“Achtung – Wolf im Schafspelz”

Artist: Soen

Herkunft: Stockholm, Schweden

Album: Lykaia

Spiellänge: 49:22 Minuten

Genre: Progressive Rock, Experimental Rock, Rock

Release: 03.02.2017

Label: UDR Music

Link: http://soenmusic.com/

Bandmitglieder:

Gesang – Joel Ekelöf
Gitarre – Marcus Jidell
Schlagzeug, Percussion – Martin Lopez
Bassgitarre – Stefan Stenberg
Keyboards, Gitarre – Lars Åhlund

Tracklist:

  1. Sectarian
  2. Orison
  3. Lucidity
  4.  Opal
  5. Jinn
  6.  Sister
  7. Stray
  8. Paragon

Soen Lykaia

Mit Lykaia legen die schwedischen Soen nun nach einer zweieinhalbjährigen Wartezeit seit Tellurian ihren dritten Longplayer  vor. Man hat von Spinefarm Records indes zu UDR gewechselt, einem Label, das auch Künstler wie Alice Cooper, Danko Jones oder Motörhead beheimatet.

Medienwirksames Zugpferd der Band bleiben der Ex-Opeth und Ex-Amon Amarth-Drummer Martin Lopez sowie die Stimme Joel Ekelöfs, die auch das ungeübte Ohr an Tools Maynard Keenan denken lässt. Da diese Punkte schon hundertfach thematisiert wurden, schwenken wir doch lieber schnell zur Platte an sich.

Lykaia, ein Fest der griechischen Mythologie, bei dem es in geheimen primitiven Ritualen am Berg der Wölfe darum ging, dass die männlichen Erwachsenen über kannibalistische Handlungen eine Transformation zum Werwolf durchmachen können steht hier Namenspate. Klingt barbarisch und spannend zugleich. Doch wie überträgt sich dieses blutige und archaische Thema auf die Musik der fünf Schweden? Finden wir es in den kommenden acht Songs heraus. Moment, acht Songs? Ja, die Platte, die keine EP ist, kommt mit einer minimalen Song-Länge von 05:28 Min. (Sister) alles in allem auf die Gesamtspielzeit eines „echten“ Longplayers.

Sectarian, die erste Auskopplung vor Veröffentlichung der Platte, attackiert den Hörer direkt aus dem Hinterhalt wie ein hungriger Wolf. Keine Einleitung, keine Klangwände, keine Synthies, keine Percussions. Zack, unabdingbar im Fleisch festgebissen. Und direkt im Opener zeigen sich wieder einmal alle Qualitäten der Band: Epik, Aggressivität, technische Finesse, Melodieverliebtheit, Groove, Passion…

Das auftaktige Orison kommt mit treibendem triolischen Refrain und sehr schönem sphärischen 6/8-Outro, bei dem einem schonmal warm ums Herz werden kann.  Lucidity ist die Smooth Jazz-Nummer unter den Progrock-Songs. Joels mehrfach gedoppelte Stimme zieht sich bittersüß leidend durch die Strophe in die instrumentale Bridge, die im mehrstimmigen Refrain gipfelt. Hier schwingt wirklich ein bißchen Opeth mit, ohne der Band die Eigenständigkeit abzusprechen denn mehr auf ihre Historie zu verweisen. Opal kommt dann wieder direkter und aggressiver daher, mündet im flächigen Refrain, der sich in Sachen Epik nicht hinter dem Opener verstecken muss. Die Band spendiert dem Song noch ein entspanntes, durch Percussion untermaltes Outro, das sich durch seine angezerrte, enspannte Gitarrenmelodie auszeichnet.

Jinn ist vielleicht DER Song der Platte – und das Herzstück, nicht nur, weil er mittig platziert wurde, sondern weil er durch seinen stakkatohaften Strophenteil, die fast schon meditativen Basslinien und den weiten, breiten Refrain sowie den orientalisch anmutenden Zwischenteil, der sich im durch Geigeneffekte unterstützten Outro wiederholen soll einfach eine unfassbar vielfältige und dennoch stimmige Gesamtkomposition darstellt. Chapeau!

Sister, das kürzeste Stück der Platte, lebt von der beinahe alleinstehenden Basslinie in den Strophen sowie der unfassbar genialen rhythmischen Phrasierung innerhalb der Bridge, die einfach mal durch die gemeinsam interpretierten Anschläge von Gitarre, Bass und Bassdrum mitten reinhaut in die Kauleiste, bevor der Refrain beinahe entschuldigend unschuldig hinterherrutscht.

Stray kommt etwas schwer zugänglich daher, bevor Joels Gesang im Refrain dem Hörer dann wieder die Hand reicht und ihn mit auf eine Reise durch die Täler am Fuße des Bergs der Wölfe nimmt. Das Outro des Songs lässt einen gedanklich nach schwerem Aufstieg auf dem Gipfel des Berges stehen, die Arme in die Luft reckend, auf die Knie fallend. Hier brilliert Paragon, die letzte Nummer, als perfekte Überleitung und bringt dann wieder etwas Ruhe ins Geschehen. Wehmut, Schwermut schwingen zwischen den Zeilen und Melodiebögen mit. Die Gitarren sind mehr crunchy denn verzerrt, klingen rau und warm zugleich. Ein psychedelisches 70s-Solo mit Blues-Charakter durchbricht die entspannte Szene kurzzeitig und der Song endet schwer und schwermütig in einem Soen-typischen Groove-Part.

Sänger Joel sagt zum spirituell-analytischen Gedanken der Platte:

„There’s a lot of edges in religion which are fascinating. It contains darkness as well as light, and of course, those dark sides are intriguing. We come from perhaps the most atheistic country in the world, Sweden, and one thing I always found rather bizarre was how if you say you believe in God or Satan or any sort of higher power, you’re seen as a bit simple and a feeble-minded person.“

Den echten, organischen Klang der Platte hat man in den Hallen von Ghost Ward, StudioGröndal und Deep Well in Stockholm erzielen können. Die Platte wurde so analog wie möglich aufgenommen und gemischt, um ihr den natürlichen und warmen Klang zu verleihen, den die Band ihr zugestehen wollte. Was soll ich sagen, sie haben es geschafft. Neben den vielen Überproduktionen im progressiven Rock und Metal besticht Lykaia durch Authentizität und Charakter.

Zu folgenden Songs hat die Band offizielle Musikvideos veröffentlicht:

Opal

Lucidity

Soen - Lykaia
Fazit: Soen sind mit Lykaia der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz. Arrangiert man sich gerade mit unschuldigen und sanften, bluesartigen Klängen, streifen sie ihre Tarnung ab und attackieren den Hörer mit scharfen Riffs, treibenden Grooves und gefährlichen Rhythmus-Kombinationen. Die neue Platte ist großartiger Progressive Rock mit Charakter und Finesse und ein Muss für alle Fans von Opeth, Tool, Karnivool oder Porcupine Tree.

Anspieltipps: Orison, Jinn, Paragon
Sebastian S.9.5
9.5Gesamtwertung
Leserwertung: (1 Judge)
9.6

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