Notschrei – Aus Dem Nichts (EP)

Leise geht definitiv anders!

Artist: Notschrei

Herkunft: Freiburg im Breisgau, Deutschland

Album: Aus Dem Nichts (EP)

Spiellänge: 15:12 Minuten

Genre: Postcore

Release: 10.07.2020

Label: Eigenproduktion

Link: https://www.notschrei.band

Bandmitglieder:

Gesang – Markus Fürderer
Gitarre – Gilang Agitama
Gitarre – Daniel Witzke
Bass – Klaus Kirschbaum
Schlagzeug – Tilman Collmer

Tracklist:

01. Aus Dem Nichts
02. Dunkle Tage
03. Lass Los
04. Was Bleibt

Zunächst etwas Homeschooling, schließlich befinden wir uns auch nach mittlerweile einem Jahr noch immer im Corona-Lockdown. Südbadener kennen ihn definitiv, Schwarzwaldurlauber und Wintersport-Touristen wahrscheinlich auch, den Notschrei. Der Notschrei ist ein 1120,1 m ü. NN liegender Gebirgspass im südlichen Black Forest zwischen Oberried im Dreisamtal bei Freiburg im Breisgau im Norden und Todtnau im oberen Wiesental im Süden, nur wenige Kilometer westlich des Feldbergs, des höchsten Berges in Baden-Württemberg und dem höchsten Berg Deutschlands außerhalb der Alpen. Der Notschrei ist im Sommer ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderfreunde und im Winter für Ski- und Rodelfans. Auch wurde der Notschrei bei der Tour De France 1971 befahren und war Teil der Etappe von Basel nach Freiburg. Doch genug mit Erdkunde und Sport, kommen wir stattdessen zum Fach Musik.

Photo @ Martin Ziaja

Notschrei nennt sich seit 2018 auch eine noch junge, hart rockende Band aus Freiburg im Breisgau, die sich selbst dem Postcore zuordnet und aus Markus Fürderer (Vocals), Gilang Agitama (Guitar), Daniel Witzke (Guitar), Klaus Kirschbaum (Bass) und Tilman Collmer (Drums) besteht. Wenn ich schreibe, noch junge Band, dann ist das auf die Bandgründung bezogen, denn die Musiker sind teilweise alte Hasen in der Freiburger Szene. So kennt man Frontmann Markus Fürderer von der deutschsprachigen Freiburger Groove Metal Band Dekadenz, Gitarrist Gilang Agitama als Musiklehrer der Musikschule Nördlicher Breisgau, Bassist Klaus Kirschbaum von der Freiburger Groove/Thrash Metal Band Code Red Organisation und Schlagwerker Tilman Collmer ebenfalls von Code Red Organisation sowie der Freiburger Death/Thrash/Groove Metal Band Proke und der Freiburger Instrumental Rockband Exil46, mit der Collmer völlig andere Wege geht, denn hier treffen zwei Streicher auf schwere Drums und Percussion, was aber nicht weiter verwunderlich ist, denn der Schlagzeuger ist zudem Mitglied des Philharmonischen Orchesters Freiburg. Über Proke haben wir hier von der Rohes Fest-Metal Night 2018 berichtet und auch über die für Time For Metal eher untypischen Band Exil46 berichteten wir hier vom Freiburg Stimmt Ein Festival 2018. Ob der Postcore-Fünfer sich nun tatsächlich nach dem Gebirgspass Notschrei benannt hat, ist derzeit nicht bekannt, aber wahrscheinlicher ist, dass sich der Bandname auf die Texte bezieht, die sich mit sozialen Missständen und menschlichen Abgründen beschäftigen.

Zum Optischen: Das Coverartwork von Aus Dem Nichts, welches übrigens von Sylvain/razorimages (https://www.instagram.com/razorimages) stammt, zeigt ein Foto von einem Bergwald im Nebel, was dann doch wieder auf den Gebirgspass Notschrei schließen lässt, wobei das Foto wahrscheinlich irgendwo in den Vogesen aufgenommen wurde, da der Künstler auf seinem Instagram-Account fast nur Fotos aus dem französischen Elsass präsentiert. Dass das Foto in grellem Rot gehalten ist, passt dann wieder gut zum Bandnamen und den sozialkritischen Texten. Das Rot passt also gut, wie das ansonsten aber ruhige und idyllische Black … äh, Red Forest/(Vogesen)-Foto zum brachialen Postcore-Inhalt passen soll, das können wohl nur Coverkünstler Sylvain und die Band selbst erklären. Doch das nur am Rande, schließlich soll es hier ja um den Krach gehen.

Bei Aus Dem Nichts handelt es sich um die Debüt-EP der Freiburger Combo, die Anfang 2020 bei Christoph Brandes in den Iguana Studios aufgenommen, gemixt und gemastert und bereits im Juli 2020 in Eigenregie aufs hart rockende Freiburger Volk losgelassen wurde. Die EP bietet vier deutschsprachige Songs mit einer Gesamtspielzeit von knapp über 15 Minuten, wobei, um es vorwegzunehmen, das Genre Postcore nur bedingt unterschrieben werden kann.

Auch wenn die Band Notschrei und die Debüt-EP nun bestimmt für viele aus dem Nichts kommen, so ist auch der Titel Aus Dem Nichts nur bedingt zu unterschreiben, denn die Jungs kommen aus dem Freiburger Underground und sind, wie bereits erwähnt, keine ganz Unbekannten in der Freiburger Hartwurst-Szene. Spätestens seit ihrem Auftritt auf dem Non-Profit-Freiluft-Mitmach-Festival Freiburg Stimmt Ein im letzten Jahr weiß auch der letzte Interessierte von deren Existenz, auch wenn die Ausgabe 2020 Corona-bedingt nur unter erschwerten Maßnahmen durchgeführt werden konnte.

Der Bandname/Songtitel (Notschrei/Aus Dem Nichts) ist jedoch Programm, denn der Einstieg gelingt mit dem Schrei aus dem Nichts und äußerst knackigen, melodischen Gitarren. Es ist ein brachialer Song, der geprägt ist von prägnanten Riffs und einem melancholischen Gesang, der wütend herausgebrüllt wird. Jeder kennt das Problem, irgendwann steht man wie aus dem Nichts vor einer dichten, undurchdringlichen Nebelwand und sieht zunächst keinen Ausweg mehr …, „Was ist passiert, wo geht es hin? Sag mir die Antwort, bleib nicht still. Meine Nebelwand versperrt mir die Sicht. Wie lange noch, bis die Sonne sie durchbricht?“ Doch die Antwort muss ein jeder für sich allein finden und dann lichtet sich auch irgendwann die Nebelwand und man kann wieder positiv in die Zukunft blicken. So soll der Song auch Mut machen, denn meist kann die Nebelwand nicht so dicht sein, dass du nicht wieder auf die Beine kommst. Die Nummer ist der härteste Track auf der EP und passt auch gut in die Corona-Pandemie, in der aktuell viele vor der Nebelwand stehen und nicht wissen, wie es weitergehen soll, doch irgendwann wird auch diese verfickte Sch….. vorbei gehen. Ob man das Baby nun Postcore nennt, oder aufgrund der klaren Vocals als deutschsprachigen Alternative Metal/Rock bezeichnet, sei nun jedem selbst überlassen.

Dunkle Tage fällt dann unter die Kategorie Verarscht, denn die ersten 40 Sekunden könnten glatt einem weichgespülten Metalballads-Sampler entsprungen sein, bevor die Nummer dann in eine ganz ähnliche Kerbe schlägt wie zuvor schon der Titelsong. „Tagein, Tagaus, ich dreh mich im Kreis …, die Wände sind weiß, mein Kopf ist leer …, warum, weshalb, ich kann`s nicht verstehen …, ich bin unsichtbar!“ Ein Ritt aus wilden Shouts, melancholischem Text und einem sehr melodiösen Refrain, der sich durchaus in den Gehirnwindungen festsetzt. Hier kommen einige für den Postcore-typische Komponenten zum Einsatz und wie schon der erste Track passt sich auch Dunkle Tage perfekt in die Einsamkeit und Finsternis von Corona-Pandemie, Quarantäne und Abstandsregeln ein.

Lass Los startet mit einem 30 Sekunden langen wilden Gitarren/Schlagzeug-Duell, bevor dann der Gesang einsetzt, sofern man davon reden kann. Wilde Shouts wechseln sich mit Sprechgesang ab, bei dem leider einzelne Silben übermäßig betont und mit Effekten bearbeitet wurden. Loslassen ist ein Prinzip, das blitzartig zu mehr Wohlbefinden führen kann, egal, ob nun auf Güter oder Personen bezogen. Lass jeden Tag etwas los und es geht dir besser! „Schließ die Augen, lass los, von nun an schmerzlos …“, schreit Frontmann Markus, bevor wieder der übertriebene Sprechgesang einsetzt. Gingen Aus Dem Nichts und Dunkle Tage noch gut ins Ohr, müssen hier leider Abstriche gemacht werden.

Was Bleibt startet wieder etwas gediegener, mit tollen, melodischen Riffs, bevor dann wieder der genannte Sprechgesang einsetzt, der sich wiederum mit den wilden Shouts abwechselt. „Glaubt nicht dem, der am lautesten spricht …“, mit diesem Text passt die Nummer perfekt in die aktuelle Zeit, denn was bleibt, wenn wir alle blind hinterhertrotten, ohne jede Aussage zu hinterfragen. Ob hier der Kommunalpolitiker aus Markus spricht, man weiß es nicht. Egal, die Botschaft sollte sich ein jeder hinter die Ohren schreiben.

Notschrei – Aus Dem Nichts (EP)
Fazit
Notschrei legen mit der EP Aus Dem Nichts ein ordentliches Brett ab und versprechen damit noch viel für die Zukunft. Leise geht definitiv anders, abgesehen vom Intro zu Dunkle Tage und einigen wenigen Zwischenparts. Das größte Plus sehe ich hier in den Texten, die ausgereift und durchdacht sind. Persönlich gefallen wir die wütenden und brachialen Songs der ersten Hälfte am besten, während in der zweiten Hälfte aufgrund des Sprechgesangs Abstriche gemacht werden müssen. Zwar kommt dadurch etwas Abwechslung ins Spiel, jedoch ist es mir too much. Coole, teils core-lastige Riffs wechseln sich mit melancholischen und melodischen Parts ab, jedoch im Gegensatz zu vielen anderen Core-Bands sind der Gesang und auch die Shouts immer gut verständlich. Fans von Postcore und erst recht Fans von Alternative Metal/Rock mit brachialen deutschen Texten sollten hier ein Ohr riskieren. Ein Debüt, das Spaß macht und den Circle Pit explodieren lässt!

Anspieltipps: Dunkle Tage und Aus Dem Nichts
Andreas F.
7.5
Leser Bewertung3 Bewertungen
10
7.5
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