Metal Around The World – Taiwan

Von verbotene Geschichten, einem singenden Parlamentsmitglied und einem Großevent während Corona

Horns up und Durchzählen! Alle an Bord? Den heutigen Reisestopp sollte wirklich keiner verpassen.

Auf unserem Metalwelttourplan steht heute Taiwan. Der kleine Inselstaat 180 km östlich von China hat touristisch einiges zu bieten. Moderne Städte und den weltweit bekannten Wolkenkratzer Taipeh 101, der ganze 509 m Höhe misst, findet man neben traditionellen chinesischen Tempeln oder Gebäuden. Entspannende Thermalquellorte, eingerahmt in dramatische Gebirgslandschaften laden zu einer Auszeit fern von Hektik und Geschäftigkeit ein. In der Hauptstadt Taipeh vibriert dagegen das Leben auf den bunten Nachtmärkten. Kulturell interessierte Besucher begeistert das Palastmuseum mit Werken aus der Kaiserzeit.

Chthonic – Megaport 2021

Unsere Maschine landet virtuell auf dem Taiwan Taoyuan International Airport. Bei bestem Wetter werden wir in Taipeh in Empfang genommen. Taiwan und Metal? Das ist schon seit einer Weile nichts Ungewöhnliches mehr. Das Prädikat „Made in Taiwan“ können sich einige Bands aus der metallischen Riege auf den Gitarrenkoffer kleben. Wir haben die wohl Bekannteste von ihnen besucht und uns mit Sänger Freddy von Chthonic unterhalten.

Als sich unsere Gastgeberband 1996 gegründet hat, war von einer belebten Metalszene im eigenen Land noch wenig zu spüren. So waren es doch die europäischen und amerikanischen Bands, die Einfluss auf Chthonics Stil hatten. Zum Glück hat sich das nun geändert und viele internationale Bands machen Halt in Taiwan, wenn sie auf Asientour gehen.

Chthonic sind sicher bereits einigen bekannt und bedürfen keiner ausführlichen Vorstellung. Bestens vertreten auf den großen Open Air Bühnen wie Ozzfest, Wacken Open Air oder Download, tourte die Band auch regelmäßig durch Europa und die Vereinigten Staaten. Seit 2016 ist es etwas ruhiger um die Extreme Metaller geworden. Denn Sänger Freddy wurde ins taiwanische Parlament und im letzten Jahr auch erneut gewählt.

Chthonic mischen traditionelle asiatische Instrumente wie die Erhu, eine zweisaitige Röhrenspießlaute, oder eine mit 13 Saiten bespannte Wölbbrettzither namens Koto mit extremem Metal. Zum Rezept gehören außerdem allerhand Mythen, Legenden und Sagen aus Taiwan. Warum man sich genau für diese Kombi entschieden hat, erklärt uns Freddy selbst: „Für mich ist Metal ein Genre, bei dem ich meinen Ärger zum Ausdruck bringen und Druck rauslassen kann. Die Erhu, Koto und all die traditionellen Melodien bringen wiederum andere Emotionen zutage. Sie zeigen meine Inspiration und das Konzept hinter meiner Musik. Beides zu kombinieren lässt meine Arbeit komplett und rund werden.“ Außerdem passen beiden Instrumente – Erhu, die Taiwanesen nennen sie Hianna, und die Koto – zu Schwere und Traurigkeit und genau das ist oft bei Chthonic Songs das Konzept.

Auch die Wahl der Texte aus den historischen Geschichten hat eine interessante Bewandtnis im Schaffen der taiwanischen Metalheads. Die meisten Songs handeln von Legenden und Mythen. Von der modernen Geschichte während der japanischen Kolonialzeit am Ende des 19. Jahrhunderts und der autoritären Ära nach dem Zweiten Weltkrieg berichten Chthonic aber ebenso. Vor allem diese Geschichten waren zeitweise sogar verboten und so entwickelten einige Künstler in Taiwan eine besondere Motivation, diese Geschichten wieder ans Tageslicht zu bringen.

Trotz gut gefülltem politischen Terminkalender blieb in diesem Jahr doch Zeit für eine besondere Gelegenheit. Mit dem Megaport Festival stieg im März das wohl einzige Festival auf großer Bühne des Jahres. 95.000 Besucher feierten ihre Metalhelden unter freiem Himmel. Da Taiwan die Pandemie Mitte des letzten Jahres bekämpft hat, konnte das soziale und normale Leben wieder nahezu hergestellt werden. Natürlich müssen dennoch gewisse Hygienevorschriften eingehalten werden. Dies tat der Atmosphäre jedoch keinen Abbruch und so waren alle Beteiligten, Künstler, Veranstalter und Besucher gleichermaßen aufgeregt und glücklich, sich wieder zu verbinden und gemeinsam Musik hören zu können. Chthonic waren natürlich mit von der Partie und haben vor einigen Tagen den Liveauftritt beim Megaport 2021 in ein Livealbum gepackt (Review hier).

Das lässt uns doch hoffen! Mit diesen sehnsüchtigen und doch hoffnungsvollen Gefühlen verabschieden wir uns nun von Freddy, Chthonic und Taiwan.

Mit einem letzten Blick über die Insel steigen wir in unseren Time For Metal Jet und düsen weiter zur nächsten Station. Wo uns diese wohl hinführen wird?

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