieso du auf Fisch als Mahlzeit verzichtest. Du schreibst, dass es dir zunächst schwergefallen ist, auf Fisch zu verzichten. Es gibt viele Vegetarier, die allerdings noch Fisch auf ihrem Nahrungsplan haben, sogenannte Pescetarier. Glaubst du, dass du sie mit deiner Geschichte / mit deinem Comic erreichen kannst?
Timo Wuerz
Man ändert seine Gewohnheiten zwar in einem einzigen Moment, doch der Anlauf bis zu diesem Moment kann öfter einmal Jahre oder Jahrzehnte dauern. Das war bei mir auch so. Mehrere Puzzlesteine fügten sich zusammen und plötzlich hatte ich die Nase voll und ertrug meine eigenen Ausreden entgegen aller Fakten und wider mein besseres uneingestandenes Wissen nicht mehr. Und Zack! war ich vegan, selbst als großer Fleisch- und Fischliebhaber. Habe nie wieder zurückgeschaut.
Für die, die weiterhin Fisch essen wollen: Bitte nur Süßwasserfische. Meeresfische sind nicht nur gnadenlos überfischt, sondern voll mit Quecksilber und anderen Dingen, die man nicht in seinem Körper haben möchte. Leider kenne ich schleichende Quecksilbervergiftungen durch Fischverzehr aus meiner nächsten Umgebung.

Time For Metal / Juergen S.
Die letzte Geschichte, Die Letzten Ihrer Art von Ramar mit Bildern von dir, hat etwas Apokalyptisches/Endzeitartiges. Zum einen ist dieses eine Menschenpaar das letzte seiner Art, zum anderen kommen die Meeresbewohner wieder zurück. Was denkst du, was muss geschehen, damit Mensch und Meeresbewohner „zusammen“ gut auskommen können und es nicht dazu kommen muss, wie es in dieser Geschichte ist?
Timo Wuerz
Hör auf die Warnungen deiner Lieblingsbands! Such dir Titel aus: Two Minutes To Midnight vielleicht? Peace Sells? Die Liste ist endlos. Du willst Lösungsvorschläge? Eat The Rich!
Ramar/Ralf Marczinczik, der die besagte Geschichte im Comic schrieb, war bei mir zu Hause zum Abendessen zu Gast und wir redeten darüber, doch mal eine Kurzstory zusammen zu machen. Ich erzählte ihm von diesem geplanten Meerescomicalbum, und wenige Tage später hatte ich seine Geschichte Die Letzten Ihrer Art im E-Mail-Fach.
Time For Metal / Juergen S.
In deinem Werk spielen der Schutz der Meere und der Artenvielfalt eine wichtige Rolle. Gab es einen konkreten Moment, in dem dieses Thema für dich persönlich dringlich wurde? Dein Engagement für Meeres- und Artenschutz ist kein Nebenthema, sondern zentral. Kann Kunst überhaupt noch unpolitisch sein? Das Meer steht kulturell oft für Freiheit, gleichzeitig ist es heute ein Symbol menschlicher Zerstörung. Was bedeutet das Meer persönlich für dich?
Timo Wuerz
Leider bin ich weit weg vom Meer aufgewachsen und meine Familie bevorzugte Urlaub in den Bergen. So kann ich leider auch nicht sagen, ich könne surfen. Ich versuche nur gelegentlich, elegant vom Brett zu fallen. Jedoch fühlte ich mich schon immer sehr wohl in der Nähe des Meeres. Natürlich bevorzugt die Südsee. Um Meere, ihre Bewohner, unsere Geschichte mit ihnen und ihren Schutz drehen sich mehrere meiner aktuellen Projekte. Nach über 25 Jahren im Norden der Republik fand ich, war das an der Zeit!
Time For Metal / Juergen S.
Wie verändert sich deine Arbeitsweise, wenn du eine Geschichte erzählst, die klar gesellschaftliche oder ökologische Anliegen hat? Oder gibt es überhaupt keinen Unterschied zu deinen anderen Arbeiten?
Timo Wuerz
Ich denke, ich kann eine Geschichte nur erzählen, wenn ich etwas darüber hinaus zu erzählen habe, wenn mich ihr Thema beschäftigt, auf welche Art auch immer. Ich brauche einen persönlichen Zugang dazu, sonst lasse ich es. Bei ökologischen Themen ist das genauso. Vermutlich umso mehr.

Time For Metal / Juergen S.
Kunst und Aktivismus liegen bei dir nah beieinander. Wo endet für dich Kunst – und wo beginnt Aktivismus?
Timo Wuerz
Kunst ohne irgendein Anliegen, ohne irgendeine Aussage, ist Dekoration. Kunst zu machen, ist immer ein aktiver Akt. Der Begriff Aktivismus ist natürlich ein Stück weit abgenutzt. Ich verwende ihn auch nur als Abkürzung meiner Anliegen, weil jeder etwas damit anfangen kann und weil ich keinen besseren Begriff dafür habe.
Time For Metal / Juergen S.
Glaubst du, Künstlerinnen und Künstler tragen (in Krisenzeiten) eine besondere Verantwortung? Wenn ja, welche? Welche Verantwortung trägt ein Künstler gegenüber seinem Publikum in Zeiten von Klimakrise, Artensterben und gesellschaftlicher Polarisierung?
Timo Wuerz
Kunst hat jedem von uns immer geholfen. Wohin wendet man sich bei Liebeskummer, Weltschmerz, Freude oder Trauer? Bei den elementaren Erfahrungen des Menschseins? Richtig, zur Kunst: zu Musik, Bildern, Poesie. Sie ist unkontrollierbar, ohne Norm, man kann sie nicht berechnen oder zählen. Ein Mozart ist nicht gleich vier Händel oder so. Metallica ist nicht besser als AC/DC. Oder umgekehrt. Somit gab es immer Zensur der Kunst durch die Mächtigen. Sie macht ihnen Angst. Daher ist sie in solchen Zeiten noch subversiver und wichtiger als eh schon.
Time For Metal / Juergen S.
Viele Menschen fühlen sich angesichts von Klimakrise und Artensterben ohnmächtig. Kann Kunst Hoffnung geben, oder sollte sie eher aufrütteln?
Timo Wuerz
Kunst kann all das und mehr. Oft gleichzeitig. Ich glaube nicht, dass du deine Gefühle beim Hören deines Lieblingsalbums in schnöde Worte fassen kannst. Ich kann es jedenfalls nicht. Ich fühle vieles gleichzeitig. Und immer wieder etwas Neues. Wäre ich Poet, könnte ich es vielleicht.
Ich mag die Anekdote, als ein Maler einmal gefragt wurde, was sein Bild denn bedeute. Er sagte, könne er das in Worte fassen, hätte er einen Brief geschrieben und kein Bild gemalt.
Time For Metal / Juergen S.
Wie vermeidest du es, dass ökologische Botschaften im Comic belehrend wirken, ohne ihre Dringlichkeit zu verlieren?
Timo Wuerz
Eine Möglichkeit ist vermutlich, persönlich zu sein. Meine persönlichen Gefühle und Erfahrungen, mein Anliegen, in eine Geschichte zu verpacken. Auch mein Handeln und Scheitern. Niemand von uns ist ein Heiliger. Wir brauchen lauter engagierte, nicht perfekte Leute. Bei Comics entsteht durch die Kombination von Wort und Bild Etwas, das über die einzelnen Elemente hinausgeht.
Time For Metal / Juergen S.
Wir leben in einer Zeit permanenter Krisennarrative. Wie verhindert man als Künstler, selbst Teil der Reizüberflutung zu werden?
Timo Wuerz
Ruhe. Zumindest gelegentlich. Viele Studien zeigen, dass man sogar besser informiert ist, wenn man nicht nanosekundlich Newsfragmente verfolgt, weil die schnellen und immer schneller werdenden Medien und Plattformen es können und somit auch von uns fordern. Diese kontrollierte Abstinenz hilft dabei, größere Bögen und Entwicklungen der Geschichte besser zu sehen und Kontexte zu begreifen, ohne sich in gestückelten Details zu verlieren.
Kaum war das Ergebnis der US-Wahl 2024 bekannt, beschloss ich, keine Nachrichten mehr aktiv zu verfolgen. Ja, auch aus ästhetischen Gründen: Ich wollte diesen designierten und bald darauf sich tatsächlich wieder im Amt befindlichen Präsidenten nicht zu Hause auf meinem Bildschirm sehen müssen. Oder all die anderen konservativen, rechten und faschistischen alten Herren, ob international oder national.
Das ist nun über ein Jahr her und was ist bislang mein Fazit? Zum einen, dass es beeindruckend ist, wie viel ich doch vom Weltgeschehen mitbekomme, selbst wenn ich mich nicht darum bemühe. Oft genügt ein kurzer Blick auf eine Schlagzeile, um im Bilde zu sein. Oft weiß ich nicht einmal, woher ich plötzlich eine Neuigkeit weiß.
Die andere Erkenntnis aus meiner Nachrichtenabstinenz ist, wie viel besser es mir damit geht, nicht jedes Rülpsen, Brüllen und Zetern von Köpfen, Expert*innen und Kommentator*innen ertragen zu müssen. Ich lese weiterhin viele Bücher und internationale Magazine zu politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen. Eben längere und lange Texte, die mehr Kontext vermitteln, als es Soundbites und Clickbait-Überschriften können. Das ist selektiver bei Themen, die mich interessieren und über die ich mich mit offenem Geist und aus ordentlichen Quellen informieren möchte. Dies tue ich konzentriert und zu ausgewählten Zeiten.
Dass wir uns da richtig verstehen: Dass ich nicht mehr aktiv Nachrichten verfolge, heißt nicht, dass ich untätig und nicht mehr engagiert bin. Im Gegenteil! Ich bin es mit weniger Ablenkung.
Time For Metal / Juergen S.
Wenn Kunst ein Frühwarnsystem der Gesellschaft wäre: Welche Signale sendet deine Arbeit derzeit?
Timo Wuerz
Wir ham’s versaut. Und ein paar sehr Laute und Mächtige versauen es weiterhin. Aber für das, was noch da ist, lohnt es sich zu streiten. Für die Menschlichkeit, die Kultur, die Schönheit, diese wunderbaren Geschöpfe, mit denen wir den Planeten teilen, für Musik und das Gemeinschaftsgefühl bei Konzerten. Und das Ohrensausen danach.

Time For Metal / Juergen S.
Kunst kann Bewusstsein schaffen, aber selten direkt Veränderung erzwingen. Reicht dir das – oder frustriert dich diese Begrenzung?
Timo Wuerz
Um es mit Steven Tyler zu sagen: Alles, was sich lohnt zu tun, lohnt sich auch zu übertreiben! Erzwingen will ich gar nichts. Ich will auch niemanden überreden. Das geht gar nicht. Ich tue, was ich kann, mit dem, was ich habe, wo ich bin. Ich bin zu alt für ein großes Ego oder Statussymbole. Ich habe zusammen mit McLaren, Porsche, Bugatti, Lamborghini und unzähligen anderen Unternehmen an Projekten gearbeitet. Das sollte an Statussymbolen reichen, haha! Mein Einsatz für unsere natürliche Heimat ist viel wichtiger.
Time For Metal / Juergen S.
Was macht dir heute mehr Angst: dass sich nichts verändert – oder dass sich alles zu spät verändert?
Timo Wuerz
Es ist schon lange zu spät. Selbst wenn wir heute Nachmittag kriegsfrei, vegan und wirtschaftlich CO₂‑neutral sind, wird sich das Klima jahrhundertelang nicht stabilisieren oder in den hübsch gemäßigten, menschenfreundlicheren Vorher-Zustand vor der Industrialisierung zurückkehren.
Von einem Geologen hörte ich einmal, dass es ihn tröste, in langen geologischen Zeitspannen zu denken. Die Welt hat schon Schlimmeres gesehen als jetzt. Jedoch haben wir Menschen und die anderen Geschöpfe, die mit uns hier und jetzt leben, noch nichts Schlimmeres erlebt.
Auch hier: All das heißt nicht, man solle oder könne kapitulieren. Jedes Zehntelgrad weniger Erwärmung, jedes gerettete Leben, jedes nette Wort zählen.
Time For Metal / Juergen S.
Deine Bildsprache ist oft intensiv, roh und emotional. Ist das eine bewusste Strategie, um Reaktionen zu provozieren? Welche Rolle spielen Wut oder Frustration in deinem kreativen Prozess?
Timo Wuerz
Das ist meine Natur. Diese Art von Bildern ist meine Ausdrucksweise. Ich kann nicht anders. Hey, ich hörte mit zehn Jahren zum ersten Mal Black Flag, Dead Kennedys und Iron Maiden. Natürlich hatte ich keine Ahnung, was das ist, aber ich wusste: Das ist es!
So finster und intensiv meine Bilder auch oft sind: Ich selbst gehöre zu diesen unerträglichen Menschen, die 95 % des Tages blendende Laune haben. Ich male die übelsten Horrorfilmcover mit sonnigstem Gemüt.
Time For Metal / Juergen S.
Comics werden oft noch unterschätzt, obwohl sie komplexe Themen transportieren können. Was kann das Medium Comic erzählen, was andere Kunstformen nicht leisten?
Timo Wuerz
Die Kombination von Text und sequentiellen Bildern mag ich sehr. Comics waren ein prima Medium, als ich als Kind in der süddeutschen Provinz saß, Zeichentalent hatte, Geschichten erzählen wollte und viel zu wenige war, um Filme zu drehen. Zudem sind Comics an sich leicht zugänglich und niederschwellig: Man blättert rein und ist schon mittendrin in der Welt, ob bei den Peanuts, Batman oder meinen Sachen.
Time For Metal / Juergen S.
Da Time For Metal ein Metalmagazin ist, möchte ich an dieser Stelle auch noch deine enge Verbindung zur Metalmusik ansprechen. Was verbindet für dich Metal und Comickunst auf einer tieferen Ebene?
Timo Wuerz
Meine Bilder sind sehr von der Ästhetik dieser Subkultur geprägt. Auch mein Blick auf gesellschaftliche, politische und ökologische Themen ist durch Metal oder auch Punk sehr beeinflusst. Und der beeinflusst die Inhalte und Haltungen meiner Bilder, Comics und Bücher. Selbst wenn ich metaluntypisch kein Bier mag.
Time For Metal / Juergen S.
Gibt es Bands, Sounds oder bestimmte musikalische Atmosphären, die direkt Einfluss auf deine visuellen Entscheidungen haben? Metal arbeitet stark mit Dunkelheit, Endzeitmotiven und Intensität. Findest du darin eine ähnliche emotionale Sprache wie im Comic?
Timo Wuerz
In meinen Bildbänden, wie etwa meinem Buch Give A Fuck!, findet man Gastbeiträge von befreundeten Musikern, deren Musik direkten Einfluss auf mich und mein Engagement hatte und immer noch hat. Deren Musik das Öl für mein inneres Feuer ist. Das Vorwort zu diesem besagten Buch schrieb Jethro Tulls Ian Anderson. Darüber hinaus sind Austin Lunn (Panopticon), Paul Shortino (Quiet Riot/Rough Cutt) und Doro vertreten, die Texte für das Buch schrieben.
Und mein Stil eignete sich praktischerweise prima für bislang Hunderte Cover von Metalalben. Die Beeinflussung ist also beidseitig.
Time For Metal / Juergen S.
Metal wird häufig missverstanden – ähnlich wie Comics lange Zeit. Siehst du Parallelen in der kulturellen Wahrnehmung beider Ausdrucksformen?
Timo Wuerz
Das ist Fluch und Segen von Subkulturen. Spannende Kunst kommt immer aus der Peripherie und von den Rändern, nie aus der Mitte, von Angepassten, Reichen und Mächtigen. Ich entstamme aus einer Zeit, in der Tattoos kein Zeichen von Mode waren, sondern von Abgrenzung. So sozial und nett und freundlich ich bin: Die Tattoos verstehe ich schon als „Ich unterscheide mich von euch und vielen eurer Gewohnheiten und Werte.“ Als Handtattoos noch Jobkiller hießen, haha!

Time For Metal / Juergen S.
Welche Bands haben die besten Chancen, dass du ein Cover für sie gestaltest? Was muss eine Band mitbringen, damit sie dich für ein Artwork wirklich begeistert? Du arbeitest ja häufig auch mit Underground-Bands zusammen – haben solche Projekte bei dir grundsätzlich die größten Chancen? Konntest du auch schon Bands für dein Engagement für Meeres- und Artenschutz gewinnen?
Timo Wuerz
Die Musik zu mögen, hilft schon mal sehr. Wenn eine Band denkt, ich könne ihrer Musik ein passendes Äußeres verleihen, meldet sie sich hoffentlich. So kann ich der Musik, den Musikern und der Gemeinschaft, die mir seit meiner Kindheit so viel gegeben haben, etwas zurückgeben. Es gibt wenig, was ich lieber tue. Vielleicht muss ich doch noch ein Festival gründen, das Arten-/Meeresschutz, Kunst und Metal zusammenbringt. Wurde mir bereits vorgeschlagen. Mal schauen. Die Möglichkeiten sind endlos.
Time For Metal / Juergen S.
Wie alle meine Interviewpartner hast du nun zum Abschluss die Möglichkeit, noch Themen anzusprechen, die im bisherigen Gespräch vielleicht zu kurz gekommen sind, oder gerne auch Grüße und persönliche Worte loszuwerden. Ich bedanke mich herzlich für deine Zeit und dafür, dass du dir die Mühe für dieses Interview genommen hast. Ich hoffe, dich Anfang Mai beim A Chance For Metal Festival in Ochtendung wiederzusehen!
Timo Wuerz
Vielen Dank für die guten Fragen!
So traditionell, traditionsbewusst und oft rückbezüglich Metal auch oft ist, sind seine Stärken für mich seine Vielfalt, Toleranz und die Gemeinschaft. Ich war schon sehr viel auf der Welt unterwegs. Überall findet man neue Freunde, trägt man ein entsprechendes Shirt. Man hat sofort etwas gemeinsam, das oft mehr zählt als die Unterschiede.
Meine Mutter denkt immer noch, es wäre eine Phase.



