Aus Mercyful Fate werden King Diamond

Das Debüt "Fatal Portrait" wird 40 Jahre

Dänemark, Anfang der 80er Jahre. Eine Band namens Mercyful Fate veröffentlicht mit dem Debüt Melissa und Don’t Break The Oath zwei Alben, die auch als Proto-Black-Metal angesehen werden. Ein Kerl mit Corpse Paint im Gesicht sinniert über Horrorgeschichten und trällert okkulte Texte im Falsettgesang. Diese Ausrichtung passte aber nicht allen Bandmitgliedern, sodass sich Mercyful Fate 1985 auflösten. Aus den Überresten formt der Sänger King Diamond seine eigene Band. Im Vergleich zu Don’t Break The Oath sind neben King Diamond noch Michael Denner an der Gitarre und Timi Hansen am Bass auf Fatal Portrait aktiv. Dazu gesellen sich zwei Musiker, die sich in den vergangenen 40 Jahren mehr als nur einen Namen gemacht haben: Andy LaRocque und Mikkey Dee (später unter anderem Drummer bei Motörhead und den Scorpions).

King Diamond – Schlachthof, Wiesbaden – 2025

Roadrunner Records übernimmt die Veröffentlichung

Rune Hoyer produziert die Platte, die am 14. März 1986 über Roadrunner Records auf den Markt kommt. Die Produktion beginnt zunächst mit Floyd Konstantin an der Gitarre. Für den Bandchef funktioniert der Ansatz nicht. Andy LaRocque übernimmt in letzter Minute. Das führt zu einer Besonderheit. Fatal Portrait enthält keine Songwriting-Credits von LaRocque, der später zu einem bestimmenden Element im Universum des Diamantenkönigs wird. Kommerziell ist das Debüt erfolgreich. Allein in Nordamerika gehen circa 100.000 Exemplare über den Ladentisch. Der Titel des Albums stammt von Oscar Wilde und The Picture Of Dorian Gray. Wilde sieht das Gemälde in seinem Roman als das fatale Porträt an.

Wer heute auf die Tracklist des Debüts blickt, dürfte sofort über The Candle und Halloween stolpern. Die beiden Stücke gehören auch heute noch zum Standardrepertoire von King Diamond. Gerade der Auftakt The Candle liefert Theatralik und einen metallischen Ansatz, der aus Thrash und der NWoBHM komplett ausbricht. „Augen voller Schmerzen, meine kleine Königin, bist du ein Traum? Und in jeder Kerze, die ich brenne, sehe ich dasselbe Gesicht zurückkehren.“ Lyrisch bilden die ersten vier Tracks plus Haunted eine Art Kurzgeschichte. Das Gesicht flüstert ihm „Jonah“ zu. Mit einem alten Buch und einem Reim gelingt es dem King, den Geist von der Kerze zu befreien. Es ist Molly, ein kleines Mädchen. Sie erzählt, was ihr vor sieben Jahren widerfuhr. Ihre Mutter Mrs. Jane sperrte Molly auf den Dachboden, wo sie gerade einmal mit vier Jahren verstarb. Davor malte ihre Mutter ein Porträt von Molly und stellte es über den Kamin. Molly lässt das Porträt sprechen, damit Mrs. Jane von Mollys Schmerz erfährt. Mrs. Jane spricht daraufhin einen Reim und verbrennt das Porträt. Der jetzt freie Geist von Molly kehrt zurück und verfolgt Mrs. Jane, bis sie verrückt wird.

King Diamond – Schlachthof, Wiesbaden – 2025

Die Geschichte erklärt die beiden nachfolgenden Tracks Jonah und The Portrait, die auf The Candle fußen. Düster und für Mitte der 80er durchaus verstörend, aber trotzdem im klassischen Metal, agiert King Diamond. Bereits die A-Seite schlägt die Brücke in Richtung extremer metallischer Spielarten, ohne die bisherige Basis zu verlassen. The Portrait wirkt in Teilen wie ein Theaterstück oder eine Rockoper, die ihre besondere Stellung vor allem durch den Falsettgesang bekommt. Der Schlusspunkt der A-Seite nennt sich Dressed In White und liefert metallische Kost, die für King Diamond eher einfach zu konsumieren ist und weniger verschroben daherkommt.

King, wo willst du hin?

Die Frage schießt einem in den Kopf zum Start der B-Seite. Charon kommt chaotisch und unrund aus den Boxen. Überspitzt lassen sich beim überbetonten Bass und dem stampfenden Sound erste Industrial-Ideen ableiten. Wenn nur der Refrain dazu passen würde. Lurking In The Dark flippert anfänglich ähnlich unrund wie der Vorgänger, zwischendrin fängt sich die Nummer aber, um wenige Sekunden später erneut in ein Soundgewitter zu verfallen. Härte und Horror, um einen Härtegrad und einen Horroreffekt zu erzeugen? Das Thema ist mit dem zweiten hervorstechenden Song auf Fatal Portrait Geschichte. Halloween reißt die Richterskala steil nach oben, wobei Strophe und Refrain exzellent ineinandergreifen. Dass die Nummer auch heute noch auf der Setlist zu finden ist, überrascht nicht.

Was im weiteren Verlauf der Karriere zu einem Markenzeichen von King Diamond wird, ist beim Debüt noch nicht ganz ausgereift. Das Interlude Voices From The Past soll zu Haunted instrumental überleiten. Beim Genuss der insgesamt knapp fünf Minuten, macht Haunted mit seinem entrückten Refrain eine starke Figur. Nur das Interlude will überhaupt nicht dazu passen. The Lake setzt den Schlusspunkt und einen Fingerzeig in Richtung der Großtaten, die noch folgen sollen. Grusel und Horror, Theatralik und ausufernde Saitenarbeit, obendrauf das Organ von Kim Bendix Petersen, alias King Diamond.

King Diamond – Schlachthof, Wiesbaden – 2025

Fatal Portrait eingeklemmt zwischen zwei übergroßen Klassikern

Nach dem Mercyful-Fate-Klassiker Time Of The Oath als neue Band noch einen draufzupacken, gelingt King Diamond zunächst nicht. Er benötigt dazu das Debüt und den Nachfolger Abigail, um Konzept und grundsätzlichen Arbeitsansatz zu eruieren. Ein wichtiger Mosaikstein kommt für das Debüt erst zu spät zur Band. Andy LaRocque hebt auf den weiteren King-Diamond-Platten die Saitenarbeit klar und deutlich an. Trotzdem ist Fatal Portrait auch 40 Jahre nach der Veröffentlichung ein starkes Werk mit leichten Schwächen. Das King-Diamond-Debüt ist zwischen Time Of The Oath und Abigail regelrecht eingeklemmt und steht im Schatten zweier übergroßer Klassiker.