Time For Metal Zeitreise – Slayer – Reign In Blood (1986)

Klassiker von damals neu gehört - mit René W. und Andreas B.

In dieser Kolumne plaudern Redakteur Andreas B. und Chefredakteur René W. zweimal im Monat über einen Klassiker der Metal- und Hardrock-Geschichte. Der Fokus liegt dabei nicht auf Bands aus der zweiten Reihe oder auf vergessenen Underground-Perlen.

Die Time For Metal Zeitreise ist die Bühne für die einflussreichen und großen Bands unserer Szene. Hier wird über deren Alben gefachsimpelt, sich erinnert, diskutiert und manchmal auch gestritten. Von Fans für Fans.

Lehnt euch gemütlich zurück und erinnert euch mit uns an die alten Zeiten und die großen Momente, die uns alle so sehr geprägt haben.

Heute: Slayer Reign In Blood aus dem Jahr 1986.

René W.:
Viel Heavy Metal ist bislang bei uns in der Zeitreise durchgegangen und in der drittletzten Folge haben wir den ersten Thrash Metal Veteran mit Sodom bzw. deren Scheibe Agent Orange besprochen. Für mich noch prägnanter: Reign In Blood und die unerreichbaren Slayer. Um direkt Nägel mit Köpfen zu machen: Für mich ist diese Band die absolute Spitze des Genres und nichts geht drüber. Bevor wir über diesen teuflischen Silberling schwärmen wollen, gibt es wie gewohnt persönliche Einblicke. Ich war 18 und habe durch meine Kumpels in Ostwestfalen neue Freunde für Leben gefunden. Ihre Lieblingsband natürlich Slayer – wer sonst? Heute noch eint uns der DSC in Bielefeld, harter wie extremer Metal und eine Freundschaft, die in ihrer Intension diesen Titel mehr als verdient. Im verrauchten Keller nach einem Ein-Tages-Festival in Osnabrück von Burning Stage angekommen (es muss wohl 2006 gewesen sein), liefen die Amis rauf und runter. Meine Frage an Marco war: „Warum findest du Slayer eigentlich so gut?“ Seine Antwort war recht simpel: „Junge (er ist über ein Jahrzehnt älter als ich) sie sind einfach die beste Band der Welt, du wirst es irgendwann verstehen.“ So weit, so gut, an diesem Tag habe ich noch nicht ganz verstanden, was er mir damit sagen wollte, aber 15 Jahre später bin ich dieser Erfahrung reicher! Die nächste Frage lautete „wie oft hast die Jungs denn gesehen?“ Die Antwort abermals kurz und knapp „die letzte Tour sieben Mal oder meinst du überhaupt?“ Ihr merkt schon, es war die Zeit gekommen wehmütig in mein Bier zu gucken und dieses mehrfach zügig zu leeren, um in Sachen Thrash Metal und Slayer einen Crash Kurs zu erhalten und dabei nicht nüchterner zu werden. Nur am Rande – alleine was wir in den danach folgenden anderthalb Jahrzehnten erlebt haben, reicht für ein ganzes Buch und würde nicht nur diese Kolumne sprengen.

Wacken 2014 – Slayer – Bild by Toni B. Gunner

Bevor ich das Wort an Andi überreiche, was mir heute wirklich schwerfällt, gibt es noch ein paar kleine persönliche Einblicke von mir, die auch bis zum Ende weiter gestreut werden. Live gesehen habe ich die tödliche Macht aus Kalifornien erstmals in Aurich. In wo? Ja genau in Aurich, im Herzen meiner Heimat Ostfriesland auf dem Wacken Rock Seaside, welches heute auch keine Sau mehr kennt. Saugünstig haben wir drei Tickets für das Festival erworben und saßen erst mal Samstag Mittag gemütlich in unserer Stammkneipe in Esens. Das Wetter war noch mäßig und es lief Fußball. Nach der Session in der Kneipe mit den ersten Bieren fuhren wir die gut 30 Minuten nach Aurich. Warum wir die anderen Tage ausgelassen haben, weiß der Teufel. Wahrscheinlich, weil Slayer nun mal erst am Samstagabend spielten. Pünktlich zu Alestorm eingetroffen, die mit Drumcomputer spielen mussten, weil ihr Drummer abhandengekommen war, stieg der Pegel weiter. Im Anschluss folgten Debauchery. Die Stimmung ist blendend – Death Metal geht in Ostfriesland immer, dazu folgt vielleicht in den nächsten Monaten mehr. Bei Der W wurde der Pegel erhöht und aufs Neue das Infield erobert. Fuck, was ist jetzt kaputt. Der Blick auf der Bühne irrt über eine Mauer von Boxen, Verstärkern und alles andere, was unseren Metal Sound böse und laut macht. Im Hintergrund prangte der schlichte rote Schriftzug – noch vorm ersten Takt war es um mich geschehen. Slayer auf Konserve sind Killer, aber live sind sie Götter (so sind meine Live-Erfragungen, auch wenn Marco behauptet, die Combo könnte live auch mal schlechter sein). Andi, wie war dein erstes Mal mit der Band?

Andreas B.:
Moin René.
Tja, mein erstes Mal Slayer hatte ich irgendwann einmal in einer Kolumne zur Seasons In The Abyss beschrieben.
Der geneigte Zeitreise-Leser weiß ja mittlerweile, dass ich in Sachen Thrash eher so der Kreator/Sodom-Typ bin. Ruhrpott forever eben 🙂

Die erste Slayer-Tour, die ich professionell verpasst habe – wofür ich mir immer noch in den Arsch beißen könnte – war die 1994er-Wintertour zusammen mit den jungen Machine Head, die gerade mit ihrem Burn My Eyes-Output den Thrash in die Moderne gebracht hatten.

Live kam ich erst Jahre später durch einen Headliner-Auftritt der Kalifornier auf dem With Full Force-Festival (damals hieß das noch so) in Roi.. Rotz. .Roitzschro…Roitzkhsreu.. ja leck mich doch am Bobbes, ich konnte mir den Namen nie merken.. na auf jeden Fall sah ich Slayer zum ersten und einzigen Mal im Jahr 2000 live auf einer Bühne. Das war übrigens das Jahr, in dem auch Iron Maiden, Machine Head, Sodom, The Exploited, Dropkick Murphys und und und auf den Brettern dort zu sehen waren. Also schon ein krasses Line-Up. Wie auch immer, aufgrund des damals permanent hohen Alkoholpegels und den einundzwanzig Jahren Abstand, erinnere ich mich nicht mehr wirklich an Einzelheiten. Aber war bestimmt gut, hehe.

Während ich diese Zeilen hier tippe und mein Hirn krampfhaft versucht, sich zurückzuerinnern, habe ich das Hauptthema unserer aktuellen Zeitreise auf den Ohren: Die Reign In Blood.
Was mir nach sieben Songs auffällt: „Links rein, rechts raus“. Auch wenn mich jetzt wieder alle kacke finden, haha, aber die Scheibe kann mich auch nach dem x-ten Mal im Player nicht wirklich begeistern. Klar, Angel Of Death und Raining Blood sind unsterbliche Hits.. aber dazwischen suche ich jedes Mal nach weiteren Höhepunkten oder Leuchttürmen. Auch dieses Mal finde ich keine. Bin eben eher der Seasons..-Typ.

René, du bist ja eher so der Verfechter dieser Scheibe.. leg los, überzeug mich 😉

René W.:
Ich wollte gerade anfangen: Das ist eine Schande, aber genau deshalb machen wir die Zeitreise, wo wir uns eben nicht immer einig sind und auch nicht sein müssen. Beim Song Angel Of Death kommen mir immer wieder die Gedanken an die Show auf der Loreley. Die erste Performance der Amerikaner nach dem Tod von Jeff Hanneman bei dem zum Ende ein riesen Banner ausgerollt wurde Angel Of Death – Jeff Hanneman – Still Reigning. Tom, Kerry und Gefolge zockten den Auftritt quasi ohne Ansage und hatten spürbar Probleme, mit dem Verlust und der Situation, ohne ihren Bruder die Bretter zum Beben zu bringen. Nicht nur die Darbietung von Angel Of Death bleibt auf Lebzeiten im Gedächtnis hängen. Der Titeltrack hat Charakter, ist mächtig und Slayer haben damit in Regionen gestochen, die vorher noch nicht da gewesen waren. Die Lyrics von Angel Of Death bringen die menschlichen Abgründe der NS Zeit unverblümt zurück vor unsere Augen.

Auschwitz, the meaning of pain
The way that I want you to die
Slow death, immense decay
Showers that cleanse you of your life

Für mich einer der wichtigsten Thrash Metal Songs überhaupt, mit dem Tom und Kerry ein Tor zur Hölle aufgestoßen haben. Piece By Piece setzt den rohen Sound weiter fort, dafür wurde die Formation in den Achtzigern geliebt. Walzendes Drumming von Dave Lombardo, dazu bissige Gitarren von Kerry King und Jeff Hanneman gepaart mit dem Druck von Tom Araya und seinen diabolischen Gesangfarben machen das Manifest perfekt. Wo ich dir recht geben muss Andi, ist die Tatsache, dass nach den ersten beiden Nummern bis hin zu Postmortem und Raining Blood wenig Hitdichte herrscht. Necrophobic und Jesus Saves gehören nicht zu meinen Lieblingssong, frech und dröhnend macht Altar Of Sacrifice dazwischen immer wieder Spaß. Criminally Insane muss man mögen, wie am Anfang Dave mit den Becken spielt, ist einmalig und pusht den Song in klirrende Gitarrensoli. Der Refrain sitzt und laut aufgedreht kann man dabei sehr viel Bier vertilgen. Dadurch, dass die Nummern alle recht kurz gehalten wurden, verfliegt die Zeit nach dem legendären Start bis zum nicht weniger prägnanten Schlussteil wie im Fluge. Reborn schiebt ungeniert an. Headbanger kommen voll auf ihre Kosten. Reborn lief und läuft immer noch öfter bei uns. Ich finde die folgende Passage sehr fett.

Incantation spell gone by, I’ll see life again
My deals will made eternally, I signed the book of red
My rage will be unleashed again, burning the next morn
Death means nothing, there’s no end, I will be reborn

Ein Einblick von mir auf die ersten sieben Stücke von Reign In Blood und mit Spannung warte ich drauf, wie dir der Schlussakt gefällt. Abschließend: Angel Of Death sollte man verinnerlichen, hier wird nicht über ein fiktives Gemetzel gesungen, sondern über die größte menschliche Schande. In Shows wurden während der Komposition auf Leinwänden Bilder aus Auschwitz laufen gelassen. Mehr Brutalität und Tod geht nicht.

Andreas B.:
Angel Of Death gefällt mir mittlerweile sogar besser als Raining Blood. Der Text des Openers war ja früher öfter mal Stein des Anstoßes. Auch die provokanten Interviews in diesen Jahren, die dann teilweise auch zu einer Art „Boykott“ der Band bei diversen Magazinen führten, sorgten für das böse Image der Thrasher. Verkauft sich aber auch immer gut.

Piece By Piece knallt natürlich, da hast du Recht, relativ humorlos und kurz – gerade einmal zwei Minuten – aus der Membran, nur um von Necrophobic mit seinen 01:40 Minuten noch unterboten zu werden. Generell sind die Songs auf dem Album echt kurz. Zwölf Lieder in weniger als fünfunddreißig Minuten atmen sehr den Punkspirit, der Slayer auch immer irgendwie umgeben hat.

Im selben Jahr erschien auch die Master Of Puppets von Metallica. Und Somewhere In Time von Iron Maiden. Kreator schmissen das räudige Pleasure To Kill auf den Markt, Bon Jovi ihr Slippery When Wet (Jawoll!), Motörhead kamen mit Orgasmatron zum Höhepunkt und Van Halen erschufen den Megaseller 5150.
Viele Meilensteine des Rocks und Metals, die für die kommenden Jahre absolut richtungsweisend und inspirierend waren. Sicher darf Slayers Reign in Blood da nicht fehlen.
Was das Album aber, zumindest für mich, von all den anderen hier erwähnten unterscheidet: Ich finde fast alle Songs zu austauschbar und, nun, langweilig. Völlig unabhängig vom Genre.
Kreator waren damals zumindest härte- und tempotechnisch überlegen und um einiges kompromissloser als die Kalifornier. Keine Ahnung, wieso die Reign In Blood einen höheren Status als eben zum Beispiel die Pleasure To Kill hat.

Das von dir erwähnte Criminally Insane drückt zu Beginn wirklich ganz nett, verliert aber für mich durch das Standard-Ufta-Ufta wieder den Reiz. Ich glaube ja, dass hier auch der Hase im Pfeffer – oder sonst irgendein Tier im Gewürz – begraben liegt: Die Reign In Blood ist mir auf der einen Seite nicht schnell genug, um ein Ausrufezeichen zu setzen. Sprich: Zu wenig Geknüppel. Auf der anderen Seite fehlt dem Album der langsamere Groove, der die Seasons In The Abyss so gnadenlos gut macht.
Und auch das Songwriting kann in Sachen Kreativität oder Exzellenz nicht annähernd mit den Alben von Metallica oder Maiden aus dem gleichen Jahr mithalten.
Wie man es im Thrash richtig macht, zeigten kurze Zeit später Genrekollegen wie Sepultura mit der Arise, Sodom mit der Agent Orange oder eben Slayer selbst mit den beiden Nachfolgealben.

Criminally Insane, Reborn, Epidemic…der Hattrick läuft halt in einem durch und verpufft genauso so schnell, wie er auch gekommen ist.
Klar, man muss das immer im Kontext des Jahres 1986 sehen. Böse Texte, harte Musik, fiese Symbolik. Und dann gibt es ja auch noch Raining Blood. Neben Angel Of Death der zweite Überhit des Albums. Muss man nicht mehr viel zu sagen. Außer, dass ich die Coverversion von Body Count wirklich noch besser als das Original finde:

Wie stehst du dazu?

René W.:
Ich höre das Cover von Body Count tatsächlich jetzt das erste Mal. Musikalisch sehr druckvoll und stärker, als ich vermutet hätte, aber sry, gesanglich machen die Tom wirklich nichts vor. Bevor wir Postmortem untergehen lassen und direkt zu Raining Blood springen, auch ein paar Worte zum neunten Titel des Langeisens. Dir wahrscheinlich wieder zu griffig bzw. monoton – mir machen die Riffs aber richtig Spaß und der hohe Aufschrei von Herrn Araya darf da ebenfalls nicht fehlen. Old School As Fuck und genau da liegt der Schlüssel auch bei den anderen Nummern. Deine Argumente kann ich verstehen und die beiden Nachfolger dieser Scheibe stehen bei mir ebenfalls sehr hoch im Kurs, aber diese Titel haben ganz neue Gräber ausgehoben, um die Leichen zu versenken.

Immer wieder haben wir schon drüber am Rande gesprochen, jetzt wollen wir den Titeltrack auseinandernehmen. Alleine das Intro des Songs braucht keine Worte. Jeder weiß es, jeder spürt es, dass in den folgenden vier Minuten klebriges Blut vom Himmel tropft. Die Kettensäge angeworfen schneiden die Gitarren große Fetzen Fleisch aus noch so festem Gewebe. Dave am Schlagzeug setzt immer wieder einzigartige Merkmale, während Tom das Blut erst richtig flüssig macht. Wie du schon am Anfang sagtest: Ein Thrash Metal Leben ohne Angel Of Death und Raining Blood wären für mich undenkbar. Pleasure To Kill von Kreator steht auch ganz hoch im Kurs, wo du sie schon ansprichst und sollte von uns auch in einer kleinen Zeitreise mal angesprochen werden. Aggressive Perfector bringt als Abschluss von Raining Blood und der heutigen Kolumne noch mal die ebenfalls angesprochene Punk-Attitüde zum Vorschein. Wenn das Wort austauschbar fallen darf, dann am ehesten bei dieser Nummer, oder was sagst du in deinem Schlussplädoyer?

Andreas B.:
Aggressive Perfector find ich richtig gut. Schöner Hardcorepunk, der wild und schön unbequem ist.
Könnte stilistisch auch auf dem Punk-Coveralbum Undisputed Attitude seinen Platz finden.
Das mag ich übrigens auch ganz gerne. War damals, zumindest für mich, irgendwie erfrischend. Auch wenn ich mich an viele Mittelfinger auf dem 1996er Dynamo Festival in Eindhoven erinnere, als die Band ein paar Songs der Scheibe zum Besten gab. Bin ja sonst auch nicht der größte Punkfan – außer bei den Ramones und Social Distortion, die sind/waren beide überlebensgroß -, hier allerdings muss ich noch mal eine Lanze für Undisputed Attitude brechen.

Hm, mein Schlussplädoyer.
Mir fällt gerade auf, dass das hier bisher die kürzeste Zeitreise-Kolumne ist.
Von meiner Seite her hat das vor allem damit zu tun, dass mich das Album emotional ziemlich kalt lässt und mich auch musikalisch nicht so richtig packt. Klar, zwei Megasongs sind drauf; trotzdem lief die Scheibe bei mir bis zu dieser Zeitreise wirklich ewig nicht mehr im Player.
Raining Blood und Angel Of Death sind phänomenale Songs, keine Frage. Danach würde ich aber direkt die Seasons In The Abyss einlegen. Der Opener War Ensemble fegt in den ersten Sekunden schon fast die komplette Reign In Blood vom Parkett, während Groovemonster wie Dead Skin Mask und Skeletons Of Society endgültig zeigen, welches Slayer-Album mit Abstand das beste ist 😉

Euch gefällt unsere Time For Metal Zeitreise? Dann schaut euch auch gerne die anderen Folgen an.

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