Time For Metal Zeitreise – Iron Maiden – Killers (1981)

Klassiker von damals neu gehört - mit René W. und Andreas B.

In dieser Kolumne plaudern Redakteur Andreas B. und Chefredakteur René W. zweimal im Monat über einen Klassiker der Metal- und Hardrock-Geschichte. Der Fokus liegt dabei nicht auf Bands aus der zweiten Reihe oder auf vergessenen Underground-Perlen.

Die Time For Metal Zeitreise ist die Bühne für die einflussreichen und großen Bands unserer Szene. Hier wird über deren Alben gefachsimpelt, sich erinnert, diskutiert und manchmal auch gestritten. Von Fans, für Fans.

Lehnt euch gemütlich zurück und erinnert euch mit uns an die alten Zeiten und die großen Momente, die uns alle so sehr geprägt haben.

Heute: Iron MaidenKillers aus dem Jahr 1981.

Andreas B.:
Ich stehe gerade zu Hause in unserer Küche und zähle die letzten Stunden bis zum Jahresende runter, als sich mein Smartphone mit einem kurzen “Ding Ding” unaufgefordert in den Mittelpunkt stellt.
Wenn “René” im Display steht, heißt das in der Regel nur Gutes, und so auch dieses Mal:

“Du, Killers wird nächstes Jahr 40. Lust auf eine Zeitreise?”

Killers… da war doch was… Killers? Grübel, grübel und studier’..
Klar. Killers!! Da gibt es ja dieses eine Album, das ich echt lange nicht mehr gehört habe.

Spontan gehe ich meine eigene “Best of Iron Maiden”-Playlist auf Spotify durch, die ich jeden, wirklich jeden Tag laufen habe. Unter der Dusche, beim Aufräumen, im Auto, auf dem Weg zum Supermarkt… einfach immer. Wenn selbst meine Freundin das komplette Solo von The Evil That Men Do fehlerfrei mitpfeifen kann, soll das schon was heißen…

Screenshot von Spotify

Die Anzahl an Liedern, die dort von besagtem Album aus dem Jahr 1981 stammen, beträgt, auf den Song genau, null. N.U.L.L.

Noch mal etwas genauer: 110 Songs der besten Metalband (inkl. meiner Favoriten von Bruce Dickinsons Soloalben) der Welt haben es in meine Playlist geschafft, insgesamt elfeinhalb Stunden Musik. Und nicht ein Stück stammt von Killers.

Puh, also was nun?
Bekanntlich wächst man ja an seinen Herausforderungen. Einen Artikel über meine unangefochtenen Lieblingsalben Seventh Son Of A Seventh Son, Brave New World und Somewhere In Time (in genau dieser Reihenfolge) zu schreiben, wäre einfach und mehr als dankbar.

Nun weiß ich ja, dass René W. ein mindestens genauso großer Maiden-Maniac ist. Wenn jemand mein Dilemma versteht, dann bestimmt mein Fast-Nachbar Herr Wolters.

Es stellt sich in einem kurzen Fangespräch heraus, dass die Killers bei ihm auch nicht gerade auf den vorderen Plätzen zu finden ist.
Aber das soll er euch selbst erzählen. Wir reisen zurück in das Jahr 1981 (ich war damals gerade einmal vier Jahre alt) und damit übergebe ich das Wort erst mal an dich, lieber René:

René W.:
Vielen Dank, Andi. Normalerweise kralle ich mir die Iron Maiden Themen nur zu gerne selber. Als ich unsere aktuelle Liste für 2021 mit wichtigen Alben aus der Vergangenheit mit runden Geburtstagen eingetragen habe, ist mir gleich Killers, das zweite Album meiner Heavy Metal Kings aus UK, ins Auge gefallen. Nur um festzustellen, dass diese Scheibe niemals in meine Top Ten der Gruppe kommen würde. Mit einem gekonnten Schachzug habe ich den Spielball zu meinem ebenfalls versierten Iron Maiden Huldiger Andreas B. gespielt. Mit dem Ergebnis, welches ihr weiter oben bei meinem Kollegen bereits lesen konntet. Da kam uns, als absolute Iron Maiden Sympathisanten die Erleuchtung, gemeinsam über das wichtige Album in den ersten Tagen des Topacts als Dialog zu sprechen. Auch, wenn diese Scheibe bei uns privat nur sehr selten mal eine Chance bekommt.

Also, welche drei Songs würde ich denn favorisieren? Bei mir steht auf der Poleposition ganz klar Wrathchild, den ich mit Bruce Dickinson sehr schätze. Und da kommen wir gleich zum Thema: Killers ist bei mir schlechter gestellt, weil eben Bruce fehlt. Seine Soloalben gehören alle zu meiner Sammlung und ich mag seine Vocals, die einfach unglaublich gut und einmalig das Business beleben. Auf der aktuellen Nights Of The Dead – Legacy Of The Beast, Live In Mexico City setzt er weiter Ausrufezeichen. Trotz Kehlkopferkrankung kommt er, im Gegensatz zu vielen anderen Sängern in seinem Alter, immer noch auf 100 Prozent.

Kommen wir zurück zu den Top drei von Killers: auf Platz 1 mit deutlichem Abstand also Wrathchild; doch wer kann dahinter aus dem Kollektiv stechen? Meine Entscheidung fällt auf den markanten Titeltrack Killers, auf dem Paul Di’Anno am stärksten agiert und den rockigen Purgatory. Wie sieht es bei dir aus, Andi?

Andreas B.:
Ja, René, ein wirklich gekonnter Schachzug. Nun stecken wir beide im Schlamassel. Ganz großes Kino 😉
Aber es hilft ja nix… Da müssen wir jetzt durch.

Bezüglich der Sängerthematik bin ich absolut bei dir. Paul Di’Anno ist sicherlich ein guter und charismatischer Sänger. Ich erinnere mich noch an die Tour mit Metal Church und Vicious Rumors Anfang der Neunziger, als er dort den Opening-Slot ausfüllte. Klar, das war geil.
Trotzdem funktionieren Iron Maiden bei mir definitiv nur mit Bruce am Mikro.

Das von dir hervorgehobene Wrathchild ist auch meine Nummer eins auf Killers. Auf der unglaublich starken Rock In Rio von 2002 hört man dann auch gut, dass der Song live und mit Bruce am Gesang in jeder Setlist funktioniert. Übrigens bin ich ja nach wie vor der Überzeugung, dass Manowar den Grundrhythmus von Wrathchild für ihr Metal Daze von 1982 gemopst haben. Oder zumindest davon, wie sagt man, “inspiriert” wurden 😉

Übrigens mag ich das Intro auf Killers, The Ide Of March, auch echt gerne. Irgendwie stand das auch etwas Pate für das jeweilige Intro auf Helloweens ersten beiden Keeper Of The Seven Keys-Alben, Initiation (1987) und Invitation (1988).

Purgatoy, den vorletzten Song auf Killers, würde ich ebenfalls hervorheben. Schönes, schnelles Tempo und ein saustarker Refrain (startend bei “oh, another time..” bis hin zum “so far away”). Und wieder zeigt sich, wie stark die Engländer die Gitarrenarbeit bei den eben schon erwähnten Helloween aus Hamburg beeinflusst haben.

Murders In The Rue Morgue… Fängt schön ruhig an und geht dann mit dieser leicht punkigen, Rock ’n‘ Roll-lastigen Strophe echt gut nach vorne los. Wieso dann dieser einfallslose Refrain alles kaputtmachen muss, erschließt sich mir bis heute nicht.

Können wir nicht einfach den gottgleichen Refrain von W.A.S.P.s Murders In The New Morgue (Chainsaw Charlie) stattdessen nehmen?

Another Life wird dann in der zweiten Hälfte – auch wenn Steve Harris das wahrscheinlich bestreiten würde – für einen kurzen Moment zum lupenreinen Punksong, löst in mir aber sonst absolut keine Emotion aus. Links rein, rechts raus.

Wie ist das bei dir, René?

René W.: 
Neben den drei genannten Songs habe ich mit dem Album wirklich meine Problemchen. Klar, das Intro ist saustark. Wir müssen immer noch dran denken, dass wir gerade das 80er Jahrzehnt begonnen haben. Mit dem Maßstab von heute alte Werke zu sezieren, ist sowieso nicht wirklich mein Ding 😉

Die angesprochenen Einflüsse auf Helloween kommen immer wieder in einzelnen Momenten heraus und ich bin ebenfalls ein großer Freund der Hamburger. Spannend finde ich die emotionalen Einschläge, die man z.B. bei Murders In The Rue Morgue findet. Diese ersten Schritte prägen später absolute Metal-Welthits der Band. Another Life ist für mich zu punkig und einfach. Der Song gibt mir ehrlich gesagt sehr wenig, offenbart aber den Wandel, den die langsam härter werdende Musik vollzogen hat. Da kann man Punk, Rock ’n‘ Roll oder auch Bluesrock-Strukturen nicht wegdiskutieren. Wobei Maiden selber beim Blues nie zugegriffen haben.

Um noch mal zurück auf Paul Di’Anno zu kommen: Ich hatte ihn 2012 das letzte Mal auf dem ROCKHARZ gesehen. Der Auftritt war schon ein stückweit beängstigend. Vorher haben Deathstars gespielt und es fing an zu regnen. Am Fotograben war nichts los und im Infield liefen noch vereinzelte Personen herum. Wir grübelten zu zweit im verhältnismäßig großen Graben, ob der Gig abgesagt wurde und ob Paul überhaupt auftreten würde, als dieser dann doch die Bühne enterte und alles gab. Leider vor fast schon respektlosen 300 Seelen (ohne es böse zu meinen, jeder, der gegangen ist, hat mein Verständnis). Die alten Maiden-Werke (eben auch von Killers) haben überhaupt nicht gezündet. Wann hast du Paul mit alten Maiden Stücken das letzte Mal gesehen und wie sind im Allgemeinen deine Erfahrungen?

Andreas B.:
Oha, das klingt ja übel. Es kann gut sein, dass Paul Di’Anno auf irgendeinem Festival gespielt hat, das ich besucht habe, allerdings habe ich ihn dann immer entweder verpasst oder ignoriert. Es ist bei mir genauso wie bei dir: Die Killers-Stücke lösen in mir nichts aus, und auch das Debüt (ich weiß, jetzt klebst du mir in Gedanken links und rechts eine 😉) kann mich nicht überzeugen. Mir ist das alles noch zu weit vom epischen, großen Maiden-Sound entfernt. Erst mit Bruce entfalten Songs wie Prowler oder Iron Maiden bei mir ihre wahre Magie.
Wie auch immer, der oben schon erwähnte Auftritt mit Metal Church und Vicious Rumors war somit der erste, letzte und einzige, den ich von Paul gesehen habe. Das muss so 1994 gewesen sein. Verdammt, ich bin alt.

René W.:
Das Debütalbum Iron Maiden und Killers kommen auf ein ähnliches Niveau. Die Briten konnten somit ihre gute Leistung bestätigen. Killers war da der Dosenöffner für eine erfolgreiche Karriere und das Sprungbrett für eines der grandiosesten Metalalben überhaupt: The Nummer Of The Biest. Beim Artwork gefällt mir der Eddie auch deutlich besser als beim Debüt, auf dem das Maskottchen noch an Magersucht leidet 😀

Andreas B.:
Haha, genau meine Meinung. Das Coverartwork von Killers ist schon ziemlich geil und ja auch eines der “klassischen” Eddie-Motive.
Das Ding auf dem Debüt habe ich auch nie wirklich ganz verstanden. Es wirkt auch unfreiwillig komisch, aber guck dir mal die ersten Eddie-Masken auf der Bühne aus dieser Zeit an. Das sorgt schon für einige Lacher. Kult!

Fällt dir eigentlich auch auf, dass wir – gefühlt – mehr über andere Maiden-Alben und andere Bands reden, als über das eigentliche Thema dieser Kolumne: Killers?

Das sagt ja schon eine ganze Menge aus.
Letztendlich merkt man, wie schwer es uns fällt, das Album irgendwie “gut” zu finden.

Du hast es vor Kurzem einmal gesagt: Es gibt keine schlechten Alben von Iron Maiden, aber dafür ein paar weniger gute.

Ich sehe das zwar etwas anders (Sorry, Blaze…), aber letztendlich haben auch “weniger gute” Alben wie A Matter Of Life And Death oder No Prayer For The Dying dazu geführt, dass am Ende Götteralben wie Brave New World oder auch der Spätzünder The Book Of Souls entstanden sind. Kein Licht ohne Schatten 😉

In diesem Sinne können wir uns entspannt zurücklehnen und stolz auf uns (und verdammt erleichtert 😉) sein, dass wir hier zu einem versöhnlichen Ende gekommen sind.

Nächstes Jahr können wir an gleicher Stelle übrigens gleich drei Maiden-Jubiläen verzeichnen:

40 Jahre The Number Of The Beast, die Fear Of The Dark wird 30 und Rock In Rio hat dann die 20 auf dem Buckel. Wir haben noch viel vor uns 😉

Cheers, mein Bester, das hat Spaß gemacht. Bis zum nächsten Mal!

Euch gefällt unsere Time For Metal Zeitreise? Dann schaut euch auch gerne die anderen Folgen an.

Time For Metal Zeitreise – Metallica – Metallica (1991)

Time For Metal Zeitreise – Helloween – Keeper Of The Seven Keys Part I (1987)

Time For Metal Zeitreise – Helloween – Keeper Of The Seven Keys Part II (1988)

Time For Metal Zeitreise – Grave Digger – Tunes Of War (1996)

Time For Metal Zeitreise – Sodom – Agent Orange (1989)

Time For Metal Zeitreise – Manowar – Kings Of Metal (1988)

Time For Metal Zeitreise – Blind Guardian – Tales From The Twilight World (1990)

Time For Metal Zeitreise – Slayer – Reign In Blood (1986)

Time For Metal Zeitreise – Dimmu Borgir – Enthrone Darkness Triumphant (1997)

Time For Metal Zeitreise – Warlock – Triumph And Agony (1987)

Podcast
Leise War Gestern... - Der Time For Metal Podcast

Where To Listen: