hacktivist-outside-the-box-winter-tour-2016

Hacktivist am 27.11.2016 im MTC, Köln

“Raus aus der Kiste und rein in den Club“

Eventname: Outside The Box Winter Tour 2016

Headliner: Hacktivist (UK)

Vorbands: Bad Sign (UK), Heck (UK)

Ort: MTC, Köln

Datum: 27.11.2016

Kosten: 16,00 Euro

Genres: Rap-Metal, Djent, Crossover, Metal, NuMetal, Alternative Metal

Veranstalter: Prime Entertainment

Link: https://www.facebook.com/events/756536044486696/

Setlists:


01. Confession
02. Father
03. Intermission
04. Closure
05. Recidivist


01. A Great Idea Bastardised
02. Good As Dead
03. Mope
04. The Breakers
05. Whorepaedo
06. The Great Hardcore Swindle


01. No Way Back
02. Hate
03. False Idols
04. Hacktivist
05. Taken
06. Niggas In Paris
07. Buszy
08. Over-Throne (unveröffentlicher neuer Song)
09. Deceive & Defy
10. Elevate
11. Outside The Box

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Sonntagskonzerte sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren. Wenn sich andere schon mit mindestens zwölf Posts bei Facebook über den aktuellen Tatort beschwert haben, beginnt erst das heutige Konzert der britischen Rap-Metalheads Hacktivist im Kölner MTC. Also zu fortschreitender Stunde runter von der Couch, ab ins Auto und pünktlich zum Einlass um 20:00 Uhr auf der Zülpicher Straße sein. Die Schlange am Einlass ist doch deutlich kürzer, als ich erwartet hatte. Eine Minute, zwei Minuten…und schon geht’s runter ins Funkloch des MTC-Kellers und es heißt, eine knappe Stunde ohne mobiles Internet totschlagen, bis es um 21:00 Uhr losgeht. Unvorstellbar dieser Tage. DAS ist der Plott für einen Tatort.

Die Bands sitzen kollektiv um ihre Merch-Tische herum, schnacken über dies‘ und jenes und scheinen aktuell noch die Mehrheit der Gäste auszumachen. Liebe Leute, heute spielen HACKTIVIST! Da hat man zu erscheinen. Ohne wenn und aber. Vorab bin ich über Basick Records, einem kleinen feinen Label aus England auf Bad Sign aufmerksam geworden, die heute neben Heck Hacktivist supporten, und ich bin sehr gespannt, wie ihr roher Alternative-/Atmospheric-Metal denn live klingen mag. Nachdem ich einen bunten Strauß an Überbrückungsmusik, angefangen bei Chuck Ragan bis hin zu Make Do And Mend, genießen durfte, bauen sich langsam drei Musiker auf der Bühne auf.

Den Anfang machen dann auch besagte Bad Sign (die mit dem Namen gar nicht mal so leicht im Netz zu finden sind und bei Streamingdiensten unglücklicherweise in Rivalität mit einem gleichnamigen Act stehen). Die drei Mannen aus London gehen dann auch gleich in die Vollen, auch animiert durch den Videographen, der noch den ganzen Abend über schwitzend und angestrengt konzentriert durch den Raum rennen wird. Eine EP namens Destroy hat man im Gepäck, und auch die neue Single Closure, die am 21. Oktober erschienen ist, geben Joe am Bass und Mikro, Jonathan an der Gitarre – der gerne mitten im Publikum anstatt auf der Bühne spielt – und Kevin am Schlagzeug zum Besten. Joes charismatische Stimme kann live das halten, was sie auf den Aufnahmen verspricht – eine solide Mischung aus trockenen Shouts und rohen Melodien über etliche Tonlagen hinweg, die teilweise mit emotionalem Zittern oder brechender Stimme phrasiert werden. Und grooven können sie. Das Gesamtpaket gefällt mir extrem gut und erinnert teilweise an die mächtigen Earthtone9 mit einem Funken Port Noir. Dafür erntet die Band nicht nur Achtungsapplaus und verkündet, dass diese erste Show außerhalb Großbritanniens die „best first German show ever“ sei. Das an Titeln knappe Set streckt die Band durch kleinere Pausen, nach denen Songs überraschend weitergeführt werden und so an Länge gewinnen. Neben einem einsamen Violent Dancer zum letzten Song hin ist das MTC bedauerlicherweise nur halb gefüllt, was die Band definitiv nicht verdient hat. Alle Anwesenden – zumindest in den vorderen Reihen – scheinen jedoch zufrieden, und auch die Band wirkt so, als habe man mit Schlimmerem gerechnet und kann diesen Auftritt als Erfolg verbuchen. Man darf gespannt sein auf neues Material und weitere Auftritte des sympathischen Trios.

Bad Sign @ MTC, Köln
Bad Sign @ MTC, Köln

Der Ab- bzw. Umbau geht dann auch recht fix und als nächstes dürfen Heck ran. Und wer sie bis dato nicht kannte, mich eingeschlossen, der sollte sein blaues Wunder erleben. Wer gerade noch so nett und zurückhaltend auf der Bühne Kabel eingestöpselt und Amps eingeschaltet hat, verwandelt sich schon im nächsten Moment zu Wahnsinnigen – im positiven Sinne. Ich fragte mich während des Change-Overs, was ein Sänger mit einem mehrere Meter langen Mikrokabel anfangen will und wieso jenes sogar noch verlängert wurde. Spätestens nach dem vierten Takt erfahre ich wieso, denn die vier Jungs aus Nottingham, die ihren Mathcore-beeinflussten Sound in Anführungszeichen mit „general extrem noise“ (vermutlich aus einem Pressebericht stammend) beschreiben, definieren „Hyperaktivität“ neu. Mikroständer werden in den Publikumsraum geworfen und hastig wieder aufgestellt, Barhocker oder Stehtische dienen Gitarrist Jonny Hall als Bühne am anderen Ende des Raumes, das Publikum wird zu menschlichen Mikroständern umfunktioniert. Man muss aufpassen, dass man ihnen nicht im Weg steht und umgerannt wird. Das Stimmgerät ist heute zweitrangig. Hier geht es um Entertainment. Irgendwas spielt die Band, aber es ist schwer zu (be)greifen. Man mische The Hirsch Effekt und Refused nach einem Adrenalinschock und erhält den Ansatz einer Vorstellung, was hier gerade musikalisch und auch showtechnisch passiert.

Einen Show-Roadie hat die Band auch mitgebracht, der neben vereinzelten Photos dauernd dabei hilft, das Equipment wie Mikrokabel und -ständer immer wieder provisorisch zu sortieren oder die Baustellenlampen am Drumset neu auszurichten. Als sich Sänger und Gitarrist Matt Reynolds auf die Gitarrenboxen stellt und einen guten Meter unter der Decke vornüber gebeugt während des Gitarrenspiels mosht, sehe ich schon die Sanitäter mit der Bahre die Treppe runterkommen. Die Band muss eine echt gute Krankenversicherung haben oder extrem gutmütige Schutzengel, gemessen an ihrer waghalsigen Show. Bassist Paul Shelley, der neben Drummer Tom Marsh überraschend auf der Bühne bleibt, marschiert wütend über die Bretter und drückt seinen Bass heftig gegen die Bühnendecke. Auch eine Wall Of Death lässt sich unter den Gästen, die recht luftig im Raum stehen und vermutlich irgendwo zwischen Verwirrung, Begeisterung und Ratlosigkeit pendeln, initiieren. Nach diversen Versuchen schafft es dann auch ein Gast, unterstützt durch die Bitte von Reynolds, nach dem Stagediven nicht auf dem Boden aufzuschlagen, sondern sich wenigstens eine Weile auf den Händen anderer tragen zu lassen. Das Set muss aufgrund der ausufernden Show gar um einen Song gekürzt werden, während man am Boden liegend oder kniend dem Abschluss des Auftritts entgegenscheppert. Zum guten Abschluss pfeffert Reynolds seine Gitarre auf’s Drumkit, während Hall alle Saiten von seiner reißt und sie daran wie eine erlegte Beute Richtung Publikum hält. Reynolds schnappt sich noch die Monitorbox, die er einige Zeit vorher umgedreht hat, um sie als Egoriser zu nutzen und trägt sie auf dem Rücken über die Bühne. Meine spontane Vermutung, dass er sie in den Publikumsraum schmeißen will, ist nicht unrealistisch, bestätigt sich aber zum Glück nicht. Puh. In den Gründungstagen nannten sich Heck einst Baby Godzilla. Das, was hier heute passiert ist, war dann aber ein ausgewachsenes Monster und jenseits von niedlich.

Heck @ MTC, Köln
Heck @ MTC, Köln

Nun wird die Bühne freigeräumt für den Hauptact. Während des kurzen Soundchecks hört man Rapper J und Ben nur aus dem Off, ohne, dass sie sich vorab auf der Bühne zeigen wollen. Bassist Josh handhabt es da lockerer und marschiert während der Umbauarbeiten in Schwimmshort durch’s MTC. Die Shows der Support-Bands zu toppen, wird extrem schwierig, aber alleine, dass der Laden mittlerweile und endlich zu gut 2/3 gefüllt ist, zeigt, dass die Mehrheit der Anwesenden scheinbar vorrangig für die Jungs aus Milton Keynes das Sofa an diesem kalten aber trockenen Wintertag verlassen hat.

Nach einem bassmassiven Grime-lastigen Intro betritt die Band vorausschauend in kurzen Hosen, angeführt von Drummer Richard und gefolgt von Gitarrist und Clean-Sänger Timfy – der ganz Brite eine Tasse (Tee?) in der Hand hält – die Bühne. Los geht’s direkt mit dem smoothen No Way Back, um die Nackenmuskeln der Fans langsam auf die Strapazen der kommenden ca. 50-60 Minuten vorzubereiten. Rapper Ben und J marschieren die Bühne ab, und ersterer tritt Hardcore-like Löcher in die Luft. Mit Hate greift man den Beat des Intros wieder auf und untermauert die Vorliebe der Band, Ambient-lastige HipHop-Beats mit rhythmisch anspruchsvollen und tiefen Djent-Parts zu mischen. Das Publikum inhaliert jeden Ton und das MTC kocht. Trotz der Komplexität der Riffs haben Timfy – mal mit seiner weißen 8-Saiter Ibanez RG2228M oder einer blauen Gitarre, deren Headstock nach Skervesen aussieht – und Josh an seinem 6-Saiter Ibanez-Bass kein Problem damit, die Fläche der Bühne auszunutzen.

Hacktivist @ MTC, Köln
Hacktivist @ MTC, Köln

Auf den Club-Hit Taken der aktuellen Platte Outside The Box, dessen cleane Gesangsparts sonst von Rou Reynolds von Enter Shikari stammen und die jetzt von Timfy übernommen werden, folgt mit dem Jay Z-Cover Niggas In Paris der erste richtige Hit, auf den die Band glücklicherweise nicht mehr reduziert wird. Das MTC feiert alles, was die Jungs heute anbieten, und man groovt sich aus dem Sonntagsblues in Feierlaune. Einen neuen Song namens Over-Throne, der dann vermutlich auf dem kommenden Album/der kommenden EP enthalten sein wird, streut man außerhalb der Setlist zusätzlich ein.

Auch Deceive And Defy spielt die Band, bei dem auf der Platte gastweise Jamie Graham, Ex-Bandkollege von Timfy aus Heart Of A Coward-Zeiten (und Ex-Sylosis) die Growls mit übernimmt. Eine Wall Of Death lässt sich auch beim Hauptact erblicken, was in dem schmalen, maximal 300 Personen fassenden MTC gemütlich anmutet. Crowdsurfer sind selten aber vorhanden und aufgrund der Dichte der Personen auch sicher über den Köpfen der Anwesenden unterwegs.

Hacktivist @ MTC, Köln
Hacktivist @ MTC, Köln

Gemeinsam mit dem Publikum werden noch die Mittelfinger Richtung britischer Regierung und gen USA gereckt und die politische Motivation der Band und ihrer Texte verdeutlicht. Ben entert den Publikumsbereich, während J das Mikro einem Fan entgegenhält, der textsicher seinen Teil zur Show beiträgt. Zwei Songs als Zugabe spielen Hacktivist noch, bis die Energiereserven bei allen dann auch langsam dem Ende entgegenzugehen scheinen. Handshakes der Band für alle, die es bis in die erste oder zweite Reihe schaffen, sind selbstverständlich und werden ausgiebig verteilt. Auch der für MTC-Verhältnisse überraschend gute Sound hat seinen Teil zu diesem gelungenen Abend beigetragen. Also, Ende gut, alles gut.

Mittlerweile ist es 23:30 Uhr und die Tatort-Meckerer haben ihren Verdruss und ihre Laienexpertise in kriminalwissenschaftlichen Angelegenheiten mit ins Land der Träume genommen, während ein Haufen komplett durchgeschwitzter Menschen zufrieden aus dem MTC auf die ungewöhnlich ruhige – achja, es ist ja Sonntag – Zülpicher Straße stolpert. Hacktivist, gerne wieder.

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