„Ein Wort: Gefühle!“

Eventname: Couleur Tour 2018

Headliner: Fjørt

Vorband: East

Ort: STROM
Lindwurmstraße 88, 80337 München

Datum: 25.01.2018

Kosten: 17,70 € VVK, ausverkauft!

Genre: Post-Hardcore

Besucher: ca. 200

Veranstalter: Propeller Music Event GmbH

Manche Bands gehören zu solchen Bands, die man am liebsten live sieht. Die man vielleicht nur live sieht, weil man sie eben auf der Platte gar nicht so schön oder cool oder berührend findet – oder eben nicht genug. So geht es mir bzw. ging es mir mit der deutschen Post-Hardcore Gruppe Fjørt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihren Zuhörern deutsche Texte in brachialer Härte um die Ohren zu schmeißen, die vor allem Gefühle sowie Wahrheiten zum Ausdruck bringen. Und warum manchmal Unwissenheit doch besser ist als pure Textkenntnis, zeigte der Konzertabend Ende Januar im Strom in München.

Denn vor Fjørt heißt es East. Und nein, man bewegt sich jetzt nicht in diese Himmelsrichtung, sondern unter diesen Namen tritt die Vorgruppe an diesem Abend auf. Eine Band, die noch gar nicht so lange in dem jetzigen Format existiert. Diese Tatsache wird angesprochen, wird aber leider auch etwas bemerkbar, da hier die Bühne eher zögerlich ausgefüllt wird und auch der Kontakt zum leicht skeptischen Publikum eher distanziert wirkt. Dabei haben East durchaus musikalisch etwas zu bieten. Etwas, das zu dem Indie/Hippen Publikum passt, wenn auch weit weniger zu Fjørt. Aber was machen dann all die Menschen hier? Eine Antwort liefern East nicht wirklich, denn nur teils scheint das Publikum hier zufrieden, wippt mit dem Kopf mit. Gesichter zeigen sich unbeeindruckt. East liefern soliden Sound, besitzen aber zu wenig Bühnenpräsenz oder Genrevertiefungen, um weiter im Gedächtnis zu bleiben.

Da der Konzertabend schon spät genug begann, setzt man hier auf nur einen Opener, womit nach East das ungeduldige Warten auf den Grund des Abends beginnt. Der Raum? Voll. Das Gerede? Groß. Ja, fast hat man ein wenig zu viel von diesem Club Feeling, bei dem jeder Zuschauer mit Getränk rumsteht und einen gemütlichen Chat hält. Wieso manche Menschen mit Getränken stören, zeigt sich später dann im Mosh Pit. Doch bevor es zu diesem kommt, betreten dann endlich Fjørt die Bühne im inzwischen ausverkauften Strom. Das Dreiergespann aus Aachen veröffentlichte letztes Jahr mit Couleur sein drittes Album und hat mit dieser Platte mal wieder bewiesen, dass man nicht englische Texte braucht, um berühren zu können. Ihre deutschen Texte, die sie meist schreien, sind ihr Markenzeichen, handeln sie doch von Politik, Gesellschaft, Weltgeschehen, mit nur einem Wort: Gefühlen!

Live transportiert sich das tausendmal besser als auf der Platte, weshalb Fjørt trotz meiner großen Freude an der Band und ihren Konzerten nur selten einen Platz auf meinen Playlisten finden. Eine Tatsache, welche live dann aber doch zum Vorteil wird, da die Wahrheit in den Texten so einen in fast jeder Zeile umhauen kann und man sich manchmal leicht übermannt in der Menge wiederfindet. Übermannt von Gefühlen und übermannt, was man da noch denken soll. Über einen selbst, aber auch über die Gesellschaft. Aber genau dieses Gefühl macht Fjørt live eben aus. Ein Gefühl, welches sie auf der Platte bzw. im Stream dann doch nie zu 100% verkörpern. Wer hier also bisher keinen Besuch abgestattet hatte aufgrund dieser Tatsache, sollte genau das dringend nachholen.

Fehlt es Fjørt an Fans? Nein, denn viele Termine waren bereits vor Beginn der Tour ausverkauft. Man bespielt zwar noch immer kleine Clubs, doch was wäre schon ein Fjørt für die breiten Massen? Und an dieser Stelle kommt wieder das anwesende Publikum ins Gedächtnis, welches eben nicht aus der typischen Post-Hardcore und gar aus irgendeiner „Core“ Ecke kommt und mit so vielem nichts anzufangen weiß. Während des Konzerts Zuhören, statt weiterzureden? Fehlanzeige. Mit den Getränken, den Handys und sonstigem Hab und Gut lieber nicht mitten im Pit stehen? Nun, vielleicht suchen hier einige Besucher auch Konfrontation, aber die Reaktionen, auf die um sich schwirrenden Menschen sind dann eben doch von Überraschung und Entsetzen geschmückt. Es scheint fast so, als sei Fjørt attraktiv geworden für eine gewisse Publikumsgruppe, die eben nicht in der, ja wie soll man es auch sonst sagen, „Szene“ unterwegs ist. Eine Gruppe, die sich irgendeine Band einfach bei einem netten Drink anschauen möchte oder die den Abend bespielen soll. Diese Publikumsgruppe glänzt dann auch durch das Schweigen, durch komplette Unwissenheit über die Band und ihre Texte.

Dabei geht es bei Fjørt genau darum zuzuhören, sich bewegen zu lassen und jeglichen Frust und Ärger von der Seele zu brüllen. Und dieses Publikum ist noch immer da, doch es scheint irgendwie abgenommen zu haben. Hier treffen also zwei Publikumsgruppen aufeinander, was den ganzen Abend irgendwie unnötig schwer und bitter hinterlässt. Fjørt wissen es jedenfalls ihre Musik dennoch zum Besten zu geben, verschiedene Themen anzusprechen und dabei auch einen guten Mix aus allen Platten herauszuholen.

Am Ende bleibt Erschöpfung – sowohl körperliche als auch seelische, da man sich mit so vielen Emotionen überschüttet fühlt. Fjørt wissen, welche Wörter nachdenklich machen, welche Fragen sie stellen müssen, um relevant zu sein, ohne zu scheinheilig oder zu verstellt zu wirken. Und nach dem Konzert läuft die Platte dann doch rauf und runter, auch wenn sie in keiner Weise wiedergibt, was man hier live erlebt.

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