Eventname: Peel It Back Tour
Headliner: Nine Inch Nails
Special Guest: Boys Noize
Ort: Accor Arena, Paris, Frankreich
Datum: 07.07.2025
Ticketpreis: 67,50 € – 122,50 €
Genre: Industrial Rock, Electro Rock, House, Techno
Besuchende: ca. 20.000
Veranstaltung von: Live Nation
Link: Accor Arena
Setlist Nine Inch Nails:
Teil 1: B-Stage
- Right Where It Belongs (Piano-Version)
- Ruiner (teilweise als Akustik-Version)
- Piggy (Nothing Can Stop Me Now)
Teil 2: Hauptbühne
- Wish
- March Of The Pigs
- Reptile
- The Lovers
- Copy Of A
- Gave Up
Teil 3: B-Stage
- Vessel (Techno Remix feat. Boys Noize)
- The Warning (Techno Remix feat. Boys Noize)
- Sin (Techno Remix feat. Boys Noize)
- Came Back Haunted (Techno Remix feat. Boys Noize)
Teil 4: Hauptbühne
- 1,000,000
- Heresy
- Closer
- The Perfect Drug
- Burn
- Head Like A Hole
- Hurt
Diese Band braucht keine (allzu konkrete) Ankündigung eines Studio-Albums, um die Massen in Bewegung zu versetzen: Nine Inch Nails haben offenbar wieder Bock auf Musik abseits von Filmsoundtracks und rufen zur Tour.
Entsprechend geht es am Einlass der Accor Arena zu wie am Flughafen zur Ferienzeit. Nach zwei Sicherheitskontrollen schlendere ich drinnen an den zahlreichen Merch-Boutiquen vorbei, die mir leider wie immer keine Hoffnung machen, etwas in meiner Größe zu finden („Unisex“ my ass…). Stattdessen hol‘ ich mir schnell ein Bier und eine überteuerte Pommes und mache mich auf den Weg zu meinem Platz auf dem allerobersten Balkon, über den ich nicht meckern möchte (geschenkter Gaul und so). Ich freu‘ mich enorm auf gleich!
Der Ausblick auf das Menschenmeer ist außerdem mehr als ansehnlich. Man kann die „Goldzone“ vor der Hauptbühne nicht mehr von den (nicht sehr viel) billigeren hinteren Stehplätzen unterscheiden, so voll ist es. In der Mitte der Menge ragt ein ominöser schwarzer Block wie eine Insel empor – yeeees, das wird gut!
Ambient-Musik tönt durch die rot erleuchtete Halle, in der mehr Altersgruppen zusammenkommen als auf jedem Familienfest, wobei es angesichts der Vielfalt definitiv einträchtiger zugeht: Ex-Emos, neue Emos, Typen in Baseball-Caps, ich sehe einen weiblichen Fan in einem Hingucker an Punk-Goth- Outfit plus Corpse Paint, und so viele Menschen in T-Shirts des Headliners wie man nur auf Konzerten von Bands dieses Kalibers zu sehen bekommt – die Liebe ist da, die Erwartungen sind groß!
Zu sehen an den Reaktionen auf den Special Guest:
Boys Noize hämmert basslastige Industrial-EDM von einer dritten Bühne am anderen Ende der Arena. Hände in der Luft tanzen die Musik nach und auch der eine oder andere Metaller bekundet mit im Takt fuchtelnden Fäusten seine Zustimmung. Viele Leute unterhalten sich weiter, aber viele reißt der Groove im Roboterhaften ultra mit – zu letzteren gehöre ich!
Ich sitze auf Konzerten nie, komme mir aber nicht nur deswegen auf meinem Klappsitz extra lächerlich vor – bei House-Musik ist freiwilliges Hockenbleiben einfach manierenlos!
Ermuntert von ein paar Leuten im Nachbarblock befreie ich mich vom Gruppenzwang in meinem, tue ich es ihnen gleich und stehe auf – die Bleeps und das Wummern fordern meine physische Interpretation! Den etwas älteren Typen hinter mir stört es nicht, offenbar muss der noch etwas auf die Erfüllung seiner Erwartungen warten; bis dahin lässt er diesen Teil des Abends mit verschränkten Armen über sich ergehen. Wenn er wüsste, was da noch kommt …
Ansonsten habe ich eher den Eindruck, dass gerade die eingefleischten NIN-Fans gut abgehen. Boys Noize strecken sich Hände entgegen, von der weit entfernten ersten Reihe der Hauptbühne am anderen Ende winken Fans in jedem Rhythmus, den er vorgibt. Mein erstes von vielen Komplimenten an die Szenografie: Umgeben von die Plattform begrenzenden roten Lichtstrahlen, Rauch und den Bildschirmen des FOH steht der DJ wie in einer Festung. Boys Noize regelt die Stimmung am Pult auf ein solides Hoch, und obwohl die Arena nicht überkocht, sind die Leute beim letzten Beat ideal warmgelaufen.
Keine Zeit zum Verschnaufen
Abgekühlt wird nicht, denn die VIPs des Abends übernehmen direkt: Hinter den Abdeckungen der zentralen B-Stage erklingt das einsame Piano von Right Where It Belongs. Erste Jubler zerreißen die Spannung noch lange nicht. Erst mit dem Fall der Vorhänge überschütten die Menschen Trent Reznor mit dem Applaus, den sie in den langen Jahren der ausgehaltenen Tournee-Abstinenz zurückhalten mussten. Ich habe jetzt schon meinen ersten Kinnzitterer des Abends, denn die Lyrics des Songs besingen die absurden Dissonanzen der aktuellen Weltlage viel zu präzise für mein Gemüt.
Mit Ruiner kommen weitere Bandmitglieder auf die Bühne und damit sind wir dann endgültig auf der Party angekommen: Auf und ab springende Menschen entladen sich und frenetischer Applaus bestätigt die offensichtliche Topform der Band.
Bei Piggy hören wir zum ersten Mal so richtig, wie sehr die Band für die 2025er-Liveversionen der Songs an den Reglern gedreht hat: Im Techno-Beat nimmt der Titel den Vibe des vorangegangenen genauso mit wie die Menge, die das kratzige Gitarrensolo ebenso enthusiastisch begrüßt wie Reznor am Bühnenrand.
Wer die Titel nur in ihrer Album-Version kennt, erlebt heute einige Überraschungen!
Plötzlich stoppt der Song und wir sehen auf der Leinwand Ilan Rubin in ein Drumsolo explodieren, bei dem es wohl um Leben und Tod gehen muss!
Gnadenlos drischt er in Wish hinein und auf der Hauptbühne wiedervereint rasen Nine Inch Nails mit uns in ein anderes Raum-Zeit-Gefüge, wo March Of The Pigs für Schnappatmung und wunderschöne Moshpitszenen sorgt.
Das Zusammenspiel von Bühnen-, Bild- und Lichtdesign ist so überragend, dass ich meinen Balkonthron inzwischen mehr als liebgewonnen habe. Zeitversetzt duplizierte Schwarzweiß-Projektionen der Performance schaffen eine futuristische Choreografie jeder von Reznors Bewegungen, durch flitzende Bodenbeleuchtung und Stroboskope hindurch fängt der geschäftige Kameramann jedes Detail an Mimik ein und die Bildnegative könnten exakt so in einer Fotoausstellung hängen.
Mit Reptile scheint die Apokalypse loszubrechen, so dunkel und gewaltig kommt sein sturer Takt live rüber. So gnadenlos schneidet das Licht durch die Halle und den durchsichtigen Leinwandstoff vor der Nase der Musiker, dass ich mich frage, wie professionell man bitte sein muss, um sich davon keine Sekunde lang aus dem Konzept bringen zu lassen. Eingehüllt in die riesige Animation eines schmelzenden Sterns kreiert die Band mit ächzenden Gitarren einen Moment der Gänsehaut, Ehrfurcht und des Verlangens nach meinem Bier, das ich glatt unter meinem Sitz vergessen habe. Während des verträumten The Lovers nutze ich dann doch drei Minuten meinen Sitz, lehne mich zurück und vibe etwas introvertierter mit den Leuten um mich herum.
Für diese Tour geht man mit einer Menge Songs aus dem vielgeliebten The Downward Spiral back to the roots, was Fans erster Stunde freuen dürfte! Aber auch sonst hat man aus der langen Karriere jene Titel in die Setlist konzentriert, die stilistisch am meisten elektrisieren: Copy Of A und Gave Up sind ohnehin Techno-Tracks, denen man den Rock angezogen hat und so ist der Noise auch live verrotzt und der Beat eine Peitsche.
Als die Band sich aber wieder auf die B-Stage in der Mitte der Menge begibt, geht‘s noch mal ganz anders los, denn Boys Noize wird für die nächsten vier Songs Bandmitglied und die Arena endgültig zum Nachtclub.
Während Vessel und The Warning schraubt sich aber nicht nur der DJ die Finger wund, auch Reznors Laborexperimente loopen ordentlich durch die Anlagen. Blaue Laser und giftgrünes Flimmern schließen uns in dieser Blackbox ein. Den Ton von Sin hat die Gruppe um einiges ver-sexy-t, was mir mega gefällt. Came Back Haunted ist auf der Techno-Bühne definitiv das Highlight, wobei die Fans darüber ihre Wurzeln nicht vergessen haben, wie der Circle Pit versichert.
Trockene Kehlen, aber kein trockenes Auge
Boys Noize lässt Song und Menge sich auspowern, während die Band ein letztes Mal zur Hauptbühne marschiert, um mit dem surrenden 1,000,000 die Temperatur auf dieselbe Zahl zu pushen.
Einer der Songs, der die Menge unisono zusammenbringt, ist Heresy. Es gibt wenige, die sich vom Refrain „God is dead!“ nicht zum Fingerzeig gen Himmel inspiriert fühlen und unter dem blutroten Licht kommen wir der Hölle in Sachen Hitze sehr nahe. Jene des Publikumslieblings Closer ist von einer anderen Art, und es hätte mich gewundert, wenn sie den nicht gespielt hätten. Eine ganze Arena brüllen zu hören „I wanna fuck you like an animal“ ist mit das Lustigste, was ich heute erlebt habe!
Ausgerechnet während The Perfect Drug geht mir meine aus, denn mein Bier ist leer. Mir ist warm, ich will tanzen, kurzer Blick hinter mich, fast keiner da – entweder ist der Typ von vorhin heimgegangen oder hat sich wie so viele einen besseren Platz gesucht. Von denen, die dasitzen wie zu Hause auf dem Sofa, störe ich Sicht-technisch jedenfalls niemanden. Rubins Drumsolo vermischt mit Electro-Beats treibt den Abend auf einen weiteren Höhepunkt und die Menge rastet aus.
In der einzigen Ansage des Abends stellt Reznor mit ein paar wohl adrenalinbedingten Ausspracheschwierigkeiten kurz die Band inklusive „best drummer in the world“ vor, dankt und versichert uns: „We don’t take this for granted!“
Bei Burn schwingen Hüften und rempeln Schultern aneinander. Der Publikumschor gibt bei Head Like A Hole alles, er weiß nicht, dass er noch mal ran muss, oder vielmehr will.
Denn als Abschluss bricht Hurt das Herz aller, die heute anwesend sind. Ausgelaugte Kehlen, die noch nicht völlig zugeschnürt sind, singen jedes Wort. Ich gebe auf, höre zu und bin auf sehr kitschige Weise dankbar für diesen Moment.
Der Applaus ist angemessen ohrenbetäubend.
Ein Konzert von Nine Inch Nails gehört auf die Bucket List einer jeden musikbegeisterten Person. Und einmal abgehakt, kann man es eigentlich gleich wieder oben draufsetzen!



